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Der Israelit · 1929-10-17 · Heft 42 (17.10.1929) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 42 (17.10.1929)
Date
1929-10-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 42 Der Israelit 17. Oktober 1929! Hemmende wird zur stolzen- Last, der jüdische Westeuropäer ist gerettet. Aber Totaljude ist er nicht gewodren. Hier ist gewissermaßen der „erkenn'tnis-theoretische" Ausgangspunkt des Thoralernens. Eine endlose, oder besser, unendliche Stufenleiter führt vom geschriebenen oder gesprochenen, allgemein! zugänglichen Thora wort bis zum allerletzten nur Gott selbst offenbaren Thora - s i n n. Der Weg vom „Pschat" hinauf bis zu jener transzendenten Welt der „Geheimnisse der Thora", die sich hinter jedem Tüpfelchen eines Jod unerkannt und schwer erkennbar birgt, heißt — Lernen. Daher kommt es, daß man nie zu Ende lernt, nie mit dem Lernen fertig wird, weil jede Entdeckung beim Lernen, jeder Chiddufch ja nur eine Sprosse sein kann einer Leiter, die sich zwischen der menschlichen Logik und Gottes Logik s. v. v. entlang zieht. Schwierigkeiten innerhalb des Lernens, scheinbare Widersprüche, von denen die gesamte halachische Literatur angeblich strotzt, werden immer nur s o zu beheben und auszugleichen sein, daß der Lernende hinter den geäußerten Meinungen die Problemstellung richtig ertappt, ht nt e r dem Problem, die „Schitta", das innere konstruktive System der vorgebrachten Ansicht entdeckt und daß er dann weitergehend den gemeinsamen Ausgangspunkt der sich um die bleibende Halacha streitenden Partner treffsicher herausarbeitet. Ein Weg, eine nach rückwärts zu verfolgende Linie, die unendlich ist, weil sie zum Unendlichen hintendiert, weil jedes Wort und jeder Strich Fingerzeige sind und Wegzeichen bedeuten! zur letzten erhabenen und ewigen Weisheit. So ist wenigstens die litauische Auffassung vom Lernen. (Ob sie den Litauern selbst bewußt oder unbewußt ist, spielt bei unsrer Betrachtungsweise hier keine Rolle.) Keine genieverpuffende Pilpulistik, auch kein säst- und marktötendes Wissenschaftlern. Vielmehr rinn und ]v>n- Struktur-analytische und wesensanalytische Methode. Es wird eine Welt erschlossen, die an die Totalität des.Menschen appelliert. Weit oberhalb des Zwiespalts zwischen Gefühl und Logik. 4. Jedoch, wir wollten ja nicht über die litauische Lern weise dozieren, sondern das Geheimnis ihrer jüdischen Heilkraft zu entdecken suchen, zum Heil und Nutzen der vielen, deren jüdische Seelen an Westeuropa krank geworden! sind. Was ist die Diagnose dieser Krankheit? Die Kompliziertheit. Der Widerstreit zwischen innerem Europäismus und dem Willen zum Jude-Sein schafft oberflächliche oder verbissene Typen, krankes Material, aber keine Voll juden. Die Thora, nicht nur der gesetzgebende Teil, erscheint dann als Grenze, als Zaun, den mom (so ist die Empfindung) entweder einrennt oder sich an ihm blutig schlägt, ein drittes gibt es nicht. Es wird höchstens unterbewußt geahnt. Die Denkart, die Gedankenstraßen des Judentums bedeuten Gitterwerk, seine Lebenskuinst — Ummauerung, alle Fenster scheinen unnachgiebig verbaut. Setze in diese Umgitterung nun ein paar tausend Menschen hinein mit heidnisch (lies europäisch) geformtem Lebenswillen, und du hast die Bescherung! Kranke Juden. Und bei den Denkenden — Selbstquälerei. Ein Glück ist, daß den meisten Westjuden die Idee und der Sinn Europas ebenso fadenscheinig und nichtssagend aufgegangen ist wie ihr — Judentum. 5. Drei Gruppen, innerlich unterscheidbar, ist es gelungen, in Westeuropa, Juden zu bleiben. Keine Jdealjuden, ke-i-ne Volljuden, aber immerhin — Juden. Am relativ leichtesten haben es noch die Gefühls juden oder die Empfindungsjuden. Diese Kategorie umschließt alle diejenigen, welche das Tor des Judentums ins Freie und Weite mit ihren Herz-Schlüsseln aufsperren. Von dem dumpfen Gewohnheitsfrommen bis zum modernen! Chossid. Frische und süße Luft weht, die Ummauerung verblaßt zum Schemen, das Die andere Gruppe versucht es mit rationalistischem Pilpulieren oder mit philosophischem Er,kM»ntniswillen. Das „Begrenzende" wird zur logischen Notwendigkeit, die trennenden Schranken zur Selbstschutzbarrieren!; Ordnung, Symbol, bestaunte Logik,' geistreich, sinnvoll, keine Spur von Beengtsein. (Ist vielleicht die Mathematik deshalb geistig hemmend, weil sie Axiome kennt und Gesetze normiert?) - Dies sind die Verstandesjuden. Dem Dilemma: Westeuropa-Thora ist man mehr oder minder glücklich entronnen. Jedoch, Tolaljude ist man damit noch lange nicht. Die dritte Gemeinschaft setzt sich zusammen aus den „Führern" (auch nur teilweise) und aus einem Großteil der modernen sogen, orthodoxen Jugend. Sie suchen das Judentum mit Herz und Hirn gemeinsam, mit Nüchternheit und Enthusiasmus. Sie öffnen mit verschiedenen Schlüsseln verschiedene Türen. Und siehe da, sie fvnden im Judentum beides, Empfindungswelt und Verstandesregionen. Durch sämtliche Fenster flutet ewiges Licht; man erkennt und erfühlt in allem die „Jüdifchkett". Ist man aber darum Totaljude geworden? Gefühlsjudentum und Gedankenjudentum finden gleichstarken Widerhall in einer Brust. Zwei Gerade, die sich in der Endlichkeit einer Persönlichkeit schneiden, deren innere Widersprüchlichkeit erst recht, doppelt und dreifach, zutage tritt. Halbierte Juden. Zerklüftete Juden. Wenn die ersten zwei Gruppenan Europa — europäisch leiden, so leidet diese letzte Gruppe — jüdisch. Sie sind die eigentlichen „komplizierten" Juden. 6. Hier hat die litauische Lernmethode einzuhaken. (Ebm wahre Geschichte: Ein deutscher Junge kam einmal zu einem litauischen Godaul, um Rat und Schutz vor seiner inneren Zwiespältigkeit. „Rabbi, wie wird man ein ursprünglicher Jude?" ,>Wenn man bei uns eine Zeitlang- — Gemoro - Schiurim hört ..." Die Antwort klingt abgeschmackt? Nicht wahr? Aber sie ist unendlich wahr und richtig. Das litauische Lernen -lüftet gleichsam den- Schleier der Thora, das Wort ist Mantel, Ausgangspunkt; keine fiktiven Mauern und Grenzen mehr. Nur noch Oeffnung, Aussichten ins Freie und Große. „Decke meine Augen auf, ich will die Wunder Deiner Thora sehen." Die Welt des vom Menschen empfangenen Wortes ist die Welt der Tatsächlichkeiten, eine Welt mit Geist oder Gefühl, oder mit beiden zugleich erlebbar. Die Welt des von Gott geschaffenen, in unsre Mitte h i n abstr ömenden Wortes jedoch ist die Welt der Schöpfungen, sie wird nur von der T o L a l i t ä t des Menschen eingesogen. Von der Totalität seiner Persönlichkeit, jenem vorletzten Stadium, ehe er sich noch in jene scheinbar widerspruchsvolle Zweiheit, in Denkwefen und Fühlwesen, gliedert. Der Weg vom „empfangenen" Wort zurück (oder tiefer hinein) ins „geschaffene" Wort bedeutet: litauisches Lernen. Der Litauer merkt dies kaum. Er geht meist diesen Weg ingroßer und heiliger Naivität. Aber der jüdische Westeuropäer fühlt es krampfhaft, wenn er sich aus )em unproduktiven Chaos seiner Kompliziertheit jeraussehnt nach dem Urwüchsigen und Befreienden, das seine jüdische Seele im Lernen wittert. Der litauische Jude wird durch sein Lernen — groß; der Westjude wird durch es — j Ü - di sch!. Wieso? bleibt letzten Endes doch Geheimnis. Es beruht schließlich alles auf der Wesens- Verwandtschaft von- Thora und jüdischen Menschen. „Alle ungeborenen Seelen haben den Berg Sinai umstanden, um die Thora zu empfangen." Denjenigen, denen obiges unglaubhaft, weil übertrieben, erscheint, kann manimmer nur das eine sagen: komm' und lerne! Ueberzeugt Euch selbst. Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich. Ein Appell der sabbathaltenden Arbeitnehmer am die deutschen Rabbinen. F r a n k f u r i a M., 15. Okt. Die 58uini&esifeiituin>g des A ug-est e l tten< - B u n d „Agudas Jrsroel" versendet soeben -an die deutschen Rabbinen einen Aufruf, dem wir entnehmen: In ernster Sorge um die Zukunft der sabb-wthailtenden Arbeitnehmerschaft aller Berufe Wenden wer uns erneut an- Sie mit der Bitte, uns -in noch erhöhterem Maße wie bisher zu unterstützen. Zahlre-ich sind unsere Kl-agsn-: Wir beklagen, daß noch immer sabbathaltende Mrrnen die sabbathaltenden Stellens.uchenden bei Besetzung, von Vakanzen in keiner Weise berücksichtigen. Wir beklagen, daß Betriebe, die durch „Rabb-inatsaufsicht" ein Monopol haben (Lebensmittelgeschäfte, Hotels, Nestaura-ii-onen) in nur sehr geringem Ausmaße jüdisches Personal einstellen. Wir beklagen, daß die jüdischen Gemeinden bei Vergebung ihrer Aufträge noch immer nicht ausreichend jüdische Handwerker berücksichtigen! Wir beklagen aus das Ällerti-effte, daß gefetzestreue Arbeitgeber ihre Angestellten untertariflich bezahlen unddadurch die Notlage der Sabbathaltenden ausnützen. Wir beklagien-, daß die jüdischen- Arbeitgeber auf via religiösen Belange der Arbeitnehmer keine Rücksicht nehmen, während manin dieser Hinsicht gegenüber dem nichtjüdischen Arbeitnehmer überaus tolerant ist. Die meisten Betriebe schließen am Freitag erst nach Synaoogenbeginn und öffnen am Samstag Abend so früh,, daß es dem ge setze streuen Arbeitnehmer unmöglich ist», den Gottesdienst zu besuchen. Die Amtseinführung des Kölner Raw. Köln, 10. Oktober. Am Vorabend des a>:m p"v fand hier die feierliche- Cinführung des Rabbiners der Adaß Jefchurun, des ältesten Sohnes des verstorbenen Raw, Dr. Emanuel. Carlebach statt. Die inmonatelanger Arbeit renovierte Synagoge bot einten! festlichen Anblick dar und * konnte die Zahl der Cinlaßbegehrenden nicht fassen-, diediesem feierlichen Moment, dem Beginn einer neuen Epoche in der Geschichte der Kölner Adaß Jefchurunbeiwohnen wollten. Rachwp nbsp betrat der neue Raw, geführt von den Mitgliederndes Vorstandes-, die Synagoge, während Ehason und Chor Boruch Habo anstimmten. Der Vorsitzende der Gemeinde, Herr Jonas Wolf, begrüßte den jungen Führer der Gemeinde und gab den Hoffnungen Ausdruck, die die nl-'n,-? in die Wirksamkeit ihres Raw setzte, der das Glück habe, das Werk feiner großen Vorgänger, Hirsch Plato und Emanuel Carliebach der die Gemeinde zu hoher Blüte geführt habe, sortsetz-en zu dürfen. Hierauf betrat Herr Rabbiner Dr. David Carlebach die nun seit fast zwei Jahren verwaiste Kanzel. Mit Ehrfurcht und Beben stehe er an diesem Platze, den zu betreten dem Sohn die Tauroh eigentlich verbiete, gelte es nicht, das Lebenswerk des Vaters zn erhalten- und fortzusetzen-. Zuerst galt fein Dank £ptt Lehrern seiner Jugend, seinem Vater un>d Großvater, Salomon Carlebach V-'sr und rr^mnV seinem grom Lehrer, -der jetzt schmerzgiebengt -auf heiligem Boden über den Gräbern seiner Schüler trauere, die seine Freunde und Genossengewesen seien. Anknüpfend an die letzte Predigtseines verewigten Vaters, gab er der Hoffnung Ausdruck, daß u-m seines nni Willen die Gemeinde auch ihm dieselbe Liebe entgegenbrinaenwerde

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