Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1929)
- Date
- 1929-11-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 46 Der Israelit «VW worden ist, habe ich die Einheit des Lebens gewonnen, sowohl die Einheit in mir selbst, die Einheit des Erlebens und des Erlebten, als auch die Einheit des Volkes, dessen Zelle ich bin, über alle Zeiten der Geschichte hinweg. Je häufiger und tiefer ich Abrahams Schicksal als mein eigenes erlebe, desto mehr werde ich kraft der autosuggestiven Wirkung solchen Erlebens so wie er. Diese autosuggestive Wirkung kann nur eintreteni, weil Abrahams Wesen schon, mir bisher unbewußt, in meinem eigenen Wesen enthalten ist, weil Abraham in mir lebt,' denn was nicht in mir vorhanden ist, kann auch Autosuggestion nicht schaffen. Die Erzväter sind nicht tot. Unser Vater Jakob ist nicht gestorbeni. Er lebt noch heute in jedem einzelnen Juden. Erziehung durch Geschichte bedeutet also das Erleben der Vergangenheit als Gegenwart, ohne die Vergangenheit als Gegenwart zu wollen. Die Geschichtsschreibung und demgemäß die Pädagogik von heute behandeln im Gegensatz d>azu nur diejenigen Ereignisse innerhalb eines Volkes als Einheit, die gleichzeitig geschehen oder geschehen find. Das Nicht-Gleichzeitige wird in Perioden geteilt, also in Vielheiten von Zeiten anatomisch auseinanderseziert. Wir Juden aber erstreben Einheit. Für uns ist das lebendige jüdische Volk ein einheitliches Lebewesen von Abraham bis heute. Für uns ist nicht das Vergangene vergangen; nein, es wird im Erleben Gegenwart. Heute seid Ihr aus Aegypten gezogen, im Monat des Frühlings. Heute steht Ihr versammelt vor Ihm, Eurem Gotte. Das Gestern ist nicht gestern, das Gestern ist ein Heute. Einheit auch über alle Vielheit von Zeitabschnitten hinweg ist der Sinn jüdischer Geschichte, ist der Sinn aller Geschichte überhaupt. Wahre Erziehung und wahre Geschichte sind daher erst möglich, können daher erst verwirklicht werden in einem kollektiven menschlichen Organismus; denn nur ein lebendiger Organismus bleibt identisch von seiner Geburt bis zu seinem Tode. Organisierte menschliche Kollektivgebilde, wie insbesondere Staat oder Kirche, sind in keinem Augenblick mit sich selbst identisch. Es fehlt ihnen das, was die Identität ausmacht, was «den Wechsel überdauert, das Leben. Für Staat und Kirche lassen sich zwar Begebenheitender Vergangenheit aneinanderreihen, aber Geschichte, lebendige Geschichte gibt -es bei ihnen nicht; Geschichte kann bei ihnen keine Wirklichkeit werden. Geschichte von Staat und Kirche, Geschichte ihrer großen Persönlichkeiten-, die in ihnen gewirkt haben, ist tot. Hier können bedeutende. Menschen nur unlebendige Vorbilder sein und werden. Aber bei uns Juden leben die Großen unserer Ver- Kleines Feuilleton. Ausstellung des Vereins Jüdisches Museum E. V. Breslau. Der Verein Jüdisches Museum E. V. zu Breslau, dessen große Ausstellung „Das Judentum in der Geschichte Schlesiens", die im Frühjahr dieses Jahres stattfand, allgemeine Beachtung fand, tritt anläßlich des 75 jährigen Bestehens des Jüdisch-Theologischen Seminars zu Breslau mit einer erneuten Ausstellung an die Oeffentlichkeit. Die Schau, die im Lichthof des Breslauer Kunstgewerbemuseums außerordentlich eindrucksvoll zufammengestellt ist, umfaßt vor allem eine Reihe von Textilien, die im Kultus Verwendung fanden. Es find oft Gegenstände, die durch die Tätigkeit des Vereins dem sicheren Verderben in kleinen Gemeinden, die oftmals kaum noch bestehen, entrissen wurden. Wir bemerken einen Thoraoorhang aus grauem Atlas aus Rawitfch in der früheren Provinz Posen, der nur für die Beschneidungsfeier bestimmt war; ein Spiegel aus hellrotem Atlas, an welchem in Reliefstickerei zwei Lvwen. die eine Krone Hallen, dargestellt sind, weist ferner — und dies ist besonders eigenartig — eine zweisitzige Beschneidungsbank und das Beschneidungsmesser in Relief- (tickerei auf. Die üblichen Segenssprüche bei der Bechneidung sind ebenfalls angebracht. Die Widmungsmchrift läßt erkennen, daß es sich um ein Stück aus dem Jahre 1831 handelt. Ein Thoraüberhang aus Elogau dagegen stammt schon aus dem Jahre 1729. Ein Opferlamm in den Händen des Hohepriesters Aron, ferner Moses, die steinernen Tafeln haltend, der fiebenarmige gangercheit, können sie leben, müssen sie leben. Bei uns sind Erziehung und- Geschichte lebendig-. Wir brauchen nur den lebendigen jüdischen Volksorganismus und seine Einheit lebendig zu machen, lebendig und einheitlich in jeder Beziehung. Es genügt nicht Einheit zu schaffen über alle Zeiten« hinweg; dies allein würde die Kraft des Erlebnisses nicht so sehr kräftigen können, d-aß die Einheit des Organismus zum ununterbrochenen Erleben gebracht werde. Wenn nicht auch -die räumliche Einheit der weit über die Erde zerstreuten Zellen des jüdischen Volksorganismus ständig erlebt wird, kann das Erleben d-er zeitlich-gefchichtlchen» Einheit keinen Bestandhaben. Die räumliche Einheit wird durch das Erfühlen der Mizwaus, der Thorabewegungen d-es jüdischen Volkes als der Bewegungen der jüdischen Gesamtheit, durch das Mitschwingen des eigenen Organismus in den Halacha-Schwingungen des K'lall-Organismus erlebt. Mit-Bewegung in der jüdischen Kollektiv-Bewegungder Thora schafft räumlich lebendige Einheit. Wollt Ihr Einheit, wollt Ihr Leben, erlebet die Thora, erlebet die Erzväter, erlebet den lebendigmjüdischen Volksorganismus. Dann habt Ihr alles: D«n ovn Leben, All-Gemeinschaft, Gegenwart (5. Buch Mos. 4, 4)! Wochenrundschau. Deutschlands Hoffnungsblüte. In Wien haben die Studentenkrawalle schon geradezu die Form von Pogrom e n erreicht, erinnern auch darin an die bekannten Pogrome, daß die akademischen wie Polizeibehörden dem Treiben untätig gegenüberstehen. Was unis in Deutschland mit einem großen Teile der akademischen Jugend heranblüht, beweisen die Studentenausschreitungen an der Berliner Universität am BiOXULTBA Pie sfarkschäumende Sauerstoff-Zahnpasta wird von vielen Zahnärzten als beste Zahnvasta bezeichnet und selbst benutzt. Kleine Tube 60 Pf. BIOX-MUNDWASSER Flasche 1.— und 2.— Ml. Gegen lockere Zahne. Probe-Flasche gratis.Max Elb A. Q., Dresden Leuchter und anderes bilden die Verzierung. Ein ganz eigenartiges Stück, das noch aus der Fülle des Dargebotenen hervorgehoben fein soll, ist ein seidener Gebetmantel, auf dessen Ecken (Kanfoth) sich Mannesfiguren mit einer Wage befinden. Abgesehen von diesen gewebten Gegenständen ist ein Exemplar der Rudimente von Johannes Reuchlin, gedruckt zu Pforzheim 1506, besonders kostbar. Dieses Buch stammt aus dem Besitz des Breslauer Reformators Johann Heß. Wir finden in diesem Buche, das sich mit den Elementen der hebräischen Sprache befaßt, Musik mit hebräischem Text, wobei auch die Noten von rechts nach links zu lesen sind. Mit dieser Erwerbung hat der Verein Jüdisches Museum E. V. ein für die Renaissance der hebräischen Sprache in Deutschland bedeutsames Buch in feinen Besitz gebracht. Schließlich sei noch ein Blatt erwähnt, das den Karlsplatz in Breslau darstellt, den Platz, der seit einigen Monaten zu Ehren des dort geborenen großen Agitators Ferdinand Lassalle seinen Namen führt. Früher spielte der Karlsplatz, der scherzhaft „Judenbörse" im Volksmunde genannt wurde, als Mittelpunkt der jüdischen Siedlung eine Rolle. Die kleine Ausstellung, die in diesen Tagen die zahlreichen Gäste sehen konnten, welche die jüdische Geisteswelt zur Feier des Seminars entsandt hatte, beweist, was verständnisvolle Sammeltätigkeit immer wieder schaffen kann, und wird hoffentlich auch andere Orte anregen, dem Breslauer Beispiel zu folgen. Dr. Willy Cohn. 14. Nov. 1929 Dienstag. Sodann die Verhandlungenauf dem Deut s ch e n S t u d e n te n t er g in Hannover, wo zwar -der Antrag Würzburgauf Einführung des Numerus clausus formell abgelehnt wurde, aber, wie gesagt, nur formell'; die Lieblosig^ kei-t, aus der der Antrag geborenwar, fand auch dort deutliche Ausdrucksformen. Erfreulich ist d-er H a m b u r g -e r B e s ch l u ß in der Sitzung der D e u t s ch - v o l k s p a r t e i - lichen Hochs ch u l gruppen von N o rd - w e st d e u t s ch l a n d , der ✓ Delegierte von 15 deutschen Hochschulen beiwohnten, eine weite re Betätigung in der Deutschen Studentenschaft in ihrer heutigen F o r m a b z u l e h n e n. Eine Mitarbeit komme nur in Frage, wenn» die Deutsche StudenienfchafL in der Koalitionsfrage undim großdeutschen Gedanken den Antisemitismus ausfcheide. Daß sie es n i ch t tut, zeigen die Berliner Vorgänge zur Genüge. Wer da denkt, wie bei allen Freiheitsbewegungen der vorigen Jahrhunderte die Hochfchuljugend stets an vorderster Stelle im Kampf um Recht, um innere und äußere Freiheit stand, dem kann es wohl bange werden» um die Zeit, da die Akademiker aus der hohen Schule des Antisemitismus zur Leitung der deutschen Belange ans Ruder kommen. Sanns die Konferenz wieder gnkmachen? Daß die englische Verw-altung in Palästina im Angesichte der blutigen Opfer von Jerusalem, Safed, Hebron zwar sagen kann: „Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen", schwerlich aber: „und unsre Augen haben es nicht gesehen", gibt man» in London selber zu undhat die U n - t e r f u ch u n g s k o m m i s s i o n an Ort und Stelle jetzt schon feststellen können. Nun möchten die englischen Glocken- „Friede der Erde und den Menschen Wohlgefallen!" künden. Etwas spät, aber vielleicht noch nicht zu spät. Schon in der ersten Sitzung des U n t e r - Hauses in London nach den Sommerferien kam es am 29. Oktober zu einer kurzen Aussprache über die Lage in Palästina, wobei Lord W i n t e r t o n an die Regierung die Frage stellte, ob die Untersuchungskommission, die eben ihre Arbeit in Palästina begonnen! hat, in der Lage fein werde, ihren Bericht noch vor Enda dieses Jahres dem Parlament vorzutegen; ferner ob den Mitgliedern des Unterhauses Gelegenheit gegeben würde, mit ihren Kollegen von der Kommission über die Lage in Palästina eine Aussprache zu pflegen. Das konnte der. Unterstaats-- sekretär für die Kolonien, Herr William L u n n , Pollag und Bollag. Das harte P und weiche B. Von Lehrer Michael Neuberger in Lengnau (Schweiz)- „Ich bin ein Endinger Kind wie alle Bollag's mit weichem V". Dies waren die kernigen, mit großem Applaus aufgenommenen Worte des vor einem halben Jahre verstörbeneir Hermann Bollag, Senior unserer Asylinsassen, beim frohen Bankett der Jubiläumsfeier in Lengncm- Gewöhnlich in unserem so wechseloollen Leben stößt man sich mehr und weniger an etwas Hartem, diesmal jedoch hatten sich einige der vielen Zuhörer — auch meine Wenigkeit — an dem Weichen gestoßen. Trotz allem Nachdenken finde ich keinen stichhaltigen Grund, warum die große Mehrheit der aus Endmgen resp. dem Surbtak stammenden Bollag's ihre Namen mit weichem B schreiben. Hierbei bestärkt mich noch das Auffallende, daß die in Zürich und St. Gallen wohnenden, längst eingebürgerten Pollag's das ererbte harte P pietätvoll beibehielten. obzwar auch deren Stammeswiege in Endingen stand, sie somit vollgültige Schweizer waren und heute noch sind. Vielleicht geben die nachstehenden Zeilen etwas Aufklärung in dieser Sache. Einer meiner vielen Schüler — Herr Charles Bollag-Levy in Zürich.— beauftragte mich, für ihn einen Stammbaum feiner weitverzweigten Familie anzufertigen. Selbstverständlich mutzte ich darum die Endinger Gemeindekanzlei aussuchen. Alt-Gemeindeschreiber Keller kam mir bereitwilligst entgegen und legte mir drei dickleibige, in Schweinsleder gebundene und sauber geführte Bücher vor. Mit diesen Zeugen aus schweh.- jüdischer Vergangenheit konnte ich das große Familien-