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Der Israelit · 1929-10-31 · Heft 44 (31.10.1929) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 44 (31.10.1929)
Date
1929-10-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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31. Oktober 1929 Der Israelit mt. a». Denn kraftvolle Lebendigkeit strahlt aus, wirkt suggestiv. Je lebendiger wir also sind-, desto mehr sind wir auch in der Lage, unsere Lebendigkeit auf den lebendigen Organismus der Natur auszustrahlen, die Lebendigkeit der Natur zu beeinflussen und sie dem Rhythmus der eigetren Lebendigkeit anzupassen. Wenn der Kosmos für uns vom töten Naturgesetz beherrscht'wird>, kann er auch für imis nicht feine Lebenskraft zur vollen Entfaltung bringen, kann der Boden, den wir bebauen, nicht fruchtbar, können die ökonomischen Verhältnisse, auf die wir unseren Erwerb stützen, nicht gewinnbringend sein. Der emzelm-e ist zu schwach, um durch seine Lebendigkeit die Lebendigkeit der Natur zu beeinflussen. Dies kann nur durch einen über das Individuum hinausgehenden, dem Boden und den ökonomischen- Berhältmffen freier gegenüber stehenden natürlichen kollektiven Organismus geschehen; ein solcher ist das naturgewachfene Volk, also auch das jüdikche Volk. Seine Lebenserhöhung, fein Thorarhythmus vermag auf Matur und Wirtschaft Eindruck auszuüben; das jüdische Volk kann durch die Lebendigkeit der Thora sich den Segen des Lebendigen, die Fruchtbarkeit der Natur selbst erringen. Je lebendiger, je kollektiv-lebendiger wir also werden, desto mehr werÄemi wir in der Lage fein, über die Natur und deren sogenannten Gesetze zu herrschen. Frei werden wir sein um uns und in uns. Das Christentum, das kollektiv-organische Bewegungen nicht kennt, kann seinen Gläubigen nur das Jenseits verheißen; das Judentum kann auch das Diesseits versprechen. Das jüdische Volk vermag das Diesseits aus eigener Kraft, mit eigener Lebenskraft, mit der Kraft des Thorarhythmus zu erobern. Willst Du Gesetz oder Leben, Zwang oder Freiheit, Fluch oder Segen? In Deiner Hand liegt die Entscheidung. Wähle das Leben! Wochenrundschau. Ein Winker des Witzvergnügens In Palästina werden Blutprozesse aus-; getragen. In Wien und Budapest jagen' Studenten die jüdischen Kommilitonen aus, den Hörsälen. In unserem lieben Deutsch- J tand gehen die Wellen des Haffes hoch und höher um ein verunglücktes Volksbegeh r e in;. Gerichte fällen — oft auffällig milde —7 Urteile über Friedhossschänder, Religionslästerer und Ritualmordverleumder. Än Baden wird ein neuer Landtag mit einer nationalsozialistischen Fraktion von sechs Mitgliedern die parlamentarische Arbeit beginnen. Die Kraft, die die Räder des politischen Lebens speist und treibt, ist der Haß. ' . . Dieses letztere Ereignis, die schmerzlichste En-ttäuschung der letzten Tage, zwingt zu -einigem Nachdenken. In dem Lande SWdeutschlands, das in der withelmmifchen Zeit unter der Sonne menschlich denkender Fürsten eine wahre Hochburg des Friedens und der Freiheit war, in diesem einstens wirklichen Musterländchen der politischen und religiösen Toleranz schwören nach zehn Jahren« Republik 60 000 wahlberechtigte Staatsbürger auf ein Programm des Terrors, ein Programm des bitteren Haffes, der Entrechtung und Enteignung, wie es die Nationalsozialisten zur Verneinung und Bekämpfung von Reich und Staat aufgestellt Haben. Mag sein-, daß die sechs haßverz-errten neuen Gesichter im badischen Landtage das parlamentarische Bild im Ganzen nicht verschieben, denpolitischen Kurs nicht zurückdrehen können, aber das Symbolische dieses nationalsozialistischen Erfolges kann nicht außer Acht gelassen werden." Das sechsköpfige Ungeheuer der nationalsozialistischen Fraktion im Parlamente des einstens freiesten süddeutschen Staates ist die reife Frucht -einer wilden Hetze von vielen Jahren, die sich, nicht allem! gegen uns kehrt. Gewiß hatte die politische und wirtschaftliche Not ihre Handmit im Spiele. Sie treibt die Verärgerten in die extremen Gruppen n-ach rechts und links. Aber daß die Giftsaaten aus dem dunklen Boden der Volksnot solche Blüten treiben konnten, müßte doch den Besten in Deutschland die Augen über die Gefahrlage öffirißn und sie zur Abwehr und Abhilfe aufrufen! Die jüdischen Organisationen-, die nach Neigung und Berufung im Kampfe gegen den Antisemit-ismus stehen, — wir unterschätzen diese Tätigkeit in unserer Zeit keineswegs, — werden in diesem Winter des Mißvergnügens reichlich zu tunhaben. All diejenigen aber, deren Auge mehr nach vn innen gerichtet ist, sollten sich im Anblick der äußeren Lage noch mehr um die eigene Fahre scharen und ihre Kraft auf eine jüdische Arbeit konzentrieren, die in ihrer sammelnden und erzieherischen Wirkung uns mit dem Panzer umgibt, der uns in all den schweren Jahrhunderten der Geschichte geschützt und heil erhalten! hat. Der Eifer, den die Feinde für eine schlechte Sache aufbieten, sollte uns belehren, was sich mit Kraft Tragen Sie „die gute... -Kleidung kt Auf Wunsch “ltPD Verarbeitung und Willen alles für die eigene gute Sache erreichen ließe. Organisationen und Vereine rüsten zur Arbeit, eröffnen ihre Wintersemester. Bei der ersprießlichen Arbeit zur Errichtung des eigenen Lebenshauses, zur Erstarkung von Thoralehre und Thoraleben kann uns dieser Winter des politischen Mißvergnügens zu einem Winter der Arbeit und d er höchste n K r a f 1 e n t f a l t u n g werden. Ankerfuchung in Palästina. Die Untersuchungskomm ission ist in Palästina eingetrossen und hat ihre Arbeit begonnen. Die Araber setzten Himmel und Hölle in Bewegung, die Herren unter Führung von Sir Walter Shaw für sich und ihre Sache zu gewinnen. Wie die arabische Intelligenz sich zu -ein e r Einheitsfront zusammengeschlossen hat, jum die Verurteilung der Räuber und- Mörder! durch die Gerichte zu verhindern, so zeigt sie jetzt 'nicht übel Lust, sich geschloffen zwischen die Kom-! Mission und die Wahrheit zu stellen?. Das dürfte 'ihr dieses Mal nicht gelingen. Die Untersuchungs- Kommission, die mit der Aufgabe nach Palästina 'gekommen ist, die Wahrheit hinter den blutigen -Dingen zu forschen, wird sich durch Streik und! Boykott so wenig schrecken, wie durch Schmeicheleien fangen lassen. Der Streik reicht hinunjter bis zu den Schülern der arabischen! Schulen I in Nablus und Jerusalem, die, von Hu-ligans auf-! gehetzt, sich gern schulfreie Tage machen. Mit j ihnen und mit den- Lehrern, soweit solche daran j beteiligt sind, wirddas Unterrichtsdepartement -fertig werden. Die Bekämpfung des Boykotts haben die Behörden energisch in die Hand getrommen. Gegen Boykottagttatvr-en wird einzeln und summarisch mit den Bestimmung-en gegen Aufruhr vorgegangen. Exemplarische Strafen sind bereits verhängt worden. So wird reine und Herzen Israels" hineingeleitet. Rein wie die n^-> n dem Felsen der Urzeit entquillt, muß sie uns den Kindern der Jetztzeit entströmen. Unsere muß rein sein von jedem Aberglauben und non all den schlammigen Beigaben, mit welchen Geistesbetörung und Herzenstrug unsere-Quellen ^trüben. Wir dürfen keine jüdische Wissenschaft als Heilkünstlerin verehren. Wir dürfen keinem noch so fromm klingenden Sprüchlein die Kraft zu retten und zu schützen beimessen. Auf solchen Wegen der abergläubischen Gesundbeterei läßt sich der Gott Israels nicht finden. Aus solchen Wegen schleichen die Todesschatten, ob sie auch die Sonne des Kulturjahrhunderts bestrahlt. Solche Wege führen zum Götzentum, aber nicht zum ewigen Gotte. Wer in sich selbst, in seinem Denken und Empfinden, dem fremden Götzen des Aberglaubens Raum gibt; der kann nicht den wahren Gott anbeten. Ihm ruft das Psalmwort zu im mnnwn xni n 'x 72 "m x\ Wir müssen uns von jedem Aberglauben ftei machen, wenn wir als 0'1-in' zu unserem Gott beten wollen. Diese Befreiung ist auch ri^ixa, eine innere oft schwer zu bemerkende nViNJs und auch diese n^-xa gilt der Satz ^0 nyntfi ini>onV noma nbsnb n^-xa -pov-m- Kleines Feuilleton. Das jüdische Lied und die jüdiche Weise. (Aus einem Varspruch bei einem jüdischen Schallplattenkonzert am 21, Oktober in der Franksurtloge). Daß wir das älteste Md vielleicht das einzige Kolk auf Erden sind, das Platten und Walzen zur Aufnahme von Leid und Freud kannte, ist gewiß. Haben da einmal Menschen geweint in bittrem Schmerze, geschwelgt in Welthoffnung, gesungen im Aufblicke zu'Gott, und Platten haben ausgenommen „diese Tränen, diese Hoffnung, die Lieder von Lust und Leid, daß wir sie heute noch Habens Das find nnsere'Psalmen, unsere Slichaus, unsere Smiräus, unsere Gebete überhaupt. Eine Wunderharfe hing über dem Bette König Davids, und wenn die Mitternacht kam, dann strich der Nordwind über die Saiten, und sie spielte von selber. Gewiß ist, daß immer wenn die Nacht des Golus den Höhepunkt erreicht hatte, die Stürme über die Saiten fuhren und sich ein seltsames Singen und Klingen aus der jüdischen Volksseele erhob. Leid und Lied waren von jeher bei allen Völkern Zwillingsbrüder. Bei uns ists mehr. „An den Strömen Babels saßen unsere Bäler, an die Weiden hingen sie ihre Harfen und schwpren, nicht mehr das Zionslied aus fremdem Boden zu sitzHen." Indem sie es aber schworen, sangen sie auch, oefifi es ist ein Psalmgesang, der uns der uns diesen Schwur an den Babels Strömen vermittelt. So wird das .jüdische Leid der Vater des jüdischen Liedes.;;' Aber nicht nur Weinen gab es im Ghetto, -mankonnte dort auch lachen. Man darf nicht glauben,' daß das - alte Ghetto immer in Trauer gehüllt ' und in Tränen aufgelöst war. Gewiß, es gab kritische. Zeiten, Perioden der Angst und Gefahren, da Blutgier und Raubsucht, auch religiöser Fanatismus mit Kreuz und Brandfackel, an die Außenmauern pochten. Düzrvischen aber, lebte in ruhigen Zeiten das lebendige Leben und lachte die Freude, arbeitete der jüdische Geist und schuf ewige Werte, die alle steinerne Sachlichkeit der Rjüerzeit und des Baroks überdauerten. Die Tränen und. Seufzer, davon zeugen ein paar kleine, dünne Büchlftn; was das Leben, und. der Geist und die Freude geschaffen - haben, däs sind Folianten, für die alle Regale unserer Bibliotheken nicht ausreichen. Auch aus dieser Zeit haben wir Lieder, weltliche Lieder, Lieder der Freude, Lieder des Lebens. Die Entwicklung des jüdischen Liedes greift weit zurück, bis zur kastilifchen Zeit des Gabriol, Iehuda Halevy, Eben Esra und der Paitanim. Noch interessanter wäre es, die jüdischen Melodien in ihrer Entstehung und ihrer Entwicklung zu verfolgen. Sie find uralt und schon der Maharil vor 500 Jahren soll sie gekannt haben. Ganz gewiß sang man damals im Ghetto die ers-iu nw« Gesänge, insbesondere „Kol-Nidre", die „Awaudo" wurden genau gesungen wie heute, so daß wir uns an de« heiligen Tagen mit den ftüheren Generationen verbunden wissen. Jedes Fest hat seine Melodie, und die ist der Natur abgelauscht. Ein paar kräftige Takte mit Addir-Hu, und wir sehen Blühen, Werden, Frühling; reife Aehren wiegen sich mit der Äkdomuthmelodie. Ein echter Siegesgesang nach bestandenem inneren Kampfe erschallt nach allen vier Richtungen mit den Bew gungen des Lulows. Chanuckamelodie, Hagadahlieder. 7- 2 -m* soll ein alter Italienischer Reitermarsch sein. Was macht das? Er ist geheiligt. Man hatte mit einem kräftigen Reitermarsch, den man draußen gehört hatte, Prinzessin Sabbat hinausbegleitet, und damit wurde die Melodie adoptiert, ist ein legitimes Kind jüdischer Tradition. Auch der Volkswitz fehlte bei solchen Melodien nicht. Wenn man für das Benschen beim Hochzeitsschmaus die Melodie des -Vn 7, oder umgekehrt für Hamans letzten Gang eine Hochzeitsmelodie wählt, wer spürt da nicht den Schalk im Nacken des angeblich gedrückten Ghettomenschen? Da ist wieder einmal einer hängen geblieben . . .! In letzterer Zeit lassen sich drei Perioden im jüdischen Gesänge unterscheiden. 1. Der religiöse Gesang, oder richtiger der kanonisierte Prosangesang, gepflegt durch den Chasen mit

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