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Der Israelit · 1929-10-17 · Heft 42 (17.10.1929) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 42 (17.10.1929)
Date
1929-10-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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17. Oktober 1929 Der 3 5 ra 6 I t t Nr. 42 «eite 3 rühriger Hand hilfreich zugreffende Mutter übersieht oder mit einem kärglichen Gnadenbrot und einem schmalen Altenteil abzu finden sucht, der in gar keinem Verhältnis steht zu ihrer Arbeit, ihrer Bedeutung und ihren Verdiensten? Noch eine andre Gefahr, von sinier anderen Seite kommend, droht dem alten Jifchuw speziell in I -e r u s a l e m. Es find Bestrebungen im Gange, die Juden aus der Altstadt in die neuen Quartiere zu verbringen. Es wäre aber ein Unglück für Jerusalem und Palästina, wenn die altgeheiligten Schechunoth in der alten und inneren Stadt der jüdischen Bewohner ledig würden. Im Gegenteil sollte in diesen Quartieren, wo seit vielen Jahrhunderten das jüdische Leben frisch pulsiert, die jüdische P o s i t i o n rn ö g l i ch st verstärkt werden, damit die jüdische Atmosphäre im Zentrum des alten Jischuws in der Nähe der Westmauer erhalten bleibt. Das „Verhängnis des neuen! Golus" innerhalb der heiligen Stadt muß mit allen Mitteln ab gewendet werden. Will die Regierung und wollen die anderen Faktoren den Bewohnern Jerusalems ZU Hilfe kommen, dann a n O r t u n d S t e l l e; dort, wo sie in der Nähe des Zionsberges ihre jüdische Eigenart am sichersten geschützt wissen. Niemals dürfte es geschehen«, daß die Mischen Stützpunikte und die Zugänge zu der heiligen Mauer verlassen, entjudet und den Fremden ganz ausgeliesert werden! — Gehört die Verhinderung der letzten Maßnahmen zu den Obliegenheiten der Palästinaregierung und der jüdischen Instanzen i m L a n d e, so ist die Abwendung der ersteren Gefahr eine Aufgabe der g e s am t e n Diasp o r a. Es müssen g e t r e n n t e H i l f s f o n d s geschaffen werden, deren einer einzig und ausschließlich zur Rettung und Erst a l t u n g d e s a l t e n I i s ch u w u n d seiner I n st i tut ioin!e n, die sich wiederum in schwerer Zeit so herrlich bewährt haben, dient. Die Spender müssen wissen, wohin ihr Steuerobolus für das heilige Land fließt; für den Skopusberg. oder für die Ieschiwa in Hebron; für das Hadaffah-Spital, das ebenfalls auf der Höhe seiner Ausgabe steht, oder für das S ch aare Z ed e k - K r a n k e n h a u s, das vom ersten Unglückstage an U e b e r m e n s ch l i ch e s an Hilfsarbeit leistete; für das zionistische Schulwerk oder für die zerstörten Chedarim und Waisenhäuser des alten Jifchuw, die als erste mit ihrer Rettungsarbeit am Platze waren; für die gefährdeten und geschädigten Kolonien, die selbstverständlich vollste Unterstützung verdienen, oder für die zerstörten Bet- und Lehrhäuser, für die hungernden Thoragelehrten im alten Jerusalem? Wicklung bedeutet den Fortschritt, denn er bedeutet den Sturz der Hierarchien. So lange Jahrhunderte am Narren- und Kinderseil geführt werden, was natürlicher und was berechtigter, als daß die Menschheit zum Schlüsse den ihr immer nur falsch gelehrten, immer nur entstellt dargestellten Gott anzweifelt, daß sie mit der Gottkarrikatur der Irrlehren auch den wahren Gott von seinem Throne stürzen will, daß sie, so lange angelogen, von nun an nur das mit eigenen Augen Gesehene, mit eigenen Sinnen wahrgenommene als real erkennt — d. h., daß sie den Atheismus zur wahren Religion erklärt. Die „Gottesleugnung" der Menschheit gehört mit zu ihrer sechstausendjährigen Krankheitsperiode — aber sie ist das untrügliche Kriterium einer Krisis, die zur vollendeten Genesung führt. Zuckungen, ungestüme Konvulsionen sind es, die dem großen Völkermorgen vorangehen. Strahlt ja die Sonne niemals schöner als nach stürmischem Nachtorkan: So — jauchzt die Menschheit, so stürzt sie in die Vaterarme ihres wahren Gottes, 'wenn sie von ihren Irrfahrten heimkehrt. Aber, und es ist dies ein Moment, welches der Jude wohl zu berücksichtigen hat, — von diesem historischen Rechte, das ja keineswegs ein absolutes ist, von dieser h ist o r i s ch e it Berechtigung des Atheismus, die ja keineswegs auch die logische in sich begreift. dürfen w i r nicht, darf der Jude nicht seinen Sinn, sein Denken beeinflussen lassen. So nahe Judentum und Naturreligion sich in der Geschichte stehen; im Prinzips divergieren sie' in ungemessenen Fernen; so sehr das erstere Grund hat über den Sieg der letzteren zu jubilieren, so können sich beide doch niemals liieren, und eine nicht zu überbrückende Kluft.ist es, die Judentum und Materialismus voneinander scheidet. Judentum und Materialismus verhalten sich wie Vollkommenheit zu Fortschritt! Auch die zur Gesundung füh- Jn Kanada) so hären wir, haben die Rabbinen ihre Wünsche nach der Richtung der getreuuten Hilfsfonds in einem Antrag formuliert. Hoffen wir, daß diese gerechten Wünsche auch den Weg Über d i e G r -e n z e d e r U n i o n finden und dort im Lande der Spender den rechten Resonanzboden finden. Die Gesetzestreuen in Amerika, die zu der Katastrophe von Hebron zwölf Edelopfer geliefert haben, wissen, welche Bewandtnis es mit dem alten Jis ch u w, seinen Wünschen und feinen Verdiensten hat. , Wir aber in der gesamten Diaspora denken mit der Träne, die sich am Sukkausseste, von den Gebeten um Wasser rmd Tau und Frucht, um Regen und Segen für Erez Jisroel ausgelöst, in den Kelch der Festesfreude mischt, an unsere Schuldigkeit gegen das Land der Gotteshut- und Gotteshuld, gegen tote Summe der Arbeit von Generationen, die die Brücke zwischen uns und der alten Heimat erhalten, g e g em den alten Jifchuw. Wochenrundschau. Eduard Laster und das preußische Auslriklsgefetz. Die politische Welt, soweit sie im Drange der Tagesereignisse Zeit und Muße zu historischen Rückblicken hat, gedenkt in diesen Tagen des am 14. Oktober 1828 geborenen preußischen Abgeordneten Eduard Lasker. Eine der glänzendsten Erscheinungen des neuen deutschen Parlamentarismus, hat Lasker, der, von Bismarcks Persönlichkeit stark beeinflußt, mit der Verehrung für seinen Heros doch ein starkes liberales und demokratisches Empfinden vereinigte, den preußischen Landtag in seinen meisterhaften Reden oft zur Begeisterung hingerissen. Was ihn auszeichnete, war eir> außerordentlich starkes und echtes sittliches Pathos, das aus der Tiefe der Seele kam und ihn oft zum Anwalt der Gerechtigkeit und der Gewissensfreiheit machte. Aus dieser Leidenschaft seiner Seele für Freiheit und Gerechtigkeit erklären sich auch die uns besonders interessierenden Beziehungen des großen Politikers zu Rabbiner Samson Raphael Hirsch. Als es diesem galt, der' preußischen Orthodoxie und rende Krise gibt sich dem Auge des Laien als heftige/ unheildrohende Krankheitserscheinung. So — der Charakter der neuen Lehre. Für das Judentum ist sie „überwundener Standpunkt". Ueber die Vollkommenheit reicht keine Hohe. Der Menschheit aber konnte sie nicht erspart bleiben. — Auch dies wird übe/wunden — auch ihrer Harri die Vollkommenheit. Der zunächstliegende Zweck unseres Buches dürfte auch wohl unmittelbar in diesem Momente zu suchen sein. Die materialistische Idee hat NUN einmal ihre verführerischen Seiten; sie hat diese selbst für den an dem Urquell der lauteren Wahrheit erzogenen Juden, insbesondere für den Juden unserer Zeit. Diesen Gefahren zu begegnen, skizziert uns der königliche Weife fein eigenes Geistesleben, das als Repräsentanz zu dienen wohl geeignet ist. Er selbst, er ist die ruhelose Seele, die hier von Irrtum zu Irrtum schweift, er selber der Zweifelnde und von Zweifeln gequälte Geist, der rastlos alle Philosophien durchwandert, -sich je nach dem Fazit seines Denkens als Stoiker oder Epituräer legitimiert, und schließlich. nachdem er alle durchgekostet, ohne Halt, ohne Ziel und Zweck des Daseins zu finden, in den Hafen einläuft, der den Schluß und Anfangspunkt aller Philosophien bilden soll, und der die leuchtende Aufschrift trägt: bo m '2 -rav vriis» nxi st» 'an nrr - Gott fürchte und Seine Gebote hüte — denn dies ist derganze Mensch. (In den hinterlassenen Papieren des Heimgegangenen Verfassers befindet sich ein Kommentar zu nl-np, zu dem die vorstehenden Ausführungen das Vorwort bilden. Redaktion.) DieMitglieder der Agudah Jugendorganisation und Angestellter« bund erhalten bei jedem Versicherungs - Abschluß wesentliche Vergünstigungen durch die lebensverficherungsgefellfchaft PHÖNIX Viertgrößte Gesellschaft des Kontinents Versicherungsbest. 1,2 Milliarde GMk. «Mitarbeiter zu günstigsten Bedingungen u. zwar Gehalt, hohe Provision, Altersversorgung, gesucht Bewerbungen an Phönix, Berlin, Meinekestr. 10 damit der ganzen jüdischen Welt im Austrittsgefetz die Befreiung vom Joche des unduldsamen Liberalismus, das hohe Gut religiöser Gewissensfreiheit im Gemeinschaftsleben zu erkämpfen, war Lasker der geborene Bundesgenosse des großen Frankfurter Rabbiners. Mit schonungsloser Kritik wußte Lasker die fadenscheinigen Argumente zu zerpflücken, mit denen die von jüdischer Seite inspirierten Gegner des Ausirmsgesetzes, in.tzbesondere der Historiker S y b e l, für die Ausrechterhaltung der äußeren Zwcvngsgewalt der liberalen jüdischen Gemeinden über die orthodoxen Minderheiten eintrat. > Man fühlt eine merkwürdige Kongenialität zwischen der Glut der Ueberzeugung, mit der Rabbiner Hirsch für die Freiheit der religiösen Gemeinschaftsbildung eintrat, und dem politischen Plädoyer des Demokraten,' der für die Gewissensfreiheit des Einzelnen in die Schranken tritt und dem Parlament die symbolische, bekenntnismäßige Bedeutung einer scheinbar bloß finanziellen Leistung klarmacht, mochten auch die Beweggründe der beiden Männer grundverschieden sein. Nichtsdestoweniger war es vielleicht auch bei Lasker nicht bloß seine demokratische Grundüberzeugung, die ihn gegen jede Art von Zwang auf dem Gebiete des religiösen Lebens auftreten ließ, sondern es kann wohl sein, daß in langen Unterredungen auf ihn auch ein kleiner Funke aus der großen Seele S. R. Hirschs übergesprungen war, ein Funke, der die Residuen seines jüdischen Empfindens aufflackern und ihn instinktiv ahnen ließ, zu wel, cher Herrlichkeit jüdischen Gemeinschaftslebens sich freie Gvttesge m e i nden, ledig jeden kleines Feuilleton. Me der Parnes seine Gemeinde anführke. (Eine Wilnaer Simchasthora-Begebenheit.) In Wilna hatte sich für Simchasthora folgender Kult herausgebildet: Vor der Abendandacht pflegten sich die Vorsteher und alle Angesehenen der Gemeinde im Hause des ersten Parnes zu versammeln und dort bei Speis und Trank und Tanz bis zum Nachtanbruch zu verweilen. Darauf wurde der Parnes eingeklerdet, mit einem eigens für diese Feier bestimmten Streimel bedeckt und dann unter einem Baldachin mit brennenden Fackeln unter Psalmgesängen zur Synagoge geführt. Voraus der Synagogendiener mit dem Rufe: „Platz gemacht!" und hinter ihnen die Menge singend und tanzend. So erreichten sie im feierlichen Zuge die Synagoge. Als der große Gelehrte Matisjahn Strafchun zum ersten Vorsteher der Gemeinde gewählt wurde, versuchte er, diesen Brauch abzuschaffen. Es entsprach nicht seinem bescheidenen Wesen, sich so in den Mittelpunkt eines öffentlichen Aktes zu stellen. Es war dies aber nicht so einfach, denn Wilna läßt sich altgeheiligte Bräuche nicht nehmen. Aber Rabbi Straschun hatte sich einen Trick ausgedacht, und er gelang. Als am Schminihazeres Nachmittag die Gäste, wie üblich, ins Haus kamen, empfing er sie mit offenen Armen und setzte sie an einen reichgedeckten Tisch. Sie taten sich gütlich an Speis und Trank und waren sehr gut aufgelegt. Endlich kam der Diener, brachte die Klei-

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