Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 43 (29.10.1929)
- Date
- 1929-10-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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De-Ne 2. Nr. 43 Der Israeli! 29. Df'tobiar 1929 Philipp Halsmann wird verurteilt. Zunächst ist der Justizskandal so offensichtlich, daß die eingelegte Berufung ohne weiteres Erfolg hat. Nun befaßte sich inInnsbruck das Geschworenengericht vier lange Wochen mit der Sache Halsmann. Die Atmosphäre um den Gerichtssaal herum erinnerte an die von Tißa Eßlar. Es geht nicht mehr um die Frage, ob ein Mensch das begangen hat, was ihm vorgeworfen wird, oder nicht, sondern das Volk, von rührigen Drahtziehern aufgeputscht, hat bereits geurteilt und schreit ungestüm nachdem Kopfe des Juden, dien irgend „ein internationales Judentum" den Richtern entziehen will. Auf der anderen Seite ein Häuflein rechtdenkender Männer in Sorge und Trauer um dis Schändung der heiligen Justitia, die aber allesamt als Juden und als Sachwalter jener geheimen Organisation verleumdet werden. Im Hintergründe dieses Dramas wütet der Parteien Haß und Hader. Halsmann wird ein Symbol der jüdischen Tragödie Und in diesem Zeichen fällt das Urteil zum zweiten Male. Die Anklage auf Mord läßt sich nicht mehr aufrecht erhalten, so hat man noch im letzten Augenblicke eine neue Klage auf Totschlag konstruiert. Irgendwo hat ein Zuchthäusler etwas ausgesagt, worauf sich bei einigem „guten" Willen eine solche Anklage stützen läßt. Mit acht gegen vier Stimmen wird die Frage auf Totschlag von den Geschworenen bejaht. Halsmann wird zu vier Jahren schweren Kerkers verurteilt. Was wird jetzt geschehen? Mit der Konstatierung, daß Oesterreich nun seinen! D r e y f u s - fall hat, ist es nicht getan. In Frankreich hat es damals die Männer gegeben, die bei allem Jntriguenspiel der Meute ihr Opfer entrissen'. In Oesterreich, und zumal in der dunklen Ecke, wo einstens em Andreas Hofer für die Freiheit blutete, sind alle Lichter der inneren Freiheit erloschen. Der Verteidiger wird nicht ruhen, aber das Edikt eines Schwurgerichtes wird nicht leicht umzuwerfen sein. Eine Begnadigung wäre in Wien denkbar. Aber dagegen wehrt sich Halsmann selbst. Und mit Recht, nachdem seine angebliche Schuld zu einer jüdischen Schuld gemacht worden ist. Inzwischen verlautet, daß die Liga für Menschenrechte sich bereits der Sache angenommen hat, Protestversammlungen einberuft uud die Verteidiger, vornehmlich die christlichen Verteidiger neben dem verdienten jüdischen Anwalt Dr. P r e h b u r g e r, die Oessentlichkeit über der! Justizskandal aufklären läßt. Der formellen Gründe für ein Wiederaufnahmeverfahren wären genug gegeben. Es wird sich zeigen, ob es noch Richter in Oesterreich gibt. Prozesse in Palästina. Die Untersuchungskommission ist von London m Jerusalem angekommen. * Inzwischen haben die Gerichte ihre Arbeit ausgenommen. Was sich da vor den Schranken der Gerichte abspielt, läßt uns die Tragödie von Erez Jisroel in allen Einzelheiten noch einmal erleben. Drei Araber sind zum Tode verurteilt worden. Ihre Frauen schlagen dem Scheich von Safed die Fensterscheibon/ ein und heißen i h n den Mörder der Juden, wie ihrer eigenen Männer. Sie haben recht! In Jerusalem steht als Hauptangeklagter des Blutvergießens in Hebron der erste Führer der Stadt, der S ch e i ch , in dessen Schutz auch das Doppelgrab unserer Erzväter steht, der dem Oberrate der Moslemiten als führendes Mitglied angehört. Also hier wie dort und überall die Intellektuellen, die geistigen Führer, die Spitzen der arabischen Nation. Und darin liegt der Kernpunkt der Tragödie, den erst bte Nachwehen, die Nachwirkungen und die Nachspiele vor Gericht cherausschälen.' Die arabische Intelligenz ist führend mit dabei. Wir haben Pogrome auch anderswo erlebt, in Rußland, in der Ukraine, in Polen und in Rumänien. Aber überall in Osteuropa gab es eine intellektuelle Schicht, die entsetzt ihr Gesicht mi Scham und Trauer verhüllte, die öffentlich Ae Geschehnisse verurteilte und die blutbefleckten Handle der Mörder nicht berühren wollte. Das war immerhin ein schwacher Trost. Hier aber sind es die intellektuellen Rechtsanwälte, die vor Gericht nicht nur ihres Amtes malten, sondern m i t allen Mitteln ber Sabotage die Verurteilung der Schuldigen zu verhindern, mit aller Raffiniertheit das Bild zu verwischen und zu Ungunsten der Juden zu verschieben suchen. Gelingt ihnen einmal ein solches Manöver nicht, dann werfen sie den Richtern die Akten' vor die Füße und laufen davon. So entsetzlich die Vorgänge waren, noch entsetzlicher ist die Tatsache, daß kein Prophet der arabischen Nation entsteht, um ihr ein Spiegelbild der Scheußlichkeiten ihrer entarteten Söhne vor Augen zu halten; entsetzlich, daß die ganze islamitische Welt, einschließlich der religiösen Instanzen, von Jerusalem bis Kairo und von dort bis Vorderindien! sich mit den Mordbanden in Palästina identifiziert, die Mordtaten als nationale Heldentaten sanktioniert und die entmenschten Burschen als Märtyrer im Tode ehrt und als Heroen im Leben schützt. Es wird dem Beduinen, der ursprünglich von keinem anderen Gefühl und Trieb als dem der Raubgier und Mordlust zu feinen Untaten geleitet wurde, nachträglich ein höheres ideales Motiv förmlich suggeriert, ihm eine nationale Heldenkrone aufgesetzt, an die er gewiß nicht gedacht hat, da er nur Blut rinnen und Gold blinken sehen wollte. „Hier sind amerikanische Studenten, Söhne reicher Väter, die ihre Taschen voller Dollars haben", so lautete das ansmunternde Wort des religiösen und politischen Führers von Hebron, des Scheich Taleb Markah, an die stürmenden Banden. Hinterher erfahren die Kerle gar, daß sie »ationale Helden, Retter des Islam und' der Omarmoschee und im Dienste von Allah und seinen Propheten waren. Wir verlangen nicht nach den Köpfen der Mörder, wir wissen: jeder gefallene Araberkopf kommt in der Buchführung der gegen uns ausgestachelten islamitischen Welt auf unser Schuldkonto. Wir wollen und dürfen aber nicht von dem Kernpunkt der Tragödie und des arabischen Problems wegsehen. Soll die Verständigung einmal zustande kommen, — und sie muß zustande kommen, wenn die beiden Brudervölker mit-und nebeneinander leben sollen, — dann muß die Arbeit da ansetzen, von wo heute die Kraftströme des Haffes ausgehen. Nicht darauf kommt es an, ob die paar arme Teufel, die selber Opfer einer primitiven Leidenschaft oder einer Hetze waren-, mehr oder weniger schwer verurteilt werden, die L u f t i n d e r W e l t d e s I s l a m m u ß e n tgiftet werden. Hier muß eine Atmosphäre des Vertrauens wieder soweit geschaffen werden, daß mit den Verbrechern aus den NiederungiM des Volkes Polizei und Gericht fertig werden, ohne daß die islamitische Welt daraus eine jüdische oder arabische Sache macht. Ankisennken in 7loh Hatte ihren ein gütiges Geschick einen fetten Knochen zugeworfen, und sie können ihn nicht genießen. Der Fall Sklarek — welch ein reiches Kapital für den antisemitischen Hetzbetrieb! Sie sollen Juden sein, oder einmal gewesen sein. Wir haben diesen Namen im Zusammenhang mit jüdischen Fragen und Dingen noch niemals nennen i)ören. Das wäre für die Herren auf der rechten Seite, denen der Jude mit dem jüdischen Namen oder der jüdischen Nase beginnt, gewiß kein Hindernis, daraus eine jüdische Sache zu machen!. Will aber das Unglück, daß die Hauptschuldigen, die Hehler, die Hochgestellten, die den Brüdern ihre Arbeit so leicht gemacht und dabei ihre eigenen Taschen vollgesüllt hatten, sich wohl auf Bei Kopfschmerz, Zahnschmerz Erkältung, Rheuma hilft Bestandteile: Phenac., Pkenyldimetliylp., ftl l na Acelylsai., Coff.l». liZU in al 1 en Apotheken Helon alle. Parteien.verteilen, aber vornehmlich auf der rechten S e i t e int politischen . Leber sitzen. Steckt doch der Großmufti der Berliner Antisemiten, Herr Wilhelm Bruhn, der seit vielen Jahren mit der „Wahrheit" die Lüge — alle Schuldlügen gegen die Juden — vertreibt, so tief in diesem Schlamme, daß er aus seiner Partei austreten mußte und wohl auch sein Reichstagsmandat wird niederlegen muffen. Eine Aeußerung dieses sauberen „Wahrheits"- Mannes ist für uns bedeutsamer als der ganze Fall, der ansonst nicht das mindeste jüdische Interesse beanspruchen würde. Bruhn verteidigt sich in der Oessentlichkeit damit, er fei stets der Meinung ' gewesen, seine politische Einstellung könne ihn nicht daran hindern, „mit einzelnen anständigen Juden! zu verkehren". Der Grad des „Anstandes" der Juden wird von dem „Wahrheits"-Vertreter nach dem Maße der Jnsertionsaufträge, die er von ihnen bekommt, bemessen. Kein Wunder, daß der gute Bruhn mit solchen Begriffen von „jüdischem Anstand" bis jetzt keinen weiteren Anschluß an jüdische Kreise gesunden und allen anderen Juden mit „weniger Anstand", d. h. weniger anständigen Bestech-ungsgeldern in Form von Inseraten gram ist. Die Deutschnationale Partei, die jetzt ihren Bruhn! glatt hinausgeworsen hat, sollte mit ihm noch manches andere hrnauswerf-en, sollte mit dem Manne, auch die von ihm seit vielen Jahren verkündete „Wahrheit" etwas genauer unter tte Lupe nehmen und danach ihr politisches Glaubensbekenntnis ein bißchen revidieren. Fürsorgeerziehung im jüdischen Wohlfahriswesev. Von M. Plato, Direktor des Israelitischen Kinderheims in Köln. Zu keiner Zeit war die Methodik der Erziehung im Allgemeinen so viel umstritten wie in den letzten Jahren, im Wesentlichen dadurch^ daß sich dieses Gebiet theoretisch von dem des Pädagogen auf das des Psychologen! verschoben hat. Der in der Praxis stehende Erzieher soll dadurch vom positiv physischen auf das überaus schwierige und spekulative psychische Gebiet hinüber geleitet werden. Daß eine derartige Umgestaltung im Erziehungsberuf-e nicht reibungslos erfolgen kann und daß die Entwicklung zu -einer mittleren Linie Zeit erfordert, ist selbstverständlich. Die Gründe aber, wegen deren sich die Kämpfe gegen bisherige Erziehungsmethoden — in besonders scharfer Form gegen Anstalten und in erster Linie gegen Fürsorgeanstalten — richten, liegen mehr auf politischem, als auf sachlich erzieherischem Gebiete. Die bestehenden Erziehungsanstalten, die der öffentlichen Wohlfahrt zur Verfügung stehen, sind fast ausschließlich auf konfessioneller Basis -errichtet und fallen daher iw das Kampfgebiet der Trennung von Kirche und Staat. Daß in diesem Kampfe das Gebiet der Fürsorgerziehung als schwierigstes, daher schwächstes und von. den Massen best gehaßtes, den heftigsten Angriffen ausgesetzt ist, ist selbstverständlich und werden diese Angriffe durch Kino, Belletristik und Theater aufs Kräftigste unterstützt, sicherlich nicht ohne Berücksichtigung der damit verbundenen Verdienstquelle. Kühl und sachlich betrachtet aber liegen die Dinge ganz anders wie sie im Gewühl des Kampfes in die Erscheinung treten. Die Aufgabe der Fürsorgeerziehung, der meist vernachlässigte Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren anheim fallen, ist eine doppelte und erstreckt sich aus rein 'erzieherische sowie auf solche Maßnahmen, die erwirken sollen, daß die jungen Menschen nach Verlassen der Anstalt gefestigt im Erwerbsleben stehen, d. h. derart im Handwerk oder in landwirtschaftlichen Berufen, ausgebildet sind, daß sie sich in die bürgerliche Gemeinschaft einreihen können.