Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 43 (29.10.1929)
- Date
- 1929-10-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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29. Oktober 1929 SMe 4. Nr. 43 Der Israelit 3om Kippur in Rußland. Moskau, 17. Oktober. Die Moskauer Synagogen waren wie in den Nosch Haschcmah-Tagen so auch am Versöhnungstage voll besetzt mit Andächtigen; andererseits waren die in der Staatsindustris beschäftigten jüdischen Arbeiter, sowie alle jüdischen Angestellten der Sowjetinstitutionen ihrer gewöhnlichen Beschäftigung nachgegangen, da es niemand von ihnen wagte, wegen den höchsten jüdischen Feiertagen der Arbeit sernzubleiben. Am, Kol Nidrei-Abend haben jüdische* Kolonisten in 25 Sälen Moskaus Konzerte veranstaltet, um die jüdische Bevölkerung von dem Besuch der Synagogen wegzulocken. In den kleineren Städten des Sowjetreiches und in den jüdischen Kolonien wurde das Versöhnungsfest ganz wie in den alten Tagen begangen. Eine Ausnahme machte Kalinindorf, wo das kommunistische Rayonkomitee anr Jonr Kippur die Eröffnung der neuerbauten Traktorenstation durch einen feierlichen Akt beging. Die in Charkow erscheinende jiddische kommunistische Zeitung „Deer Stern" jammert, daß sich Kiew zu einer „frommen jüdischen Stadt gewandelt" hat, daß dort zahlreiche Chedarim befinden, und datz laut offizieller Mitteilung des Bildungskommissariats mehr als 25 Prozent der jüdischen Schülerschaft der Staatsschulen nach Schulschlutz Chedarim besuchen oder sich von „Melamdim" (religiöse Kinderlehrer) privat in religiösen Dingen unterrichten lassen. Eine große Zahl jüdischer Kinder erhält ihre Erziehung ausschließlich in Chedarim. Die jüdischen Heimarbeiter schicken ihre Kinder mit Vorliebe in die religiösenSchulen. Ein zweiter autonomer jüdischer Rayon. Moskau, 15. Oktober. Der zweite autonome jüdische Rayon in Neu-Zlatopol, Kreis Zaporoschje, wird am 7. November, dem 12. Jahrestage der kommunistischen Revolution, feierlich eröffnet werden. Der erste autonome jüdische Rayon mit dem Hauptort Kalinindors existiert bekanntlich im Gouvernement Cherson. Die zur Errichtung des neuen Rayons eingesetzte Kommission hat bereits aus den 36 Kolonien, die diesen Rayon bilden, 10 Dorfsowjets gebildet. Der Zentralsowjet des Rayons wird am 7. November zu funktionieren beginnen. Der neue Rayon schließt eine Bevölkerung von 12 600 Seelen ein, von denen 71 Prozent Juden, der Rest Ukrainer und Deutsche sind. Der Rayon zählt 2520 Wirtschastshöfe mit einer Gesamtfläche von rund 40 000 Hektar Boden. (ITA.) Palästina. Folgen des Protestes des «Srohmusti. Jerusalem, 15. Oktober. Die Behörde hat das Schofar-Blasen an der Klagemauer am Ausgang des Jom Kippur untersagt und dabei bemerkt, daß es sich um eine nur zeitweilige einschränkende Verfügung handelt, die auf Grund des Protestes des Eroß-Mufti von Jerusalem getroffen wurde. Der Groß-Mufti hat bekanntlich Protest dagegen erhoben, daß am Rosch Haschanah an der Klagemauer das Schofar-Blasen nicht unterblieb, obwohl das Blasen zum regulären Synagogengottesdienft gehört, während die Kkagemauer seiner Meinung, nach eine 'Pilgerstätte ist, an der zu weilen den Juhen nicht verboten sein kann, an der sie aber reguläre Gottesdienste nicht abhalten dürfen. Das Verbot des Schofar-Blasens durch die Behörde hat in frommen jüdischen Kreisen schmerzlich berührt; man weist darauf hin, daß diese Kulthandlung seit vielen Jahren ungestört vor sich gehen durste. Wieder ein Jude durch Messerstiche verwundet. Jerusalem, 13. Oktober. Ein alter Jude mit Namen Ruba, der an einer jüdischen Schule in der Jerusalemer Altstadt angestellt ist, wurde vor einigen Tagen an einer Straße Jerusalems schwerverletzt aufgefunden; sein Körper wies einige Messerstiche auf. Er wurde ins Hospital gebracht. Von den Tätern fehlt jede Spur. Aus Kreisen der Polizei wird, mitgeteilt, MP» sei im Besitze zuverlässiger Nachrichten, wonach M Illegale Einfuhr von Waffen und Munition» die" für arabische Elemente bestimmt sind, sortdayM/' Die Woche. Berlin. Am Sonintag zogen, etwa 300 Stahlhelmer und Naticmailsoziaüstengegen die Synagoge O ranienbu r-gerftraße. Me Polizei mutzte von -dem- Gummiknüppel G-e-bra,uch machen. — S-an-Mts-rak Do. Rose nt h al ve-rungkückte in einem Auto . tödVch. Rosenthal war Ehrenmitglied des Aerztevevems und Alterspräsident der Aerztekammer. Er stand «8s Mensch und Arzt in höchsten Achtung. — Der Zentralverein, Groß-Berlin v-er-anstaltie-tle am 21. Oktober -eine Kundgebung unter dom Döbel „Die Ueberbrückung der konfessionellen Gegensätze", wobei! neben dem Vorsitzenden Dr. Bruno Gläserfeld, Rabb. Dr. W Hunter und andere Referenten sprachen. — Am Sonntag vormittag fand aus dem Men sii'difchkn Friiedhof in der Schönhauser Allee eine schlichte Gebe n f f e i e r für Eduard Laster statt, dessen Geburtstag sich .zum 100. Male jährte. Den Grabhügel teiltLaster mit feinem Freunde Ludwig B a m <b e r g e r. Leipzig. Der bekannte Leipziger Professor Rudolf Kittel, der Verfasser der Geschichte des Volkles Israel, ist in Leipzig gestorben. Prof. Kittel, in der wisfenschasttich-en Welt als Kapazität geachtet, war den Juden wohlig,ew-o-gen. Er war ein- Freund und begeisterter Verehrer der jüdischen- Lehre, wenn er sie auch nicht -immer im jüdischen Sinne deutete. Vien. Am Di-enstag, dm 16. Oktober, vollendet foer Präsident der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde', Generaloberstabsarzt a. D. Universidätsprofesior Dr. Alois Pick, fein 70. Lebensjahr. Bukarest. In Cze-rn-ow i tz, der Hauptstadt der Bukowina, kam es zu schweren Schläige'Wien zwischen jüdischen und chrWich-nationaten Studenten. Es gab auf beiden Sötten zahlreiche Verletzte. — Am Freitag, den 10. Oktober, ging ein Dampfer mit über 500 Chaluzim. davon 400 aus Polen und 100 aus Rumänien, von Konstanza nach Palästma ab. Lemberg. Am 10. Oktober traten 150 Chaluzim aus Ostgalizien di!e Reife nach Palästina an-. Zur Verabschiedung hatten sich am Bahnhof mehrere Tausende Juden eingefunden-. Klausenburg. Die 18jähvige Mizzt, Tochter -des Oberinspektors der rumänischen Staatsbahnen Nicola-us Rona,, der ein völtgtLsfühlender Jude ist, sprang am Vers'öhnungstage vom vierten Stock ihres Elternhauses aufs Straßenpftaster und blieb mit zerschmetterten- Gliedern /liegen. Sie tat den VerzweMungsschrM, weil der Vater ihr verboten hatte, am Jom Kippur zUm Examen an der medizinischen, Fakultät der Klausenburger Universität zu -erschelnen- Mcolaus Rona er'M beim Anblick feiner tödlich verletzten Tochter einen schweren Nervienchock und mutzte -ins Sanatortum überführt werden-. Parks. Am 18. Oktober vollendete der berühmte französische Philosoph H -e,n r t B -ergis o nsein 70. Lebensjahr. Vergfon .wurde am 18. Oktober 1859 tn Parts geboren und ist feit 1900 Professor am College de France, seit 1901 ist er Mitglied der Academie. — Baron Maurice de Roths ch i l d und Jean Schramm e ck wurden- 'in den ‘ f ranzäsischen Senat gewählt- Kiew. Eine in Kiew abgehaltene Versammlung kommunlistischer Studentenfatzts den Beschlutz, die Einführung, eines Numerus clausus gegen die jüdischen Hörer an den russischen Universitäten zu verlangen-, kowno.. Obwohl -der „Eiserne Wolf". aufg,elöst ist,,-geht doch die Hetze'weiter. In vielen ', Städten und Städtchen waren Hietenide Juden an den heMgen Feiertagm- Opfer schwerer Angriffe. Jerusalem. Die Zionistische Exekutive hat der Palästina-Regierung Vorschläge betreffend Ausfoligung, Dort: 6000 Zertifikaten für -neue. Einwanderer -untsrbrellet und' diese' Vorschläge mit der augenbMckllchsn. ArbMsläge und den Bedarf nach neuen Avbeits^ kräften begründet. — Sonntag Abiend ver- , - spürte 'man in S a f e d -und den benachbarten Kolonien -ein Leichtes, Erdbeben. das die Bevölkerung für einige Minutenin g-rotze Unruhe versetzte. Dis Erschütterung wi-edvrhoWe sich zum Glück nicht; — Die Frauen der ln Safed zum ToPe v>erurt.eittendrei Araber umringte^ das' Haus des Mufti von Safed und warfen ihm vor, 'daß er an allem Unglücke schuld ei. Es ist unter den Arab>ern von Safed. eine ' große Gärung geglM Ne Hetzer wahrzu-nehm-en. RE G AA H QLZ FRAN KFURT-A-M'GEGB : 1849 Häuser im georgischen jüdischen Viertel geplündert. Jerusalem, 10. Oktober. Im Stadtviertel der Georgischen Juden wurden zwei jüdische Häuser von Arabern geplündert. Die Esorgischen Juden sehen in diesem Vorkommnis eine Bekräftigung der Tatsache, daß dieses Stadtviertel nicht genügend geschützt ist und weigern sich, der Aufforderung der Regierung zu folgen und in die verlassenen Heime zurückgukehren. Zur Erhöhung der Sicherheit der isolierten jüdischen Kolonie Kastiniah, die während der letzten Unruhen stark in Mitleidenschaft gezogen worden war, siedelt die Zionistische Exekutive in dieser Kolonie 50 frühere jüdische Legionäre an, von denen jeder 100 Dunam Boden erhält. Die Patestine Jewish Colonisation Association (Pica) hat Maßnahmen zur Ansiedlung von 15 früheren Legionären in der Kolonie Rabiah zu deren Schutze getroffen. Thorarollen in Hebron sichergestellt. I e r u s a l e m , 8. Oktober. Das Polizeiamt von Hebron teilte heute dem Oberrabbinat von Jerusalem mit, datz es der Polizei gelungen ist, weitere 32 Sifre Thora (Gesetzesrollen), die am Tags der Massacrss in den jüdischen Scknagogen von den angreifenden Arabern geraubt worden waren, sicherzustellen. Die Thorarollen befinden sich im Gewahrsam der Polizei. Oie Hebroner Metzelei vor Gericht. Jerusalem, 21. Oktober. Am 5. Oktober begann vor dem Jerusalemer Gericht der Prozeß gegen den Scheich von Hebron, Abdul Nahem T a l e p M a r k a h , der allgemein als der Urheber der Hebroner Metzelei gilt. Eine große Reihe vyy arabischen und jüdischen Zeugen ist aufgeboten. Eine Frau namens Matzal M i s r a ch i schilderte, wie man ihren Vater und ihren Bruder getötet und zwei ihrer Brüder schwer verletzt hatte. Sie hörte ganz deutlich, wie der Scheich die Bande „im Namen des Propheten" aufmunterte, erst alle Juden hier totzuschlagen und dann nach Jerusalem zu gehen. Das Kreuzverhörfeuer des arabischen Anwalts vermochte nicht die arabisch sprechende Frau zu verwirren. Sie habe keinen Haß gegen die Araber, sie sehe im Unglücke eine Strafe Gottes. Eine zweite Zeugin gleichen Namens hat die aufhetzenden Worte des Scheich ebenfalls gehört. Genau kann die Worte des Scheichs der Zeuge Leib Schneierfohn, Söhn eines Hotelbesitzers, wiedergeben.-Das hinderte den Scheich nicht, am Samstag noch im jüdischen:'. Hotel' Teö' zü trinken und zu versichern, daß den Juden, nichts geschehen würde. Eine Stunde später zog der Scheich an ' der Spitze der Bande nach dem Hause von 6 Ion i m, wo das bekannte Blutbad angerichtet wurde und auch" die meisten Jeschiwabachurim ermordet wurdemuEr feuerte die Menge an mit den Morten: „die amerikanischen Jünger seien Söhne reicher Eltern und hätten viel Geld bei äch". Schneiersohn schildert, wie er dann mit anderen den Freunden das Grab geschaufelt hatte. Belastende Aussagen gegen den Scheich macht ferner - der Lehrer Chajim Bejayo. Auch der P o l i z e i ch ef. des Hebroner Distriktes, ein Nichtjude, hat den Scheich immer in der- Mitte der revoltierenden Menge gesehen, seine Worte hübe er nicht verstanden, doch waren es ohne Zwiesel aufhetzerische Reden. Cr selbst, der Polizekchef, habe an den Ernst der Situation bis zuletzt, nicht geglaubt.'(?) Es -ergibt sich in der Verhandlung, daß der Scheich, ein kleiner Mann von 60 Jahren, der den' Massenmord' von Hebron auf dem Gewissen hat, ein Vertrauter vom Großmufti in Jerusalem ist. Er hat auch die Aufsicht' über die Machpela-Höhle und bezieht dafür ein Gehakt. Er ist ferner führendes Mitglied im Obersten' Ratedes Mo s l i m s und. war schon 1921 an der judenfemdlichen Aktion beteiligt. - ,, Die Interessen der Erben von einigen Ermordeten vertreten fünf jüdische. Rechtsanwälte. Neben vielem