Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1929)
- Date
- 1929-11-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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14. November 1929 Frankfurt a. ZU., den n. ssso Der Israeli | Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum jlfSj 9II Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. 111 1 Abonnement ab Juli 1BS9: Deutschland 150 Marl monatlich; Ausland: Bterteltahrvreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Stretfband-Ber« sandes) Deutsch-Österreich: Schilling 8^; Amerika I Dollar; England 4 sh.; ab 1. Juli Frankreich LS Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 5; Holland 3 st.; Italien ab 1.1.88.18 Lire; Jugoslawien 88 Din.; Litauen 7.80 Lit.; RumSnte» ab 1. 7. 37. 150 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schwei, 8 Fr. Tschecho-Slowakei N Kronen-Ungarn Pengö 5 ab 1.Juli 1837; Dänemark 8.88 Krott.; Norwegen 8.30 Krön.: Schweden 8.30 Krön. Einzelnummer vierzig Doldpsennige. Der Israelit erscheint jede« Donnerstag. Inserat» SV Dol Die 78 mm _ _ Thtffregebühr in Höhe ei__ Snserataufträge» tartfm. Preiserhöhung jede, Verlag des Israelit 18. m b. Frankfurt a. S,.., -,—r- -— sow. durch sämtl. Annoncen-Erped. des In« und Auslands. Alleinige Inseraten»««, für Frank». Beschäftsanz.: Dnl. Schmidt» Langestr. 7, II, Tel. Hansa 4841. Platzvorichr. ohneBerbindlichk. r. für die Hebengespalten» ....Z eigen nur 40 Pf. Teriseite 2.80 Mk.; ___ _, , rrif. Bet laufende« Vorbehalt. Jnferatenaunahme durch den """^etgrabenstraße 7, Tel. Hansa BP“ -atenan«. für Fra» Larschäu Nk!l90767! - PostschÄam?Mri'ch^r. VIll 7,. _ Bukarest - Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. - Inkasso-Bank Rotterdam _ .. Der Gerichtsstand für alle aus :dam Nr. Ä8öll— Böhmische'Üntönban^in Prag — öaäo» kcks.rm»roscll Klaus Inseraten sich ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist . . Wien Nr. 79605..~ beökamt Abonnements oder aus -eckkouto _ & Co. in Frankfurt a. M. Die Erzväter. Von Dr. C. Cin A. Haben uns Juden von heute die Erzväter noch -etwas zu sagen? Sind sie Geschichte, also um mit Schiller zu reden, Gegenstände der Begeisterung und Dankbarkeit, oder sind sie Beispiele, denen wir nachahmen sollen? Sind' sie Geschichte und Beispiel zugleich oder vielleicht keines von beiden? Die moderne Pädagogik verlangt mit Recht, daß das Kind sich aus sich selbst heraus entwickele, daß der Charakter, die Fähigkeiten, der Geist, die Seele unbeeinflußt von wesensfremden Elementen bleiben undnur in der ihnen innewohnenden Richtung wachsen. Diese Filterung ist deshalb berechtigt, weil jedes Lebewesen seine nur ihm eigenen Ausdrucksformen in sich trägt; Vollkommenheit, höchste Lebendigkeit kann daher nur erreicht werden, wenn die Ausdrucksformen des Menschen seinem Wesen entsprechen, wenn beides eine Einheit bildet. Werden aber dem-Menschen ihm fremde Formen aufgedrängt, dann wird seine natürliche Einheit zerstört, sein Ausdruck, sein Tun wird und wirkt künstlich; das künstlich Unnatürliche drängt fein wahres Wesen, feine natürliche Lebendigkeit zurück; sein künstlich unnatürliches Verhalien wird zu seiner „zweiten Natur". In merkwürdigem Gegensätze dazu steht in der Erziehung die Behandlung großer Persönlichkeiten der Geschichte. Irgendwie werden sie als Ziel gesetzt. Entweder soll die Art ihres Wirkens dazu begeistern, in gleicher Weife wie sie sich emporzuarbeiten und etwas zu leisten-, oder der Inhalt ihres Tuns soll uns zu gleichem Tun an>- regen. Wir sollen es also wie die Großen machen. Wenn wir uns aber wie sie verhalten sollen, wo bleibt da die Forderung: , fort mit allem, was etwas uns Fremdles unserem Wesen aufzwingen will? Sind die Großen denn nicht andere Menschen mit anderem Charakter, anderen. Eigsnschasten, anderem Denken, anderem Fühlen, anderem Glauben als wir? Unddoch wird diese Methode überall geübt, in Dichtung und Geschichte, in Kunst und Religion. Ja, selbst in der Wissenschaft wird verlangt, daß wir einen ungeheuren Wissensstoff, den? andere vor uns zusammenge-tragen haben, unbesehen als wahr übernehmen, weil für einen einzelnen Menschen die Nachprüfung des ganzen. Wissens einfach unmöglich ist. Wo bleibt da die Vervollkommnung des eigenen Ich, der eigenen Lebendigkeit eines jeden Manschen nur aus sich selbst heraus? Das jüdische Volk, das frei ist von allen materiellen Elementen, die nach allgemeiner nichtjüdischer Auffassung als lebenswichtig; für ein Volk gelten, frei z. V. von nationaler Organisation, nationalem Staat, Land, Militär, Volksvertretung, Gesetzes-, Berwaltungs- und Strafgewa-lt, das jüdische Volk, das also ein freier lebendiger Organismus ist, und seine Thora, die das Leben in ihren Mittelpunkt gestellt hat (vgl. 3. Buch Mos. 18, 5) wissen sich jedoch frei von der Inkonsequenz der modernen Pädagogik. Für sie gilt nur das als lebendig, was selbst erlebt ist; für sie gibt es niemanden, dem ein anderer nachzuahmen hätte; für sie find auch die Erzväter keine Vorbilder in der Erziehung.- Eine schöne jüdische und noch dazu thoratreue Erziehung, bei der sogar die Erzväter als leuchtende Beispiele ausgeschaltet bleiben, werden Sie sagen! Gemach! Als Beispiele, als dem einzelnen Juden fremde Menschen dürfen sie allerdings nicht gezeigt werden. In der Erziehung aber bleiben sie, müssen sie bleiben, weil ohne sie jüdisches Leben undenkbar ist, weil sie nicht weggedacht werden können, ohne daß mit ihnen auch das jüdische. Volk verschwindet, weil in jedem einzelnen Juden Blut von ihrem Blut, Wesen von ihrem Wesen steckt. Ja, das ist es: Wesen von ihrem Wesen! Ein lebendiger Organismus besteht nicht nur aus denjenigen Zellen, die er in einem gegebenen Augenblick umfaßt; der Organismus ist vom Wechsel seiner Zellen unabhängig: Der Mensch bleibt zeitlebens dasselbe Individuum, obwohl alle seine Zellen im Verlauf von je etwa 7 Jahren wechseln. Was für den Menschen gilt, ist auch gültig für kollektive menschliche Organismen, für die naturgewachsenen, nicht künstlich organisierten Völker; das jüdische Volk ist ein! solch natürlicher kollektivmenschlicher lebendiger Organismus. Abraham ist dasselbe jüdische Volk wie wir, die jetzt lebenden Volkszellen. Die Befolgung des Rufes *jV (1. Buch Mos. 12, 1), gehe doch für dich, nimm eine Eigenbewegung an, ist die erste Halacha, das erste Gehen, die erste Kollektivbewegung des jüdischen Volkes, wenn es sich auch vielleicht damals noch im embryonalen Zustande befand. Ob Abraham sich bewegt oder ob wir uns bewegen, immer ist es derselbe sich bewegende Organismus, immer handelt es sich um die Bewegung des jüdischen Volkes. Wir, die wir das jüdische Volk bilden, haben uns bewegt, als Abraham, als die Erzväter wirkten. Unser eigenes Erlebnis gilt es wieder lebendig zu machen, aus unserer eigenen Erinnerung auftauchen zu lassen, wenn wir die Geschichte foer Erzväter behandeln. So wenig, wie wir die Erlebnisse unserer eigenen individuellen Vergangenheit bei uns selbst als nachahmenswertes Beispiel, also als etwas außer uns Befindliches empfinden und empfinden können, ebensowenig können und dürfen wir, wenn wir gesunde Zellen des jüdischen Volkes sind, die Begebenheiten der Erzväter als uns fremd, die Erzväter selbst als nachahmenswerte Beispiele fühlen. Wie ein warmer Strom der Freude, ein« schnelleres Pulsieren unseres Blutes durch unseren Körper geht, wenn wir uns freudiger, glücklicher, großer Ereignisse unseres Lebens erinnern, so sind wir erst dann gesund, wenn auch bei dem Gedanken der Erzväter unsere Seele und unser Mut in Wallung gerät, nicht vor Begeisterung, die von außen kommt und eine lebensfremde ästhetische Ursache hat, sondern vor dem Glück undder Gnade eigenen großen Erlebens. Wie erreicht man biefea Glück? Sicherlich nicht dadurch, daß maim so werden will wie die Erzväter. Denn Wollen setzt stets dasjenige, was als das Ziel des Gewollten vorgestellt wird, voraus; der Wollende unterscheidet also zwischen sich als dem wollenden Subjekt und dem Ziele, das er durch fein Wollen erreichen will, dem außerhalb seiner befindlichen Objekt. Man kann dies mit einem Blasrohr vergleichen, das jemand im Munde hat. Das Gewollte ist das Ziel, die Scheibe, die getroffen werden soll. Die Wllembewegung ist das Abschießen der Erbse durch das Blasrohr hindurch. Das Ziel befindet sich außerhalb des Schießenden (Wollenden); es ist etwas ihm Fremdes. Durch das Wollen wird das Gewollte dem Menschen entfremdet. Es wird unlebendig. Wenn ich Abraham nacheisern will, wird gerade das Gegenteil einer Verlebendigung seines Wirkens in mir erreicht. Wenn Abraham bis dahin in mir nicht tot war, so muß er jetzt bestimmt tot werden. Das Lebendige lehnt die Zweiheit von Wollen und Ziel, Vorstellung und Vorgestellten ab; das Lebendige kennt nur Einheit, hier die Einheit des Erlebens und des Erlebten. Das Erlebte lebt im Organismus, ist ein Teil seines Wesens. Nur wenn jede einzelne Phase des Wirkens der Erzväter als eigene Bewegung erlebt wird, wenn ich selbst Abraham bin, ich selbst ausziehe aus dem Zrvei-Strom-Lande, ich selbst mit Gott rede, ich selbst meinen Sohn darbringe, wenn Abrahams Geschichte mein -eigenes Erlebnis ge-