Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1929)
- Date
- 1929-10-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 41 Der Israeli! 10. Oktober 1929 eine göttliche Umarmung umspannt und durch den uns di-e Erhaltung der Welt unid zugleich unseres jüdischen Stammes zugesichert wird. Nicht wie manche Geschichtsbetrachter urteilen, daß Israel seine Erhaltung nur dem Umstande zu verdanken habe, daß es über die ganze Erde zerstreut ist. Wäre das der Fall, dann würde es ihm schon lange ergangen sein wie einem alten hohlen Baum, tuer bei den geringsten Windstößen in sich zusammenbricht, von seinen dürren Zweigen begraben. In dem Stamme Israel rollt eine wunderbare Kraft; er ist wie ein „Baum an Wasserguellen gepflanzt, der Früchte trägt zur rechten Zeit, an dem nichts Welkes und nichts Morsches ist". Und diese seine sich immer verjüngende Lebenserhaltung hat es seiner religiösen und sittlichen Weltanschauung zu verdanken. Israel ward von Hause aus an den Brüsten der biblischen und talmudischen Weisheit genährt, und diese Welt und Menschen umfassende Weisheit gipfelt in den drei Grundgedanken: der Gottesfurcht, ber Gottfreudigkeit und der Menschenliebe! Wochenrundschau. Eine Erklärung deutscher Juden. Die blutigen Ereignisse tni Palästina haben ein neues Opfer gekostet, sogar ein Massenopfer: Eine Gruppe liberaler Juden in Deutschland fühlt sich stark beunruhigt — nicht ob des unschuldig vergossenen Bruderblutes, sondern durch den Versuch der Zionisten und der nichtziomstischen Mitglieder der Jewish Agency, bei diesem Anlasse die deutsche Judenheit für das Aufbauwerk in Palästina aufzurufen, und erlassen in der großen politischen Tagespresse folgende Erklärung: „Erklärung deutscher Juden. In einer Zeit, in der die Befriedung der Welt als das vornehmste Ziel der gesamten Menschheit erkannt wird, kommen aus Palästina Nachrichten über blutige Kämpfe zwischen Arabern und Juden. In tiefem Schmerz betrauern wir mit allen Teilen der Kulturwelt die Opfer dieser Vorgänge. Auf das Entschiedenste aber legen wir dagegen Verwahrung ein, daß die tiefbetrüblichen Vorkommnisse in Palästina in schärfstem Gegensatz zu der deutlichen Sprache der Tatsachen zu einer verstärkten Agitation für das zionistische, d. h. jüdisch-nationale Parteiwerk ausgenutzt werden. Die öffentliche Meinung Deutschlands wird irregeführt durch Kundgebungen der Zionisten und der Jewish Agency. Die Lehre des Tiaa av- Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Im Priesterschmucke der Heiligkeit, mit dem Friedensgruße auf der Lippe und dem Kelch der Versöhnung in der Hand, so tritt der B’-naan bv als hehrer Himmelsbote in unfern Kreis und teilt feine weihevollen, gnadenreichen Gaben an alle aus, die unter Schofarton zu einem der Sonne der Religion zustrebenden Leben sich haben wecken lasten. Der Versöhnungstag ist der alljährlich wiederkehrende Zeuge der unerschöpflichen ewigen Liebe Gottes, die in der Gnadenwirkung der himmlischen Verzeihung und Versöhnung ihren höchsten Triumpf feiert. Cs ist aber auch ein Ehrentag, der unvnn ut>, dieses aus der Reihe der Tage des Jahres so herausgestellte Fest, für alle, die an seine wundersame Kraft glauben — es zeugt von der Hingebung und Treue, von der Selbstzucht und Entsagungskraft Israels und beweist, welch starkes Sehnen nach dem Heiligen und Ewigen in uns lebt. — Das Himmel und Erde, Gott und Israel einigende Band ist die min. Niemals meljr als gerate an öem heiligsten Tage des ganzen Jahres kommt die ganze Erhabenheit und Gedankentiefe unserer heiligen Lehre zum Ausdruck. Wie oft haben Unverstand und Mißgunst unserm Judentum den Makel anhesten wollen, daß es . Die nichtzionistischen Mitglieder dieser Körperschaft haben keine Vollmacht und kein Recht, sich als Vertreter der nichtzionistischen Juden Deutschlands zu bezeichnen. Die Unterzeichneten, den verschiedensten politischen und religiösen Parteien und Richtungen angehörenden deutschen Juden und Jüdinnen erklären: Wir bekennen uns zum Judentum, lehnen aber jeden jüdischen Rationalismus ab. Wir bettachten uns mit der überwiegenden Mehrheit der deutschen Juden als Glieder des deutschen, nicht eines jüdischen Volkes. In der Errichtung einer jüdisch-nationalen Heimstätte sehen wir einen Irrweg, der das Emanzipationswerk der Vorkämpfer des deutschen Judentums und die religiös-sittliche Aufgabe des Judentums in der Menschheit gefährden muß." Ueber hundert Unterschriften zieren dieses famose Elaborat, mit dem den Kreisen des „Völkischen Beobachters" gewiß eine ehrliche Freude zum jüdischen neuen Jahre bereitet wurde. Neben einigen Prominenten aus dem linksten Flügel der Assimilation eine große Reihe „Namenloser". Auch ein Dutzend Rabbiner liberaler Gemeinde sind darunter. Um allem Verdachte zu entgehen, als wollten wir hier eine Lanze für die Zionisten oder die Jewish Agency brechen und ihre Bemühungen, aus der Katastrophe etwas Kapital für den jüdischen Natronailtsmus herauszufchlagen, billigen, sei folgendes bemerkt: Hätten die in ihrem deutschen Bürgergesühl verletzten Kommerzienräte, Justizräte, Großindustriellen und Rabbiner gleich nach der Bildung der Erweiterten Jewish Agency eine solche „Erklärung" in der großen Presse erlassen, wir hätten sie bloß für eine Geschmacklosigkeit gehalten, erklärlich vielleicht durch die herausfordernde Art der Zionisten und ihrer liberalen Freunde in der Jewish Agency, im Namen der deutschen Judenheit zu sprechen. Nun aber erfolgt sie >im Elul nach dem schicksalsschweren Aw für Israel und Erez Israel, sozusagen noch im Angesicht der offenen Märtyrergräber. Die Geschmacklosigkeit wird zu einer in der jüdischen Geschichte fast einzig dastehenden Lieblosigkeit. Und Lieblosigkeit führt immer zur objektiven Verdrehung und Umfälschung der Tatsachen .mwn nrr ' nrrur? Die „Erklärung" bedauerte im Interesse der ersehnt-Ml W e l t b e s r i e d u n g „die blutigen Kämpfe zwischen Arabern imb Juden". Von „Kämpfen zwischen Arabern und Juden" — mit gleichmäßig verteilten Schuldkontis — spricht Luke, spricht der G r o h m u s t i. Wir wissen Bei Kopfschmerz, Zahnschmerz Erkältung, Rheuma hilft Bestandteile: Phenac.’ Phenyldimethylp., II i nn Acetylsai., Coff.lll. I.CÜ in allen Apotheken keinen Gott der Liebe lehre und nur die sttafende Gerechtigkeit des Weltenkönigs verkünde. Nun beachte man, wie die Lehre unseres Bekenntnisses allen, auch den größten Sündern, die Gnadenpforten des miisan bv öffnet, mit welcher Liebe und Rücksicht sie sich vor allem des gesunkenen Menschenkindes annimmt, um es aufzurichten und unter den Sonnenstrahlen der Gottesnähe mit Verttauen und Zuversicht zu erfüllen! Ist es nicht der Gott der Liebe, der den Mantel der Liebe über alle Fehler und Verirrungen breitet, und jedem zurust: qV?© u-fr© av^i pw-fr „Friede, Friede dem Fernen und dem Rahen!" Dem „Fernen" wird zuerst der Frieden entboten, — darauf weisen die Lehrer des Midrasch hin —, weil Gott den besonders lohnt, der im Kampfe mit der Sünde und Leidenschaft schließlich Sieger geblieben ist. In diesem Gedanken von dem nie versagenden göttlichen Erbarmen wurzelt die Versöhnungslehre des Judentums. Der allweise und allgütige Weltenschöpfer hat als Krone und Zierde der Schöpfung den Menschen mit Geist von seinem unendlichen alles umfassenden Geist ausgestattet und ihm dadurch die Kraft verliehen, gegen die Sünde anzukämpfen und aus der Nacht der Laster zum hellen Morgen eines neuen gottvollen Tages sich zu erheben. Dieser Glaube, eine weitere Voraussetzung des u'-naun bv, ist die Blüte unserer heiligen Lehre. Der Herr verzeiht, — aber der Mensch muß in tiefempfundener Reue nach dieser Gnade ringen und in der gewonnenen Selbsterkenntnis den Weg zur Tugend von neuem beschreiten. — Das spricht Jesajas so wunderbar in seinem des heiligen Tages würdigen prophetischen Herzensgruß aus: a'VVij, - bi*j© px „Keinen Frieden gibt es für die Frevler. Die Frevler gleichen dem aufgewühlten Meere. Dieses vermag nicht zu ruhen und seine Wogen wühlen Schlamm und Schmutz auf". Wer in Verkennung seiner Bestimmung nicht Sammlung und Erhebung kennen will, der ist ein Frevler, dem nicht Herzensstieden und nicht aber: es waren keine „Kämpfe zwischen", es waren U e b e r f ä l l e v o n Meuchelmördern u r.ib Plünde r e r rt auf f r i e M i ch e und wehrlose Menschen, es waren nicht „Kämpfe in Hebron und Sased", sondern Metzeleien, wie sie die Geschichte seit dem frühesten Mittelalter nicht mehr gesehen hat. Es haben nicht Feinde die Waffen gekreuzt, Bestie n haben g e w ü t s t. Und, Ihr Herren und Nachbarn zur Linken, Ihr dürft schon! eine jüdische Träne um das große jüdische ßeiö1 weinen und den Mut haben, diese Tränen nicht durch die Allsehnsucht der „Weltbefriedung" zu verschleiern — so Ihr Euch in Wahrheit, wie ihr es hier erklärt, zum Judentum b e k e n n11 Professor Helpach, der mit einer Moralpredigt an die deutsche Judenheit diese „Erklärung" ausgelöst hat, meint es rech gut. Ein erprobter Verteidiger des jüdischen Rechtes in Dev.tsch.lnr.id, fürchtet er, daß ein Bekenntnis der Juden zu Palästina ihm die Verteidigungskonzepte verderben könnte. Einem Manne von der Geistigkeit eines Helpach müßte es doch aber nicht schwer sein, klar zu machen, daß Palästina als Ziel der religiösen Sehnsucht Israels und der Menschheit dem jüdischen Bürgergefühle nicht im Wege stehen kann, daß die Tatsache des historischen jüdischen Volkstums durch die in Aller Hand befindliche Bibel — allerdings nicht im Zionistischen Sinne — verbrieft ist, und daß ein Unglück, voirl dem Angehörige unserer Religions¬ und Stammesgemeinschaft, noch dazu im heiligen Lande, betroffen werden, nicht allein allmenschliche, sondern auch brüderliche Saiten in unserer Brust stark anschlägt und uns zur gesteigerten Hilfs- und Rettungsarbeit aufruft. Solchen Erklärungen würden sich die Helpachs und Goiteins im deutschen Volke — um nur zwei der besten zu nennen— ohne weiteres zugänglich zeigen. Die an die große Glocke b*er politischen Presse gehängte „Erklärung" ist nicht allein geschmacklos, sie ist auch lieblos und würde! o s. Wie stehen mit unseren Btü-etn in Rußland bei? Die Kenessio Gedaulo hat, wie bekannt gegeben, in Sachen Sowjetrußlands eine Entschließung angenommen, in der es u. a. heißt: In der klaren Erkenntnis, daß eine Protestresolution zum mindesten zwecklos ist, erklärt die K, G.: Ganz Israel leidet unter den Religionsverfolgungen, denen unsere Brüder und Schwestern nicht so sehr durch die zenttalen Stellen, als vielmehr durch das Verhalten der Mitglieder der Jewsekties, ausgesetzt sind. Wir beten zum Allmächtigen, daß er das tapfere Herz und den unbeugsamen Willen unserer Brüder und Seelenruhe als Preis des Versöhnungstages erblühen kann. Der iiaa av lehrt uns also, daß rein und lauter ist die Seele, die Gottes Güte dem Menschen eingehaucht hat, — und sie immer von neuem nach Reinheit streben soll und kann. Damit erhebt das Judentum den Menschen zu einem würdigen 'Ebenbilde Gottes und schlingt das Band der Liebe und Versöhnlichkeit um alle Erdenkinder. Die Menschen, in denen allen samt und sonders das Flammenzeichen des Göttlichen leuchtet, sollen einander dulden und anerkennen, miteinander in Liebe, Harmonie und Einttacht durchs Leben gehen und mit den Waffen der Liebe und Versöhnlichkeit allen Haß und Hader beseitigen. Diese Forderung ist die unendlich liebliche Frucht am Baume der jüdischen Versöhnungslehre,, die wahrlich nicht nur Israels Kinder pflücken sollten. Wie sollen wir nun uns gehoben fühlen in dem Bewußtsein, daß im Kranze unserer religiösen Übungen die leuchtende Perle der B'iiaa ov-Feier leuchtet! Wie sollte da in uns erwachen die Liebe zu Gott und zu seiner heiligen die uns befähigt und mit Kraft ausstattet, uns des Staubes der Erde zu entfchlagen und zu den Höhen des Heiligen zu erheben! Dann würde des heiligen Tages Wirkung nicht dem 'Wunderbaume des Jonah gleichen, der ein Kind des Tages über Nacht entstanden und ebenso rasch verwelkt ist. Der Bniaan bv will uns der von Gott gesandte Himmelsbote fein, der Eliah, der da kommt Bjvnx bv B’aa 2^1 D’32 bv 1TUX 2^> 2'©ni und auf dem Boden der heiligen Lehre vereint und versöhnt das Alter und die Jugend, und Kinder und Väter in Liebe und Heiligkeitsstteben miteinander verknüpft. Helen