Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 43 (29.10.1929)
- Date
- 1929-10-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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29. Oktober 1929 Frankfurt a. 2H., den ss. ©fdp* 6689 «f|| Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum Bf l/l Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. V11 i Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Juli INSr Deutschland l-3v M«r«onattt»r Ausland: Bierteljahrprtzife (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Ttretfband-Ber; fandes) Deutfch-Lsterreich: Schilling 8.—,* Amerika Frankrei^SS Fr ’ " " *" --- " ma?k 3um Tageskurs"oder'TZstüy'. Schwei,"s Fr."Tsche'ch^Slowakei^^onen^Ungarn Pengö 5 ab I.Juli 1827; Diinemark 8.8V Krön.; Norwegen8.80 Krön.; Schweden 3.80 «ron. Einzelnummer vierzig Doldpfrnirige.__ Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 60 Doll» _ . _ . pp. _ Jnserataustr'ägen tarifm. Preiserhöhung Verlag des Israelit D. m. b. S>, Frankfurt of. für die stebengespaltene Familienanzeigeu nur 40 Pf. ' ,tr Tertseite 2.50 awc.; Tarif. Bei laufende« sow. durch sämtl. Annoncen-Enved. des In- und Auslands. Alleinige Jnleratenann. für Franks. Geschäfts«»!.: D«l. Schmidt. Langestr. 7. ll. Tel. Hansa 4841. Platzvorschr. ohnr Berbindlichk. direkt ariden Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 19808. - Außerdem an; Postsparkasse Wien^Nr. 788»,. — Po Warschau'Nr. 190757. — Postscheckamt Zürich Nr. Vw 7W4 — Inkasso-Dank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam Nr. 24869 — Bö ^»rre®, - Filiale des Wie^^r ^-Lnkvereins r» Agram. — Der G?rrch^?stand kür allan- Abann»m-"its od-r aus Inseraten Postabonnenten. Wer infolge der Feiertage die vom Briefträger vorgezeigle Quittung für November nicht einlöfen konnte, wolle das Abonnement schleunigst beim Postamt erneuern, damit keine Unterbrechung in der Zustellung emtritt. Verlag des Israelit G. m. b. h. Die Großinquisitoren in Sowjetrußland. Einem uns zur Verfügung gestellten Privatbericht aus Sowjetrußland entnehmen wir folgende erschütternde Stellen, die jeden weiteren Kommentar überflüssig machen: Du weißt, daß ich« jeder gesellschaftlichen Arbeit fern stehe. Ich bin« für sie nicht zu haben. Ich habe mich ganz der Wissenschaft hingegeben. Ader von Zell zu Zeit dringt «an mich das „Wehgeschvei" unserer unglücklichen Brüder, und ich spüre dann das bitter schwere Joch derselben aus meinem Halse. Ich bin well vom religiösen Judentum. In der Jugend war ich der Religion feindlich gestllnmt, später bin ich mäßiger gewor^ den. Ich kann mich genau des Kampfes, den ich mit meinen Eltern« zu überwinden hatte, erinnern, als ich gegen ihren Willen studieren wollte. Ich kann mich genau erinnern, wie wir uns hinter dem litauischen Städtchen versammelten, um die Reden gegen das „Finstere", das dort herrschte,^ von klugen Leuten zu hören. Aber heute leider gibt es so viele finstere Taten, denen die rote Färb «e nichts von der Schwärze nehmen kann. Und ichbegann den Leidenden meine Sympathie zu schenken« obwohl ich denselben fern stehe. Höre eine Geschichte, die in unserer Stadt passiert ist: ' Aus Grund einer Angeige von einem „Ewsekz" hat die Regierung einen« Herrn, (den Du sicher kennst) in Hast genommen unter der Beschuldigung, er sei durch die Gegend« gefahren, um D’vm Schulen zu organisieren uNd jüdischen Kindern die Möglichkeit verschaffte, Thora zu lernen. Zehn Monate lang hatte «er keinen ruhigen Tag. Er wurde von «einer Institution zur andern gebracht (solche gibt es bei uns recht viel), bis er endlich ins Gefängnis verbracht wurde. Dort wurde seine Bitte, i'b'sn legen zu dürfen«, abgewiesen. Dann hatte d«er „Verbrecher" einen Hungerstreik erklärt. Die Haare stehen zu Berge, wenn man über die Untaten der „Ewsekz" nachdenkt. Unlängst wurde ein jüdischer Schulknabe arretiert, 12 Tage vom Ausforschungsrichler und den Behörden gequält, weil «er nicht angeben wollte, wer ihn Thora lehrte und welchen Cheder er besuchte. Du kannst Dir schon vorstellen, mit welchem Gefühl ich das alles erlebe und weshalb ich von jeglicher gesellschaftliche, Arbeit wegbleibe. Ich übergebe Dir diesen mit Blut geschriebenen Brief und stelle die Frage: Wo nimmt man die Geduld und Kraft her, um kaltblütig zuschauen zu können«, wie unsere Brüder im „Sowjetgehinom" von den Auswürfen der „Ewsekz" so geplagt und drangsaliert werden? Wenn unsere Nachfolger in späterer Zeit die Geschichte der „Ewsekzmärtyrer" in Rußland im laufenden Jahrhundert lernen werden, so werden sie bei der Pein, die die russischen Juden erlitten haben, schaudern und erstaunt sein, daß das gesamte jüdische Volk nicht vermockt hat, das nötige Abwehrwort «auszusprechen, um den bösen Taten der „Ewsekz" gegen die jüdischen Heiligtümer-Hall zu machen? Weshalb schweigt das gesamte jüdische Volksgewissen und verurteilt nicht das Vorgehen der Zerstörer und Vernichter des geistigen ur.id« moralischen Judentums? Wp bleibt die Proteststimme gegen die systematischen Unterdrückungen der jüdischen Gewissensfreiheit? Weshalb hat die jüdische Oefsentlichkeit d«er ganzen Welt keinen Protest gegen die Verfolgung der omn und nn1®1 m den Provinzen des „Sowjetgehinom" einigelegt und zur Kenntnis der gesamten Kulturwelt gebracht?; Denkt vielleicht das Judentum in Westeuropa oder Amerika," wo man keine öffentlichen Wehgeschreie aus Sowjetryßland hört, daß dort alles gut bestellt ist? Die Wahrheit ist, daß das russische Judentum nur deshalb schweigt«, weil in dem Weh seine eigene Stimme erstickt,., Man hat Angst, die Stimme gegen, die „Roten Ervse.kzmquisitoren" zu erheben. Dieselben« sehen aber, daß die Weltpresse — die jüdische wie die weltliche — schweigt, und fassen immer mehr Mut, ihre blutigen Taten« im Blute der unschuldigen Opfer rein zu waschen. Wochenrundschau. Me man in Oesterreich einen jüdischen Vatermörder macht. Der „jüdische Ritualmörder" zieht nicht mehr recht, so kam man aus den Gedanken«, einen „jüdischen Vatermörder" zu machen, den man für die politische Hetze, die heute die Maschinerie im Parteileben Oesterreichs treibt, bitter nötig hat. Was ist geschehen? Die Verhandlungen legten den Sachverhalt ganz klar. H a l s m a n n Vater und Sohn, aus Riga stammend, unternahmen von Innsbruck aus eine Bergtour. An einer gefährlichen Spitze ließ es der etwas schwerfällige Vater Halsmann an der nötigen Vorsicht fehlen und stürzte hinunter. Verzweifelt schrie «der Sohn um Hilfe. Rettungsmannschaften kamen, fanden die zerschmetterte Leiche und bargen sie. Ein Schreckensbild, das in den Bergdörfern von Tirol keine Seltenheit ist. Aber der Verunglückte ist «dieses Mal ein Jude und «auch dazu ein ausländischer Jude. Der Sohn ist verzweifelt, außer Fassung, zeigt ein verstörtes Wesen. Das würden wohl andere Söhne in solchen Situationen auch tun. Aber Philipp Halsmann ist ein Jud«e und n«och dazu ein ausländischer Jude, dessen Tränen man nicht trauen muß. Wäre da nicht was zu machen?! Der Dorfklatsch bemächtigt sich sofort der Tragödie. Eine Kuhmagd hatte gehört, eiN Träger hatte gesagt, ein Bergmann hatte «erzählt . . . und so weiter. Phantasie und Gemeinheit klatschsüchtiger Menschen treffen sich und« spinnen ein dichtes Gewebe. Eine hohe Behörde und zuletzt e'irt Gericht bauen auf diesem dunklen Grunde eine Anklage auf. Philipp Halsmann hätte seinen Vater hinuntergestürzt, um ihn zu beerben. Er wehrt sich gegen die Anklage mit der ganzen wilden siMcher^ Entrüstung eines Menschen, dem man zum Unglücke noch die Schande und den« Spott hmzufüg-t. Nützt nichts. Die Sache ist bereits aus dem Kuhstall in die verseuchte Atmosphäre der Parteien, wo die großen Affären gedeihen, hinein gewachsen, ist zu «einem Politikum geworden.