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Der Israelit · 1929-10-10 · Heft 41 (10.10.1929) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 41 (10.10.1929)
Date
1929-10-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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10. Oktober 1929 Der Israelit Nr. 41. Seite 3 Schwestern stärke, damit sie in dieser furchtbaren Not der Seele in diesem harten Kampfe ausharren. orpbtf p' msax "ii Wir beugen uns in Ehrfurcht vor diesen Helden, die eine geschichtliche Aufgabe sondergleichen in beispielloser Hingabe erfüllen. Wir beten in der Hoffnung, daß auch in diesem Lande sich die Einsicht Bahn breche, daß auch Israels thoratreue Kinder jedem Staate wertvolle Glieder sind. K. G. verlangt von der Aguda-Leitung, daß sie alle legalen Mittel anwendet, damit denen, die aus Notwendigkeiten des Gewissens heraus auswandern möchten, diese Auswanderung gestattet werde, und daß Aguda diese Emigranten mit Rat und Tat stützt. Werden feie Machthaber in Sowjetrußland diese Stimme, die nicht protestiert, nicht droht und warnt, sondern nur den Schmerz der j ü d t s ch e n Volksseele, die Anteilnahme von Brüdern mit den Vvm ‘»'W ihrer Brüder zum Ausdruck bringt, hören? Inzwischen erhebt sich eine andere Stimme gegen öie Religionsverfolgung'en in Rußland, die dort schwerer ins Gewicht fällt, weil sie von der Autorität einer starken internationalen Macht gewaltige Lautstärke erhält. Der Papst intervenierte in Rußland wegen der Stellung der katholischen Kirche im Lanide der Sowjets. Der Vatikan verhandelt, und wie man, hört, nehmen die Verhandlungen aus der Basis, daß die katholischen Kirchen und Institutionen in ihrer Tätigkeit und Ausdehnung ungehindert bleiben, wenn die kirchlichen Gemeinschaften die Kosten aus eigenen Mitteln aufbringen und auf staatliche Subventionen keinen Anspruch machen, guten Verlauf. Mehr haben die Juden in Rußland nie und nimmer verlangt. Nicht Unterstützung wollten sie, lediglich freie Bahn». „Laßt uns unsere Synagogen, unsere Chedarim, unsere Talmudschulen! Laßt uns unsere Kinder! Für die Mittel wollen wir schon selber sorgen!", lautet ihr Flehen. Es sieht aber leider nicht danach aus, als würde sich die Abmachung mit Rom automatisch auch in der Taktik gegen die jüdische Religion auswirken. Und Schuld daran ist leider der Umstand, daß bekanntermaßen die schlimmsten Versolgunigen vonder j ü d i s ch e n Sektion ausgehen. Hat man doch wieder einmal die heilig e n Tage zum Anlaß kommunistischer Kundgebungen in der jüdischen Gasse genommen. Hören wir doch wieder von Beschlagnahme g r oßer Syn ago gen in Homel und anderswo, just vor der heiligen. Feiertagen. Hat man es doch sogar gewagt, mit einem Appell an! Me I u - gend die Kindesseele dem Feiertage, der Synagoge und der Familie zu entfremden, das Kind gegen Gott und Eltern auszustacheln . . . Und dennoch sollte man überlegen, ob nicht Al eines Feuilleton. Zom Kippur bei den Karäern. In Wilna wohnen bekanntlich einige Dutzend karaitficher Familien (die größte Karaitensiedlung im litauischen Gebiet befindet sich in Trock). In Wilna haben die Karaiten auch eine „Kenessa", wie sie ihre Synagoge nennen. Die Karaiten feiern den Jom-Kippur auch am 10. Tischri; dieser Tag fällt aber gewöhnlich nicht mit dem des übrigen jüdischen Kalenders zusammen. Dies hat seinen Grund darin, daß im Karaitenkalender nicht das Prinzip des Talmuds angenommen ist, nach welchem der erste Tag des Rosch-Haschana. nie auf einen Mittwoch, Freitag oder Sonntag fallen darf. Infolgedessen fallen dann auch die anderen Festtage nicht mit den mbbanitischen zusammen. In vorigem Jahre feierten die Karaiten den Iomkippur am Freitag. Ich folgte der Einladung eines mir bekannten jungen Karaiten, eines Studenten, am Erew-Jomkippur die Kenessa zu besuchen. Sie liegt in einer Vorstadt von Wilna, wo es viele Sommervillen gibt, die aber jetzt im Herbst verlassen dastehen und die öde, unbeleuchtete Vorstadt noch öder machen. Es war bereits stockdunkel, als ich -zur Kenessa kam, die ich in der Finsternis nur mit Mühe fand. Die neue Kenessa, welche die Wilnaer Karaitengemeinde jetzt erbaut, ist noch nicht fertiggestellt, und es wird noch in der alten gebetet, einem kleinen Häuschen, das geradezu einer Dorfhütte ähnlich sieht. Als ich hinkam, waren die Fensterläden geschlossen und nur da und dort schimmerte schwaches Licht durch einen Spalt, und aus dem Innern des Häuschens tönte leise wohlbekannter Singsang. im Anschluß an die Aktion des Vatikans eine generelle Entscheidung im Kreml zu Moskau zu erreichen wäre, die über die fluchbeladenen Köpfe der 'pw-rden jüdischen Massen in Rußland, unter den Opfern, die sie gern bringen, die freie Relrglonsübung gewährleistet. Eine solche Aktion würde mit der entschiedenen und friedlichen Kundgebung der Kenessio Gedaulo vollkommen übereinstimmen. Denkt an die Sukkoh! Von, A. Mannheimer in Dettelbach. Es gibt Leute, die überall zu spät kommen: bei der Eisenbahn, bei Erledigunig ihrer geschäftlichen Anliegen, bei Erfüllung dienstlicher Pflichten, bei Abhaltung ihrer Mahlzeiten, in der Synagoge und — auch beim Sukkausbau. Wie oft kann man die Beobachtung machen, daß der A. oder B. sich gern -eine roia errichten möchte; er schiebt die Sache jedoch bis in den Herbst. Schon ist Ende Clul da ur.d nun — ist es zu spät. „Wenn ich mir doch einmal eine neue Laubhütte leiste, so soll sie auch schön sein, daß man eine nHin davon hat. Heuer ist es mir doch zu spät; es tut mir tatsächlich leid«. Aber nächstes Jahr s. G. w.!" So spricht man und Sukkaus geht vorüber, der Winter kommt, nvs kommt, der Sommer kommt, Clul kommt und — es ist wieder zu spät! Von rechtswegen also sollte man spätestens nach Schluß der Omerzählung an die Sukko denken, wenn man «noch keine fertige besitzt. Es muß ein Plan entworfen werden, Größe der Wände, Höhe, Art der Zusammenfügung, das Dach, der Boden, Bequemlichkeiten im Innern, wie Eckbrettchen oder Etageren, Anstrich der Wände, Ausschmückung usw. Alles soll und muß hier überlegt sein. Es würde ganz anders ausfallen, wenn die Ueberhastung nicht das große Wort führte. Man weiß auch aus Erfahrung, daß der Handwerker oft nicht so prompt aufwartet, wie gewünscht wird. Darum früh ans Werk! panpa priT' so lautet ein altjüdischer Grundsatz und Erfahrungssatz: Achtsame sindstets frühe daran. Unser Stammvater Abraham war ein Frühaufsteher: ötnnx ddp’V Aber auch jetzt ist es noch nicht zu spät. Wir wollen im Folgenden einige praktische Winke geben für den Sukkobau. Vor allem mache man sie nicht sehr klein. Je geräumiger, desto bequemer, desto schöner, vrnh ■pp ■nwrv lehrt der Talmud, wohnt in der N2iv ähnlich so wie im Haufe.-. Auch dort steht man auf geräumige, luftige Zimmer. Das gelte auch für die Laubhütte. Es besteht auch die grö- In einem kleinen Vorraum waren alle Wände mit Männer- und Frauenüberkleidern behängen, die von einem polnischen Diener behütet werden. Der Betraum selbst ist ein mittelgroßes, sehr niedriges Zimmer mit drei Fenstern in der Länge und zweien in der Breite; der Frauenraum befindet sich ebenfalls in diesem Zimmer. Die Frauen verricht'ten ihre Andacht in einem etwa ein Drittel des Zimmers umfassenden Teil hinter dem Männerraum. Die Kenessa war mit Hängeleuchtern und Kerzen hell beleuchtet. Alle Bänke waren besetzt; unter den Betern — etwa 50 an der Zahl in verschiedenen Lebensaltern — gab es sehr wenig Kinder. Mein Eintritt erweckte allgemeine Aufmerksamkeit. Das Gebet hatte bereits begonnen. Mein karaitficher Freund reichte mir ein großes, dickes Gebetbuch und schlug die Stelle auf, welche gerade gebetet wurde. Auf dem Vorsatzblatt des Buches las ich, daß es in den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts in Guslowa, Gouvernement Eupatoria (Krim) gedruckt worden war. Ich hatte mich nicht sehr verspätet, der Gottesdienst hatte erst begonnen. Das Kolnidregebet wird bei den Karaiten nicht gesagt, überhaupt sind die Gebete in dem Machsor, den ich bekommen habe, ganz andere als die der Juden. Ihr Stil ist schwer; nur einige Gebete, wie die dreizehn Glaubensartikel, waren mir bekannt. Der Chasan, ein alter Karäer, stand hart am Oron Hakodesch und sprach die Gebete laut. Er war schwarz gekleidet, ohne Tallis, auf dem Kopf einen rundlichen, steifen schwarzen Hut mit einem weißen, flachen Deckel. Er dehnte die Worte der Gebete mit melancholischer Melodie. Die hebräischen Gebete werden in sephardischer Aussprache gesagt. Manche Pijutim wurden von einzelnen Betern aus der Gemeinde gesungen, denen die Aufgabe als besondere Anszeichnung zugewiesen wird. Überdies wurden einige der wichtigeren Gebetsstellen von der Gemeinde in den tatarischen Dialekt übersetzt, welchen die Karaiten als ihre Muttersprache ansehen. Diese Übersetzung, die beim Gottes- Die Mitglieder der Agudah Jugendorganisation und Angestelitenbund erhalten bei jedem Versicherungs - Abschluß wesentliche Vergünstigungen durch die lebensverficherungsgefellfchaft PHÖNIX Viertgrößte Gesellschaft des Kontinents Versicherungsbest. 1,2 Milliarde GMk. Ifi Mitarbeiter zu günstigsten Bedingungen u. 2war 9 Gehalt, hohe Provision, Altersversorgung, gesucht | Bewerbungen an Phönix, Berlin, Meinekestr. IO ßere Wahr)chemiichkeit und Möglichkeit, daß andere, die keine eigene nmo haben oder eine solche nicht gut ausstellen können, unsere roio mitbenützen. Kann ein Sofa dort Plutz finden, so ist das sehr zu begrüßen!, d-a man Harm wenigstens einigermaßen der Mizwah des (Schlafens in der N2iv genügen kann, besonders abends. Es ist nicht so ganz ausgemacht, sich leichterdings dieser ms» entsktyen zu dürfen. Vielleicht könnte man doch wenigstens einige Abendstunden im Schlafe auf dem Sofa verbringen. Auch unter diesem Gesichtswinkel empfiehlt sich der Vau einer größeren roio- Es will durchaus nichts heißen, daß Herr 3E und Herr P, die doch auch „streng fromm" waren, keine große hdid hatten. In diesem Punkte dürfen wir keck unter die „Neuerer" gehen. Das Gleiche gilt hinsichtlich der Belichtung und Höhe der mio- Wir dürfen vom Althergebrachten abweichen. Muß denn die Decke drückend und beengend wirken? Muß denn der ,i2iv ni der oben angebrachte Zierat direkt über unserem Haupts tänzeln? Man mache die Decke 20—25 Zentimeter höher und ist solchen Unannehmlichkeiten enthoben. Man« bringe auf verschiedenen Seiten Fenster an, dann kann man gemütlich oren und lesen und lernen wie in d-er freundlich hellen Wohnstube. Die Sukko muß nicht düster sein; sie braucht nicht der schwimmenden! Arche. Noahs zu gleichen, die nur ein „Zohar" (Fenster) hatte. Man vergesse nicht, daß die Wohnräume im Hause überhaupt größer sind, höhere Decken haben und breitere Fenster. Die N2lv ist also im allgemeinen technisch ungünstiger gestellt, insoweit es sich um Belichtung, handelt. Darum sehe man um so mehr auf einen günstigen Ausdienst gesungen wurde, fand ich im Gebetbuch in einer Beilage mit hebräischen Lettern gedruckt. In der Kenessa war es sehr heiß; bei den Betern war eine gewisse festlich gehobene Sttmmung zu bemerken, die jedoch weitaus nicht die Inbrunst und Wärme des jüdischen Gebetes an den Festtagen erreichte. Etwas Blasses, Eindruckloses lag in diesem Beten. Einige Male wurden dis Knie zur Erde gebeugt, die Mädchen knieten in christlicher Art. Der Gottesdienst dauerte sehr lange. Er endete mit dem Ausruf „Chasak", dann wandte sich der Chasan in tatarischer Sprache an die Gemeinde und teilte ihr mit, daß der Gottesdienst am nächsten Tag um 7 Uhr morgens beginnen werde. Mein karaitficher Freund erzählte mir auch, daß die Karaiten den ganzen Jomkippurtag fastend in der Kenessa verbringen; früher sei es auch Sitte gewesen, am Ausgang des Jomkippur nach der Mahlzeit einen Gesellschaftsabend zu veranstalten, bei welchem gewöhnlich Verlobungen geschlossen wurden. Dieser Brauch hat jetzt aufgehört, da Heiraten bei den Karaiten sehr selten geworden sind. Nach der Beendigung des Gottesdienstes küßten die Männer den Frauen die Hände und begrüßten sie mit „Moed Schalom!" Beim Nestor der westlichen Rabbiner. Ein Zufall führte mich vor kurzem in die Stadt, bei deren Klang die meisten Menschen an alles Andere eher als an einen Patriarchen denken. Nur wenige Stunden Aufenthalts waren mir in der französischen Hauptstadt vergönnt, aber zu einer Audienz beim ältesten ihrer Rabbiner, beim ewig jungen Rabbiner Weis köpf '"i mutzte es langen. Es ist einem nicht alle Tage vergönnt, noch einen lebenden und amtierenden Schüler des Oruch laner zu besuchen. Aber der greise Jüngling denkt gar

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