Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1929)
- Date
- 1929-10-17
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Vermächtnis Israels. Von Dr. Joseph Jacobsen in Hamburg. Der Titel „Das Vermächtnis Israels" wurde veranlaßt durch ein wissenschaftliches Kompendium, das im Jahre 1927 in Oxford erschien: „ The - Legacy o f I s r a e l " und das uns zur Besprechung vorliegt. Es enthält eine Reihe wertvoller Essays aus der Feder bedeutender Wissenschaftler Englands unfo Frankreichs, deren Absicht es war, nicht etwa eine Geschichte des jüdischen Volkes zu schreiben, fönderni festzustellen. welchen Beitrag das Judentum und die jüdische Weltanschauung der allgemeinen Kulturentwicklung beigesteuert haben. Das ist der gemeinsame Grundgedanke der vielen und vielseitigen Artikel; wir finden da u. a. zwei größere Aussätze der beiden Herausgeber, von Edwin R. Bevan eine Arbeit über das hellenistische Judentum, von Charles Singer eine über den jüdischen Anteil am mittelalterlichen Denken. Ferner Beiträge über den Einfluß des Judentums auf die Juden in der Zeit von Hillel bis Mendelssohn (Travers Herford) über jüdisches Denken in der Neuzeit (Leon Roth), über den Einfluß der hebräischen Bibel auf die europäischen Sprachen (A. Meillett, über den Einfluß des Judentums auf das abendländische Recht (N. Jsaacs) u. a. m. In den folgendlen Zeilen handelt es sich nicht um eine Besprechung dieses Buches, da bei dem überaus reichhaltigen Inhalt ein gewissenhaftes Eingehen auf alle Teile des Gesamtwerkes in den zur Der fügung stehenden Spalten kaum möglich wäre, vielmehr bot dieses Buch eine Fülle von Anregungen, einzelne Gedanken weiter auszubauen, die sich nun ihrerseits wieder zu-einem selbständigen Ganzen entwickelt haben. I Wir Juden haben nicht nur eine Weltmission in der Zukunft zu erfüllen, es liegen uns nicht nur u n g e l ö st e Aufgaben vor, wir brauchen nicht auf die Zeit zu warten, wo andere Völker unser Erbe übernehmen werden. Nein, längst hat mancher jüdische Keim außerhalb unseres Gartens Wurzel geschlagen. Der reise früchtetragende Baum gehört nicht mehr uns, aber wir werden uns Pflanzer nennen, nicht überheblich und -anmaßend, als ob wir alles, was gedacht und erreicht worden, schon vorher gewollt, geahnt, gewußt hätten; aber doch so, daß wir unseren Anteil an der Kulturentwicklung uns nicht von anderen schmälernzu -lassen brauchen. Zwar wurden wir oft gewaltsam in den Hintergrund gedrängt, haben aber dennoch gewirkt. Wenn wir uns so einstellen-, dann wird vielleicht der eine oder andere auch zugeben, daß gar kein Grund vorliegt, alles nicht Volkhaste, alles nicht Stammesüblichem Bausch und Bogen mit Verachtung beiseite zu werfen! Leider läßt diese Art von geistigem Ghetto, das so mancher von uns so gern um sich herum errichtet, wesentliche Ströme jüdischer Kraftentfaltung schonungslos versanden und täuscht dort ein Scheinleben vor, wo der Tod durch Erstarrung längst eingetreten ist. Die Quellen, aus denen jüdischer Geist herausströmt und segenbringend überall sich verteilt, sind nicht versiegt, seit dem Tage, da wir als Volk in die Weltgeschichte eintraten, bis zur gegenwärtigen Stunde. In den mannigfaltigsten Formen erscheint jüdischer Geist im Kulturleben der Umwelt. Wir'stehen damit im Gegensatz zu Hellas und Rom, den beiden anderen großen Kulturquellen für die abendländische Welt. Was die Griechen und Römer der Menschheit gaben, ist völlig umgeschmolzen zu heute gangbarer Scheidemünze. Die Sprache Homers und Ovids ist verstummt, die farbenreichen Gestalten ihrer Sagen- und Mythenwelt.find verblaßt/ aber Gottes Wort lebt ewig, ist heute ebenso lebendig wie vor 3000 Jahren. Gottes Volk ist am Leben inmitten der anderen Völker, die heilige Sprache ersteht in unseren Tagen zu neuem Leben. Gerade das Aufblühen der Nsuhebräischen auf Grund der biblischen Sprache beweist, daß die heilige Sprache trotz ihrer Einzelstellung nicht das Kriterium aller lebenden Sprachen verloren hat. Worte, Gedanken, Bilder und Vergleiche, die in ber Bibel in hebräischer Sprache erstmalig geformt worden waren, erscheinen oft losgelöst vom Textzusammenhang in der Redeweise der heutigen Zeit. „Unter unseren gewöhnlichsten Wörtern und Redewendungen gibt es viele, die nicht das geringste Zeichen des Hebräischen aufweisen,, die aber ohne das Hebräische niemals auf uns gekommen wären, oder aber sie hätten einen völlig anderen Sinn gehabt als diesen einen ihnen jetzt eigentümlichen ... Es gibt Worte, die aus dem Griechischen oder Lateinischen abgeleitet scheinen, die aber ihrer Bedeutung nach hebräisch sind. Nehmen wir das Wort Engel (Angel). Wenn man einen Philologen nach der Etymologie des Wortes Engel fragt, kann er nur sogen, daß es ein griechisches Wort sei, das vom Lateinischen übernommen wurde und von da aus von allen Sprachen Europas. Aber das Griechische „Angelos“ bedeutete schlechthin Bote, es war ein allgemeiner Ausdruck für irgend einen, der mit einer Botschaft betraut war; es hatte keine kirchliche oder rechtliche Bedeutung. Ohne fremdes Eingreisen gibt es keinen Grund dafür, daß dieses einfache notwendige Wort irgendwelche andere Entwicklung eingefchlagen hätte. Es ist kein Fachausdruck, denn die heidnische Zivilisation brauchte es nicht." (S. 476 ff. Meillet). Lediglich als Uebersetzung des hebräischen „maloch" hat das griechische Angelos den Weg ins Lateinische und von da aus weiter in die modernen Kultursprachen gefunden,. Aehnliche Entwicklungen weist Meillet a. -a. O. für die Wörter Satan — Diabolos — Teufel, Nowi — prophetus, Gan — Paradaifos u. a. m. nach. Für die englische Sprache werden in reichem Maße an anderer Stelle des Buches (S. 483 ff.) stilistische Beziehungen zu der Bibelsprache belegt. Ebenso spricht aber auch die deutsche Sprache von Tohuwabohu, Kainszeichen, ägyptischer Finsternis, babylonischer Verwirrung, Hiobspost, Stein des Anstoßes, von dem Weg allen, Fleisches, den goldenen Aepfeln in silbernen Schalen, dem Koloß mit tönernen Füßen, usw. So mancher ahnt nicht, daß er sich hiermit biblischer Ausdrücke bedient. Doch übertreiben wir nicht. Derartige Reste jüdischen Wesens in unseren lebenden Sprachen sind letztlich nur Aeußerlichkeiten, von einem jüdischen Vermächtnis können wir doch wohl erst da reden, wo der G e i st unseres heiligen Schrifttums in Umwelt und Nachwelt eingedrungen ist. Als der jüdische Staat untergegangen war, ging Gottes Lehre mit ihren Trägern in die Verbannung und hat dort im Stillen gewirkt, aneifernd und wegweisend, wenn auch nicht gewaltsam. Der Einfluß der Bibel im frühen Mittelalter war dadurch für die große Masse des Volkes so besonders abgeschwächt, daß der Katholizismus bewußt das Lateinische als Kultsprache beibehielt, als es schon längst als lebendige Sprache zu existieren ausgehört hatte. Durch die neueinsetzenden Bibelübersetzungen zur Zeit der Reformation kam das Wort der Bibel und ihre Gedanken wieder in aller Munde. Um die Wende des 15. und 16. Jahrhunderts wirken parallele Kräfte auf verschiedenen Gebieten: Die Neugeburt des geistigen Lebens in der Religion ist die Reformation, in den Wissenschaften der Humanismus, in der Kunst die Renaissance. Auf all diesen Gebieten wird das Vermächtnis des Judentums von neuem offenbar: Der Humanist Neuchlin (1455—1522) machte im Jahre 1490 in Florenz bei Mirandola zum ersten Mal die Bekanntschaft mit kabbalistischen Werken. Bald ergab er sich mit Eifer hebräischen Studien; einer seiner Lehrer war der als Bibelerklärer wohlbekannte Obadja Siporno. 1494 erscheint in Basel Reuchlins Werk „De verbo mrvifico"; in diesem Buch beginnen ein jüdischer Weiser, ein christlicher Gelehrter und ein griechischer Philosoph ein Gespräch, aus dem sich ergibt, daß jüdische Gelehrsamkeit und Ae hebräische Sprache den ersten, Rang unter den humanistischen Wissenszweigen einnehmen muffen. 1506 erschienen in Pforzheim die „Rudiment« hebraica", die erste von einem Nichtjuden geschriebene Gvammtak des Hebräischen. Die bekannte Pfefferkornafsäre veranlaßte Reuchlm und seine Freunde, sich mit erhöhtem Eifer auf das Studium des Hebräischen zu werfen. Aber auch im jüdischen Lager begann eine Renaissance des hebräischen Sprachstudiums. 1527 veröffentlichte Elija Levita sein berühmtes Werk „Mafforeth hammafforeth", das in feine Betrachtungen über die Herkunft der hebräischen Punktation, die er als im 5. Jahrhundert entstanden glaubte, großes Aufsehen erregte. Das