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Der Israelit · 1929-11-07 · Heft 45 (7.11.1929) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 45 (7.11.1929)
Date
1929-11-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seide 12. Nr. 45 Der Israelit 7. NooenBer 1929 Sozialen, in der Umwandlung der Volksgemeinschaft zur Volkskulturgemeinschaft. In Anlehnung an den Stand der Äugendschriftenli'teratur kann also auch bei der jüdischen Jugendlektüre heute die Frage nach dem ästhetischen Werte nicht mehr die Hauptfrage sein, sondern« muh die Frage nach dem volksbildenden und volkzusammenschmiedenden Werte in den Vordergrund gestellt werden. Ob Erziehung zum jüdischen Volksgedanken schlechthin, wie sie die sozialistischen Bücher anstreben, oder Erziehung zur jüdischen Volkskultur, die auf der Lehre beruht, kann für uns keine Frage sein. m. Wenn so die Forderungen an die jüdische Jugendlektüre und die Jugendzeitschriften dem Ziele nach geklärt sind, sind sie es doch noch nicht in Bezug auf die Mittel, deren wir uns zur Erreichung dieses Zieles bedienen sollen. Dazu ist es Zunächst einmal nötig, sich zu vergegenwärtigen, worauf die eigenartige Wirkung einer Dichtung beruht. Sie besteht in einer Erhöhung des Daseinsgefühls, die den Blick in eine über uns waltende und wirkende Welt eröffnet. Dasselbe gilt für die dichterische Lektüre der Jugend. Sie erhält darin die Deutung ihres eigenen Lebens, die Gewißheit von der Allgemeinheit ihres Einzelerlebnisses, Erhöhung ihres eigenen Lebensgehaltes und eine Ahnung vom Reichtum der Lebens beziehungen, die sie um so mehr ergreift, als ihr eigenes Leben, zumal bei den Kindern der gesetzestreuen Umwelt, so eng ist. Eine Auswei^- tung über das tägliche Leben hinaus, eine Vertifeung und Bereicherung der kindlichen Seele, das ists, was die Jugend sucht und was wir ihr geben müffer«. Jugend drängt auf Geschehnis, will spannende, schnell fortschreitende, ergreifende Handlung haben, keine Zustandsschilderung, keine feine Stimmungsmalerei, keine nachdenkliche beschauliche Betrachtung. Ist die Handlung seelisch folgerichtig entwickelt uirJix spannend weitergeführt, schöpft die Phantasie aus der Tiefe der dichterischen Selee und löst hohe reine Gefühle aus, bietet sie endlich eine dem kindlichen Geiste entsprechende anschauliche Darstellung, so ist das heute nach allgemein angenommener Ueberzeugung eine geeignete Jugendlektüre. Setzen wir zu dem ersten Teil noch das Attribut jüdischer Menschen», sagen wir: „Eine seelisch folgerichtig und spannend verlaufende Handlung jüdischer Menschen," so haben wir das spezifisch jüdische Jugendbuch. Das hat nichts mit dem Verfasser zu tun. Wir müssen da nicht mit den Augen des Erwachsenen sehen, sondern vom Kinde ausgehen. Das Kind fragt nicht nach dem Verfasser, sondern nur nach dem Stoff. Wenn wir uns nur die Mühe geben, den Inhalt der Bücher zu lesen, so ist das wohl anstrengender, aber richtiger. Eine Frage, die die Jugendschriftenkritik . scheinbar im Widerspruch mit uns bringt, ist die, ob ein tendenziöses Buch sich für Jugenülektüre eigne. Sonst müßte natürlich der weitaus größte Teil unserer jüdischen Jugendlektüre von der Liste abgesetzt werden». Aber auch dieser Gesichtspunkt wird heute von der Kritik selbst nicht mehr aufrecht erhalten, die emgesehen hat, daß auch ein Kunstwerk nicht frei von Tendenz fein muß. Nur darf sie nicht aufdringlich in. den Vordergrund gerückt werden. Eine andere Frage ist die, ob das berühmte Rezpet der Belohnung des Guten und Bestrafung des Bösen» a la Christoph von Schmiedt in der Jugendlektüre beibehalten werden soll. Wenn der Held auf Schritt und Tritt für jede gute Tat belohnt wird, ist das natürlich ein Unfug, wenn aber der Held mit den Schwierigkeiten des Lebens und Prüfungen des Alltags zu ringenhat, und schließlich den Sieg des Guten und den U-n»- tergang des Bösen erlebt, wird eine solche Moral nicht moralisierend, geschweige demoralisierend wirken, sondern nur den den Jugendlichen so notwendigen Optimismus stützen. Solche Erzählungen bilden geradezu einen notwendigen Uebergang zwischen dem Märchen und der Robinsongeschichte, indem sie das Prinzip vom endlichen Siege des Guten aus der Welt des Mär chens in die Welt der Wirklichkeit übertragen und den Schüler davor bewahren, an ihr irre zu werden. (Schluß folgt.) M. Jüdischer Geist in jüdischen Schulen. 2 Teil: Der deutschkundliche Unterricht. (Alle Rechte Vorbehalten.) * Von Studienrat Louis Nosenblatt in Kaiserslautern. (Fortsetzung). Nach diesen Vorbemerkungen allgemeiner Art will ich aus der reichen Auswahl des Lesestoffes einige Vorschläge machen. Wenden wir uns zunächst 'der Prosa zu und beginnen wir hier mir der Unterstufe (-Quarta in!I.)! Hier werden entsprechend dem jugendlichen Auffassungsvermögen Märchen, Legenden und Sagen verlangt. Schon bei meiner Geschichtsbellachtung habe ich daraus hingewiesen, daß hier dem jüdischen Kind rechtzeitig der graduelle Wirklichkei sunterschied dieser Prosag Ölungen klargemacht wird; denn nur alizuleicht könnten sonst in dem Geist des aufgeweckteren Schülers Verwirrungen wegen der Wahrheit der biblischen Erzählungen entstehen. In dem Lesebuch könnten außer besonders, reizvollen Märchen von Gebrüder Grimm (bei dem Märchen „Der Arme und der Reichs" hätte der jüdische Lehrer auf bas Vorbild in Abrahams Gastfreundschaft unbedingt zu verweisen und auf die dichterische Ausschmückung aufmerksam zu machen), von Bechstein und Andersen auch jüdische Legenden, Sagen und Sippurim Ausnahme finden. Bei den Fabeln von Aesop, Phädrus und Lessing soll auf den orientalischen Ursprung dieses Genos hmgewiesen und solche jüdischen Inhalts wie Lessings „Der Geist des Salomo" bevorzugt werden. Bei Prosastücken aus dem Menschenleben und der Tierwelt mögen ethische Momente unserer Thora, wie Nächstenliebe und Tierliebe den Mittelpunkt bilden; auch sollen hier, wie ich das schon oben angedeutet habe, unsere Fest- und Trauerzeiten nicht zu kurz kommen. Aus der Mittelstufe (einschliestlich Untersekunda), wo Erzählungen, leichtere Novellen und Romane gelesen werden sollen, können Ehamissos „Peter Schlemihl", Heinrich Kleists „Michael Kohlhaas", Heines „Der Rabbi von Bacharach", Gustav Freytags „Soll und Haben", Hauffs „Jud Süß" und Berthold Auerbachs „Dorfgeschichten" behandelt werden. Dabei hat der jüdische Lehrer nicht nur auf den Ideengehalt dieser Erzählungen, sondern auch auf das Leben der Dichter und ihre Stellung zum Judentum einzugehen. Ferner sollen die Lesebücher dieser Kla'sen außer Lebensbeschreibungen von Helden der P:ofangesch:ch'e auch solche unserer jüdischen Gelehrten und Helden, sowie Schilderungen aus dem Ghetto enthalten. Proben aus Bachja ibn Pakudas „Herzenspflichten" und Stücke ähnlichen Inhalts dürften ebenfalls dicftr Altersstufe angepaßt fein. Im Lesebuch der Oberstufe, das für Obsrfskunda auch mittelhochdeutsche Ter'e enthält, sollen als Prosastücke diejenigen Schriften Luthers Aufnahme finden, in denen er fnne Bibelübe-setzung aus dem Hebräischen begründet, und Stücke ähnlichen Inhalts, ferner- Proben mittelalterlicher Mystiker (vgl. unsere Kabbala), Proben aus Lessmgs „Laokoon" und dessen Abhandlung „Die Erziehung des Menschengeschlechtes". Gleich bei dieser Schrift sei bemerkt, daß es hier natürlich Aufgabe des jüdischen Lehrers Ist, den jüdischen.. Standvunkt zu vertreten, ähnlich wie es in „Nathan der Weise", welches Drama nachher bei der Poesie erwähnt wird, bei der Parabel mit dem Ring und vielen anderen Problemen klassischer Dichter zu geschehen hat- Von Herder tonnen die Teile aus den Literaturfragchenten und „Kritischen Wäldern" ausgenommen werden, hie von der hebräischen Poesie handcli. Aus Schillers Pvosaqefchichte, wären für diese Stufe s.'iie „Geschichte des drüzig'ährlgen Krieges" und Auswahlstücke aus feinen philosophischen Schriften geeignet, ferner können dirsem Lesebuch Prosastücke, wie „Bismarck und die Juden", ferner Auswahlstücke aus Hermann Hesse, Jakob Wassermann, Thomas Mann, Moritz Heymann, Oskar Loerke, Pallitre „Das un- _ bekannte A'ligtum" und R Travers Herford - {über* . Ser'^2.“IretT’Vtgrinfofcrn einen wesentsetzt von R. Perles) „Das pharr,arsche ^identum ,beij liefen Forksch VA, oTs die Uebungsstücke zusammenhängende, gegeben werden. Auch Proben aus Mdrschen _ Schriften, j lebensrolle Gauz» sind, dem Leben der Kinder, der Bibel wie aus den Propheten, Mischleh Hwb und Pule ovaus, ' ober bcm Gebetbuch entnommen. Auch diesmal schließt Hirsch", Goethes „Wandelnde Glocke", Ehamissos „Riesenspielzeug", Nepomuk Vogls „Das Erkennen" und „Ein Friedhossgang", Eeroks „Wie Kaiser Karl Schulvisitation hielt",, Berlepsch' „Der Weichensteller", Lenaus „Offener Schrank/, Giefebrechts „Der Lotse", Sturms „Wie schön leuchtet der Morgenstern" unter vielen änderen in Betracht; ebenso gibt es hier unzählige wundervolle lyrische Produkte leichterer Fassung, wie aus des Knaben Wunderhorn „Morgynlied", Paul Hsyfes „Mutterliebe", Simon Dachs „Lied der Freundschaft", bei deren Betrachtung der Lechrer jeweils von selbst auf die jüdische Gesetzes- und Gefühlswelt Hinweisen wird. Ebenso enthalten fast alle Balladen auf der Mittelstufe irgend eiuen ethischen Grundgedanken, der zur Einführung oder beim Abschluß des Gedichtes gebracht werden kann; ich erinnere nur an Goethes „Schatzgräber" und „Zauberlehrling", an Schillers „Kraniche des Jbykus", „Gang, zum Eisenhammer", „Taucher", „Bürgschaft" und „Kampf mit dem Drachen", Uhlands „Der blinde König", „Das Glück von Edenhall" und „Des Sängers Fluch", Borries von Münchhausens „Saul und Here von Endor" und schlie„lich Heines „Belsazar". (Hier muh natürlich von vornherein der virrbuchstabige Gottesname durch das Wort „Herr" oder „Gott" ersetzt werden!). Auch die leichteren gedankenlyrischen Gedichte Schillers wie „Das Lied von der Glocke" können hier behandelt werden (vgl. dabei die Schilderung des Wirkens der Hausfrau 'in der „Glocke" und im letzten Kapitel von Mischleh -„Esches chajil"!). Als Klassiker- oder Prioatlektüre auf der Mittelstufe eignen sich Goethes „Hermann und Dorothea", Lessings Jugenddrama „Die Juden" und sein Musterstück „Minna von Barnhelm", sowie fein Tolergnzstück „Nathan der Weise" und säst sämtliche Dramen Schillers. Ich werde im folgenden noch besonders zeigen, daß kein Klassiker für jüdische Schulen geeigneter ist .wie Schiller. Schon Samson Raphael Hirsch hat aus diese Bedeutung Schillers in seinen „Gesammelten Schriften" hingewiesen. (Fortsetzung folgt.) Bücherbesprechungen., Abraham u. I. B. Levy, Schaare Zedek, Neubearbeitung von Tefklla kezara und Schaare Thora, eine methodische Einführung in die Sprache der Bibel und des Gebetbuches; 2. Teil. M. Lehrberger u. Co., Frankfurt a. M. Gebunden 2.25 Ml. Es ist ein ziemlich weiter Weg, der von den noch im vorigen Jahrhundert erschienenen Rahmer'schen Unterrichtsbüchern über die Tefilla kezara Abrahams und die Uebersetzungsbücher Levys zu dem neuesten Unterrichtsbuche Abrahams und Levys, dem 2. Teile von Schaare Zedek führt. . Die ganze Entwicklung des hebräischen Unterrichts in ihrem methodischen Fortschreiten spiegelt 'sich in diesen Unterrichtswerken wider. Nur vollzieht, sich diees Fortschreiten seitens des Verfassers in ziemlich langamem Schritte. Es hat den Anschein, als wenn es den Verfassern schwer hielte, sich die modernen ' Grundsätze auf dem Gebiete des hebräischen Unterrichts restlos anzueignen. Ein Rückfall in die liebgewordene alte.Methode kommt immer wieder zum Durchbruch. Man sehe' sich daraufhin den 1. Teil vvon Schaare Zedek an: Er bringt m seinen Uebungsstücken nur sillen ein lebensvolles Ganzes. sondern lose aneinandergereihte Sätze, die inhaltlich dem Kinde nicht viel sagen, etwa in der Art der alten deutschen Lesefibeln. Dazu kommt der grammatikalische Drill, der sich unausweich ich und in Aufdringlichkeit einer jeden Uebung anschließt. Nichts ist unfern Kindern mehr zuwider als eben grammatischer Drill. Diese Erfahrung haben'die Verfasser in ihrer unterrichtlichen langjährigen Tätigkeit sicherlich auch gemacht. Da sagen uns die modernen hebräischen Lehrbücher — wir nennen nur Mandelbaum uüd Rosenfelder— mehr zu, die in unauffälliger Weise die.grämmalischen Erkenntnisse beizubringen suchen. Es ist schon richtig, was jüngst ein Kollege in der- Jüdichen Schulzsitung schrieb: Tefilla kezara von Abraham und Schaare Thora von Levy sind in ihrer Methodik veraltet. Es sind reine.Lehrbücher, die Kinder müssen Vokabeln, Bildungssilben, Reihen, kurz den ganzen Inhalt gedächtnrsmäßig sich einprägen, eine bleierne Schwere liegt über dem ganzen Unterricht und erweckt Unlust bei den Kmdern und Lehrern. An die moderne Arbeitsmethode kann nicht gedacht werden, alles erfordert Pauken und abermals Paulen. Wir sind genötigt, ditses abfällige Urteil zum Teil auch auf den 1. Teil von Schaare Zedek ferner aus Salomon ibn Gabirols „Kesrr Malchos", aus Juda Haleoi; „Kufari", aus Maimonides' „Maure Rebuchim", aus Mendelssohns „Phädon" und schließlich aus Rabbiner Hi.schs 19 Briefen und Ehoreb sollen hier nicht fehlen. Es sind dies gleichzeitig Anregungen für die freien Schülervorträge und für die iy. den Richtlinien ausdrücklich ' ungeordneten „Arbeitsgemeinschaften". Und nun zu den poetischen, Stücken des jüdischen Lesebuches! Von vornherein fei hier gesagt, daß. ein Teil der lyrischen Produkte im gerissen Sinn Nachahmung ur.ftrer Psalmen ist, und hier ebenfalls Gott und Natur verherrlicht, werden; es kommt bei den deutschen Klassikern noch die Verherrlichung der Minne (vgl. hier Schir hafchtrim) und Vaterlandsliebe (vgl. hierzu unsere Zionsgesänge!) hi.rzu. Für die Unterstufe kommen als epische Erzählungen Ehamissos „Die alte, Waschfrau", Uhlands „Der weiße sich jedoch einem jeden Unterrichtsstücke ein grammatischer Teil an, den wir entbehren zu können glauben; denn das Uebungsstück sprachlich auszuwerten, kann füglich dem Lehrer überlassen bleiben. Das Büchlein hätte u. E. nur an pädagogischem Werte und Verwendungsfähigkeit gewonnen, wenn es die Teile b und c seiner Uebungen nicht enthielte. Es flehten erhoffen, daß die Verfasser in ihrer pädagogischen Entwicklung sich so weiter entwickeln, daß ein von ihnen zu erwartendes neues Buch ihr volles Ausgehen in die Ideenwelt der modernen Methodik aufzeigen wird. Abgesehen von den gemachten Ausstellungen können' wir uns jedoch das Urteil des bereits erwähnten Kollegen Reinhardt zu eigen machen: Dis Fehler der ersten Lehrbücher sind vermieden. Die bleierne Schwere . ist geschwunden, es herrscht Leben. —n.

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