Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1929)
- Date
- 1929-10-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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17. Oktober 1929 . Der Israelit Nr. 42 Seite 5 »So, wie Ehrenmänner ihre Pflicht erfüllen". Me Worte dieser Ueberschrift finden sich in einem Artikel Lloyd Georges aus dem Jahre 1923 hinsichtlich der Verpflichtung Englands, für das jüdische Volk in Palästina eine Nationalheimat zu errichten.*) Es ist nach den entsetzlichen, den Namen „Mensch" besudelnden Pogromen imi Palästina angebracht, einige Stellen des Artikels hier wiederzugeben. Es heißt da: „Für Nationen, die Juden kreuzigten, ist niemals etwas Gutes herausgekommen . . . Wenn Palästina wiederhergestellt werden und annähernd seinen alten Wohlstand wieder erreichen soll, so muh es durch Juden geschehen, die sich auf seinem Boden anstedeln. Der Zustand, auf den das Land in Jahrhunderten durch die größte Verwüstung und Unterdrückung in der Welt reduziert worden ist, macht eine Wiederherstellung nur möglich, wenn eine Rasse sie vornimmt, die aus sentimentalen Gründen Opfer zu diesem Zwecke bringen! will . . . Die jüdische Ansiedlung nahm in der Praxis ihren Anfang vor 70 Jahren mit Sir Moses Montefiores Experiment im Jahve 1854, — ein anderes Kriegsjahr. Der Sultan hatte in diesem Jahr so gute Gründe, die Juden zu begünstigen, wie die Alliierten sie im Jahre 1917 hatten. So nahm die jüdische Besiedlung Palästinas ihren Anfang. Von diesem Tage an hat sie langsame, aber stetige Fortschritte gemacht. Das verfügbare Land war nicht das beste, Vorurteile und Befürchtungen mußten in Betracht gezogen werden. Alles, was einer allg-ememen, Exproprierung arabischer Ackerbauern ähnlich sah, sogar gegen bares Geld mußte sorgfältig vermieden werden; die Juden waren daher oft gezwungen, sich auf unfruchtbaren ScLnddünen-oder an Malariasümpfen anzusiedeln ... Ich war erstaunt zu finden, daß die Zahl der Besucher in Palästina während eines ganzen Jahres nur 13 000 betrug. Es enthält die berühmtesten Altäre der Welt, feine Geschichte ist für die reichsten Völker der Erde von allerhöchstem Interesse und wird ihren Kindern besser gelehrt als die Geschichte des eigenen Landes . . . Hunderttausend e sollten jedes Jahr diesen heiligen Boden betreten. Warum tun sie es nicht? . . . Eine geregelte Regierung gibt dem heiligen Lande seit 1900 Jahren die erste Chance wieder ... Me Juden allein können es aus feiner Wildnis erlösen und seinen alten Ruhm wiederherstellen. In diesem Vertrauen! liegt keine Ungerechtigkeit gegen eine andere Rasse. Die Araber haben weder die Mittel noch die Energie noch den Ehrgeiz, diese Pflicht zu erfüllen. Das britische Reich trägt zu viele Lasten auf feinen Schultern, als daß es dieses Experiment erfolgreich durchzuführen vermöchte. Die jüdische Rasse allein kann mit ihrem Genius, ihren vielen Hilfsmitteln, ihrer Zähigkeit und nicht zuletzt mit ihrem Reichtum diese wichtige Aufgabe lösen. Die Erklärung Balfours bedeutet «nicht Expropriierung, sondern Stärkung. Sie garantiert den Juden Gleichheit mit anderen Völkern ... Es ist ein bescheidenes Verlangen, welches diese Verbannten aus Zion den Rationen vorlegen. Es ist nur gerecht, daß man es ihnen bewilligt, es so ausführt, wie Ehrenmäniner ihre Pflicht erfüllen. Es gibt 14 Millionen Juden in der Welt. Sie gehören zu einer Rasse, die während der letzten 1900 Jahre der Aechtung, dem Raub, Blutbädern und den Qualm einer endlosen Verspottung ausgesetzt gewesen ist, — eine Rasse, die Verfolgung erduldet hat, eine Rasse, die trfegen der Verschiedenheit der ihr auferlegtein! Martern physischer, materieller und geistiger Art für die Ausdauer und Bosheit, mtt der diese aufrechterhalten würden, wegen der Länge der Zeit, die sie gedauert haben und ganz besonders wegen der *) Lloyd George, Gedanken eines Staatsmannes. 242 Seiten. 1929,!;Berlin, Verlag für Kulturpolitik. Tapferkett und Geduld, mit der sie ausgehalten worden sind, in der Geschichte der Völker kein Gegenstück ausweist. Ist es zu viel, zu verlangen, daß es denen unter ihnen, deren Leiden die schlimmsten sind, 'ermöglicht wird, Zuflucht in dem Land zu finden, das ihre Väter durch den Glanz ihres Genius, durch die Erhabenheit ihrer Gedanken, durch das Opfer ihrer Leben und durch die ungeheure Wirkung ihrer Botschaft an die Menschheit geheiligt haben?" ♦ Hat England seine den! Juden gegenüber übernommene Pflicht so ausgeführt, wie „Ehrenmänner ihre Pflicht erfüllen?" Diese Frage ist jetzt nach „dem Raub, Blutbädern und den Qualen einer endlosen Verspottung", die die letzte Augustwoche 1939 den Juden Palästinas gebracht hat, aktuell. Wir Juden Palästinas sehen eine Fülle von Tatsachen, die uns zu beweisen scheinen, daß die von England in Palästina eingesetzte Regierung bei der Vorbereitung wie bei Ausführung der von den arabischen Politikern arrangierten Pogrome informiert war und ihr dieser Schlag gegen die Balfour-Deklaratton konvenierte. Außer dem Antisemitismus einiger hoher Beamten können wir uns aber für diese Stellungnahme keinen Grund denken. " Zofe al Zion. JKe Heutige Zseiertags - Ioppek- Nummer gekarrgt, statt am Ionuerstag, Ireitag, den 18. Hktoöer zum Wersand. Ire nächste Wummer erscheint Iienstag, den 29. Mloßer. Die litauische »Lern"-Methode für die jüd. Jugend in Westeuropa. Von 5. Judelowih. 1. Es sollen im folgenden keinerlei Wertungen gegeben werden über die verschiedenartigen Methoden des „Lernens", es soll höchstens untersucht werden, worin die seltsam-einzigartige Wirkung besteht, die gerade das litauische „Lernen" auf den jugendlichen westeuropäischen Inden — nachweisbar — aysübt. Wo sind die unterirdischen Verbindungsstrazen zwischen der jüdisch-westeuropäischen S e e le n - K o m p l i z i e r t h e i t und der litauischen l o g is che n Ab g e k l ärth eit, als hervorstechendste Eigenschaft seines na^n *]*m Welche psychologische Verwandtschaftlichkeit liegt dieser bereits tatsächlich erwiesenen Erscheinung des „Zu-emander-Sttebens" zu Grunde? Oder ist es vielleicht nicht fo sehr ein psychologisches als ein spezifisch-jüdisches Phänomen, das uns hier staunen und raten läßt? — Die Antwort ist nicht einfach und sie birgt Verpflichtungen in sich. Sie wäre — richtig erfaßt — eine zur lebendigen Tat aufrufende Erkenntnis. Wenigstens für die, die es ehrlich meinen. Eines wollen wir der Antwort vorweg nehmen: Dank denen (es ist aller Grund dafür vorhanden), die dem litauischen Lernen in Westeuropa, vornehmlich in Mutschland unö1 Schweiz, die Hirne und Herzen erobern wollen. Vor allem die Herzen! Unser tägliches Gebet: Oeffne unser Herz Deiner Lehre ... 2. Es ist ein uralter Gemeinplatz, daß logische Ruch t e r n h e i t Md gefühlshafte 'innere E r - h itzt heit sich einander ausschließen, daß das eine nur o h n e das andre zur letzten Expansionsmöglichkeit gelangen kann. Der verstandeskalte Nüchterling wird nie in innerer seelischer Wucht völlig aufgehen können, so wenig wie der überschäumende, überquillMide Gefühlssklave je zur letzten logischen Eisregion vorzustoßen vermag. Es ist dies, wie gesagt, eine sehr billige Weisheit. Biele Menschen entscheiden sich grundsätzlich für das eine oder das andere (vergl. den Gegensatz zwischen Chasstdim und Misnagdim). Me meisten Menschen und leider auch die meisten Juden entscheiden sich jedoch überhaupt nicht. Sie bleiben vielmehr auf Dem sogenannten „Mittelweg" (daß er von Gold ist, glaubt, so viel ich weiß, heutzutage niemand. mehr). Man weiß weder aus noch ein. Man macht zeitweise etwas in Gefühl, dann wieder ein wenig in Intellektualismus; man haßt Ueberschwänglichkoit ebenso wie überscharfe Denktechnik und bleibt so letzten Endes das, was der Talmud so treffend witzig nennt: „ein Glatzkopf von vorn und ein Glatzkopf von hinten". Wie ist hierzu die Stellung des Judentums? Die Thora (vom Ehumesch bis zum Sohar) enthält Provinzen kristallklarer Logik ebenso zahlreich wie Gebiete mystischen Gefühlsaufruhrs. Die scheinbar konträren, einander widerstrebenden Elemente greifen innerhalb der jüdischen Lehre und des jüdischen Lebens fortwährend ineinander ein, fließen gleichsam immerwährend ineinander über. H a l a ch a schließt die H a g g a d a keineswegs aus, beide ergänzen sich vielmehr wechselseitig, ja, beide bilden erst als ineinander geschmolzenes Ganzes das Riesenwerk des Talmuds. Ja, noch seltsamer ist die Erscheinung bei den jüdischen Geistesheroen, die auf der einen Seite gottsuchende Mystikerseelen waren und andererseits, was halachische Konsequenz anbetrifft, mit mathematischer Verstandeskühle, haarscharfen Unterscheidungen, frappierenden Einfällen, eine „phantastische" Denk-Sachlichkeit bewiesen haben. Was ist das Geheimnisvolle, das Un'gerermtes, Sich-emander-anschließendes ineinanderfalzen kann zur widerspruchslosen, harmonisch-geschlossenen Einheitlichkeit? Was ließ den Wilnaer Gaon, Rabbi Elijah, gleichzeitig, kabbalistische Erscheinungen haben und mühsam — kasuistisch-logisch — talmudische Lesarten herausarbeiten? Wieso konnte ein Manisch, fast zur selben Zeit, einen Kommentar zum Choschen-Mischpat und einen zum „Buche der Geheimnisse"'schreiben, ohne selbst vor lauter innerem Widerstreit und Zwiespalt geistig auseinander zu bersten? Wieso? Die Antwort muß wohl im Wesen der Thora selbst zu finden sein. 3. Die Thora als Sprache Gottes ist seit mm jn» von Gott selbst emgekleidet worden in menschliche, d. h. vom Menschen zu verstehende Formulierungen. Hinter dieser gleichsam menschlichen Gewandung! jedoch steht das über-menschliche, von Gott gesprochene W o r t -in seiner unendlichen sormulierungs- und strukturlosen Ewigkeit. Die Thora als-nur-Formulierung will von ihren BekeMiern einzig und allein gewußt werden. Die Thora als Zweiheit von Sprache und unaussprechbarem Gedanken, jedoch, will — gele r n t werden. Der Große Brockhaus, Bd. 3 (Blc-che) 776 Seiten, Preis in Ganzleinen GM. 26.—, bei Umtausch eines alten Lexikons EM. 23.50. Die längste Brücked er Welt finden wir nicht etwa in Europa oder in Amerika, das aller Welt in der Technik voran ist, sondern in dem alten Kulturland China; es ist der Viadukt von Chaohing, ein Bauwerk aus Holz von derst ältlichen Länge von 144 Km., das sich über eine flache Talsenkung hinzieht, Ueber dieses technische Kuriosum berichtet der neue — dritte — Band des „Großen Brockhaus" unter dem Stichwort „Brücken", das nicht weniger als 17 Spalten Text und 39 Abbildungen umfaßt und als Musterbeispiel eines technischen Artikels genannt werden kann. Dieser Band beweist von neuem die Ausführlichkeit und Sorgfalt, mit der das Gebiet der modernen Technik, das für unser Leben ja mehr an Bedeutung gewinnt, dargestellt worden ist; man schlage nur einmal Stichwörter nach wie „Braunkohle" (mit 2 Bildtafeln), „Brauerei" (13 Textspalten und 19 Abbildungen), „Buchdruck" (35 Abbildungen) „Bremsen" (13 Abbildungen). Dabei sind die Texte so geschrieben, daß sie jedem Laien verständlich sind und auch dem Fachmann durch übersichtliche Darstellung das Gesuchte bringen. Man kommt aus dem ehrlichen Staunen über die Fülle des Stoffes nicht heraus.