Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1929)
- Date
- 1929-10-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Bl. Oftober 1929 Der Israelit Nr. 44. Korrespondenzen « ßaebriebfen. r/AV'' Deutsches Reich. Simon Schocken tödlich verunglückt. Berlin, 28. Oktober. Simon S cho ck e n , Mitbegründer und Ssniorches "der Firma I. Schocken Söhne und der Kommanditgesellschaft Schocken in Zwickau, ist vor einigen Tagen aus einer Autosahrt in Schlesien verunglückt und in einer Berliner Privatklinik seinen Verletzungen erlegen. Er hat «in Alter von 55 Jahren erreicht. Herr Salmann Schocken, der mit seinem verunglückten Bruder in dem gleichen Auto saß, kam mit nur leichten Verletzungen davon. Der verstorbene Simon Schocken hat es mit seinen Brüdern verstanden, das verhältnismäßig kleine Stammhaus Ury Schocken in Zwickau zu einem bedeutenden Warenmauskonzern mit großen Filialen in sächsischen, bayrischen, württembergischen und preußischen Groß- und Mittelstädten äuszubauen und den großen Ruf des Hauses Schocken zu begründen. Er betätigte sich auch intensiv -am kulturellen und sozialen Leben des deutschen Judentums und war seit Gründung der Jüdischen Gemeinde Zwickau vor 18 Jahren e r st e r V o r st e h e r dieser Gemeinde. Er wandte größere Summen dem Palästina-Aufbauwerk und dem jüdischen Wohlsahrtswesen zu. Einen .großen Teil seines Privatgutes stellte er für die Ausbildung jüdischer Siedler zur Verfügung. Die Beerdigung fand am Montag, den 28. Oktober, nachmittags 2,30 Uhr, von der Halle des Friedhofes der Adaß Jisroel-Gemeinde in Berkin-Weißensee unter großer Beteiligung führender jüdischer Persönlichkeiten statt. Um -5 Uhr nachmittags wurde im Meistersaal eine Trauerfeier abgehalten. Die neuen Kirchensteuergesetze und die jüdischen Gemeinden. Breslau, 15. Oktober. In der letzten Septembersitzung der hiesigen Geineindevertretung entspann sich eine interessante Auseinandersetzung über die Möglichkeit der Anwendung der neuen Kirchensteuergesetze auf die Synagogengemeinden. Der Vorstand berichtete, daß er über diese Fragen mit den christlichen Religionsgesellschasten gemeinsame Besprechungen abgehalten habe, und daß man es für höchst fraglich halte, ob die Heranziehung der Reichsvermögenssteuer neben der Reichseinkommensteuer sich lohnen werde. Jedenfalls werde ein kleiner Zuschlag von etwa 1 Prozent zur Reichsvermögenssteuer für die größeren Städte ebensowenig rentabel sein wie die Einführung des sogenannten Kopfgeldes. Immerhin könne eine Situation «intreten, in der man doch genötigt sein werde, die Vermögenssteuer als Grundlage heranzuziehen. In der Debatte wurde hervorgehoben, daß man einen Zuschlag von 25 Prozent der Vermögenssteuer ruhig nehmen dürfe. Angarn. Fortdauer der Ausschreitungen an den Hochschulen. Budapest, 20. Oktober. Ungeachtet aller Verwarnungen seitens der Universitätsbehörden dauerten am Freitag Vormittag an der Technischen Hochschule die Ausschreitungen gegen jüdische Hörer fort. Es wurden wieder jüdische Studenten tätlich insultiert und auf die Straße gejagt. Am Nachmittag kam es an der juridischen Fakultät zu Ausschreitungen gegen jüdische Hörer. Am Sonnabend Vormittag erschien an der Technischen Hochschule Rektor Dr. Szilly in den Hörsälen und ersuchte die Hörer, sich jeder Ruhestörung zu enthalten, da er sonst die energischsten Maßnahmen anwenden müßte. Adolf Frankl — Oberhausmitglied. Budapest. 29. Oktober, r Durch den Tod von Oberrabbiner Kopel Reich erwächst für die orthodore jüdische Konfession in Ungarn die gesetzliche Pflicht, einen neuen Vertreter der Orthodoxie in das Oberhaus der ungarischen Gesetzgebung .za entsenden. Nach dem Wortlaute des Gesetzes käme nur ein. Rabbiner für diese staatsrechtliche Stelle in Betracht, obwohl bei der evangelischen, kalvinischen und unitarischen Konfession auch weltliche Persönlichkeiten wählbar sind. Bekanntlich gab es aber bei Schaffung Die Woche. Berlin. Hans Schemm m Bayreuth, der verantwortliche Redakteur des naMonal-soziialisttschen Blattes „Der Weckruf", wurde wegen Ritualmordhetze in Verbindung mich der Mord-- strche des Primaners Daube zu einer Geldstrafe von Mk. 300.— verurteilt, fein Kollegs V r ä u t i g a m erhielt die gleiche Strafe ante-lle einer verwirkten Gefängnisstrafe. — Nach statistischen Angaben von Herbert P h i - li pp su hl befanden sich unter den 9746 Personen, Ae 1926. in Preußen Selbstmord begingen, 204 Juden (2 Proz.) Hamburg. Professor Dr. Abby Warburg, ein hervorragender Kunsthistoriker, ist im Alter von 69 Jahrn g e st o r b e n. Ein Angehöriger der bekannten FamiWe Warburg, schuf er die weltberühmte, viele tausende Bände umfassende „Bibliothek Warburg". Ein Bruder von Felix M. Warburg in Newyort und Max M. Marburg, widmete er feine Kraft nicht wie seine Brüder der Wirtschaft, sondern der Wissenschaft und der Kulturforschung. Elberfeld. In der Nacht zu Samstag wurden Ae Außenwände der Synagoge mit Plakaten' über das Volksbegehren beklebt und austerdem Wände und Treppen in schamloser' Weise besudelt. Die Täter blieben unb'ekannt. Wien. Eine offizielle Liste der JsraeWischen Kultusgemeinide gibt bekannt, daß der Dichter Franz Werfel offiziell aus dem Judentum ausgetreten fei. Ob er einer anderen christlichen Kirche beigetretenist, ist nicht bekannt. Vor kurzem erst hatte Werfel in Zuschriften an jüdische Zeitungen sein jüdisches Nationalbewußtsein scharf betont. Wilna. Eine Konferenz des Jüdischen wissenschaifWichen Institutes wurde am Mittwoch den 23. Oktober eröffnet. Die Ansprache hielt Dr. Z. Szabad. Warschau. In der Jüdischen Gemeinde Nowydwor wurde 'der jüdische Friedhof in bestialischer Weise geschändet. Da die Polizei untätig 'bleibt, wird Warschau' um Entsendung einer Unbersuchungskommission angegangen. Moskau. Indem vom Joint gemeinsam mit dem „Verbände des Gesundheitsschutz der Juden" „Ose" herausgegebenen Bericht ist u. a. verzeichnet, daß die Gesellschaft im letzten Jahve unter den Juden im Kreise Odessa in 130 000 Fällen ärztliche Hilfe geleistet har. — Die jüdisch-kommunistischen Blätter, an deren Spitze der „Emeß", fordern Ae Auflösung der Moskauer Jüdischen Gemeinde und die Befchlaignahme -der großen Chorsynagivge. Auch Ae „Gesellschaft zur Ärbreitung von Bildung unter den Juden" soll aufgelöst werden. — Die Universität in Smolensk Hut für diesen Winter einen Lehrstuhl für Geschichte und Ursache des Antisemitismus errichtet, um die Studenten mit Rüstzeug für den Kampf gegen diese Seuche auszustatten. — Eine Gruppe Bäuerinnen im Dorfe Repki, Kreis Mohilew, überfiel in der Nacht zwei -in einem einsam gelegenen Häuschen wohnende jüdische Witwen, die die einzigen jüdischen Einwohner des Dorfes sind und durch Ausbessern alter Mckder ihr Dasein fristen, und unterzogen sie unglaublichen Peinigungen. Schließlich wurden die gepeinigten Opfer an den« Ofen gebunden, woraufhin das Haus in Brand gesteckt wurde, damit die jüdischen Frauen verbrennen. Der Brand lockte die Dorfbehörden herbei, Ae Ae schon bewußtlos gewordenen, Frauen reibbeten und Ae schuldigen- Bäuerinnen verhafteten!. Saloniki. Benizelos sprach sich ineinem Telegramm an >den Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Saloniki gegen die antisemitische Hetze aus und -erklärte-, daß Ae griechische Regierung den Antisemitismus mistbiMge. Jerusalem. In der Nähe von Tel-Awiiw wurde dieser Tage der Grundstein für die Kolonie Natania, eine Stiftung >des amerikanischen Phil-aniropne Nathan Strauß, gelegt. Der Sekretär begrüßte insbesondere Ae a r-a b is ch en Gäste und wies aus Ae speundMchwMchen Beziehungen zwischen Arabernnnd Juden in dieser Gegend hin-. Rewyork. Auch..in Amerika zeigen sich Studentenunvuhen. Beil der Eröffn nung des Semesters an der Harvard- Universität zu Cambridge wurden jüdische Studenten insultiert. Dis Presse verurbeiHt diese Versuche aufs Schärfste. dieses Gesetzes persönliche Unstimmigkeiten unter den Führern der neologen Judenschast, die man nur dadurch beseitigen zu können glaubte, daß in letzter Minute ein Zusatz in das neue Gesetz ausgenommen wurde, daß die beiden Vertreter der Judenschast „Rabbiner" sein müssen. Damit war damals auch die Kandidatur Adolf Frankls, wenn auch ungewollt, gegenstandslos geworden. Heute ist diese Frage wieder aktuell geworden und merkwürdiger Weise gibt es nur einen Kandidaten für diese hohe staatsrechtliche Würde: Adolf Frankl. Die unbegrenzte Verehrung, die sich der illustre orthodore Landespräsident in allen jüdischen und nichtjüdischen Kreisen erfreut, ist wieder einmal spontan zum Ausdruck gekommen. Man spricht im ganzen Lande von keinem anderen Kandidaten. Und die Tatsache, daß die beiden jüdischen konfessionellen Zeitungen „Egyenlößig" und „Zsido Ujsag" in großen Aussätzen Adolf Frankl bereits als präsumtiven Vertreter der orthodoxen Judenschast im ungarischen Oberhause feiern, ist Beweis genug, daß die führenden Männer in größter Uebereinstimmung dieses Vorhaben verwirklichen werden. Auch ln diesem Zusammenhänge ist es sehr bemerkenswert, daß „Egyenlößig", das bekannte offizielle Organ der Reologie, den ideellen Wert und die politische Bedeutung des illustren orthodoxen Landespräskdenten für die Eesamtjudenh e i t Ungarns reklamiert. Wenn aber die neue Verfassung des Oberhauses doch erporesis verbis einen richtiggehenden „Rabbiner" vorschreibt? Die Schristgelehrten antworten daraus folgendes: Was die rabbinische Qualifikation Wivifft, ist es allgemein bekannt, daß Rabbi Awrohom Frankl in der Reihe der rabbinischen Kapazitäten des Landes auch als gediegener Talmud gelehrter einen hervorragenden Platz einnimmt. Zahlreiche halachische Abhandlungen, die von ihm bereits erschienen sind, wie nicht minder seine handschriftlichen Werke auf den ganzen Talmud, sind beredte Zeugen dafür, daß er als anerkannter Thoragelehrter auch dem bekannten Rabbinerstande alle Ehre macht, •nprp ’an a^n Von Rabbi Samson Wertheimer ist es historisch bekannt, daß er den Titel eines Landes- Oberrabbiners von Ungarn führte, obwohl er in seinem Hauptberufe der einflußreiche Faktor am Kaiserhose in Wien war. Sollte es sich aber mehr um denk Geist des Gesetzes handeln, werden sicherlich hervorragende orthodore Gemeinden sich beeilen, diesen allgemein verehrten Führer, Rabbi Awrohom Frankl, als ihren Ehrenrabbiner zu wählen. -naiv v'-isni' N2ü ntofcV Das ungarische Parlament für den Schuh der Inden. B u d a p e st , 24. Oktober. Das ungarische Parlament behandelte heute die Interpellation des Sozialisten P e y e r betreffend den Schutz der ungarischen Juden im Zusammenh a n g mit der Genfer Rede des ungarischen Völkerbundvertreters, Grafen Albert Apponyi, über die Notwendigkeit des Schutzes der Juden in Palästina. Der Interpellant Peyer fragte, warum die ungarische Negierung diese Ausfassung nicht auch in Ungarn zu verwirklichen bestrebt ist? Die jüdische Bevölkerung Ungarns wird noch immer in einem Ausnahmezustand gehalten. Bei der Revision der Schank- und Trafkklizenzen gilt es als erschwerender Umstand, wenn jemand jüdischer Konfession ist. Sehr brauchbare Lehrer werden gezwungen, ihre Stellen zu verlassen, die nichts anderes verbrochen haben, als daß sie eben Juden sind. Auch bei der Durchführung der Bodenreform waren für. die jüdischen Grundbesitzer spezielle Gesichtspunkte maßgebend. In den Hochschulen werden die jüdischen Hörer insultiert und neuerdings auch „überredet", die Lehrsäle zu verlassen, wo sie ihren Studien obliegen. Ministerpräsident Gras Stefan Vethlen beantwortete die Jnerpellaion Peyers. Er stellte entschieden in Abrede, daß die Angehörigkeit zur jüdischen Konfession bei der Revision der Schank- und Trasiklizenzen als Nachteil betrachtet wird, woraus Abg. Kabok dazwischen ries: „Es genügt nicht, in Abrede zu stellen; Beweise müssen Sie liefern, Herr Ministerpräsident!" Graf Bethlen erwiderte: Es hat immer der zu beweisen, der beschuldigt. Unrichtig sei auch die Behauptung, als wären zahlreiche Lehrer nur darum, weil sie israelitischer Konfession sind, entlassen worden. Das Gericht für Besitzregelung hat den Paragraphen 5 bezüglich der im Kriege erworbenen Grundbesitze angewandt. Dafür kann ich nichts, daß dieser Paragraph in vielen Fällen unsere israeitischen Mitbürger getroffen hat. Abg. Peyer rief dem Ministerpräsidenten zu, daß auch die Bodenerwer«