Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1929)
- Date
- 1929-10-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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31. Oktober 1929 Nr. 44 Frankfurt cr. 2TX*r den 21. cif^n 5689 Abonnement cch IM 1A9: Deutschland 1.30 M^rk monatlich! Anstand: Bierteltahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des «treifbanv-Bersandes) Deutsch-Österreich: Schilling 8.—; Amerika I Dollar; England 4 sh.; ak>1. Juli Frankreich 25 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 5; Holland 8 fl.; Italien ab 1.1 28.18 Lire; Jugoslawien 55 Din.; Litauen 7.50 Ltt.; Rumänien ab 1. 7. 37. 150 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 5 Fr. Tschecho-Slowakei 35 Kronen; Ungarn -Lenaü 5 ab 1.Juli 1837; Dänemark 8.50 Krön.; Norwegen8.60 Krön.; Schweden 3.50 Kro«. Einzelnummer vierzig Doldpfenrige. Der Israelit ^erscheint jede» Dönuerstan. Inserate 50 Golvvf. für die stebengefpalte», Nonpareille-Heile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Faurttieuauzeigen nur 40 Pf. Die 76 mm breite Reklnmezrtl«: letzte Tertseits 3.— Mk., vorletzte Tertseite 3.50 Mt.. Thtsfregebühr in Hö»e eines dopr. 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Eine allgemein-menschliche Sorge: Je mehr wir in die Natur emdringen, je mehr Naturgesetze Mir 'entdecken-,, desto mehr zwingt uns die Natur in ihre Gewalt. Die Maschine, die das Naturgesetz in die menschliche Gesellschaft hineinträgt, hat die Herrschaft über den Menschen angetreten. Eine jüdische Sorge: Die Wissenschaft von der Natur rüttelt an den Grundlagen unserer jüdischen Ueberzeugung. Sie versucht — leider häufig mit Erfolg — uns den Glauben an die Wirklichkeit der Schilderungen der Thora zu rauben. Beide Sorgen sind die Auswirkungen desjenigen, was Grundlage der modernen Naturwissenschaft ist, nämlich des Naturgesetzes. Gesetz ist die ewige Wiederkehr des ewig Gleichen. Das Gleiche läßt keine Ausnahmenzu. Es unterdrückt auf der einen Seite den- Drang des Menschen nach Persönlichkeit und- Freiheit, aus der anderen Sette oerbietek.es, Schöpfung und Wunder, Offenbarung ufld Prophetie, alle die lieb gewordenen Geheimnisse und- Geschehnisse unseres köstlichen jüdischen Erbgutes, des Buches der Bücher, als Wahrheit anzuerkennen. Können wir uns vom Zwang des Naturgesetzes befreien? Können wir die Kugel abwerfen, die schwer aus unserer Hand lastet und sie an freier Bewegung hindert? Wer kann uns Freiheit geben/? Alle Versuche, Gesetz und Freiheit, Gesetz und Gotteswirken in Der Natur miteinander zu versöhnen, sind vergeblich geblieben und müssen vergeblich bleiben. Denn Gegensätze können nicht gleichzeitig bestehen. Aber wie so häufig, wird auch hier ein schwächlicher, feiger Äusgleich gesucht, anstatt mit dem Mute der Konsequenz eine eindeutige klare Entscheidung zu treffen. Das am häufigsten vorkommende Kompromiß ist eine Zweiteilung: Organische und anorganische Natur. In der organischen, lebendigen Natur herrsche -die Freiheit, in der anorganischen-, toten, das Naturgesetz, soweit nicht auch hiev ein Eintgreisen des lebendigen Gottes zu verspüren sei. Abgesehen davon, daß mit dieser Zweiteilung die Einheit der Welt — und das Judentum schaut in r allem Sein und Werden nur die Einheit — zerstört wird, beseitigt diese Anschauung keineswegs die immer wieder auftauchsnden Zweifel. Sie sucht die Zweifel sich nur auszureden und glaubt, daß die Erklärung, die Zweifel seien verschwunden, schon die Bedenken zum Verstummen bringe. Diese Anschauung vergißt, daß die Allgemeingeltung des Gesetzes mit Notwendigkeit aus dre Gegenwartskultur hervorgeht. Diese Kultur beruht ja gerade auf der Verstandes- und vernunftmäßigen Auffassung aller Erscheinungen. Die Vernunft setzt die Kausalität voraus, d. h., sie verlangt, daß jede Ursache eine Wirkung habe. Die weitere Folgerung ist, daß gleiche Ursachen gleiche Wirkungen Hervorrufen: damit wären wir dann beim Gesetz, beim Naturgesetz angelangt. Solange ich also als Jude den europäisch-amerikamscheu Kulturkreis als den meinigen ansehe, — und dies tun die Vertreter des Dualismus, die dementsprechend meistens auch den! Ausspruch px *]*V7 öx min dualistisch mit „Kultur und Judentum" übersetzen — können, die aus Naturgesetz und Naturwissenschaft entspringenden Zweifel nur künstlich verkleistert werden. Müssen wir denn immer so wie die Völker rings um uns herum fern? Können» wir denn nicht den Müt aufbringen, anders als sie zu fein, restlos in unserer eigenen jüdischen Kultur unterzutauchen und sie der übrigen Menschheit als das Ideal der Zukunft und der Erlösung vorzuleben? Auch in der Auffassung über das Wesen der Natur brauchen wir bei anderen Kulturenkeine Anleihe zu macheri. Die jüdische Auffassung ist reiner, natürlicher und vollkommener als irgendeine andere. Sie ist einheitlich für den ganzen Kosmos, also monistisch. Diesen Monismus gab es schon zu einer Zeit, als an den Begriff Monismus noch niemand dachte. Andererseits ist die jüdische Auffassung oom/ Kosmos lebendig, ewig neu und ewig revolutionär wie alles Lebendige, im Gegensatz zu dem öden und langweiligen sich materialistisch oder idealistisch gebenden Monismus von heute. Denn es ist nicht wahr, daß nur das Gesetz uns Freiheit geben kann. Gesetz ist Zwang, Gesetz ist Unterdrückung der Freiheit, Gesetz ist Tod, Gesetz ist Leugnlen Gottes und feines Wirkens. Nur Freiheit vom Gesetz kann uns Freiheit gewähren. Ist denn nicht, so wird mancher verwundert fragen, das Gesetz jüdisch? Ist nicht auch die Thora Gesetz? Bezeichnen sich nichtdie der Thora treu gebliebenen Juden als gesetzestveu? Nein, die Thora ist kein Gesetz, die treu Gebliebenen: sind nicht gesetzestreu, sie sind thoratreu. In der Zeit während und nach der Entstehung des Christentums hatte man das Bestreben, das Judentum als veraltet und unmoralisch hinzustellen, um die Christen von einer Rückkehr oder einem Uebertritt zum Judentum abzuhalten.' Damals wurde die Behauptung ausgestellt, daß die Thora Gesetz sei und daß man die Thora aufgeben müsse, wenn man seine Seele retten wolle; denn die Thora sei nur aus äußeres Tun bedacht. Es ereignet sich nun das Merkwürdige, daß im Laufe der Jahrhunderte die Juden die These von dem Gesetzescharakter der Thora sich zu eigen gemacht haben. Die Folge war, daß nach der Emanzipation, als das Ghetto dahingeschwunden war undkeine öffentliche Meinung, die im Ghetto herrschte, mehr imstande war, die Befolgung des Religionsgesetzes zu erzwingen, der Abfall ungeahnten Umfang annahm. In Wirklichkeit ist die Thora niemals Gesetz gewesen. „Ich lege vor Dich hin das Leben und den Tod . . . Wähle das Leben!" (5. Buch Mos., Kap. 30, 19). Die Thora ist Leben, lebendige Bewegung. Wie das Atmen und der Herzschlag lebendige Bewegungen des einzelnein Menschen sind, die ihn von seiner Geburt bis zu seinem Tode begleiten und ohne die er sterben muß, die keine Entwicklung und keine Aenderung kennen', ebenso ist die Thora in der Geburtsstunde des jüdischen Volkes ihm als kollektive lebendige Bewegung einverlerbt worden. Jeder lebendige Organismus hat seine spezifischen, nur ihm eigenen, ihn Zeit seines Lebens unabänderlich begleitenden lebendigen Bewegungen. Nicht als Gesetz, als lebendige kollektive Bewegung begleitet daher die Thora das jüdische Volk. Nur mit ihr kann das jüdische Volk leben, ohne sie muß es sterben. „Wähle das Leben!" Das Leben bildet den Sinn und den Mittelpunkt, des Judentums, nicht das jenseitige Leben, wie man in diesen biblischen Satz hineinzudeuten versucht hat, sondern das Leben schlechthin. Leben ist dem Judentum alles. Lebendig ist dem Judentum alles. Lebendig ist dem Judentum auch der gesamte Kosmos. Die Welt, die Schöpfung ist nach jüdischer Aufsassung ein einheitlicher lebendiger Organismus. Sie ist der lebendige Ausdruck des Nur-Lebendigen, die Schöpfung Gottes. Lebendiges kann nur Lebendiges schaffen und hervorbrrngen. Wenn Gott lebendig ist, so ist auch seine Schöpfung lebendig. Daher ist der Kosmos lebendig. Er ist auch ein lebendiger Organismus mit ihm eigenen lebendigen Bewegungen, weil Leben, Lebendigkeit das