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Der Israelit · 1929-10-31 · Heft 44 (31.10.1929) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 44 (31.10.1929)
Date
1929-10-31
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 21. ©eile S 31.' Oktober 1929 Die Wege zur Behebung dieser Mängel sind in allererster Lime das Studium des jüdischen ' Schrifttums und das Hmeinleben in d-ens G e ist desselben; das ist aber nur möglich durch eigene Mtarbeit, d. h. durch s y st e m a t i s ch e s Lernen. nach der Methode des Arbettsprinzips. Die bisherim Allgemeinen angewandte Methode des passiven Zuhörens inden Mädchenschiurim erzeugt nichts wie eine' passive Genügsambeit und gewinnt nicht so weit das'Interesse, daß man sich auch in seiner Mußezeit freudig mit dem Stoffe beschäftigen würde. Es führt wohl zur Bereicherung des Wissens, aber nicht des Empfindens. Erst wenn der geistige Stoff durch eigene Arbeit nahe gerückt ist, beginnt man über denselben nachzudenten und zu sprechen und dies ist das erste Zeichen, daß derselbe vonseiner Starrheit befreit, Leben gewonnen hat — und nur aus diese Weise kann mansich eine jüdische Lebensauffassung erwerben. . Die Rednerin brachte daher die Anregung, überall Arbeitsgemeinschaften einzuführen, definierte d en Begriff der Gemenschaft. Sie ist-die erste Notwendigkeit zur fruchtbaren Arbeit. In ihr muß der Wille des Einzelnen sich dem gemeinsamen Ziel unterordnen. Da dies, nicht genügend -erfaßt wird, trägt so manche Vereinstätigkeit schon von vornherein den Todeskeim in sich. Es ist Aufgabe besonders der Frauen, in dieser Hinsicht beispielgebend zu wirken!, indem sie stes die Idee hoch über alle Kleinheit der Individualinteressen stellen. Besonders gilt das, wenn es um unsere eigene Idee, die agudisti-sche Weltanschauung geht. Es gilt immer und immer wieder trotz allen im Lokalen begründeten Unzulänglichkeiten, den Agudagedanken unbelastet von Zeitströmungen und -Erscheinungen in seinem Ewigkeitswert rein zu erhalten. Die beiden Referate wurden vom Publikum mit größtem Interesse verfolgt, da sie in markanten Zügen die gesamte jüdische Erziehungsproblematik unserer Zeit aus der persönlichen praktischen Erziehungserfahrung in den großen Zentren des Ostens uni< Westens zeichneten. Die beiden Referate waren dadurch charakterisiert, daß sie nicht theoretische Jdealforderungen brachten, sondern, daß die Rednerinnen auf dem Besten der Erfahrungen ihrer -ausgedehnten pädagogischen Tätigkeit fußend, neue Wege und- Vorschläge für die Mädchenerziehung brachten. Die Zentrale macht es sich zur Aufgabe, in der allernächsten Zeit die neuen Wege und Möglichkeiten zur Arbeit schriftlich niederzulegen, und sie wird diese Ausarbeitungen den Gruppen einzeln zusenden. , Die Diskussion» über die Referate mußte wegen der vorgerückten Zeit auf den zweiten Abend ^v.erlegs:,'wer8en7^' - Das Schülßwort ergriff, aufs lebhafteste be- . grüßt, FrMAäbdiner Ehajfm.Ofer Grodzensky, und Frcm'„Henny, Schreiber.-Mchlesiniger, Wien, gab.als Letzte mittihren Worten impulsiv dem 1Abends.lebhaften und stimmungsvollen Ausklang. ’ ‘ (Der Bericht über den zweiten Teil der Frauentagung ist in einer früheren Nummer des „Israelit" erschienen.) Bekenntnis zur P. A. Z. ‘ Won Wolf S. Jacobson in Hamburg. 7^ n - I. 7'^.. Es ist noch nicht gar. fo lange her, da wurde in unseren Kreisen eine Frage abgehandelt, die heute überwunden ist: das sogenannte „Ostjudenproblem"! Damals untersuchtenmir, — die einen recht von oben herab, die andern 'etwas Minder hoffärtig, aber auch aus . kühler Sachlichkeit, heraus — ob es denn.-überhaupt möglich, West und 'Ost in einer Gemeinschaft — unserer agudistischen —. zusammenzufasseni, ohne der einen Seite Gewalt anzutun. Heute ist die Frage beantwortet. Auch wir im Volke wissen, was unsere Großen, die sich in Fragen- und Antworten — oder, um deutlicher zusein, in uchd — gefunden hatten, schon längst, schon immer gewußt hatten: es gibt, von jüdischer Warte ge- D e r I s r a e l i t A » ü « i * «.* sehen, wohl einen Unterschied, nicht aber einen Gegensatz zwischen Ost und West. Vorurteil und - Mißtrauen hatte eine Mauer errichtet, hinter der man sich, hier wie dort, verschanzte und zu immer stärkerer und betonterer Ablehnung derer, die drüben standen, rüstete. „Drüben" sah man in uns nur den auf seine px"pn Errungenschaften und auf seine „Aufmachung" stolzen Amhoorez; „hüben" sah man in dem andern-, im Ostjuden, den „Schnorrer", indem man, dumm oder, Was schlimmer ist, böswillig, in der Ausnahme die Regel erblickte. Agudas Jisroel hat diese Mauer niedergerissen, und i-m Hellen Licht des Tages haben sich die Brüder gefunden! Im Osten kennt man den Westen mit seinen Vorzügen, die der Vernünftige dort nicht bestreitet, mit seinen Mängeln, die der Einsichtige hier zugibt. Den Westen haben repräsentative Vertreter des Ostens dessen wahres Gesicht erkennen gelehrt, das herrliche Züge aufweist, wenn auch gewiß häßliche Runzeln darin nicht fehlen. Und wenn es auch wahr ist, daß es noch heute im Westen Einzelne, ja, viele Einzelne gibt, die ein gelindes Gruseln vor dem Oestler spüren, uNd wenn es ebenso wahr ist, daß es im Osten viele Unbelehrbare gibt, die in jedem Westler den „Datfch" — identisch mit einem mehr^od-er minder ausgewachsenen snzns — sehen, so ist dies das Entscheidende: Die Regel ist zur Ausnahme geworden, und darum ist die ganze Frage kein Problem mehr. Verein für Stellenvermittlung „Schomre Schabbos“, Berlin. Für einige Vakanzen für Kinderfräulein und Wirtschaftspersonal (Stützen and Köchinnen) in guten Häusern werden noch Bewerberinnen gesucht. Ausführliche Angebote mit Bewerbungsschreiben und Zeugnisabschriften in doppelter Ausfertigung sind zu richten an Verein für Stellenvermittlung „Schomre Schabbos" Berlin N 54 Rosenthalerstr. 58 Sprechstunde: Montag bis Freitag, 10—1 Uhr Telefon: Norden 7436. Und die 2. Ken-essio Gedaulo hat auch dem Zweifler bestätigt, was uns vorher schon Gewißheit war: unter dem geographischen Gesichtspunkt — hie Ost — hie West — ist kein Problem erörtert, keines zur Abstimmung gebracht worden. Dieser G e g e n s a tz i st — wenigstens innerhalb und für Agudas' Jisroel — u berw u n d e n. ' J7. :7 .. r "... ■' . II. ' M’;;; Ein anderer Gegensatz jedoch, der älteren Datums ist,undder viel, viel tiefer 'reicht, er lebt noch. Er ist u. E. aber nicht, wie man es so oft ausdrückt, ein Problem, sondern mehr als das: das Schicksal der Menschheit selber. Dies ist „Der soziale Gegensatz", der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Herr und Diener. : : Dieser Gegensatz konnte von der K. G. nicht überwunden werden. Aber daß sie sich mit ihmin hie Breite und in die Tiefe gehend, beschäftigte, hat gezeigt, daß sich die orthodoxe Judenheit bewußt ist, wie tief -er eingreist in ihr eigenes Schicksal. ' Der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit wird immer bleiben. Und auch die göttliche Taüroh, der, weil sie göttlich ist, die menschlichsten Regungen offenbar sind, geht in ihrer sozialen Gesetzgebung — und ihre wichtigsten Gebote auf allen Gebieten, fall-tzn in den Kreis dieser Gesetze -p darauf aus, den Gegensatz zu mildern» und zu mindern. Aber auch nach ihr wird hier immer eine Spannung bleiben, denn „niemals wirdaufhören der Arme in der Mitte des Landes." Uber jener andere. Gegensatz, der zwischen Herr -und Diener, der den Menschen nach feiner Habe und nicht nach seinem Sein einschätzt, dieser Gegensatz muß ganz undvölligüberwunden werden. Da darf auch nicht im geheimsten Winkel seines Herzens der Arbeitgeber sich erhaben dünken über den Arbeitnehmer, glauben!, daß seine Leistung, daß er die Arbeit gibt, größer ist als die des Arbeitnehmers, der die Arbeit verrichtet. Und auch der Stolz des Reichen über den Armen darf nicht im geheimsten Fach seiner Seele schlummern. Denn daß der Andere arm ist, arm, trotz seiner Arbeit, trotz seiner Leistung, ist nie die Schuld d-es Armen, nicht selten aber die des Reichen. Die Grundeinstellunig zum Sinn und zum Wert der Arbett muß im Mischen Kreis eine jüdische werden. Daß jede Arbeit groß ist und ehrenvoll, daß sie dem, der sie verrichtet, Ehre und Größe gibt, darf für den reichen Mann nicht eine Sentenz sein, deren er sich zufällig und vorübergehend erinnert, wenn er gerade bei N2v» m: hält, das muß ihm M Fleisch und Blut übergehen. Die Tatsache, daß Schuster und Bierbrauer und Holzfäller und Kohlenarbeiter unsere jüdische Geistesgeschichte, und das heißt die jüdische Geschichte, entscheidend beeinflußt haben, daran soll der jüdische Fabrikant nicht nur denken, wenn ihm zu Hause beim Lernen die Gestalten jener Tanoim vors Auge treten; das muß. er wissen, wenn er in seiner Schuhfabrik mit dem jüdischen Schuhmacher, in seiner Textilfabrik mit dem jüdischen Textilarbeiter, in seiner Färberei mit dem jüdischen Färber verkehrt. Ich weiß es nicht, ob die 2. K. G., die für die eine Seite, Kapital und Arbeit, Hilfsformen suchte und fand, daß nicht die Arbeit gegen das Kapital und umgekehrt, sondern daß diese miteinander arbeiten, ob sie die andere Seite, Herr und Diener, überwunden hat. Ich möchte es hoffen, und wenn meine Hoffnung von den Andern nicht geteilt wird, so hoffe ich auf die 3. K. G. Aber dies weiß' ich: Für uns Juden hat das soziale Problem, wenn wir nun doch die gebräuchlichs Formel benutzen wollen, nur ein Gesicht. Für uns gibt es neben der sachlichen Seite, Kapital und Arbeit, keine persönliche, Herr und Diener. Und das ist die hohe Idee von Poale Agudas Jisroel. In den wirtschaftlichen- Fragen Annäherung, in den menschlichen vollkommenen und restlosen Ausgleich. Wenn sich die deutsche Landsmannschaft völlig zu diesen Ideen bekannt hat, und dies in offizieller Form durch ihren Sprecher auf der K. G. zum Ausdruck bringen ließ, so hat sie m. E. damit nur etwas Selbstverständliches aussprechen lassen. ' Man sagte aus der K. G.: Die Deutschen können. leicht..Erklärungen abgeben, In Deutschland ist Haß Heoretsiche Erörterung^ was im Osten der reale Kampf,de^ Tages ist. Wenn dies.wahr ist, und vielleicht ist es nicht ganz unchahr, dann haben wir doppelten Grund, in Bewunderung und Respekt neben und hinter den Poale Agudas Jisroel zu stehen. Denn wenn es für die. P. A. I. wirklich der Kampf ums tägliche Dasein ist auf der einen Sette,. der Kampf um die volle Menschenwürde auf. der andern;, und wenn sie trotz dieser Schärfe und Drnglichkeit des,Tages, trotz: der oft verzweifesten Situation. picht verzweifeln, — „Nichtverzwelseln", wie -das.Motto ihrer Hymne lautet, und dem -Ideal der Tauroh'vertrauen, dann müssen' wtt Helfen, daß ihr Vertrauen nicht zuschanden mied. Denn sie hoffen nicht äusi das Entgegenjkommen besserer, geläuterter, reinerer Menschen, sie bauen auf die Forderung der Tauroh, deren Gebot ihren Anspruch zu einem Rechtsanspruch -erhebt. , ’ . in. ä; - Bstr wünschten,"daß Agudas Jisroel hinsichtlich des „sozialen Problems" den gleichen Erfolg habe, wiehinsichtlich des „Ostjudenproblems". In seinem sachlichen Teil soll es durch die restlose Zusammenarbeit von Arbeitnehmer und Arbeitgeber innerhalb und außerhalb der Agudas Jis-

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