Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1929)
- Date
- 1929-11-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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ST Der Israelit iWZ* Abraham Sohn Abrahams. Line Helden- und TNärtyrergeschichte nach Wilnaer Akten. Von S. Schachnowitz. I. Wilna heißt die schöne Stadt an der Wilia, die gen West dem Njemen zuströmt. Auf sanften Hügeln, die im Winter alabasterweiß im Schriee schimmern und im Sommer grün und golden prangen, erhebt sich die Stadt mit den leuchtenden Kuppeln der Kirchen und Kathedralen und dem Meere von kleinen imfr großen Häusern, von der Holzhütte bis zu weißen Säulenhallen von Palästen, vom verfallenem Strohdach bis zur goldenen Zinne des russischen Domes. Zur Zeit, da unsere Geschichte spielt, hatte der große Russe seine Hand über Litauen und seine Residenz noch nicht gelegt. Das kam erst etwa fünfzig Jahre später, um 1794. Aber jetzt' schon konnte ein guter Beobachter leicht das leise Dröhnen unter der Oberfläche, das Grollen des fernen' Donners wahrnehmen. Polen und Litauen rangen um die Vormacht. Roch war die Stadt Residenz und Herzpunkt des Grohfürftentum Litauen, aber zugleich auch schon Stütz- und Sammelpunkt der Polen aus allen Gegenden, die im Polenlande unter der russischen Knute seufzten und auf Befreiung vom Joche des Zaren sannen. In der Stadt wohnten Polen genug, um den panpolnischen Bestrebungen alle nötige Hilfe und Litauen alle denkbaren Schwierigkeiten' zu bieten. Aus dem Widerstreite zwischen den Brüdern zog der russische Nachbar im Osten reichen Vorteil und breitete in aller Ruhe seine Netze aus, in die bald beide Nationen! gehen sollten. In der Stadt Wilna lebten aber damals schon so viele Juden, wie Polen und' Litauer zusammen. Man schätzte ihre Zahl auf fünfzigtausend. Aber sie lebten ihr eigenes Leben, gleich gehaßt und gleich benötigt von beiden Teilen der Bevölkerung. Von einem Ghetto konnte man wohl kaum sprechen, denn die Juden bewohnten die ganze Innenstadt, füllten die Gassen und beherrschten den Markt, fuhren in ihren kleinen, mit flinken/Gäulen bespannten Wägelchen als' Droschkenkutscher die Herrschaften, trugen als Lastträger die:schwersten Lasten auf ihren 'gekrümmten Rücken», > lagen als Steinklopfer Äuf dem Boden, um an den fchieifen'-PstastetsteMn herumzuhauen, standen in den Schmieden 'vor der Stadt am Blasebalg und holten' weit mit Hammer und Glüheisen aus, schwammen auch auf Holzflößen die Wilia zum Njemen hinunter bis nach Korvno und weiter westlich über die Grenze bis Tilsit und Königsberg und zu den Vorgewässern» der Ostsee.- Polen wie Litauer hätten keinen Rock am Leibe, keine Schuhe an den Füßen, kein Stückchen Wolle, .keine Nadel im Haufe gehabt und hätten ganz gewiß nie ihre Bodenprodukte an den Mann.gebracht, ohne die Juden, hie die einzigen; Händler, Schneider, Schuster, Bäcker, Krämer stellten. Dabei blieb nach genug von der Kategorie, die wir heute als „beruflos" bezeichnen, die vor den Türen der unzähligen Bethäufer, auf offener Straße, auf dem Fisch- oder Fleischmarkt mit ausgestreckter Hand da standen. In den Lehr- und Bethäusern verstummte die Stimme der Thora und Andacht in keiner Stunde des Tages und der Nacht, Gebetversammlung folgte auf Gebetversammlung. Auf den Märkten in allen Teilen der JnnenstM herrschten Jagen und Treiben- Geräusche und Gerüche, die wie die Wogen des Sambatjon, nur mit Sabbateingang zur Ruhe kamen, um am Sonntag früh von neuem mit Sturm und Braus leinzusetzen und mit zunehmender Woche am Donnerstag und Freitag bis zum Orkane anzuwachsen. „Frische Bebelech!" (Bohnen), „Judelach, kauft! kauft! . .." hieß der Refrain», der sich in allen Variationen und Modulationen von Straßeneck zu Straßeneck trug. Und von der nahen Klaus sangen oft Rowo und Abaje aus den tausendjährigen Tcllmudfolianten im Gewoge der Straße mit. Orient und Okzident trafen sich hier. Glück und Sehnen von zweitausend Jahren schmolzen hier mit den grauen Sorgen dles Tages zu d e m zusammen, was wir gemeinhin jüdisches Leben nennen. Eher hätten schon die Außenbezirke an der Peripherie, wo die Nichtjudeni verstreut und zum großen Teil m noch armseligeren Strohhütten hausten, den Namen Ghetto verdient. Sie umsäumten die Stadt an den Flüssen und um die Hügel'herum. Was diese Menschen, außer dem Lutke oder Pawel, der am Sabbat bei den Juden Feuer anmachte, taten, und wozu sie überhaupt da waren, das ging dem Wilnaer Juden» nie auf. Er machte sich auch nie Gedanken darüber. An großen Markt- oder Messetagen strömte viel Landvolk auch durch Me Judengassen. Das waren die großen Tage für die jüdischen Krämer, Schänker und Händler, von denen sie das ganze Jahr lebten. Sonst sah man höchst selten ein Nichtjüdisches Gesicht im bewegten Leben der Innenstadt zwischen Klaus und Fischmarkt. Aber eine Straße, der jüdischen Innenstadt nördlich vorgelagert, gab es, die die Juden geflissentlich mieden, um die herum sie im weiten Bogen gingen. Man nannte sie im Volksmunde glattweg die T u m o - G a f f e. Schon das Wort erfüllte das jüdische Herz mit Grausen. Es war für sie eine fremde Stadt, eine Stadt, viel weiter gelegen als Sura und Pumbedita im alten Babylonien oder Mainz und Worms, wo einst die großen Meister lebten, in deren Spuren man heute noch wandelte, deren Gedanken man heute dachte und deren Worte man sprach, wenn das Marktleben ruhte. Grade diese Sackgasse, die von der Kathedrale des heiligen Stanislaus zwischen den Kirchen und Klöstern sich hinauf zog und an der Ostrad r a m a - K a p e l l e mit dem Heiligenbilde endete, war die einzige Stelle, wo sich Polen und Litauen und alle anderen/' die zur katholischen Kirche hielten, vorübergehend in Liebe und Frieden, in Andacht und Demut, fanden.. Die Kapelle mit dem Herligenbild war ein geweihter Wallfahrtsort seit 'Generationen-. In langen, trostlosen Prozesstonen zogen' die Kranken, die Lahmen und Blinden und Aussätzigen dahin, um hieb Heilung. und Genesung zu suchest. In dieser Straße läuteten die Glocken immer und das Summen der Kirchengebete verstummte nicht. Hier bewegten sich die Kirchenumzüge mttden geweihten Fahnen. Schoy zu Eingang der Straße hatte nach altem Gesetz jeder das Haupt zu entblößen und niederzuknien. Keiner durfte sich hier mit bedecktem Haupte blicken laffen, wollte er nicht statt des Weihwassers, einen spitzen Stein cm den Kopf bekommen. Diesen Boden betrat kein jüdischer Fuß. Man brauchte keinen zu warnen. Man sprach von der Straße so wenig wie von einer anderen Welt aus einem fernen Stern, die man nicht kennt,;und von der schon die leiseste Vorstellung recht,'unheimlich stimmt. II. Wie sollte aber der gute Z e m-a ch, der biedere Tabakmacher uns dem kleinen! Städtchen Jlija, etwas von der Tumo-Gaffe im großen Wilna und ihren Schrecken wissen? Zemach war im Städtchen geboren und hatte dort seine fechszig Jahre in Ehren und Arbeit verbracht, war zum erstenmal in der Großstadt, er und sein zehnjähriges Töchterchen, feinie Esther, um sich wegen eines tückischen Leidens bei den großen Aerzten in Wilna zu befragen. Er war noch ganz berauscht und geblendet von all »dem Großen, Neuen und Schönen, das er hier in der Weltstadt auf Schritt und Tritt sah. Eitel Bewunderung, glich er ganz seinem Kinde, das mit weitaufgeriffenen Augen sah und sah, vor lauter Staunen keines klaren Denkens fähig war. Wie konnten es diese braven Leute aus der Kleinstadt wissen, daß man in Wilna, mitten im großen jüdischen Wilna, kaum hundert Schritte von» der großen Schul entfernt, in eine neue Welt geriet, in der es für einen jüdischen Tabakmacher aus Wilija keinen Platz an der Sonne gab? Zemach war kein großer Gelehrter vor dem Herrn. Er war eben Tabakmacher, aber er konnte immerhin die Psalmen allesamt auswendig und noch manches dazu. Das gehörte gewissermaßen zum Handwerk. Wenn» man den ganzen Tag und oft auch in Nachtstunden vor dem großen Bottich steht und mit schwerem Holzstößel die Tabakblätter stößt, so muß man dabei singen, sonst bekommt der Stößel keinen Schwung, der Tabak keinen Schmelz. Und was anderes soll ein Jude aus Wilija singen bei der Arbeit, als die Psalmen Davids? Wie man Tabakmacher ist, das weiß vielleicht die Welt heute gariniicht. Man lernt in der Schule, daß der Tabak irgendwo, der beste wohl auf der Insel Havana, in Blätterform wächst. Das interessierte Jlija sehr wenig. Wichtig war für Zemach, daß Leib, der Kommissionär, der allwöchentlich einmal nach Wilna fuhr, um den Krämern des Ortes die ''-nötige Ware einzukaufen, ihm ein sauberverschnürtes Paket mitbrachte, aus dem Zemach mit großer Kennermiene, riechend und schnüffelnd, die dürren Blätter auspackte. Diese Blätter kamen in den steilen Bottich, den man „Stufe" nannte. Dann fing das Stoßen an. Und wenn die Blätter ganz zu Pulver dünngestoßen waren, kam noch etwas hinzu, was Zemachs Geheimnis blieb, und auch wir nicht verraten wollen noch können. Man behauptete, es war ein Gemisch von Esrogschalen, Bachweiden und anderen ausgedienten heiligen Dingen, die sich so in der hauchfeinen Form von Schnupftabak vorwiegend wieder in Synagoge und Vethaus in guten jüdischen Nasen in Schönheit auslebten. Ein Schuß von diesem Präparat, dessen Zusammensetzung auf die Nachkommenschaft Zemachs nicht überging und so!mit ihm'.-ins Grab sank, gab ^dem Schnupftabak das Aroma, das ihm größten Ruf und Ruhm fast bis Wilna sicherte. Wenn in der Schul von Jlija am Sabbat beim Vorlesen der Thora Chajim Benzel Fein, der Gabbe, seine elfenbeinerne Dose herauszog, bedächtig mit gespreizten- Fingern eine Prise nahm und die Dose menschenfreundlich dem Nachbar reichte und so weiter hin, da hob ein Nießen im Raume an, wie die Salve der Kosaken beim letzten Polenausstcmde. Und da lachten alle Leute Zemach zu: Ihm machte das keiner nach . . . So war Zemach ein Tabakmacher gewissermaßen zur höheren Ehre Gottes. Aber das Tabakmachen hat feine Tücken, Wenn man von fechszig Jahren feines Lebens Zemach hatte früh angefangen — fünfzig Tabakstaub. eiuhaucht, so bleibt schon etwas an der Lunge hängen. Zemach hustete in letzterer Zeit bedenklich, während die anderen durch sein Verdienst mit Wohlbehagen niesten. Der Feldscher im Städtchen sprach etwas von einem Lungenflügel und meinte, er müßte was dagegen tun. Zemach und der Feldscher hielten im allgemeinen von den Aerzten in der Stadt nicht viel. Als er, nämlich der Feldscher, selber einmal einen Arzt in Wilna.aufsuchte, so erzählte er ihm, wollte dieser ihm gar den Puls fühlen'. Als. ob er, der Feldscher, es nicht wie der Arzt wüßte, daß es gar keinen Puls gebe . . . Das erzählte im Vertrauen der Feld-