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Der Israelit · 1929-10-31 · Heft 44 (31.10.1929) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 44 (31.10.1929)
Date
1929-10-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. Nr. 44 Der Israeli! 31. Oktober 1929 mit Leben begnadete Wesen zu einer neuen selbständigen Einheit macht.*) Etwas absolut Totes gibt es in der ganzen Welt überhaupt nicht. Es gibt nur graduelle Unterschiede der Lebendigkeit. Der eine Zustand, z. B. der sogenannte Tod des Menschen, ist dem absoluten Tod näher als ein anderer, lebendigerer Zustand. Die Toten sind ja nicht tot; sie schlummern nur. Im Lebendigen kehrt niemals das Gleiche wieder. Höchstens kann man von einer Wiederholung des Aehnlichen, von einem Rhythmus des Lebendigen sprechen. Aber auch in der Aufeinanderfolge der AehMchkeit gibt es keine Regelmäßigkeit. Die hundertste Welle im Meer ist der ersten vielleicht ähnlicher als die zweite. Im Lebendigen gibt es daher keine Entwicklung, nur ein Hinausstsi'gen vom relativ Lebendigen bis zur Berührung mit dem absolut Lebendigen. Gesetz als das ewig Gleiche und Leben als das ewig Reue schließen sich daher einander aus. Der Kosmos ist entweder dem Naturgesetz unterworfen oder er ist lebendig. Ein Drittes gibt es nicht. Das, was wir Naturgesetz nennen, ist lediglich Statistik. Es wird die Häufung der einander ähnlichen Erscheinungen registriert: nur die Wahrscheinlichkeit, daß derselbe Vorgang in ähnlicher Weise sich wiederholt, kann Naturgesetz gekannt werden. Wir dürfen aber niemals vergessen, daß keine Phase eines Bewegungsvorganges in der Natur einer anderen gleicht^ auch wenn die Phasen sich Millionen Mal so ähnlich sind, daß wir mit den gewöhnlichen Mitteln menschlichen Erkennens keine Unterschiede wahrnehmen, dennoch: dieselbe Phase kehrt niemals wieder; die zweite oder die millionste können fo durchaus anders fein, daß niemand die Abweichung verkennen kann. Zu fordern ist, daß die Naturwissenschaft dies klar zum Ausdruck bringt und daß sie sich nur als eine Wissenschaft von der Statistik ki der Natur betrachtet. Heute ist aber leider das Naturgesetz eine Krücke des menschlichen Geistes, mit der wir mühsam durch den Kosmos humpeln, anstatt uns souverän über ihn zu erheben und ihn in seinem Wesen wahrhaft zu erschauen. Die Wissenschaft von heute glaubt, wenn sie die einzelnen Körperteile allmählich aneinander fügt, wird ein lebendiger Körper herausspringen. Das Wesen des lebendigen Körpers und seiner Teile *) Anmerkung für philosophisch Interessierte: Die Erfahrung und das Erkennen des Menschen sind nur möglich. weil der Mensch lebt, sie sind ein Ausbluß seines Lebendigen. Auf das Lebendige wirkt allein das Lebendige. Infolgedessen müssen die Eindrücke der Außenwelt, die den Inhalt der Erfahrung bilden, ebenfalls aus dem Lebendigen stammen, d. h. die Außenwelt muß auch lebendig sein.! läßt sich nur aus der Betrachtung des Ganzen, dein Erschauen seiner Lebendigkeit ableiten und erkennen. In keinem Augenblick sich gleichend und doch begabt mit ener nur ihm eigenen, ihn auf Lebenszeit' unveränderlich begleitenden lebendigen Bewegung, das ist der lebendige Organismus. Ewig neu und dabei doch beharrend, ewig revolutionär und dabei doch konservativ, ewiges Werden und dabei doch ein Bleiben, das ist das Wesen des Kosmos, das Wesen der Thora, das Wesen des jüdischen Volkes. Um uns also von der Herrschaft des Natur gefetzes als der Wiederkehr des ewig Gleichen zu befreien, um über das Naturgesetz zu herrschen, haben wir nur nötig, unser Leben zu einer immer höheren Stufe der Vollkommenheit zu bringen: wir müssen unser Leben lebendiger machen, wir müssen uns verlebendigen. Wie ist Verlebendigung möglich? Wenn ein Arzt die Lebenskraft einer Zelle oder vieler oder aller Zellen eines menschlichen Körpers stärken will, so beschränkt er seine Tätigkeit nicht auf die von ihm im Augenschein genommene kranke Zelle, sondern er versucht den ganzen Körper zu kräftigen. Er weiß, daß die Zelle ihre Kräfte und ihre Lebenskraft aus dem Körper empfängt, daß ihre Lebenskraft abhängig ist von der Gesundheit des ganzen Körpers.> Was bet dem einzelnen Menschen der Fall ist, trifft auch bei dem lebendigen Organismus zu, der dem Menschen übergeordnet ist, beim natürlich gewachsenen Volk. Die Gesundheit und Lebenskraft eines jeden Volksgenossen hängt in erster Linie davon ab, ob das Volk, dem er angehört, gesund und lebendig ist. Um Mißverständnissen vorzubeugeni: Nicht auf die Gesundheit des Staates, der Kirche oder irgendeiner künstlichen/ von Menschen geschaffenen nationalen Organisation kommt es an, sondern^ ausschließlich auf die Lebenskraft des naturgegebenen Volkes. Und so wie der Mensch seine Lebenskraft und Lebendigkeit steigern kann, wenn er seine natürlichen lebendigen Bewegungen kräftigt, wenn er das Atmen übt und sich im natürlichen Rhythmus bewegt, so kann auch das Volk sich nur dadurch verlebendigen, wenn es seine natürlichen lebendigen Bewegungen, übt. Körperliches, tote Organisation, Kräftigung des Staates, der Kirche und anderer künstlicher Gemeinschaften, können nichts Lebendiges erzeugen. Muskelkraft ist nicht identisch mit Lebendigkeit. Muskelbewegung ist auch Bewegung, aber ausdruckslose, gewollte, zweckhafte, unlebendige Bewegung. Lebendige Bewegung ist Ausdrucksbewegung, Bewegung, die aus dem natürlichen, von i nn e r e rn Gefühl, Musik und Rhythmus erzeugtem Erleben getragen wird. Nicht Musik von außen an den Men¬ Die Mitglieder der Agudah Jugendorganisation und Angestelltenbund erhalten bei jedem Versicherungs - Abschluß wesentliche Vergünstigungen durch die lebensverlicherungsgefellfchaft PHÖNIX Viertgrößte Gesellschaft des Kontinents Versicherungsbest. 1,2 Milliarde GMk. »Mllarbeller zu günstigsten Bedingungen u. 2-war Gehalt, hohe Provision, Altersversorgung, gesucht Bewerbungen an Phönix, Berlin, Meinekestr. 10 scheu heran gebracht, Musik von innen, aus dem Menschen hinausgeschleudert. Die lebendige, natürliche, musikalische, rhythmische Bewegung des jüdischen Volkes ist die Thora. Sie allein kann, wenn sie als lebMdige völkische Bewegung erfühlt und erlebt wird, dem jüdischen Volke und jedem einzelnen Juden Lebendigkeit verleihen und Ne Lebenskraft und das Leben der Gesamtheit und jed.es einzelnen erhöhen und vervollkommnen. Sie darf allerdings nicht als Gesetz, nicht als verstandesmäßige Ueberzeugung, nicht als Gewohnheit ausgeführt werden: Lebendigkeit in ihrem Entstehen, Lebendigkeit in ihrem Ausdruck und Lebendigkeit in ihrer Wirkung ist das Geheimnis ihres lebensschaffenden Rhythmus. Wenn Du iini jeder Phase der Thora-Ersüllung die Halacha nicht als Deine individuelle Bewegung, sondern als das Gehen des ganzen jüdischen Volkes verspürst, wenn Du mit Deiner Mizwoh, mit der von allen jüdischen Menschenzellen auszuübenden Mizwoh das ganze jüdische Volk atmen fühlst, dann wirst Du, dann werden alle Mizwoh-Tätigen das Leben und die Lebenskraft des jüdischen Volkes steigern; sie werden damit nicht nur die Gemeinschaft, nein auch.sich selbst, jede Zelle des lebendigen jüdischen Volksorganismus verlebendigen. Rur das Leben kann das Gesetz überwinden. Rur jüdische Volkslebe'M digkeit kann das Naturgesetz besiegen. Nur die Thora kann uns vom Zwang des Naturgesetzes erlösen; sie allein kann uns Freiheit geben. Je mehr wir unsere LebenNgkeit kräftigen, desto merh sind wir auch in der Lage, unsere Lebendigkeit ans Unsere Umwelt ausstrahlen zu lassen. Unser Gebet um Erlösung. Von Rabbiner Josef Aoöek V'xt. CvvVN') nsratyj m^’sntp nvai» n^sn^ hVikj Im Talmud no-ia wird dieser Anschluß von nima an n^’sn aus dem Anschluß des Cap. 19 an Cap. 20 abgeleitet 'n -py -^jcia-i ■nix 'n -pas? oi» p’am ’s -natt pxai> i'N' ap>3T ’pVs DP -piW> DV3. Wir begegnen so oft der Auffassung, als sei das Judentum im Allgemeinen und die Aufgabe des einzelnen 'Tin’ in zwei von einander gesonderte Teile zu zerlegen: in den nationalen und den religiösen Teil. Das nationale Leben Israels mit seinen das Staätswohl betreffenden Forderungen soll geschieden sein vom religiösen Leben und seinen Ansprüchen an den öffentlichen Kultus und die häusliche und persönliche Pflichtübung und Erfüllung der 'n mxa- Nach dieser Anschauung kann Jemand ein für Zion begeisterter Jude sein, ohne es mit den jüdisch religiösen Pflichten genau zu nehmen. Es kann Jemand das Erstehen des jüdischen Volkes predigen und für den erneuten Glanz des einstigen Königs in Israel und seiner Standarte aus den Zinnen der Zionsburg schwärmen, ohne mit mx'x und pi»an geschmückt sein j?»p zu lesen und ohne v"i'i rop zu halten und ximos niVatw zu vermeiden. Für einen solchen Nationalhelden sind V'* und mv zwei» von einander weit entfernte von einander gesonderte Berge. Wieder kann es d'ttt geben und gibt es a’Tirp. die sich an maii>a wpax mxa, an die angelernte, angewöhnte Übung von religiösen Geboten klammern und die sich in momentanen Gefühlsergüssen auflösen, ohne jedoch das gesprochene Lippenwort und das gewohnheitsmäßige, stamme Tun mit dem Geiste des wahren Judentums zu beleben,- ohne sich zur Höhe der jüdischen Zukunftshoffnung zu erheben. In all diesen Fällen liegt zwischen Zion und Sinai nicht blos ein trennendes Tal, nein, es gähnt zwischen beiden eine tiefe Kluft, in die alles, was an Judentum wahrhaft groß und erhaben, was dem Judentum die Lebenskraft in der Gegenwart und die lebendig stische Fortdauer in der^Zukunst verbürgt, rettungslos niedersinkt. Bezeichnen wir die jüdische Nationalidee mit nHxa und das jüdisch-religiöse Ausdruck suchende Innenleben mit so bedeutet für uns der Satz rfi nl taa ‘paoa; die innige Zusammengehörigkeit der beiden Elemente jüdischen Geistes und > Tatenlebens. Die Belegstelle, die der Talmud im Anschluß des 19. und 20. Kapitel gefunden, rückt uns diese Zusammengehörigkeit vor Augen. Kapitel 19 schließt mit '•m p’am ’Q -nas px-6 iw und Kapitel 20 beginnt mit mx dt>3 'Ti ijsp. Also die Geulohidee und nix dyo 'n -pjr die Erhörung unseres Gebetes am Tage der Not. n^sfirn^n nebeneinander. Ja sehen wir uns die Psalmverse näher an, so enthält schon der Schluß von 19. in sich selbst und ebenso der Anfang vom 20. in sich selbst die Verbindung von ni-'sm "21 P'am 's ’iaa psaV iw ist ja der flehende Seufzer um Erhörung der Tefilloh und er richtet sich an 'Vtmi 'iix an den Erlöser Israels. Ebenso tönt das nix dyo /n -py dp *pap' die Verheißung des Gottes Jykob, der Dein Gebet erhört, es tönt aus in pypa -pw n^p» in heiliger Zionshöhe, die Israel mit seinem Hoffen und Sehnen erklimmt. Noch eine wichtige beseligende Lehre können wir in dieser Forderung ni-ons' n'-irra -pava zu sein, finden. Wenn wir uns hinstellen, um unsere nion zu (Bott bem nion »aip empor zu senden, da fühlen wir uns zur Gottesnähe emporgehoben. Wir fühlen es ipk Vm 'ia ’ia äoop bvVs* 'V. der unaussprechlich Hohe,! Erhabene will uns nahe sein, uns und dem großen schweren Leid, das uns oft niederdrückt. Dieses Bewußtsein beseelt uns und es befreit uns von dem stummen Druck, den Kummer und Sorge auf Herz und Seele ausüben. Wir wissen, fühlen es: wir haben einen Gott, einen einzigen, ewigen Gott, zu dem wir nicht nur beten, zu dem wir als Kinder kommen dürfen ‘Na’ iv3 io yiy n^sv soip. Wir kommen T't» bis an Dich. Unsichtbare Bande ziehen das fleifchlifche Menschenwesen hin zu seinem Schöpfer. Unhörbare Stimnien verkünden ihm, dem von Gott beseelten Menschen seine Zugehörigkeit zum Ewigen, Einzigen, und jeder Einzelne findet da seinen Platz, all die Millionen Einzelwesen mit ihrem Einzelleid und Einzelbegehr — bis an Dich, Gebeterhörer alles Fleischlischen und jedes mit seiner Einzelgeltung, 1x2’ ipd io yiv. Jeder Einzelne weiß es und soll es wissen,' tief innerlich fühlen: Mein Gott ist mir nahe, so will auch ich Ihm nahe sein; und bin ich auch glückverlassen, so bin ich doch nicht Gottverlassen. Dieses Bewußtsein, dieses Gefühl bringt dem Betenden innere Erlösung noch bevor das Gebet auf seine Lippen und von da zum Himmel steigt. In diesem Bewußtsein liegt Erhörung bevor noch das Gebet gesprochen. Unsere Weisen haben sehr recht, wenn sie sagen "paoan '■o nsntM iiHonv ntni»?btnb nbisa, doch, soll der ninru-Gedanka unser Gebetswort aus der Herzenstiefe Heraufholm und ihm den Aufschwung zur Zionshöhe erleichtern, soll es sich bewahrheiten iaw T>Vr mpa ma, daß uns die Erhörung Gottes fühlbar wird, noch bevor wir zu ihm rufen, so muß unsere nlon rein napi> sein, sie muß aus der reinen Quelle fliehen, die dem felsenfesten Gottoerstauen unserer Väter entquillt und die Dmavpaa dop ni*o die unsere Fürsten der min und nains mit ihren Gesetzesstäben in die Häuser

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