Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1929)
- Date
- 1929-10-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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IS0"' Der Jsraelit Ir. 44 mm Der Wettstreit der Buchstaben. Von Julius Cfermely. (Einzig autorisierte Uebersetzung aus 'dem Ungarischen von Maurus Mezei, Wien.)*) Das Heer der Engel, Gabriel, Michael und die Anderen, waren aus Gottes Willen entstanden, um bis in unendliche Zeiten seine treuen Diener zu sein, und dann -erschuf Gott für sich noch zweiundzwanzig Engel, zweiundzwanzig einfach gekleidete, ganz gleichförmige Engel. Gleichförmig waren sowohl ihre Kleider, wie auch die schweren Goldharnische, die Gott jedem einzelnen von ihnen auf die Brust hängte, nur die Zeichen, die Gott in jeden Harnisch eingravierte und mit Saphiren und Onxysteinen auslegte, diese zweiundzwanzig Zeichen waren bei jedem Engel verschieden. Dann sprach der Herr zu ihnen: „Wartet". ' Die anderen Engel aber fragten: „Warum sind diese zweiundzwangig mit GoldhaMiischen und Edelsteinen geschmückt, während unsere Kleider einfach und anspruchslos sind? Sind dir jene mehr als wir?" „Ihr werdet schon erfahren, weshalb?" antwortete ihnen Gott, und' als hätte er ihnen wegen ihrer Frage gezürnt. Und Jahrhunderte, Jahrtausende vergingen, aber die zweiundzwanzig Engel hatte Gott noch nicht ein einziges Mal zu sich gerufen. Sie warteten untätig hinter dem himmlischen Thron,, lauernd aus den ersten Befehl des Herrn, aber dieser Befehl ließ noch immer auf sich warten. Da verloren sie die Geduld, sie traten vor den Herrn und beschwerten sich: „Erschaffer des Himmels und der Erde", klagten sie, „lasse doch schon auch uns deiner Gnade teilhaftig Werdum. Die größte Gnade von dir ist, wenn du einen zu deinen Diensten befiehlst . . . uns Haft du noch nicht ein einziges Mal zu dir befohlen! Sind wir vielleicht unwürdig, dir zu dienen? Siehe, zu Abraham hast du bereits mehrere deiner Engel geschickt, auch zu Loth hast du welche geschickt, und zu Jakob, aber immer hast du nur Andere deiner Befehle gewürdigt, nicht uns. Und warum ist es, daß du uns nicht einmal noch einen Namen verliehen hast? Bedauerst du vielleicht, o Gott, «daß du uns erschaffen hast und willst uns nun wieder in das Nichts zurückverfenken?" Und Gott sprach zu ihnen: „Wartet. Ich habe euch zu einer großen und heiligen Sache ins Leben gerufen: zu der größten, wichtigsten und heiligsten Sache, doch ist dafür noch nicht die Zeit gekommen, — wartet also." Und die Engel warteten, in ihrem Innern den Herrn lobpreisend, daß er zu der heiligsten und erhabensten Sache gerade sie, die Zweiundzwanzig, ins Leben gerufen habe. Welches große, wichtige Amt dürfte das aber fein? Und wieder vergingM einige Jahrhunderte, das Volk Israel war bereits aus dem Lande feiner Knechtschaft ausgezogen und es hatte schon seinen ewigen, einzigen Gott erkannt. Und weil sich die Seele Israels vom Erdboden bereits in reinere Höhen zu erheben vermochte und sie schon abgehärtet und gestählt war, um der Hort der Gebote und Verkünder der Lehre vom einzigen Gott sein zu können: sah der Herr die Zeit für gekommen, dem Volke Israels einen am eifer¬ *) Nach Otjoth des Rabbl Akiba. süchtigsten gehüteten Schatz zu übergeben, das unsterbliche Werk feiner Geisteswelt: die Thora. Und er ließ sich hinab auf den Gipfel des Berges Sinai, befahl die zweiundzwanzig Engel mit den goldenen Harnischen zu sich und sprach zu ihnen aus den Wolken und aus dem Feuer: „Ihr seid alle gleich und ihr alle habet vor mir den gleichen Wert, nur das Zeichen auf euren Harnischen ist nicht das gleiche. Denn dieses Zeichen ist euer unvergänglicher Name. Du bist das Aleph, du das Beth, du das Gimmel, du das Dalled, das Heh ... du bist der Buchstabe Resch, du der Schin, du der Taph. Ihr seid die Buchstaben der hebräischen Sprache und mit euch werde ich den Text der heiligen Thora schreiben. Mit welchem von euch soll ich aber beginnen, saget mir? Ihr seid alle gleich, ihr alle habet vor mir den gleichen Wert, mit welchem von euch soll ich also die Thora beginnen?" Und die Engel warfen sich zu Boden und schwiegen. Mit welchem soll der Herr die Thora beginnen?! Mit einem Attribut läßt sich die Erhabenheit des Amtes, das ihrer erwartet, gar nicht bezeichnen; sie werden die gestaltenden Buchstaben des Textes der heiligen Thora fein ... mit welchem von ihnen' soll aber der Herr beginnen, was sollen sie antworten? „Es ist wahr," setzte der Allmächtige fort, „die Vergangenheit kennet ihr schon, die Zukunft ist euch noch unbekannt. Erblicket also auch die Zukunst, bis in die fernsten Zeiten, und nun überleget und antwortet mir auf die Frage: mit welchem von euch soll ich die Thora beginnen?" „Beginne sie mit mir!", sagte das Aleph. „Ad . . ., auch dein Name beginnt mit einem Aleph, undauch dein zweiter Name: E . aber auch echod, daß du der einzige bist, beginnt mit einem Aleph. Und auch das Wort Emes, dein erhabenes Attribut, daß du wahrhaftig bist. Aber auch der Name Adams beginnt damit, den du nach deinem Ebenibilde erschaffen hast, und der Name Abrahams, der als erster deinen Namen verkündet hat, der Name Ahrons, der der erste Priester deines Priestervolkes sein wird. Und, o Herr und Schöpfer, die Liebe, welche der Grundpfeiler der Welt ist, das Wort Ahawo beginnt ebenfalls mit einem Aleph. So möge denn auch die Thora mit einem Aleph beginnen." „Ahawo!" sprach Gott und drückte die Welt an sich. Dann sprach er zum Aleph: „Ich werde schon sehen" „Nein, mit mir beginne sie," flehte der Buchstabe Jod. „Ich habe triftigere und' stärkere Argumente als das Aleph. Dein furchtbarer heiliger Name, den auch der jeweilige Oberpriester nur unter Todesbeben aussprechen wird, dein wahrer Name beginnt gleichfalls mit einem Jod: I . . .! Ich bin der kleinste Buchstabe und du bist der größte Name, erhebe mich denn zu dir empor und beginne mit mir die Thora, mit mir. Der Name deines Volkes Israel, welchem du deine ewig heilige Lehre zugedacht hast, beginnt ebenfalls Mit Mir, und die Namen der Großen Israels beginnen auch mit mir, mit dem kleinsten der Buchstaben: Jizchak und Jakob die Urväter, Josef, der Tugendhafte und Reine, Josua, der Führer deines Volkes, Jiftach, der charakterstarke Richter, Jesajas und Jeremias, die Namen der großen Propheten deines Volkes. Und auch der Name deiner zukünftigen heiligen Stadt, der Name deines irdischen Wohnortes, der Name Jeruscholajim. Alldies sind Argumente, um die Thora mit mir zu beginnen." „Jeruscholajim!" sprach der Herr, und seinen Lippen entschwebte ein schmerzlicher Seufzer. „Mit mir beginne die Thora," sprach selbstbewußt der Buchstabe Mem. Denn der Name Mosches, ln dessen Hände du die Thora geben wirst, um sie als unschätzbares Kleinod dem Volke Israel zu überreichen: auch Mosches Name beginnt mit einem Mem, o Herr. Und auch das Wort Mizwah beginnt mit diesem Buchstaben, so sei er denn auch der Beginn der Thora. Die Beschäftigung mit der Thora ist doch die bedeutungsvollste Mizwah unter allen. Misrach und Maariw, Ost und West, beginnen mit einem Mem. Ich habe aber noch ein Argument, triftiger als alle anderen, o Herr! Jenes Wort, welches deinem Versprechen einen Namen gibt, jenem Versprechen, das Israels Seele und Hoffnung fein wird inmitten aller Höllen: der Name deines Versprechens; das Wort Moschiach, beginnt mit dem Buchstaben meines Harnisches. So möge denn auch die Thora mit einem Mem beginnen: es möge auch schon der erste Buchstabe der Thora dein Volk Israel an dein beseligendes Versprechen, an Moschiach, erinnern." „Allmächtiger," bat das Taph, „wenn schon das Wort Thora mit einem Taph beginnt, dann möge es doch auch sie selbst. Der Inbegriff der Thora, der Tarjag, beginnt ebenfalls mit diesem Buchstaben." „Nein, mit mir beginne sie," ließ sich mit Tränen in den Augen der Buchstabe Resch vernehmen. „Nicht wegen der Verdienste der Urmütter Rivka und Rahel, sondern wegen etwas anderem. Dein dankbares Volk wird dich, seinen Gott, mit dreizehn Attributen bekleiden und das erste dieser Attribute wird das Rachum fein, daß du ein barmherziger^ Mitleid empfindender Gott bist. Ad . . ., el rachum: so wird es von den Lippen der Söhne Israels erklingen . . . möge denn auch die Thora mit dem Buchstaben dieses deines erhabensten Attributes beginnne." „Erhabener Gott," war jetzt die Stimme des Gimmel zu hören, „mit mir beginne die Thora. Dein Attribut, daß du groß bist, daß: godaul ato, beginnt mit einem Gimmel. Mit demselben Buchstaben auch deme Zusicherung, die du Israel machen wirst. Zu einem Goj godaul, zu einem großen Volk wirst du es machen. Es ist wohl wahr, daß ein unendlich trauriges Wort: Golus auch mit einem Gimmel beginnt, damit beginnt aber auch das Geulo, dein Versprechen der Erlösung aus dem Golus. Israels Los, seine schlechte und gute Zukunft, ist im Gimmel enthalten, o Gott, möge denn auch die Thora mit einem Gimmel beginnen. Möge Israel schon aus dem ersten Buchstaben der Thora ersehen, daß es — und möge ihm auch noch soviel Schlechtes zustoßen — der Thora nie untreu werden darf. Denn nach dem Golus kommt ganz bestimmt das Geulo, nach dem Gehinom sicher das Gan-Eden." Das waren bisher sechs Buchstaben und es sprachen der Reihe nach auch alle anderen. Rach diesen sechs Buchstaben noch fünfzehn andere. Bloß ein einziger Buchstabe stand bescheiden und wagte nicht den Mund zu öffnen. Jeder von ihnen kämpfte um fein eigenes Recht; der Buchstabe Dalled führte zum Beweis David an, den Psalmen dichtenden König, und Daniel und Deborah; der Buchstabe Schin aberSchabos und Samuel, Schrlo und den Tempel bauenden Salomon, Gottes Liebling; der Buchstabe Zadi betonte den Kern der jüdischen Seele, die Zedoko, das Wohltun. Ohne Zedoko ist der Jude gar kein Jude; ec kann sich mit der Thora sein ganzes Leben hindurch beschäftigen: wenn er (eine Wohltaten ausübt, hat er nur ein halbes Leben gelebt, oder vielleicht überhaupt keines. Nicht die Thora alleinsondern die Wohltätigkeiten erretten einen vor dem Tode. (Schluß folgt.) Der Jlui von Hebron. Von M. Elger in Hebron. Unter den 24 Opfern in der Jeschiwa zu Hebron am 18. Aw befand sich M o s ch e l e R e i s m a ni n. Denke ich an diesen Namen, ersaßt mich der ganze Jammer dieses Schreckens-