Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1929)
- Date
- 1929-10-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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MttM /t 10. Oktober 1929 Nr. 41 Frankfurt a. AI., den 6. Dschri ^9 Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum [[(fit Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. lll J Avonnement ab Juli ,19£9: Deutschland 1.30 Mark monatlich; Ausland: Bterteliahrpreise (entsprechend dem deutsche« Inlandspreis zuzüglich Konen des Streifbmw-Ver« [onbes) Dentsch-Qfterreich: Schilling 6^-; Amerika 1 Dollar:^England 1 sh.; ab 1. Juli Frankreich 88 Fr.; Belgien ah 1.7.27, BelgaS; Holland» fl.; Jtatken a^i. I. as. 18 Lire; Jugoslawien 55 Dm.: Litauen 7.80 Lit.; Rumänien ab 1. 7. 37.1o0 Lei; Pole» 4 deutsche Güldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 5 Fr. Tschecho-Slowaket S Kronen: Nngar« Pengö 6 ab I.Jnli 1937; Dänemark 8.80Krön.; Norwegen8.80 «ron.; Schwede» 8.80 «ron. Einzelnummer vierzig Doldpfrnnige. ■ Der Israelit erscheint jede« Donnerstag. Inserat» 80 Doldpf. für die siebengespaltM» Nonvaretlle-Zelle. Abonnenten zahle« bei Stellengesuchen und Famtttenanreige» nur 40Pf- Die 75rnm breite ReUnmezeUer letzte Textseite 3.- Mk.,. vorletzte Tertseite 8.50 Mr.; Thiffregebühr in Höhe eines dopr. Fernbriefportos. Rabatt »ach Tarif. Bei laufende» Jnferataufträge» NrptfM. Preiserhöhung tederz. Vorbehalt. Z«^atenan«^medurch de» Berlag des Israelit iS. m. b. H., Frankfurt a. M., Nechnetgrabenftrake 7. Tel. Aausa 8848 sow. durch sämtl. Annoncen-Erped. des In- und Auslands. Alleinige Znseratenan«. für Fraukf. Deschiiftsanr.: Sul. Schmidt. Langeftr. 7. II. Tel. Hansa 4841. Platzvor,chr. ohneBerbindttchk. -Zarschau Nr. 190757. - Postscheckamt Ar8^llr!vlll 7Ä4 — Jnkästo-Bänk Rotterdam Bnkareft - Miale des Wiener Bankveretns iu Agram. — Der Gerichtsstand für Israels religiöse Weltanschauung. Eine Betrachtung zu den heiligen Tagen. Von Dr. Ludwig Z*ick. Unserie heiligen Urkunden stellen unseren sittlichen Bestandin der Welt auf drei Grundgedanken: Auf Gottesfurcht, Gottfreudigkeit und Menschenliebe. Die Furcht vor Gott soll die menschlichen! Leidenschaften in Schranken' halten, die Absichten zum Schlechten zurü«Drängen. Die Gottesfurcht ist die Vorbedingung des menschlichen Lebensglückes; sie ist die Frömmigkeit der Befolgung der göttlichen Gebote. Darum mahnt uns die heilige Schrift: der Anfang aller Weisheit ist Gottesfurcht. Die echte und! wahre Gottesfurcht ist die Tugend' der Frommen und gewissenhafte Erfüllung der göttlichen! Gesetze. Sie ist von der Erkenntnis durchdrungen, daß diese Gebote den Lebenswandel der Menschen edel und würdig gestatten, wie Koheleth sagt: Fürchte Gott und wahre seine Gebote — denn das ist der ganze Mensch. Den wahrhaft Gottesfürchtige ist ängstlich bemüht, alles zu vermelden, womit er durch Rede und Handeln oder auch nur in Gedanken gegen Recht und Gesittung verstoßen könnte; hingegen ist er gernwillig und' gewissenhaft bestrebt, die religiösen und sittl>ich«en Pflichten — Nicht nur die geschriebenen, sondernauch, die ungeschriebenen! — aus den edelsten Herzensregungen zur Ehre Gottes und zum Wohle der Mitmenschen zu erfüllen. Welche Bewandtnis es mit dieser frommen rmponderadlen Gewissenhaftigkeit hat, zeigt uns ein Beispiel aus d>em Talmud: Ein Rabbi besichtigte einen zum Kauf-angebotenen Gegenstand. In feinem SiNn schätzte er den Wert desselben auf.eine bestimmte Summe. Als'er den Verkäufer nach dem Preis fragte, nannte dieser eine geringere Summe. Darauf fühlte sich der Rybbi verpflichtet undbezahlte nach der eigenen höheren Schätzung des Wertes. . Solche wahrhafte Gottesfurcht führt zur Gottfreüöigkeit. Diese hat ihre Quelle in der Liefen Betrachtung der unendlichen Wunder, die wir täglich undstündlich an der organischen und anorganischen Welt erfahren und ganz besonders an. der menschlichen Vernunft, die als ein göttlicher Funke dem Menschen zur Erkenntnis seiner Stellung in der Welt eingegeben ist. Bei aller Erkenntnis der Uebel in der Welt, bei aller Klage und. Trauer über die erschütternden Un>- glückssälle, die die Menschen erleiden, haben sich unsere Propheten und Psalmisteni die Gottfreudigkett im Herzen bewahrt, ja, sie sind g-ottrunken in-der Freude am wundertätigen allmächtigen Schöpfer. So w-eist Jesaja (Kap. 45, V. 8) die Skeptiker zurecht mit den Worten: „Wehe, so jemand streitet wider seinen Schöpfer. Der Mensch — ein Scherben unter den Scherben der Erde. Kann wohl der Lehm zu seinem Former sprechen: Was tust'Du da, und Dein Werk ist ja'nicht vollkommen?" Und die Psalmisten können sich nicht genugtun im Preise Gottes, im Anschauen dieser wunderbaren Schöpfung, die sie in den schönsten Akkorden besingen. Aus dem mächtigen Choral der Psalmen klingen Stimmen sehnsüchtigen Verlangens nach Gott. „Wann werde ich dazu gelangen, Gottes Antlitz zu schauen?" „Wen habe -ich im Himmel?, und bin ich erst bei Dir, dann habe ich kein Gefallen mehr an der Erde." (Pf. 73, V. 25). „Eines erwünfche ich von Gott, das erbitte, ich, daß ich weile im Haufe Gottes alle meine Lebenstage, zu schaueni die Anmut Gottes und Ihn aufzusuchen m seinem Tempel." (Ps. 27, 4).. Alle Wesen rufen sie auf zur Freude an Gott. Jünglinge und Jungfrauen^ Greise und Kinder, alles, was Odem hat, möge Gott preisen. Aus der Freude an Gott und feinen unfaßbaren WM)- dern entsteht die wahre echte Liebe zu den Menschen. Der Mensch erweist sich durch seine intellektuellen unb ethischen Eigenschaften als gottverwandt, Md diese Erkenntnis erfüllt uns mit Liebe zu den Menschen,. Diese drei umfassenden Grundgedanken kommen besonders in einem erhabenen Gebete inden Slichaus und am Jom Kippurfeste zum Ausdruck. Dieses Gebet ist eine Anrufung Gottes um Gnade und Verzeihung nach seinen erhabenen Eigenschaften, die im 2, Buch Moses (34, 6—7) verkündet werden. Unsere Berufung auf diese göttlichen Eigenschaften, deren 13 verkündet, sind, enthätt unser Gottesbekenn'tnis und zugleich eine Anpreisung der gnadenvollön Erhaltung der Welt und der Leitung der menschlichen Schicksale. Sie sind zugleich Musterbilder dafür, wie wir Menschen uns gegeneinander verhalten sollen, friedlich, versöhnlich, hilfreich und' erbarmungsvoll. Wie der Talmud schon sagt: „Wie Gott gnädig ist, so sei auch Du gnädig; wie Gott barmherzig ist, so sei auch Du barmherzig. Der zweifache Anruf des Gottesnamens drückt unser Gottesbekenntnis aus: Gott, der überwettliche, ist zugleich der /innenweltliche Gott. Das ist der jüd'isch-theistische Glaube im Gegensatz zu der in alter und neuer Zeit vertretenen deistischen Anschauung, wonach Gott zwar die Welt geschaffen, sie aber nicht regiere, sondern sie der Waltuing der Natur überlasse, eine Anschauung, der unsere, tiefste Erkenntnis, sowie unser moralisches und ästhetisches Empfinden widerstreiten. So spricht Moses im Namen Gottes (Ul. 26, 27): „Wenn Ihr Euer Leben nicht als von! Gott abhängig, sondern als dem Zufall preisgegeben erachtet, fo kann keine moralische Lebensordnung unter den Menschen Platz greisen." Was könnte eine Welt, die auf Zufall und blindes Ungefähr oder auf das mechanische Getriebe der Natur gestellt wäre, für das Bestehen der Menschen bedeuten?! Die dritte der 13 Eigenschaften drückt unser Bekenntnis der Allmacht Gottes aus im Gegensatz zu den Göttern der Heiden, die nur über Teile der Natur herrschend gedacht wurden und in ihrer Ohnmacht tuen) Heiden selbst zum Spott herabgesunken sind. Die weiteren Eigenschaften bilden gleichsam eine Skala der Gnadenwirkungen der göttlichen Vorsehung, die teils von uns als lebenserhattend empfunden, teils uns Menschen verhohlen, teils wieder durch Forschergeist zum Wohle der Menschheit 'entdeckt sind'. Me Gnadengewähru-ng an die Menschen ist jedoch nicht so uneingeschränkt, daß die Strafe nicht auf die Sunde folgte. Da wir aber diese Eigenschaften als Bittgebet cm Gott richten, Er möge uns die Gnadenwirkungen gewähren, so flehen wir hiermit zu Gott, daß Er uns für dts Sündenschuld nicht zu streng strafen möge, Mid so schließen wir -das Gebet mit dem Worte npai Gott möge Schonung walten lassen. So fleht auch der Selichoth-Sänger: „Ich stütze meine Hoffnung auf die 13 Gnaden-Eigenschaften, sowie auch darauf, daß die Pforten d-er Barmherzigkeit für die Tränen Nicht geschloffen sind. Darum schütte ich mein tief klagendes Herz vor dem Antlitz des Herzenskünders aus." Durch unser geistiges Aufschauen zu den! von der Bibel Gott deigelegten Eigenschaften gewinnen wir die Zuversicht, daß trotz der schmerzensreichen Ereignisse, die uns treffen und deren größter Teil den Menschen als natürliche Folge ihrer bösen Leidenschaften zuzuschreiben ist, Gott die Menschheit fortbestehen lassen und sie mit Seiner Hilfe zu ihrenhöheren Zielen emporleiten wird. Diese uns von unserer Religion verkündete Gnadenfülle ist gleichsam der überweltliche farbenreiche Regenbogen, der Himmel und Erde wie