Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1929)
- Date
- 1929-10-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 42 Der Israelit 17. Oktober 1929 Der Prozeß begvnn am ersten Rosch-Haschono-h-T-ag-e. Semem Ausgang mierbe mit äußerster S-paniNEgi entgeg-engefehen. Groubövt'tge Juden und junge Kommunisten füllten das große Gerichitszimmw bis auf den letzten Platz. Die AnKugeschrift wa-rs den Angeklagten vor, daß sie sich als die Führer der jüdischen Gemeinde bas Recht richterlicher Funktionen angematzt haben. Im Einzelnen lauteten die Beschuldigungen wie folgt: 1. Die Gemeinde Verwaltung wandte sich an die jüdische Bevölkerung mit einem Ausruf, Gelder für die Nenouierung der großen Synagoge zu spenden. 2. Die Gem>einde hat einen Teil des Berwaltungsgebäuides an dme Produktionsgenossenschaft vermietet, sie hat also Privatgeschäfte gemacht. 3. Die Gemeinde hat. mit Kaschruth-Aussiehern, Tempeldienern und anderen religiösen Beamten Abmachungen getroffen, wodurch sie sich administrative Rechte anmaßte, die ihr nicht zustehen. 4. Die Gemeinde versuchte, die Verteilung von Koscher-Fleifch unter den Gemeindemitgliedern zu beeinflussen. 5. Die Gemeinde stand mit ausländ-i-schen jüdischen Organisationen in Verbindung und erhielt von diesen, zu den vergangenen Pessach-Tagen 80 Pud Mazzoth. 6. Die Gemeinde erhielt Beträge für die Bestattung jüdischer Leichen auf dem jüdischen Friedhof, obwohl der Staatssowjet sich als Inhaber des Friedhofes betrachtet. Die Verteidiger, Advokat Krasni-Admoni und Advokat Levidow wiesen daraus fym, daß die Chorsynagoge eine Warnung -?on der Behörde erhalten hat, daß sie, wenn sie nicht bald renoviert wird, der BeschAgMhme verfallen werde; die Gemeinde mußte also Mittel zur Renovierung der Synagoge beschaffen. Schließlich habe die Gemeinde von Leningrad nicht 80 000, sondern 18 000 Pud Mazzoth aus dem Auslände,, und zwar auf Grund einer Erlaubnis seitens der Zentralregierung, erhalten. Der Richter hielt die Antlagepunkte für nicht entkräftet und sprach die erwähnten Urteile. Die Verwaltung der Gemeinde wurde für aufgelöst erklärt. Unter der Judenheit von Leningrad herrscht tiefe Niedergeschlagenheit. (Uns fehlen im Momente ivic Worte, diesen Juftizskandal, 'der allen bisherigen Religionsoerfolgungen' in Rußland die Kr-m-re aufsetzt, zu charakterisieren. Die jüdische O-eff-enMchkeÄ wird sich mit diesem Schandurteil noch zu befassen haben. Der eigentümliche Prozeß vor einem Berliner Ehrengerichte, von dem in der Wochenrund s ch a u dieser Nummer die Rede ist, wird im Lichte dieses Urteiles gewiß nicht erhebender. D. Red.) Aebecfall russischer Bauern auf jüdische Kolonisten und rasche Justiz. Moskau, 10. Oktober. Russische Bauern des Dorfes S t r u g o w o B u d e, Kreis Klmtztz überfielen die jüdischen Kolonisten, die 1924 in diesem Dorfe angesiedelt umr-den waren, zerstörten Häuser und Inneneinrichtung und schlagen aus die Kolonisten,, de ren Frauen und Kinder, ein. Eine Kolonistenfrau mit N-crmen Zlate Bichowskt wurde getötet. Es wurde feftgestellt, daß der Ueberfall, der am helllichdsn Tag« ausg-eführt wurde, ein von langer Hand geplanter gewesen ist. Die Bande hielt im Hause eines der Dorfbauern eine regelrechte Beratung ab und marschierte von dorr geschlossen zu der jüdischen Siedlung, gegen die ein planvolles Zerstörungswerk begann. Die Mitglileder des Dorfrates, an die sich die Juden um Schutz wandten, verhielten sich gleichgültig und ließen es zu, daß der Mörder Schtäpa und einige andere Rädelsführer des Pogroms zu Pferde das Dorf verließen, als dis Rayons-Miliz herangeeilt kam. Die jungen Dorfkommunisten sahen untätig dem Pogrom zu, und trafen keinerlei Anstalten, die angegriffenen jüdk-schivn Kolonisten zu verteidigen. Der Miliz gelang es, am folgenden Tage Schkapa in einem benachbarten Dorfe zu verhaften. In dem Dorfe Strugowo Bude leben etwa 600 ruf-} fische Bauern, die über hinreichend Boden verfügen. Im Jahre 1924 wurden dort auf Staatsboden neunjüdische Kolonistensamilien angesied-M. Seit dieser Zeit wurde eine antisemitische Propaganda in dem Dorfe betrieben, die in einen Boykott ausartete. Die jüdischen Kolonisten durften an keiner Dorfversammlung, deren Kinder nicht an einer Kmovorstellung tsilNShmen. Eine UnterfuchungskommWon wsW gegenwärtig im Dorfe, um Ursachen und Verlaus des Pogroms zu un-terfuchen. Die Untersuchung dehnt sich auch auf die MtgOeder des Dorfrates, der die.Zustände' geduldet hat, aus. & * * Das Distriktsgericht in Ktintzt hat h-eute, Freitag!, den 11. Oktober, das Urteil über die Rädelsführer des, Pogroms tu Strugowo BuÄe gesprochen. Schkapa. der We Bande anführte und selbst die Kolonistensrau Zlate Bichowski tötete, wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt. Zwei seiner Mithelfer wurden zu acht, bezw. sechs Jahren Kerkers und zu Deportation nach Verbüßung der Strafe ver-urleitt. Es hat in der ganzen Umgebung starken Eindruck gemacht, daß der Prozeß unmittelbar nach den vsrb-recherifchen Daten ftattsand und mit schwerer Bestrafung der Täter endete. Palästina. Die Metzelei in Safed vor Gericht. Haifa, 11. Oktober. Die Gerichte in Palästina haben ihre Arbeit begonnen. Da aber bis jetzt nur Einzelne faßbar sind, so sind es natürlich nur Episoden aus der großen Tragödie; die sich vor dem Gerichte abfpielen. In Haifa tagt seit dem 8. Oktober das Gericht, vor dem sich 7 Araber wegen Ermordung von zwei Juden in Safed (30 wurden dort ermordet) zu verantworten haben. Den Vorsitz führt Oberrichber Sir Michael Mac Do n ne l aus Jerusalem. Zunächst wird gegen drei Araber verhandelt, die beschuldigt werden, den Mord an Isaak Mamaan, einem Beamten des Hadassas-Spiials, begangen zn haben. Gleich zu Anfang lehnendie arabischen An-wälte den hebräischen Dolmetscher ab. Di«! Araber haben die besten Verteidiger im Lande ausgeboten, die sich darauf verlegen, die jüdischen Zeugendurch endloses Kreuzverhör ln Verwirrung zu bringen. Das gelingt ihnen mich bei dem einen Zeugen, der nach dreistündigem pausenlosen Verhör einen Nerv-enzusammenbruch erleidet. Dagegen bleibt der leitende Arzt des Hadassa, Dr. Bord i a n s k y, trotz allen Verwirrungsversuchenbei seiner klaren Schilderung der Sachlage. Die arabischen' Anwälte, ermutigt von vielen Esfendis und Muftis, die den Zuhörerraum füllen-, ließen nicht locker, so daß ihnen der Vorsitzende einen Tadel aussprach. Ms hätten sie daraus gewartet, legten die Anwälte unter Protest die Verteidigung nieder. Am Mittwoch den 9. Oktober wurde die Verhandlung fortgesetzt. Alle Zeugen erkannten, in den drei' Angeklagten zweifelsfrei die Mörder des Mamaan. Ein Zeuge, Sohn der hoch-angesehenen Familie Klinger, schilderte in erschütternden Worten die Tragödie von Sased, wo die Juden eine Woche lang, von den Behörden schutzlos ausgellefert, förmlich auf den Tod warteten. Ein jemenitischer Jude, der nur arabisch spricht und sich, selber als Araber bezeichnet, -erkennt ebenfalls die Mörder. Alle anderen Zeugen machen -ihre Aussagen in bestimmteste-r Form. Da die Verteidiger wohl im Gerichtssaal anwesend sind, aber ihres Amtes nicht walten, kannnach- Abschluß der Zeugenvernehmung der Prozeß nicht fortgesührt werden. Gütliches Zureden von Seiten des- Vorsitzenden bleibt fruchtlos. So wird die Verhandlung- bis zur Nominierung neuer Verteidiger vertagt. Genau so endet die Verhandlung gegen die weiteren vier Araber, die beschuldigt sind, Frau Lula F a r j o u n, eine Sephardim in Sased, getötet zu haben. Ägypten. König Juab von Aegypten für das Palästina- Judentum. Kairo, 27. September. König Fuad von Aegypten empfing den Oberrabbiner von Aegypten, Haim Nahum Effendi, in Audienz, die 50 Minuten währte. Der König besprach mit dem Oberrabbiner die Ereignisse in Palästina, äußerte Interesse für das jüdische Aufbauwerk, das allen Einwohnern des Landes zugute kommt und gab seiner Sympathie für das Judentum Palästinas Ausdruck. Dem Oberrabbmer Haim Nahum find in den letzten Wochen zahlreiche Briefe von Scheichs und hohen Regierungsbeamten in Aegypten zugegangen, in denen die Sympathie der Mostemiten Aegyptens mit den Juden Palästinas zum Ausdruck gebracht wird. (ITA.) Personalien. Niederohmen, 11. Okt. Mit dem Heimgange von Frau Lina Frank, die nach kurzer schwerer Krankheit allzufrüh von uns ging, betrauern wir eine unserer edelsten und frömmsten Frauen. Länger als 30 Jahre war es ihr vergönnt, an der Seite ihres frommen Gatten, unseres langjährigen Synagogenvorstehers und Lehrers, Herrn Emanuel Franß ein echtjüdisches Familienleben zu führen. In diesem Sinne erzog sie ihre vier wackeren Söhne und zwei Töchter und es war ihr auch vergönnt, die Früchte ihrer guten Erziehung zu erleben. Lina Frank verkörperte in schönster Form das Bild, das der königliche Sänger gezeichnet. Insbesondere war sie eine Wohltäterin der Armen, denen sie stets mitt offenen Händen spendete. Welche Hochschätzung sie überall genoß, zeigt sich mit Klarheit an ihrem Leichenbegängnis. Von nah und fern waren ihre Freunde und Verehrer herbeigeeilt. Herr Prov.-Rabb. Dr. Hirschfeld, Gießen, schilderte mit bewegten Worten das Lebensbild der leider zu früh Verschiedenen. Möge ->"n den trauernden Gattten und die Kinder in ihrem Schmerze trösten. rrann- Tr. Berlin, 11. Oktober. Am 3. Tischri beging Herr Herr Benjamin L ö w y , Kantor an der man in voller Rüstigkeit seinen 75 ten Geburtstag. Herr Löwy, gebürtig aus Kobersdorf (Ungarn), halt frühzeitig, nach» dem er verschiedene ma'S" — unter denen die von Mattersdorf — besucht, den irnirn Titel erworben. Ursprünglich dem Kaufmannsberuf sich widmend, erlernte er später die nvms> und versah sie von Ungarn aus — ausgerüstet mit niVap von anerkannten ungarischen und deutschen o’jm — in der Saison in Ostende und Badenweiler.. Vor 40 Jahren kam H. Löwy nach Deutschland und war ca. 20 Jahre in Rendsburg (Holstein) als jrn und vnnp tätig. Seit 1909 ist er als Kantor an der o"v? man beschäftigt. Herr Löwy genießt wegen seines großen jüdischen Wissens — er vertritt in den Sommerferien den an beim Lernen in der o"& man — und wegen seiner Bescheidenheit große Ächtung in weiten Kreisen der v-re man und D’W» v7--Eemeinde. Möge ihm, der noch jeden Tag der miayi mm obliegt, ein gesegneter Lebensabend beschieden sein X. Berlin, 9. Oktober. Am 7. Oktober verstarb Gustav Loesser, der lange Jahre als Mitglied der Jüdischen Volkspartei der Gemeindeverwaltung als Repräsentant angehörte. Er war namentlich aus dem Gebiete der Wohlfahrtspflege tätig. Er leitete das größte Berliner Bezirkswohlfahrtsamt, das Wohlfahrtsamt Prenzlauer Berg. Darüber hinaus war er ein auf allen Gebieten, des synagogalen Lebens und der Wohlfahrtspflege überaus tätiger Mann. Die Bestattung fand bei ungewöhnlich starker. Beteiligung statt. Die Grabrede hielt Rabbiner Dr. Link. Im Namen der Gemeindeverwaltung und der Jüdischen Volkspartei dankte Rechtsanwalt Dr. Klee dem Verblichenen für seine aufopfernde Tätigleitt. Für die Wohlfahrtspflege der Berliner Jüdischen Gemeinde sprach der Referent Eugen Easyary, für die vereinigten Synagogenverbände Dr. James Ellenbogen. Poppenlauer (Ufr.), 3. Oktober. Hier verstarb im Alter von 86 Jahren Frau Kahn, die sich auch bei der nichtjüdischen Bevölkerung der größten Beliebtheit erfreute und großes Ansehen genoß. Herr D. Cegla^ Maßbach, schilderte vor einer . Trauerversammlung, der viele Nichtjuden beiwohnten, in ergreifenden /Worten die Persönlichkeit der Verstorbenen und den schweren Verluste den nicht nur die Familie, sondern auch die Gemeinde erlitten hat. Aus dem Friedhof . Klein-Bätthof betonte er die tiefe Religiosität, den vorbildlichen Charakter unddas Lebenswerk der Heimgegangenen, die bis zuletzt im vollen Besitze ihret Geisteskraft war. 'rrasuv Crumstadt b. Darmstadtt, 4. Oktober. Unter überaus großer Beteiligung wurde kurz vor dem Rausch-Haschanoh- Feste der erste Vorsteher unserer Gemeinde zu Grabe getragen. Gustav Bruchsel d, der vor 30 Jahren das Amt des 1. Vorstandes der Gemeinde übernommen hattte, verstand es, die Gemeinde in altjüdischem Sinne zu führen. Aufopfernd, keine Mühe und Arbeit scheuend, bekleidete er dieses Amtt o’öp dp?. Einen schweren überaus großen Verlust hat die Gemeinde dadurch zu-,perzeichnen. Es gab kein Minjan, bei dem der Verstorbene fehlte. Galt es Zedokoh auszuüben, so war auch er es, der mit tatkräftigstem Beispiele voranging.. Welche Beliebtheit der Heimgegangene sich bei der Allgemeinheit erworben hatte, ließ das überaus große Geleite der Ortsbevölkerung erkennen. ' Am Trauerhause würdigte Herr Rabbiner Dr. Merzbach in lies zu Herzen gehenden Worten das Lebensblld des Verstorbenen. Namens der Gemeinde und des Vorstandes überbrachte Herr Lehrer Saffra Abschieds-- worte des Dankes. In der heiligen Stätte ist sein Platz verwaist, gar bitter und groß ist die Lücke, die unserer KOHLEN KOKS BRIKETTS HOLZ Winschermann Neue Meinzersir. 16 Vertreter Johanna Homburger-Mainz Tel. Hansa 6066/6066 Uhlandsfrafie 50 Tel. Carolus 43377 G.m. b. H. Gegründet 18 4 8