Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1929)
- Date
- 1929-10-17
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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!■ Seite 2 Nr. 42 Der Israeli! 17. Oktober 1929 gab den Anstoß zu weiteren Forschungen. Geho ben wurden all diese Unternehmungen wissenschaftlicher Art durch das Aufblühen des hebräischen Buchdrucks im 16. Jahrhundert. Zu dieser Zeit nahmen die Bibelerläuterungen im christlichen Lager einen bemerkenswerten Aufschwung Der Wunsch, die Bibel im Urtext und in der griechischer, Ubeertragung zu studieren, war ja durch das neuaufgeblühte Sprachstudium der Verwirklichung näher gerückt. Indem man von der allegorischen Exegese abging und sich mehr dem rational'istischen Erfassen des Schrifttextes zuwandte, wurde durch die gemeinsam mit der Reformation gehenden Humanisten ein ganz neues, klärendes Licht auf die Bibelbetrachtung geworfen. Das unfehlbare Wort Gottes trat nun wieder in den Vordergrund, wie es in der heiligen Schrift offenbart worden ist. Schwerpunkt und Nachdruck ruhen nunmehr auf der Bibel statt auf dem Kult der Kirche. Was hier besonders Luther mit seiner Bibelübersetzung geleistet hat, ist in seinen, Nachwirkungen bis heute in Literatur und Kunst zu spüren. Um nur eines zu er wähnen: Kein Geringerer als Goethe hat zeitlebens seine Abhängigkeit vom Wort der Bibel betont. Das Studium der rabbinischen Literatur wurde durch die lexikographischen Arbeiten der beiden Buxtorf ungemein gefördert, ihre Kon- Zeit zum Rüstzeug all derer, die sich der hebräischen Sprache wissenschaftlich zuwandten. Ihrem Sammeleifer verdanken wir auch noch heute manche wichtige, sonst nicht auffindbare Einzelheiten sprachlicher Art. (Fortsetzung folgt.) kordanWN und R^örterner^eichuiffp fiphnftpti innnp (^- 158). 5)ct Verfaß er iyt jid} ciudj butdjcuis bc= UJruuriöeiri unv -worreroerzeicympe geyorren lange das; er mit dem überlieferten Judentum in Wider- Mcherbesprechungen. Allerlei Geschichten, Maasse-Buch. Bearbeitet von Bertha Pappen heim. Mit einem Geleitwort von I. E l b o g e n. Herausgegeben vom Jüdischen Frauenbund. I. Kaussmann, Verlag Frankfurt a. M., 1929. 346 Seiten, geb. M. 9.—. 250 Geschichten aus talmudischer und nachtalmudischer Zeit, mit denen vergangene Jahrhunderte ,hre Muhestunden verkürzten, sind dank dem unermüdlichen Fleih von Bertha Pappenheim jetzt für 'den deutsch sprechenden Leserkreis bearbeitet, der sie nicht in der ursprünglichen hebräischen, aramäischen oder jüdisch-deutschen Abfassung lesen kann. Die ttebertragung gibt fast vollständig und möglichst wortgetreu den Tert des unter dem Namen Amsterdamer Maasfebuch bekannten im Jahre 1723 jüdischdeutsch erschienenen Sammelbuches wieder und erhält dadurch einen gewissen Neiz für den Sprach- und Kulturforscher, die hier ein Reihe längst veralteter Wortbildungen und heute unbekannter Bräuche finden. Besonders wichtig für jüdische Kreise ist die vom Erzähler offenbar beabsichtigte Belehrung seiner Leser, die durch die häufig in naiven Reimen gebrachte Zusammenfassung am Schluß der einzelnen Geschichten deutlich' unterstrichen wird. Dem Lehrer und Erzieher, der den ihm Anvertrauten zeigen will, was altjüdischc Frömmigkeit verlangt, wird daher dieses Buch ein willkommenes Hilfsmittel fein. Durch die ruhige und vornehme Ausstattung ist das Buch sowohl für den Unterricht als auch zur Unterhaltungslektüre geeignet. I. Posen. Materialismus und Joeollnius, Don Constantin Brunner, Potsdain 1928. Gustav Kiepenheuer Verlag. 196 Seiten. seiner Auffassung. Neben den tiefgründigen Untersuchungen, die den eigentlichen Gegenstand des Buches bilden, sind auch viele geistvolle allgemeine Bemerkungen -zu finden, so die treffenden Ausführungen über die Tierpsychologie, die heute ratlos unentschlossen dastehe zwischen den zwei hergebrachten Auffassungen: der einen, welche ihren stärksten Ausdruck fand in der Tieroergötterung, und der anderen, welche die Tiere als seelenlose Mechanismen betrachtete. Die Schrift bildet, wie die Anzeige des Verlags sagt, die notwendige Ergänzung zu allem bisher von Brunner Veröffentlichtem. Dr. I. U. Die sittliche Welt des Judentum-, Von Dr. I. Ziegler. 2. Teil. Vom Abschluß des Kanon bis Saadja. X. u. 397 Seiten. M. W. Kaufmann Verlag, Leipzig 1928. Der bekannte Karlsbader Rabbiner und Prediger gibt in diesem Buche die Fortsetzung seiner vor fast vier Jahren erschienenen Arbeit ,,Die sittliche Welt der heiligen Schriften". Das Ziel dieses zweiten Teils charakterisiert er selbst in der Vorrede mit den Worten: „Dem sittlich Gesunden will er in Erinnerung bringen, dah unsere Bibel noch immer der Urquell seiner Lebensführung fei; dein sittlich Kranken und Schwachen soll er Stütze und Mahnung sein." Und er fügt den Wunsch hinzu: „Er möge zum Ansporn dienen zu einem wissenschaftlichen Aus- und Aufbau einer jüdischen Ethik, einer Ethik, heroorgegangen aus dem Gefühlsleben des jüdischen Volkes, ferner Mentalität, wie sie sich in seinen geistigen Heroen der alten Zeiten herauskristallisiert hat." Das Werk wendet sich seiner ganzen Tendenz und Anlage nach an liberale, dem praktisch-religiösen Leben entfremdete Juden. Das ergibt sich schon aus Aeuherungeu, wie: „Die Bewegungsfreiheit, der Individualismus im religiösen Leben darf nicht aussterben, sonst stirbt die Kawwana Eonstantiil Brunner ist zweifellos einer der tiefsten Denker unserer Zeit, und schon seine Sprache zeigt das Rrngen mit den letzten Problemen. Das vorliegende Werk, das die Form eines Dialogs hat, ist eine Auseinanderr » .» t cvn x ' rr t *. < rv m lumix luvt*., itiiittiuunuvuiumi «viuimusiutu uui L'L "d fe.ÄSÄ’JIS -Ä.'SÄ bh JWlWta Famittdntdi- Mk. m°d°r„°n Individualismus, der daran ist, „die Bluten emer vielspruch steht, und er sieht Zorans, daß manche ihn einen pnw ■m nennen und s:in Buch als ein gefährliches betrachten werden (S. 3). In der Einleitung geht er auch den Ursachen der bedaue'lichen Erscheinung nach, dah wir heute keine Religionsphilosophie des Judentums besitzen, wie sie die Periode von Saadja bis Crescas aufweist, und er sieht den Hauptgrund darin, dah der Resonanzboden fehlt, dah nicht mehr wie früher das ganze jüdische Volk sich für diese Fragen interessiert. Wenn er als eine Vorbedingung dafür, dah man dem heutigen Juden die sittliche Welt der Vorfahren auch als feine sittliche Welt zeigt, die Idealisierung eines großen Teils der Sentenzen und Gedanken unserer alten Lehrer bezeichnet, so kann man ihm hierin nur zustimmen, zuinal er selbst betont, dah diese Idealisierung nur in der H a g a d a , nicht in der Haiacha möglich sei. Auch eine gewisse Freiheit in der Uebersetzung der Texte wird man ihm ohne weiteres zugestehen. Auch dis Häufung der Zimte, durch die er zeigen will, dah ein Gedanke nichts Zufälliges, dah er vielmehr Gemeingut des jüdischen Volkes ist, wird man berechtigt finden. Diese Fülle der Zitate zeigt auch die Vertrautheit des Verfassers mit allen Gebieten der hagadischen Literatur. Freilich wird man bei der Jdeali ierung einer Sentenz immer prüfen müssen, ob sie nicht eine Umbiegung und damit eine Verdrehung des Ec dankens in eine ganz andere Richtung bedeutet, und das scheint mir au nicht wenigen Stellen der Fall zu sein; so z. B. wenn der Cat; mv rropn bv iwen i-wvn io ol-wn npn übersetzt wird: „Wer Gott preist, überschwenglicher als es nötig ist, der ist, als hätte er sich von seiner Gemeinschaft ausgeschlossen" (Seite 86); oder wenn die drei Eigenschaften Israels ounrn und Q’ion'bnu wiedergeqek en werden mit „demütig, barmherzig und mildtätig". Auch die Uebersetzung des Satzes: rotm npiy arun durch die Worte „Sitte hebt das Gesetz auf" (S. 158), entspricht in dieser Allgemeinheit nicht dem ursprünglichen Sinne. Die Bibel und der Talmud sprechen auch nicht bloß von einem Wucheroerbot", wie der Verfasser konstant sagt, sondern von einem Zinsverbot. Allgemein aber darf hervorgehoben werden, dah überall in dem Buche eine tiefe Liebe zum Judentum und zu feinen Traditionen, eine aufrichtige Verehrung für unsere Weisen, für ihren Geist und für ihr Wirken zum Ausdruck kommt, und dah der Verfasser das ehrliche Streben hat, das Judentum zu erhalten, es der heutigen Generation verständlich und liebenswert zu machen. Seine Aeuherungeu über den Sabbat sind zum eil von einer Wärme und einer Begeisterung, daß man ihnen die weiteste Verbreitung wünschen möchte, und Gas er über den Verfall der Moral in der heutigen Gesellschaft sagt, seine eindringlichen Mahnungen inbezug auf Waffen der Dialektik bekämpft wird. Die Philosophen die Brunner am höchsten stellt, sind Plato und Spinoza. Attributa Infinita und oinnia animata sind für ihn „das wahre wissenschaftliche Kernstück der Philosophie und der Weltanschauung und die beiden eigentlichen Lichtträger des Denkens (S. 176). Dagegen wendet er sich mit Leidenschaftlichkeit gegen Aristoteles, den er einen Sammler und einen Materialisten nent und gegen Kant, der als „crzpedantischer Knecht der überlieferten formalistischen Logik" bezeichnet wird. Man sieht, Brunner spart nicht mit Ilebertreibungen. Und in dem Eifer, seine Auffassung vom Wesen der Dinge, die Idee der Ideen, „das Denkende ohne Gedachtes", wie er es nennt, aufzuzeigen, wird ihm alle Philosophie, die dem entgegenzustehen scheint, zum Irrtum und zur Unvernunft, alle Religion zur Schwärmerei und zum Aberglauben. Er sieht übrigens auch in dem „Einen", von dem Moses spricht, dem Seienden das durch kein Bild ausdrückbar ist, den Spiegel tausendjährigen Familienkultur zu zerreißen und zu zertreten" (S. 304), das verdiente auch in orthodoxen Kreisen gelesen und beherzigt zu werden. Trotz alledem aber muh die Frage, ob das Ziel des Verfassers auf dem Wege, den er beschritten hat, erreicht werden kann, entschiedenverneintwerden. Was er versucht, ist ein Unternehmen, das der Quadratur des Zirkels gkeichkommt. Er will eine Synthese schaffen zwischen dem Judentum und dem modern-europäischen Bewußtsein mit seinen natur- und religionswissenschaftlichen Anschauungen, mit seinen entwicklungsgeschichtlichen und bkbelkritischen Tendenzen. Er will Juden, die auf diesem Standpunkt stehen, nicht nur zu einer pietätvollen Liebe zum angestammten Glauben, sondern zu praktisch-jüdischer Lebensführung erziehen; und das ist eine Unmöglichkeit. Systems, bei der Gottesidee. „Die Gottesidee gehört zur Hagada" (S. VI), mit dieser Behauptung schafft er sich den Boden für seinen Gottesbegriff; und dieser Gottesbegrif s ist ein s p i r i tu a l i st i s ch - p a n t h e i st i s ch e r.. Ziegler leugnet mit ausdrücklichen Worten den persönlichen Gott. Man hat schon manchmal behauptet, das Judentum kenne keine Dogmen, und es liegt darin ein Kern von Wahrheit. Aber darüber hat doch niemals ein Zweifel geherrscht, dah der einzige persönliche Gott Grundlage und Ausgangspunkt des ganzen jüdischen Religionssystems ist. Die Schärfe, mit der sich N. Abraham ben David gegen den Rambam wendet, weil er jeden Gedanken, der auch nur im entferntesten an die Unkörperlichkeit Gottes rührt, als krassen Götzendienst brandmarkt, hat seinen tiefsten Grund darin, daß Rabed einen solchen Gedanken für noch lange nicht so gefährlich hält als die Anzweifelung der Persönlichkeit Gottes. Füv Ziegler aber ist Gott „das absolute Sein und die abs olute Harmoni e". „Die absolute - Harmonie des absoluten Seins überströmt auf das Weltall, um im unablässigen Werden seine Harmonie allem Irdischen mitzuteilen" (S. 27). Das ist nach Zieglers Auffassung die göttliche Weltschöpfung. Daß es nicht die Auffassung der Bibel und unserer Weisen ist, gibt er zu^ aber es ist für ihn „die zu Ende gedachte jüdische Eottesidee." Dah damit das ganze persönliche Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen, das der jüdischen Religion ihr Gepräge gibt, verloren geht, sei nur nebenher bemerkt. Es fallen aberdamit überhaupt alle- Grundlagen des Glaubens. R. Josef Albo faßt diese bekanntlich zusammen in die Lehre von der Einzigkeit Gottes, der Göttlichkeit, der Thora und der Vergeltung. Daß auf der Grundlage Zieglers die Göttlichkeit der Thora unmöglich ist, ist ohne weiteres klar. Er sagt auch ausdrücklich, kein denkender Mensch - werde heute behaupten, dah unsere Religionssatzungen uns von Gott wortwörtlich gegeben Görden sind (S. 144). Auch der Begriff von Lohn und Strafe wird idealisiert. „Es gibt nur einen Lohn: die siegreiche Kraft der göttlichen Harmonie in mir, und es gibt nur eine Strafe: das Mächtigwerden des Chaotischen, des Stofflichen in mir" (S. 9). Er gibt zu, dah unser moralisches Bewußtsein, unser Rechtsempfinden sich damit nicht zufrieden gibt; aber wir müssen uns eben dazu erziehen. Die Sendung Israels wird auch „idealisiert". „Nichts von nationaler Selbstüberhebung, nichts von völkischem Dünkel soll uns mehr an unseren Gott ketten! Es gibt keine Auserwählung! Aber es hak eine gegeben" (S. 82). Jrrael Hai wie kein anderes Volk alle seine Kräfte in den Dienst der Religion gestellt. Dies war ein „Seelenwunder", eine Gnade, und diese Gnade ist Israels Adell Man sieht: überall Halbheiten, Widersprüche, Dissonanzzen. Eine Umbiegung des ursprünglichen Sinnes ist es auch, wenn Ziegler ohne weiteres den Begriff-„Thora" mit „Religion" gleichfetzt (S. 53). Das Thorastudium hatte nach ipm für Israel einen dreifachen Lebenswert: „es lehrte die Erfüllung der Gebote, es half ipm weiter das Chaotische und Stoffliche in sich zu bekämpfen, es befriedigte fein mystisches Sehnen nach der Verbundenheit mit Gott" (S. 16). Dah die Forschung in der Thora dem jüdischen Empfinden zugleich die Ergründung der höchsten, der göttlichen Wahrheit bedeutete, kommt hiev nicht zur Geltung. Die Gebote haben wohl einen ideellen Wert, und das jüdische Volk ist deshalb berechtigt, an ihnen festzuhalten, „unbekümmert um den religiösen Wert dieser Satzungen an sich" (S. 141); aber als „göttlich" im buchstäblichen Sinne können sie natürlich nicht bezeichnet werden. So begegnen wir auf Schritt und Tritt den schärfsten Widersprüchen zu der jüdischen Religionsauffassung, wie sie in Bibel und Talmud, wie sie in den Schriften unserer großen Lehrer niedergelegt ist. Und so können auch alle richtigen und treffenden Einzelbetrachtungen, wie wir sie früher erwähnt haben, wie sie z. B. auch der Satz ausspricht: „Kein Rationalismus kann die Auflösung aufhalten, sobald wir unsere Sendung aufgeben: Gott und seine göttliche Welt" (S. 96), das Gesamturteil ändern: So wertvoll auch einzelne Teile dieses Buches sind/, seine Grundlage ist verfehlt, und es kann darum fein Ziel nicht erreichen. Es mag vielleicht einzelne religiös angelegte Nationen aus liberalen Kreisen von der. Taufe zurückhalten; von seiner Gesamttendenz muh man mit Achad Haam sagen: yinn n xb „ytidjt dies ist der Weg!" Dr. I. U. Der wahre Talmudjude, Die wichtigsten Grundsätze des talmudifchsn Schrifttums über das sittliche Leben des Menschen. Uebersetzt und in 70 Kapiteln systematisch geordnet von Albert K a tz . Berlin, 1928. Verlag von M. Poppelauer. Das Buch ist als eine Waffe zur Verteidigung der Ethik des Talmuds gedacht und kann in feiner ruhigen Gehaltenheit und ausgebreiteten Kenntnis, deren Niederschlag, die Zitate, durch ständigen Quellennachweis unterstützt werden, als solche gute Dienste leisten. Freilich wirkt eine 165 Seiten umfassende Aneinanderreihung von Moralsentenzen ohne geistige Verschmelzung und organische Durchdringung etwas einförmig, so aufklärend, wertvoll und eindringlich sie auch im Einzelnen sind. Das Gespenst des Golem, Eine Studie aus der Mystik mit einem Exkurs über das Wesen des Doppelgängers, Von Hans Ludwig Held. Allgemeine VerlagsanstaltMünchen. Eine ernsthafte und tiefgründige Studie. Abschnitt für Abschnitt derselben entfaltet einen bedeutenden Auf- Diese Tendenz zeigt sich schon bei der Grundlage seines I wand von Gelehrsamkeit. Die wichtigsten literarischen Be-