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Der Israelit · 1929-10-31 · Heft 44 (31.10.1929) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 44 (31.10.1929)
Date
1929-10-31
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Nr. 44 Der Israelit tages in der neuesten jüdischen Geschichte, du Land und Lehre Israels von roher Hand geschändet und mit dem Blute unserer Besten besudelt wurde. „Moschele" nannten wir den Siebzehnjährigen, das war der Kosenamen, den sich dieser Primus und Stolz der Jefchiwa verdient hatte. Wäre den wilden Horden nach ein letzter Rest von Menschlichkeit geblieben, sie hätten an der reinen Stätte, wo dieser kindliche Große vor seiner Gemoro saß, halt gemacht. Aber alle Lichter der Menschlichkeit waren an diesem Tage erloschen. „Die Sonne verdunkelte sich am Himmel und der Mond zog sein Licht ein . . Er sang seine Gemoromelodie, der Jlui und Maßmid, als das kalte Eisen sein« Herz durchbohrte und er, wie ein Märtyrer aus der alten römischen Zeit, mit einem Worte der Gotteshuldigung seine junge, reine Seele aushauchte. Es blutet mir das Herz, es zittern mir die Finger, wenn ich hier meinem Freund und Kameraden, unserem geliebten Moschele, ein Wort f des Gedenkens widmen soll. Mosche Neismann war Kim,d einer hochgeachteten Familie in Palästina. Mit fünf Jahren verlor er kurz nacheinander Vater und Mutter. Verwandte brachten ihn im D i s k i n s ch e n W a i s e n h a u s e zu Jerusalem unter. Dort kamen seine genialen Eigenschaften an der« Tag, die seine Lehrer zu den höchsten Hoffnungen berechtigten. Mit neun Jahren konnte er schon dort als Lehrer eine Gemoroabteilung leiten. Mit Auch körperlich blühte -er m letzterer Zeit auf. Man konnte ihn nicht ohne Freude anfehen. Die Lehrer hüteten in ihm eine Hoffnung für Israel und die Thora und behandelten ihn danach. Da kamen die Mörder, just, wo die Blume sich richtig zu entfalten begann. Eine kostbare Blüte ist uns mit Moschele Reismann, „dem Ilm von Hebron", zertreten worden. Bei den 24 Opfern der Jefchiwa, deren jedes ein Edelopfer war, ragt das Denkmal-, das wir ihm im Herzen setzen, etwas höher hM>- auf und zeigt, was uns die Mörderhand in Erez Jisroel alles an Edel- und Zukunftsgut geraubt hat. Die renovierte Synagoge in Heidingsfeld. Voir S. Brückhsimee in Marktbreit. Wenn man gleich hinter dem Rathaus in das enge Eäßchen einbiegl, t;i welchem in sternenhellen Nächten die Giebel der einander so nahe gegenüberstehenden Häuser sich allerlei Geschichten aus dem 30 jährigen Krieg, von Kaiser Wenzel aus Böhmen, aber auch von berühmten Thorafürsten heimlich erzählen, gelangt man nach wenigen Schritten an einen freien Platz. Hier teilt sich die Gassen Aber vor der etwa mannshohen Mauer an dieser Straßengabelung und dein dahinter sich auftürmenden, beinahe quadratisch erscheinenden Hausbloy stockte der Fuß. Das Auge folgt der Mauer, empfindet sie auch hinter dem niächtigen Bau, sieht sie von der Ostreite wieder vordrängen und vermittelt so gleich im ersten Augenblick die Ahnung, daß hinter ihr etwas Bedeutendes warte. Und tritt man nun unter das eiserne Gittertor und bemerkt^ nach einem mit Gras bewasenen Platz auf dem einige Borholle des Schaare Zedek-Spitals in Jerusalem mit Verwundete« aus Jerusalem und Chevron dreizehn Jahren hatte er alle Klassen der Anstalt absolviert und fing an, selbständig zu lernen. Man wußte nicht, was man an chm zuerst bewundern sollte, den genialen, schöpferischen Geist, den klaren Sinn oder den eisernen, unermüdlichen Fleiß. Zudem zeichnete er sich durch ein Gedächtnis aus, das alle in Staunen setzte. Daß er alle Bücher der Herligen Schrift fast auswendig beherrschte und sich zwischendurch auch profanes Wissen aneignete, sei nur nebenbei erwähnt. Erst vor einem Jahre siedelte er nach Hebron über. Das Milieu im Waisenhause war ihm zu klein, zu eng. Hier in Hebron hatte er in der Jeschiwa, in der Nähe von Rabbi Mosche Mordechai, die geistige Heimat gefunden und hier wuchsen ihm die Schwingen. Hoch verehrt und innig geliebt von Lehrern und Mitschülern, saß der kleine Mann Tag und Nacht beim Studium, allgemein als der Jlui anerkannt und geschätzt. Bei alldem zeichnete sich Reismann durch sittliche Eigenschaften aus, die geradezu erzieherisch wirkten. Es kam kein häßliches oder unwahres Wort über seine Lippen. Glaubte er, Jemand verletzt zu haben, so beeilte er sich, ihm Abbitte zu leisten. Er selbst nahm keinem etwas krumm, verstand auch einen« Spaß. Mit hellen Augen und lachendem Munde kam er jedem entgegen, ohne jemals seine Vorzugsstellung, die ihm die besonderen Gaben einbrachten, irgendwie ausM nutzen. noch junge Pappeln stehen, bas. Gebäude kn seiner ganzen monumentalen Wucht und daneben — Nein und niedrig im Vergleich zu ihm — zwei Kleinstadthäuser, dann liegt die Vermutung nahe, daß da, umgeben von seinen Dienstleuten, ein Grandseigneur in hoheitsvoller Stille residiere. Und diese Annahme trifft zu in allen ihren Auszweigungen: Es thront hier der Herr, der die Erde geformt, der den Regenbogen spannt über durstgetrynktem Gefilde, Und der den Menschen segnet, überall wo er Seiner in Demut gedenkt. Dieser,sast trotzige Bau ist die Synagoge von Heidmgsfeld. Durch ein Portalhäuschen betritt man den Betraum der Männer. Die Erwartung ist gespannt. Mit dem Bilde einer der schönen fränkischen Synagogen im Kopfe erhofft man hier eine noch altertümlichere Ausstattung, eine noch deutlichere Betonung alter Ueberlirferungrn. Doch wie der arme Fischer, benommen von der glitzernden Schönheit, , die Augen bedeckt, wenn ihn der Wtige Wassergeist in sein unterirdisches Schloßführt, so glaubt "man, den Blick nach oben gerichtet, in . einem Saale , der Würzburger Residenz sich zu befinden. Denn dje hohe Spiegeldecke, in der Mitte in. zartem Lila überhaucht, zeigt einen meisterhaften Stuck zierlicher mit Bändern umflatterter Rokokokränze wie sie anmutiger kaum in Balthasar Neumanns Prunkbau sich im Kreise schwingen.. An den neun kunstvollen Messingleuchtern, von denen einer den ein Bündel Blitze tragenden Jupiter (?), ein anderer den auch im Stadtwappen befindlichen böhmischen Löwen zeigt, gleitet das Auge herab auf den steinernen Almemor. Von den ihn früher umdrä'ngenden Gebetständern befreit, die wie in ftp'hardischen Synagogen sich an den Wänden entlang reihen, wächst er, so mächtbewußt und naturhaft wie ein' Baumrieft, aus dem ' backsteinernsn Grunde. .Zwei Tteppen hie an ihreü Aufgängen sgroße grün angeläfftne Pinienäpfel tragen, führen auf: . die 31. OMÄtzip 1923 Estrade. Um diese schwingt sich eine mit stilechten Barockformen verzierte Balustrade, die mit ihren mit hohen Leuchtern bestandenen Gesimsen weit ausgreift, als wollte sie die ganze Menschheit zur Entgegennahme des hehren Gotteswortes herbeizwingen. - Der Thoraschrem wirkt trotz seiner Zieraten, den Lwel Säulen, dem verkröpften Gebälk mit den Vasen darüber, etwas zu nüchtern. Für diefen massigen Raum hätte man als Gegenstück zur Bimah eher einen Steinkoloß erwartet, der als Teil der Ostmauer, aus ihr heraushängend, sich zur Höhe gebäumt hätte. Auch die-einem Oraun-hakodesch sonst selten beigegebenen antiken Sabbatlampen, die an dreieckigen, mit Laub- und Bandwerk geschmückten Auslegern hängen, geben nur ein weiteres interessantes Detail. Dagegen-bleibt man lange noch im Banne des mit seltener Hingabe und Kunstfertigkeit 'gewirkten . Brokätvorhanges, vor dem man sich staunend fragt, ob man Mehr die 'sinnigen Stickereien oder die ihn fast neu erscheinen lassenden Aufsrischungsarbeiten bewundern soll. Und dann warte man in der Synagoge, bis die letzten Lichter des Tages erloschen sind. Bis durch die hohen Fensterbogen mit den absonderlich hineingebauten Fenstern fahlgelber Monddämmer Hereins ällt, kn welchem das Ewige Licht in der Ecke toie ein Giühwurm ry warmen Juninächten auf- und abgeiftert. In dem Brauen und Wogen dieses Halbdunkels gewinnt das Oelgsmälde der Sammlung Selrgsberger, das einen Jom-Kippur in der Hsidingsfelder Synagoge dar- I I «Stegaateaflp I ,, , s , " I* r. s. dftv. * Mosche Hadbater. ein Jeschirvadachur aus Chevron, 16 Jahre all. Er wurde Irrtümltry tut gemeldet, lebt oder und Hegt schwerverletzt int Schaare Zetzrt-Hpital in Jerusalem» stellt warmes Leben: Eine kleine Pause war eingelegt worden. Bald soll das Neiloh-Gebet beginnen. Aus oen Ständern an der Wand löftn sich hohe Gestalten in weißen Sterbegrwändern. Männer mit den hohen Hüten des ausgehenden 12. Jahrhunderts auf dem bärtigen Köpfe treten neben dem Almemor zu Gruppen zusammen. Ein feines Raunen und Rascheln geht durch den weiten Raum. Die Gittertürchen an den barock-aejchnittenen Fenstern der Frauensynagoge werden leise zurückgeschoben, weiße Häubchen beugen sich heraus und nicken antwortend herüber in den Männerraum. Und in einer zweiten Frauenabteilung darüber die unter den Schiebern die reliesartigen Decken und Holzgewände etwas deutlicher zeigt, ein Hirschen und Hiu- und Hergleiten der weiblichen Jugend. Aber noch einmal hoher hinauf, an einem Fenster, das mit der Decke abschließt, stehen dichtgedrängt christliche Knaben und Mädchen, die sich jedes Jahr am Versöhnungstage über die außen wie ein Turm angebaute Wendeltreppe hinaufschleichen, um in stiller Scheu zu lauschen und zu betrachten. Und vermeint man nicht, daß die. weiße Gestalt vor dem Heiligen Schrei'i, langsam sich in den Hüsten wiegend, leise die so wehmütige Melodie des Neiloh-Kaddisch probiere? .. . Da knackt ein elektrischer Schalter. Die Gestalten springen in die Schatten der Gebetständer. Aber das Gotteshaus zeigt im diffusen Licht der ' kleinen ißirnen aufden Messingleuchtern (wodurch die Wirkung des Kerzenlichtes gut nachgeahmt ist) noch einmal ganz.deutlich seine einzigartige Schönheit. - Daunsteht man wieder draußen in dem ummauerten Vorhof. - / d Und man spürt es deutlich: schon das Betrachten dieser in ihrer Art in Deutschland ganz ungewohnten Synagoge ist Andacht und heilige Erschütterung.

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