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Der Israelit · 1929-10-17 · Heft 42 (17.10.1929) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 42 (17.10.1929)
Date
1929-10-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 42 Der Israelit 17. Oktober 1929 äußeren Zwanges, reine Verkörperungen der religiösen Idee des Judeinitums, sich eines Tages erheben könnten. Die deutsche Orthodoxie, die sich des Segens des Austrittsgesetzes bewußt ist, — und wir glauben in dieser Hinsicht auch mit vielen objektiv denkenden Gesetzestreuen in den Ein-- heitsgemeinden einig zu sein — hat jedenfalls alle Ursache, sich andiesem Gedenktage in dcmkbarer Ehrfurcht vor den Manen Eduard Lasters zu neigen. Er hat in einem schicksalsschweren Augenblick der jüdischen Geschichte dazu beigetragen, daß schließlich über die Grenze Deutschlands hinaus der alte jüdische Z i b b u r g e - danke in seiner vollen Reinheit, wie ihn nur die einheitlich orthodoxe Kehilla verkörpert, in die Zukunft hinüber gerettet werden konnte. Worüber sie Nage«! Ein Prozeß, der dieser Tage vor einem zionistischen Ehrengerichte in Berlin« zum Austrag kam, wird nicht verfehlen, die Aufmerksamkeit der jüdischen Welt aus Dinge zu lenken, die wohl bekannt sind, die man aber, im Widerstreit der Meinungen, in verschiedenme Lichte sieht. Kläger und zugleich Beklagter und schließlich Verurteilter war der in Amerika lebende Altmeister der neu-hebräischen Literatur, Reuben Brainin; sein Widerpart, der allbekannte Dichter Chajim Nachman Bialik. Es ging um die Dinge in Rußland, die Brainin in einem falschen Lichte gezeigt haben soll, womit er den jüdischen Kommunisten in Moskau eine moralische Stütze, ja, ein Instrument im Kampfe gegen Juden und Judentum geliefert hätte. Was ist Judentum in den Augen derer, die von Bialik oder von Brainin geführt werden? Hier ist der Punkt, wo der Prozeß weniger für die Verhältnisse in Rußland als vielmehr für die Einstellung der hebräischen Kultur zum wahren Judentum interessant wird. Bialik, an der Spitze einer hebräischen' Schriftstellergruppe in Palästina, sendet seit Jahr und Tag seine Baninistrcchlen gegen Moskau — weil dort die hebräische Sprache, hebräische Literatur und Kultur unterdrückt werden, weil in den jüdischen Sowjetschulen das Neuhebräische nicht zugelassen wird, weil keine Konzessionen zur Drucklegung hebräischer Bücher erteilt werden, weil dort Zionisten und alles, was mit Zionismus zusammenhängt, verfolgt werden. Nie aber hat man in diesen« Protesterlassen ein Wort über die Schließung der Synagogen und L e h r - Häuser, über die R e lig io n sVerfolgungen gehört. Bialik und Genossen sind auch wesentlich duldsamer, wenn Lehrer in öffentlichen Vorträgen es qls ihre Aufgabe erklären, das palästinensische Kind in der Auffassung, großzuzi-ehen, der, . den. . Streinzel und . die Fackel. Matisjahu Strafchun rührte sich aber nicht vom Platz, schenkte dem Schames 'ein Glas nach dem andern ein. bis er gqnz glückselig mit überlaufenen Augen in der Ecke sitzen blieb. In der Schul waren die Beter ungeduldig geworden, schickten Boten auf Boten. Aber auch diese wurden mit vollgefüllten Gläsern aufgehalten. Die ganze Gesellschaft hatte mehr zu sich genommen, als üblich und ihr zuträglich war. Da es jetzt Nacht war, kündete der Parnes an: „Nun, Rabbotai, ist es Zeit, daß wir den Schammes zur Schul führen!" Man nahm den Scherz auf, kleidete den Schammes ein und führt» ihn mit Fackellicht unter Sang und Klang unter der Chuppa in die Schul. Nach wenigen Minuten betrat Straschun das Gotteshaus, stellte sich auf seinen Platz und der Gottesdienst konnte beginnen. Damit war der Brauch' für alle Zeiten abgeschafft. Ivotyeakaienoer. o. 19. — 26. Okt. 1928 v. 15.-22, Tischri 5690 Samstag 19 15 1 « DT> JTDO So.mrag 20 16 '3 " " Monrag 21 17 ) Dienstag Olt. 22 18 Mittwoch 23 19 > nyiftn Vw Donnerstag 24 20 Freitag 25 21 ' K31 'rusvin Samstag 26 22 rbnp daß „die jüdischen Propheten nicht mehr Verehrung beanspruchen als die Dichter und Denker der Weltliteratur bis'.zur neuesten Zeit." Nun ergab es sich! daß Reuben Brainin,"— der Not gehorchend oder aus eigenem Triebe — voriges Jahr eine ausgedehnte Studienreise durch Rußland machte. Er ist dort gut ausgenommen worden». Die Herren wußten warum. Brainin veröffentlichte dann in amerikanischen und europäischen Zeitungen ganze Serien von Artikeln, die in Apotheosen auf die Machthaber in Rußland ausklangen und das Land selbst als Dorado des Rechtes und der Freiheit für die Juden dahinstellteni. Auch er wußte warum. - So deuteten wenigstens feine empörten Kollegen aus der hebräischen Fakultät an. In aller Offenheit und Oeffentlichkeit nannte aber Bialik Brainin einen „Verräter und Fälscher". Verräter, weil er seine alten zionistischen Ideale verleugnet hätte, mdem er den russischen Feindendes Zionismus den Rücken stärkte; Fälscher, weil er Dokumente über die Verfolgungen, denen Zionismus und hebräische Sprache in Rußland ausgesetzt sind, unterschlagen oder zu Gunsten Rußlands umgedeutet hätte. Dagegen wehrte sich Brainin vor einem zionistischen Ehrengerichte, das in Berlin unter Vorsitz von! Dr. Gronemann öffentlich tagte. Brainin, der Kläger, mußte erleben, daß sich die Klage gegen ihn richtete und das Urteil i h n traf. Sein Verhalten wurde mißbilligt, da es die Juden Rußlands Gefahren ausgesetzt hätte. Er hätte durch Verschweigen der wahren Verhältnisse und enthusiastisches Hervorheben anderer Momente ein falsches Bild über Rußland entstehen lasten. Insbesondere wird verurteilt, daß er die V e r f o l g u n g d e s I i d d i s ch e n i n Palästina den Verfolgungen des Hebräismus in Rußland gegenüberstellte, womit er die Ehre Palästinas herabgesetzt hätte. Es ist bezeichnend und schmerzlich, daß zu einer Zeit, da man in Rußland dem jüdischen Kinde das jüdische Herz förmlich aus der Brust reißt, da man mit allen möglichen Attacken gegen Jom-Kippur die Juden in« die tiefsten' Tiefen der Reschomo zu treffen sucht, daß man in einer solchen Zeit nur Klage darüber führt, daß' das neuhebräische B u ch in Rußland zu kurz kommt und in einem großen Prozesse mit illustren Namen im Mittelpunkte die Welt und die jüdische Oeffentlichkeit von den eigentlichen Dingen und den wahren. Gefahren» für das russische Judentum vollkommen ablenkt. Nicht, als ob wir Grund hätten, die Unterdrückung der hebräischen Sprache und Kultur, in Rußland mit Genugtuung zu quittieren. Denn es ist im Grunde derfel b e h i t t,.e re,,H a-ß ,' mit dem die Mikwoaüs und Ieschrwaus des Lu-, bawitscher Rebbe verfolgt werden, der auch..diei Kultur von Bialik ut}$ Klausner trifft. Die.„Jew'- sektie" hält das hebräische Wort füx den Trägerdes jüdischen Gedankens, haßt undverfolgt' — mißverständlich — in Zionismus und Hebräisch letzten Endes die j üdi s che R e l i g io n. Wir aber sollten bei Behandlung des Problems „Rußland" die Hand auf die Wunde legen, da wo sie tödlich ist und nicht alles Interesse auf Erscheinungen lenken, die wohl Ausschwmgungen des Schmerzes, aber nicht die Krankheitsquelle find. Ob Brainin etwas verdunkelt und verschleiert hat, wissen wir nicht. Aber der ganze großaufgezogene Berliner Prozeß ist in sich ein Derdunkelungs- und Ablenkungsmanöver, um destenttvillen beide Parteien wie alle Akteure der Verhandlung sich vor einem jüdischen Ehrengerichte zu rechtfertigen hatten. Vom Bäderankisemikismus in österreich. Die Ringelschlange des Judenhasses ist ein w e l t u m f a f s e n d e s Ungeheuer, sie streut ihr Gift von Grenze zu Grenze. Unddennoch hat jedes Land s e i n e n.Antisemitismus, der sich in gewissen Nuancen. ^on dem anderer Länder, unterscheidet. In Oesterreich gedeiht gang besonders der Bäder a n t i s e m it i s m u s, gegen den die „Umton. deutschösterreichifcher Juden" einen schweren und vergeblichen Kamps führt. In der letzten Nummer ihres Organes „Die Wahrheit" werden all ihre Gesuche an das B u n d e s k a n z le r a m t und. die Antwortschreiben desselben der Reihe nach veröffentlicht. Daraus ist zu ersehen, daß in Oesterreich 1. eine große Anzahl von Kurorten mit einem Beschlüsse des Gemeinderates der betreffenden Badegemeinde oder der Kurverwaltung. sich gegenJuden absperren; daß 2. viele Hotels .und Gastwirtschaften auf eigene Faust Juden die Ausnahme verweigern«; daß 3. bestimmte Verkehrs-Touristen- und Alpenvereine auf Grund eines Arier- Statutes Juden ausschließen. Auf die Beschwerden der Union hat das Bundes kanzleiamt im Grunde nur ei ne Antwort: All die Ausnahmebestimmungen, wie sie von Gemeindeverwaltungen, Hoteldirekttonen oder Vereimisvorständen aus eigener Machtvollkommenheit getroffen werden, verstoßen gegen die Verfassung. Aber ein schreiten könne die Regierung nicht. Sie lehnt auch generelle Erlasse in dieser Hinsicht ab. Es sei Sache der Bezirkshauptmannschasten oder der Gerichte, jede Ueberschreitung von Fall zu Fall zu prüfen, bezw. zu ahndeni. Wir. sind der Meinung, daß im Komplexe der jüdischen Fragen g!erade die Lösung, d ieses Teilproblems einzig und allein in der Hand des Juden liegt. Man muß eben solche Orte meiden, wo man nicht gernges e h e n wird; auch dann noch, wem eine hohe Behörde mit dem Büttel die Passage frei macht oder hinterher Direktoren im Angesicht der leeren Kassen nach den „Herren Israeliten" förmlich schreien. Es sei hier keineswegs an B o y ko tt gedacht. Wir lieben dieses harte Wort aus dem Fremdwörterbuche des Bruderkampfes nicht. Es wird auch mit dem deutschen Zusatz „G e g e n boykott" nicht weicher und schöner. Aber in diesem Falle ist es nicht Boykott, sondern Diktat eines gesunden Gefühles der Selbstachtung: „Bleibe von all den Plätzen fern, wo man« dich nicht gern mag!" Und da zum Glücke die höchste Obrigkeit bei der Verteilung der Heilkräfte an die einzelnen Bäder keine Monopolisierung kennt und es so weise eingerichtet hat, daß jedes Heilbad ein Duplikat hat, so kann es keinem schwer fallen, dem Diktate des Ehrgefühles zu folgen. Mögen die Berufenen immerhin noch weiter den Kampf um das Recht aller Konfessionen auf Luft und Heilung führen, der jüdische Kurgast weiß für seine Persob, was er zü tun M. Molliges Heim - nur durch einen guten D a u e rbrandölen! •' diesen kaufen Sie besonders preiswert bei E. HAGE & Co. Am Esch'enlieimer Tor 3 Zigarren .A ** Zeii 49 Wolf Tele!. 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