Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 43 (29.10.1929)
- Date
- 1929-10-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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29. Ostvber 1929 Der Israelit Nr. 43. Seite 3 Die Schwierigkeiten liegen nun darin, daß pmnl zur Behandlung von Jugendlichen, wie sie der Fürsorge anheim fallen, Erzieher benötigt, die ein über das gewöhnliche Maß h'inausgehende Geduld, Menschenliebe, erzieherische Fähigkeit und Selbstlosigkeit besitzen. Unö was für die Erzieher gilt, trifft in gleichem Maße für diejenigen zu, welchen die berufliche Ausbildung obliegt. Derartige Kräfte stehen aber nur in sehr beschränktem Umfang zur Verfügung und darin liegt die Wesentliche Ursache der großen, Zahl der Mßersolge und Mißstände, nicht aber in veralteten Erziehungsmethoden, gegen die auf der ganzen Linie Sturm gelaufen wird. Als solche gelten die mit der Unterbringung verbundene Freiheitsentziehung, die strenge Disziplin und im wesentlichen, da es sich meist um konfessionelle Anstalten handelt, der religiöse Einschlag in der Erziehung. Nur die Zukunft kann zeigen, inwieweit die Modernisierung der Anstalten die Ergebnisse zu bessern imstande ist. Nach meiner Ansicht wird dabei vielfach das Kind mit dem Bade ausge schüttet. Noch schwieriger als bei anderen Konfessionen liegen die Verhältnisse der Fürsorgeerziehung bei UW Juden, wo es zur Seltenheit gehört, daß ein Jugendlicher über diesen Weg wieder aus gerade Bahn kommt. Meist sind das Ergebnis verlorene Jahre und -ein Makel auf dem Namen. Auf Grund dieser Erfahrung in meiner Praxis, m der wir wahllos vernachlässigte Kinder aus den traurigsten FamAienverhältmssen aufnehmen, habe ich seit 15 Jahren keiner. Jugendlichen mehr der Fürsorgeerziehung überwiesen, sondern da, wo sie in Betracht gezogen werden mußte, andere Mittel und Wege ergriffen und zwar hauptsächlich Unterbringung aus dem Lande, wo schon die Entfernung aus ungeeigneter Umgebung günstig gewirkt hat. Ich habe mich damit abgefunden, daß durch häufigen Wechsel in der Unterbringung große Mühen verursacht werden, bin aber der Ueberzeugung, bessere Ergebnisse erzielt zu haben wie mit Unterbringung in Fürsorgeerziehung unter obwaltenden Verhältnissen. Die Gründe für die Schwierigkeiten liegen, nicht etwa in der Leitung unserer Anstalten, oder darin, daß die Entgleisten bei uns Juden minderwertiger sind als die der anderen Konfessionen, sondern darin, daß berufliche Ausbildung in den Jüdischen Fürsorgeanstalten! fast eine Unmöglichkeit ist und nicht genügt, den jungen Menschen beim Verlassen der Anstalten den notwendigen Halt zum Fortkommen zu bieten. Wer die großen Fürsorgeanstalten anderer Konfessionen kennt, mit ihren, fast unbegrenzten Möglichkeiten zur Ausbildung in allen Zweigen der Landwirtschaft unddes Handwerks, muß ohne weiteres zu der Ueberzeugung kommen, daß wir Juden dem auch nur etwas annähernd Gleichwertiges an die Seite zu stellen nicht in der Lage sind, da uns die Mittel fehlen und die Zahl der in! Betracht kommenden Zöglinge glücklicherweise viel zu Nein ist. Hiermit aber will -ich jüdischen Fürsorgeanstalten keineswegs die Existenzberechtigung absprechen, ich bin vielmehr von ihrem Werte überzeugt, wenn die Erfahrungen der Vergangenheit nutzbar gemacht werden. Nach meiner Meinung gibt es auch für uns Juden einen Weg, um Fürsorgeerziehung nutzbar zu gestalten und der führt dahin, daß man im Anschluß an eine der großen Provinzialanstalten ein Heim für jüdische Zöglinge errichbet, von dem aus sie in diese zur Arbeit geführt werden. Das mag nicht überall gelingen; aber bei der großen Anzahl geeigneter Anstalten wird sich wohl eine finden, an die ein solches Heim angeschlossen werden kann. Höchst bedauerlich ist, daß die Zentralwohlfahrtsstelle in Gemeinschaft mit dem D. I. G. B. jetzt in Wolzig eine Fürsorgeanftalt errichtet, ohne sichdie Erfahrungen der Vergangenheit zunutze zw machen^ Nach den veröffentlichten Richtlinien zu urteilen, hat man sich in fast allen Punkten den Plänen „moderner Richtung" angeschlofsen, auch darin, daß „jeder Zwang zur Teilnahme an religiösen Veranstaltungen abzulehnen ist. Den Kern der Schwierigkeiten! hat man scheinbar nicht ersaßt und auch die in der Praxis stehenden jüdischen Anstaltsleiter, nach den Mir gewordenen Auskünften, nicht zu Rate gezogen. Sollte das nicht noch in letzter Stunde geschehen, so ist kaum zu erwarten, daß an den bisherigen Mängeln in der jüdischen Fürsorgeerziehung durch die Neugründung etwas gebessert wird. Israelitische Gartenbauschule Ahlem. Ahlem, 7. Oktober. Die diesjährige Herbstprüfung der Gärtnerlehrlinge der Israelitischen Gärtenbauschule Ahlem fand am Dienstag, den 17. September, statt. Die Prüfungskommission setzte sich zusammen aus den Herren: Landwirtschaftsrat und Gartenbaudirektor Huber von der Landwirtschaftskammer Hannover; Gärtnereibesitzer M e ye r aus Kirchrode als Vertreter der Arbeitgeber; Städt. Reviergärtner S che ff er von der Gartenverwaltung Hannover als Vertreter der Arbeitnehmer. Die Prüfung fand in dem 80 Morgen umfassenden Betriebe der Israelitischen Gartenbauschule stall und erstreckte sich theoretisch wie prattifch auf Freilandkulturen, wie Gewüse, Obstbau, Schnillblumen, ferner Baumschuleuttb TopfpflanzenkuHuren. Die Mitglieder der I Agudah I Jugendorganisation I und Angesielltenbund I erhalten bei jedem Versicherungs-Abschluß wesentliche Vergünstigungen durch die iebensverficherungsgefeiffchaff PHÖNIX Viertgrößte Gesellschaft des Kontinents Versicherungsbest. 1,2 Milliarde GMk. HMIlarbeUer zu günstigsten Bedingungen u. zwar Geilalt, hohe Provision, Altersversorgung, gesucht Bewerbungen an PtlÖnlX, Berlin, Meinekestr. 10 Korrespondenzen * Nachrichten. Deutsches Reich. Auswandererfürsorge des Hilfsvereins der Deutschen Iuden. Berlin, 25. Oktober. Die Auswandererfürsorge des Hilfsvereins der Deutschen Juden wird durch das Büro seiner Zentrale in Berlin, den Bahnhofsdienst am Schlesischen Bahnhof in Berlin, die Komitees in Hamburg und Bremen, die Vahuhofsdienste in Stentsch und Osnabrück und Vertrauensleute im Reiche wahrgenommen. Im Jahre 1929 hat-sich die Zahl der Auswanderer, denen seine Fürsorge galt, stark erhöht, insbesondere was den Durchgangsverkehr auf dem Schlesischen Bahnhof in Berlin anbetrifft. In dem grotzen Saale, den die Eisenbahnbehörden dem Hilfsverein zur Verfügung gestellt haben, wird den Passanten vorübergehend Unterkunft gewährt; sie erhalten auch dort Erfrischungen. Der Dienst auf dem Schlesischen Bahnhof wird durch drei vom frühen Morgen bis spät nachts tätige Beamte versehen. Den Auswanderern wird Beratung zuteil. Sie werden, wenn es sich als notwendig erweist, an zuständige Stellen, Behörden und Konsulate in Berlin verwiesen. Es erfolgt ihre Ueberführung nach anderen Berliner Bahnhöfen. Mit Angehörigen in Deutschland wie im Auslande werden Verbindungen herzustellen gesucht. Gepäckangelegenheiten werden erledigt, insbesondere auch, wo es sich um Eepäckrecherchen, liegengebliebenes oder verlorengegangenes Gepäck handelt. Ueberdies wird für die Isolierung und Behandlung Kranker gesorgt. Der Kamps gegen die Ausbeutung von Auswanderern durch betrügerische Elemente, die gerade in solchen Zeiten ihr Wesen treiben, in denen die Einwanderung nach den meisten Staaten außerordentlich erschwert ist, läßt sich der Hilssverein angelegen sein. Durch Gewährung von Subventionen an jüdische Organisallonen an der deutschen Ost- und Westgrenze erleichtert der Hilssverein die Fürsorgearbeit an diesen Plätzen, was von wesentlicher Bedeutung für die geordnete Abwicklung des Durchgangsverkehrs der Emigranten nach Deutschland ist. Der Hilssverein steht mit jüdischen Emigrationsge-!ellschaften des Auslandes in ständiger enger Verbindung und ist internationalen Körperschaften für den Wanderer- 'chutz angeschlossen. Zur Prüfung waren sechs Lehrlinge zugelassen, die in der üblichen Lehrzeit von drei Jahren ausgebildet worden sind. Alle bestanden die Prüfung. Die Anstaltsleitung hofft, daß sich wiederum aus allen Schichten der jüdischen Bevölkerung Eltern finden, die ihre Knaben diesem Berufe Zufuhren --'erden und edle Förderer, die der Anstalt helfen, die schwere Zeit zu überwinden, die auch hier durch die allgemeine wirtschaftliche Lage besteht. Die neuen Kurse, die sich auch auf das Handrverkgewerbe — Schuhmacher und Schneider — erstrecken, beginnen jetzt im Herbst, fad atz Neuanmeldungen jetzt noch vorgenommen werden können. (Wir veröffentlichen diese uns von der Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem zugehende Notiz, möchten aber bemerken, daß wir unsererseits über den Charakter der Anstalt in religiöser Hinsicht kein Artest haben und keine Verantwortung Übernehmen können. In dieser Hinsicht müßten Eltern, die ihre Kinder der Anstalt anvertrauen wollen, sich genügend informieren. Red. Yd. Israelit.) Oesterreich Mordhehe in einem österreichischen Kurort. Wien, 8. Oktober. Aus dem Hause des Arztes Dr. Nomanovsky, Bismarckstratze, ist ein Anschlag des nationalsozialistischen Verbandes angebracht, der in schwarzer Amrandung das Bild eines erstochenen Rabbiners darstellt und die Ueberschrift trägt: „Die gerechte Strafe". Die „Union deutsch-österreichischer Juden" erstattete bei der Staatsanwaltschaft Anzeige mit der Begründung, daß in dem Anbringen und der öffentlichen Zurschaustellung dieser Tafel mit dem erwähnten Bilde und der Ueberschiifl zu Feindseligkeiten wider die jüdische Religionsgesellschaft aufgesordert wird, ja es soll dadurch zur Tötung von Juden angeeisert werden. Die Staatsanwaltschaft wird ersucht, die notwendigen Vorerhebungen führen zu lassen und die „Union" von dem Ergebnis zu verständigen. Rußland. Rosch-Haschanah in Moskau. Moskau, 8. Oktober. Ungeachtet der scharfen antireligiösen Propaganda waren sämtliche sieben Synagogen Moskaus an den beiden Rosch Haschanah-Tagen von Andächtigen überfüllt. In allen Synagogen wurde während des Gottesdienstes der Opfer der Massacres in Palästina gedacht. Private Betgemeinden konnten in diesem Jahre keine Gottesdienste abhalten, weil die Häuserkomitees Instruktionen erhielten, keine Räume zur Abhaltung von Gottesdiensten zur Verfügung zu stellen. Die Sowjetagentur „TOSS" teilt mit, daß am zweiten Rosch Haschanah-Tage in Moskau 2600 und in Leningrad nahezu 15 000 jüdische Arbeiter ihr Tagewerk verrichteten und den Ertrag dem Fonds für die Anschaffung des Aeroplans Biro-Bidschan überwiesen. Auch in jüdischen kommunistischen Kreisen hält man diese Angaben des „TOSE" für überllieben. Schlägereien zwischen jüdischen Kommunisten und frommen Juden, wie sie in früheren Jahren anlählich der hohen Feiertage üblich waren, waren in diesem Jahre nicht vorgekommen. (ITA.) I