Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1929)
- Date
- 1929-10-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 40 3. Oktober 1929 Araber sind nach wie vor im Besitze ihrer Messer, Dolche und Revolver, und der Mult wächst ihnen aus dem platten Lande, wo sie sich ganz als Herren der Situation fühlen, mit jedem Tage mehr. Unter dem 16. September, drei Wochen nach den Metzeleien in Jerusalem uni)' Hebron, schreibt die Dame aus der entlegenen Kolonie: „Wir kommen noch nicht aus den Kleidern, und' wissen abends nie, ob wir den kommenden Tag erleben werden." Könnte man solche Aeußerungen noch als den Ausbruch subjektiver Angstempfindungansehen, so darf «eine Darstellung, der Prager „Selbstwehr" in ihrer Objektivität nicht angezweifelt werden, wonach der unverkennbare Umschwung in der Gesinnung der Palästinaregierung und auch in London zu Ungunsten der Juden einzig auf Lukezurückzuführen s e i und auf seine zugestutzten Protokolle über die Geschehnisse. Damit will vielleicht der stellvertretende Hochkommissar zunächst nur die Schuld von sich abwälzen. Aber auch Vorurteil und Voreingenommenheit spielen dabei unverkennbar eine gewichtige Rolle. Man weiß ’isni eingeweihten Kreisen, daß Luke nicht „eine zweite Hand»", sondern zuweilen die leitende Hand des Hochkommissars ist, und es wird m Palästina n i r g e n d s als Zufall angefeh en, daß die Araber für ihren Feldzug den Zeitpunkt wählten, da Chancellor in London weilte und Luke als Selbstherrscher in Palästina schaltete. Eine lange Reihe von Anklagepunkten werden gegen Luke erhoben. Er kannte die Lage und tat nichts zur Verhinderung des Ausbruches. Er gestattete die arabische Demonstration, von der ein BlutvergießenmitSi che r h e i t zu e r w a r t e n w a r. Er beeilte sich mit der Entwaffnung aller Juden», auch der britischen Staatsbürger, womit zynr elften Male im neuen England ein Unterschied gemacht wurde zwischen christlichen undjüdischen- Engländern. Er tat all dieses auf arabisches Diktat. Die schwerste Anklage ist aber die, daß er durch falsche Darstellung in seinen Berichten an Chancellor und nach Lond»o,n die Dinge verschleierte. Es wird in der „Selbstwehr" der Prozeß gegen Luke vor dem W e l t g e r i ch t s h o f verlangt. Das jüdische Polk sei der Ankläger. Wir meinen, man sollte erst einmal abwarten, was London zu dieser Anklage sagt, bevor man die Weltmstangen dafür bemüht. Haben» englische Beamte gefehlt — und darüber kann» gar kein Zweifel mehr herrschen —, so darf damit all das bislang durch eine Politik der Toleranz gerechtfertigte Vertrauen der jüdischen Gemeinschaft zu Großbritannien noch nicht in die Brüche gehen. London ist zunächst zuständig für den Prozeß Luke, nicht Genf oder der Haag. Der neue Kurs in Litauen. Politische Umwälzungen in Litauen können die jüdische Welt nicht unberührt lassen. Die äußere Lage unserer Brüder im Lande, das heute noch die größten Geisteszentren besitzt, ist von dem herrschenden Kurs stark beeinflußt, und! damit zusammenhängend auch die Voraussetzungen für das Gedeihen des Geisteslebens in diesem Lande der jüdischen Städtebevölkerung, »der Lehrhäuser und Jesch'iwaus. Woldemaras, der »nun -endgültig zurückgetreten ist, hat die Juden nie geliebt, aber auch nicht eigentlich gehaßt. Ein Diktator mit allen Eigenschaften und Merkmalen eines solchen, wußte er all zu genau, daß wenn einmal die Bande der Ordnung aufgelöst sind, der Weg von der Judengasse weiter bis an die Regierungsgebäude führt. Wußte er es n i ch t, die letzten Unruhen in Kowno und Slabodko hätten ihn klar darüber belehren müssen. Aber er wußte es, und so hielt er streng auf Zucht und Ordnung, schon im Interesse seiner eigenen Machthoheit, von der er keinen Zoll preisgeben wollte und die er im , Momente, da sie sich nicht mehr nach seinen Wünschen halten ließ, Lieber ganz aus der Hand» gab. Er ist auch Gelehrter von Haus aus und Der Israelit pflegte manche Beziehungen zum jüdischen Schrifttum und Geistesleben. So fiel es ihm auch nicht schwer, ein gewisses Maß von Verständnis für jüdische Dinge, zumal für Belange der jüdischen Religion! aufzubringen. Die nationale Richtung im litauischen Judentum kam bei ihm nich auf ihre Rechnung, da nationale Minderheitswünfche nicht in die Sphäre einer diktatorischen Politik passen. Daß von den Maßnahmen» gegen die nationalen Aspirationen die Judenheit insgesamt und nicht zuletzt das religiöse Judentum stark getroffen wuride, ergibt sich von selbst. So konnte der „Eiserne Wolf", »eine Organisation, die, nach unseren politischen Gruppierungen» gemessen, etwa die Mitte zwischen Stahlhelm und Nationalsozialisten hält, unter Woldemaras und der Sonne seiner Politik recht gut gedeihen, bis sie mit den jüngsten Exzessen in Kowno und dessen Vorstädten ihr wahres Gesicht zeigte und» auch d»em starken Woldemaras etwas Angst einjagte. Wie wird sich der neue Kurs auswirken? Smetona, der bisher ganz im Hintergründe und im Schatten der Diktators stehende Staatspräsident, tritt jetzt mehr in den Vordergrund». Man sagt, es bleibe auf der großen politischen Linke alles beim alten. Das scheint nicht ganz zu stimmen. Der neue litauische Innenminister Must e »i k s begann feine Regierungsarbeit mit einer Säuberungsaktion, die zunächst zur Auflösung de s „ E i f e r n e n W o l f " führte. Man möchte keine Faschistenherrschaft in- Litauen, vielleicht bedeutet das auch, daß mit d»em Abgang des litauischen Mussolini auch der faschistische Geist verschwinden soll. Hoffen wir, daß sich der neue Kurs zunächst in einer Besserung der äußeren Lage der heute besonders unter unerträglichem Steuerdruck leidenden litauischen Judenheit auswirkt. Oberrabbiner Koppel Reich TSU* 5598—5689. Von Rabbiner I. Horovicz in Jerusalem z. Zt. Mezöcsat (Ung.). Im Patriarchenalter, mit d»er schweren Bürde von 91 Jahren auf den Schultern, erging an ihn -der alte Gottesruf: *]’»■> mp pi, siehe, auch Deine Tage »nahen, auch Deine Zeit ist abgelaufen. Vor wenigen Tagen sahen wir rhn noch in voller Frische, den lieben alten Rabbi. Run ist auch er von uns geschieden und leime große, schwere Trauer umfängt nicht nur die ungarische Judenheit, sondern die jüdische Gesamtheit auf dem ganzen Erdenrunde. Nur ihren auserwählten Lieblingen gewährt die Vorsehung die große Gnade, die unserem verehrten, gütigen Meister beschieden war: den Idealen der Thora in p-ersönlicher, kraftvoller Betätigung, noch mit silbernem Haar, in vorderster Reihe, als Führer und Wegweiser zu dienen. Mit Rabbi Koppel Reich ist ein Geistesfürft in Israel dahinge gangen, einer der'vornehmsten und würdigsten *rnn tuu in Ungarn, rftvnn nona ■»twö» einer der letzten der großen Versammlung. Ein- Mann von höchster Lauterkeit des Charakters, gütigen Herzens, von einer Größe und Einfachheit, wie sie kaum harmonischer in einer Persönlichkeit vereinigt sich finden läßt. Aus femem edlen Herzen und feinem helleuchtenden Geiste, ein Meister der Kanzelberedsamkeit, kam »das Wort Gottes undzündete und begeisterte ürrni2§ mir, uni) crr’on zu jeder Zeit, Lei jeder Gelegenheit, vom Jünglingsalter bis zu seinem letzten Atemzuge, mit:*? rn*» *piK Sein Mannesalter fiel in eine Zeit, da sich die größten Kämpfe auf dem Boden des jüdischen Lebens in Ungarn abspielten. Es war die weltberühmte ungarisch-jüdische Kongreßzett. Zu 20 Jahren finden wir den Verewigten bereits in Amt und Würde, als Oberrabbiner in Sobotifch — zehn Jahre nachher in seiner Vaterstadt Verbo — inzwischen in Vertretung des Großtopolosauer Wahlbezirkes, Abgeordneter des Kongresses, führender Mitkämpfer für die Sache der Gesetzestreuen. Allmählich lichteten sich die Reihen der damaligen Kongreßmitglieder. Rabbi Koppel Reich war der letzte jener Zeitgenossen. Den historischen, schriftlich eingereichten Antrag, daß in -einem Grundparagraphen die Autorität des T h or a»g e s e tz e s auf Basis d es Schulchan Aruch für das G e m e ind e l e ben an er kannt werde, hatte der Verewigte mitunterschrieben. Als d>er historisch gewordene Antrag — vorgeblich aus „formalen" Gründen — abgelehnt wurde, verließ er mit den Größten seiner Zeit den Sitzungssaal und nach drei Jahren erhielten auch die Orthodoxen Ungarns -eine mit königlicher Sanktion versehene autonome Gemeinde- Verfassung. An diesen Orgcmisationsarb eiten hatte der Verblichene lebhaften Anteil genommen!. Seine Gemeinde war auch die erste in Ungarn, die sich auf orthodoxer Basis konstituierte. Von da an stieg dieser große Mann — auch in seinem Aeußeren eine imposante, ehrfurchtgebietende Erscheinung — von Stufe zu Stufe, fast könnte man sagen-, bis zu feiner Vollendung. Bis in sein hohes Alter, ein Weiser in der umfassenden Bedeutung des Wortes, ein Vorn d»er Erquickung für jeden», d»er ihm im Leben nahe kam. Aus seiner in Verbo geleiteten Jeschiwa ging eine ganze Reche bedeutender Rabbiner hervor. Eine „Hatoras Haurooh" von Rabbi Koppel Reich verlieh jedem Kandidaten ein ganz besonderes rabbimsches Kreditw. Das Hauptgebietfeiner geistlichen Tätigkeit war allerdings feine „Kehrla". Unter seiner geistlichen Führung im Vereine mit seinem rühmlichst bekannten, ihm vorausgegangenen Rofch Hakahal, Rabbi M o s ch e v. F r e u di i g e r tan und seinem ebenbürtigen!, verdienstvollen Nachfolger, dem Präsidenten Abraham von Freudiger — die ideelle Teilnahme des -illustren Landespräsidenten Adolph Frankl war immer dabei — ist die autonome orthodoxe Gemeinde von Budapest, eine wahrhafte vrri *rjr geworden. Ihre großen Synagogen, ihr Beth Din, chre großzügigen» Kaschrusinftituüonen, ihr vorbildliches Schulwerk, ihre Chewra Kadifcha, chr Spital, chre Schaßchewra mit den zahlreichen gediegenen Talmide Chachamim, chre Tempelvereine, ihre „Hisuharu"-Organilsation, die bei Beginn »eines jeden Semesters Hunderte von Zöglingen für Ne Jeschiwos abfertigt undeine ganze Reihe verschiedener Wohlfahrtseinrichtungen sind lebende, blühende Zeugen für den ideellen Aufschwung, für die ununterbrochene segensreiche Entwickelung dieser thora-treuen Muttergemeinde, die unter den bekannten hervorragenden heiligen. Kehilos in der ganzen Welt nunmehr einen» -ersten Rang eintzunehmen berufen ist. So haben v i e r z i g Jahre segensvollen Wirkens als geistliches Oberhaupt der Budapester orthodoxen Judenschaft mit dem Hinscheiden dieses illustren Patriarchen-einen glanzvollen Abschluß gefunden. , Auch wegen seiner Bürgertugenden war der große Verewigte eine allgemein verehrte Persönlichkeit. Im Jahre 1911 wurde er von König Franz Josef mit der Würd»e eines „königlichen Rates" ausgezeichnet und zwei Jahre vor seinem Ableben wurde »er als Vertreter der orthodoxen Landesjudenschaft als Mitglied des ungarischen Magnatenhauses berufen. Kabrnettskanzlei des Reichsverwefers, Oberhaus, Kultusregierung, Parlament und Hauptstadt waren» am Leichenbegängnis offiziell vertreten, sandten auch Adressen und Beileidstelegramme, cn? '2 p«n '»v bs ixii mpa /l7 Unter den Häuptern der nach zehntausenden zählenden Trauergemeinde sah man auch die Honoratioren und Deputationen der großen Budapester Israelitischen Religionsgemeinö-e und» der neologen Landeskanzlei, die auch in besonderen Zuschriften an die orthodoxe Gemeinde, den großen Verlust des gesamten Judentums betrauern. Die Chewra Kadifcha dieser großen Neologengemeinde hat auch »im Rahmen einer offiziellen Sitzung in sehr vornehmer Weise dem Andenken