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Der Israelit · 1929-09-19 · Heft 38 (19.9.1929) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 38 (19.9.1929)
Date
1929-09-19
Page
– (sequence 19)
Language
German
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*D(ätfev üerausgegeben von der Candesorganifation der flgudas-Jisroel in Ventfekiand. 15. Jahrgang Hamburg, 19- September 1929 / ,4- Elul 5689 Hummer 18 5christleiiung: W»1/ K! Iac«Ss«n in K-mburg. Grundlinie« zum Rechenschafksbericht des Geschäfts- Ausschusses der Agudas Zisroel. Der Bericht umfaßt die Periode 5684—5689. Er soll in aller. Kürze darüber Rechenschaft oblegen, wieweit die aus der ersten Kenessio Gedaulo gewählte Leitung die Beschlüsse derselben im Rahmen des Statuts zur Ausführung gebracht Hat. Cr soll die Gründe angeben, warum sie den einen oder anderen Schritt getan oder unterlassen hat, warum so manches nicht gelungen ist. Sie haben das Recht, auch über die allgemeine Lage der Aguda ein klares Wort zu hören. Die Tatsache, daß die Leitung es gewagt hat, die Kenesfio Gedaulo einzuberufen, liefert zum mindesten den Beweis, daß es gelungen ist, die Aguda über alle wirtschaftlichen und inneren Krisen der Berichtsperiode hinweg zu tragen und .zu erhalten. Aber diese Krisen waren gewaltig und erschütternd, sie lockerten vor allen Dingen den zentralen Zusammenhang der Organisation. 'Es ist bisher nicht gelungen, die Landesorgan,ifationen in denjenigen straffen und disziplinierten Zusammenhang zu bringen, wie er die Voraussetzung für einen gesunden Aufschwung bildet. Zweifelsohne liegt schon in> der satzungsgemäßen Autonomie, die den einzelnen Ländern gewährleistet ist, eine gewisse Gefahr in Bezug auf -die Bildung eines Gesamtwillens, allein trotzdem sieht die Leitung in der Autonomie eine fo unerläßliche Bedingung für den Bestand der Aguda, daß sie auch heute keinerlei Antrag bringt, der auf eine Aenderung dieses Zustandes abzielt. Am meisten wirkte sich die heute schon vorhandene Dezentralisation in finanzieller Hinsicht aus. Nichtsdestoweniger ist die Aguda, als Idee a u f g e f a ß t, im sieghaften Aufschwung begriffen.. Freunde und Gegner sehen in der Aguda-Organisation den geschichtlichen Versuch, das historische Judentum zu konsolidieren, ja, sie ist in der Meinung unendlich Vieler gleichbedeutend mit der Orthodoxie überhaupt. geworden. Dementsprechend hat auch alles, was aus Gründen der Usberzeugung oder der instinktiven Abneigung gegen die O r t h o d o xie als solche gekämpft hat, seine Waffen regelmäßig zuvörderst -gegen die Aguda gerichtet. Der Zentralrat der Agudas Jisroel hat in der Berichtsperiode viermal getagt. Nach diesen allgemeinen einleitenden Worten möge sich der eigentliche Bericht an den §.2 der Verfassung halten, in welchem die Aufgaben der Agudas Jisroel klar vorgezeichnet sind. Die Aguda erstrebt gemäß § 2a: Den organisatorischen Z u s a m m e n s ch l u ß aller die Erhaltung des gesetzestreuen Judentums erstrebenden Ä üben. Gegen alles Erwarten hat die innerstaatliche Umgestaltung, die fast überall in Europa einfetzte, meist nicht zu einer wirklichen Trennung von Kirche und Staat geführt' so wirkten ideelle und materielle Momente zusammen, die unsere Gesinnungsgenossen in den einzelnen Ländern .zwangen, sich eigene innerstaatliche Vertretungen für ihre religiösen Interessen zu schassen, wie sie das obenbezeichnete Verhältnis erfordert. Es bleibt hier unerörtert, warum gerade die Landeszentralen der Aguda diese innerstaatlichen Aufgaben, wie es natürlich wäre, nicht übernommen haben. Zum Teil rührt das daher, daß die Aguda eine Organisation der einzlenen Persönlichkeiten ist, während die Vertretung der religiösen Landes-Jnteressen häufig Verbänden von Gemeinden zusteht. , Da in solchen Ländern die Tätigkeit für die eigenen Interessen fast alle geistigen und materiellen Kräfte in Anspruch nimmt, so bleibt für die Betätigung im Dienste der Aguda wenig Raum. Hierzu kommt noch die bedauerliche Erscheinung, bedauerlich auch für die Menschen, daß es fast Üblerall dieselben Personen sind, denen sowohl die Fürsorge für die lokalen und provinzialen Notwendigkeiten, der Orthodoxie, wie auch für die Aguda aufgebürdet sind. Das führt nicht selten zu einem Widerstreit der Interessen. Die Vorbereitung zur Kenesfio Gedaulo gab erfreulicherweise sämtlichen Landesorganisationen neue Impulse und neues Leben, so daß wir zum mindesten behaupten können, daß der Stand der Organisation nicht schlechter ist, als zu Beginn der Berichtsperiode. Das will nicht so wenig besagen, wie es den Anschein hat, angesichts der furchtbaren wirtschaftlichen Krisen, die sich abgespielt haben. Die erste Krise war die vollkommene Aenderung der wirtschaftlichen, Lage in Palästina, über die der Sonderbericht unserer Palästina-Zentrale das Nötige sagen wird, eine Aenderung, die auf alle Zweige unserer Tätigkeit schwächend einwirkte. Das Zweite war der materielle Rückgang unserer Thoralebranstalten, worüber unter dem Kapitel Keren Hathora eingehend berichtet »werden wird. Ein ernstes'Kapitel ist A m e r i k a. Es waren zwar in der Berichtsperiode drei unserer bewährtesten Führer auf kürzere oder längere Zeit in diesem Lande. Es gelang uns aber angesichts des Kampfes, den die zionistische Organisation in Amerika gegen uns führte, bisher nicht, festen Fuß in diesem Lande jüdischer Massensiedlung zu fassen. Immerhin blieb unsere amerikanische Landsmannschaft erhalten und sie wird in diesem Kongreß über die Verhältnisse ihrer Heimat ausführlichen Bericht geben. Das Abkommen mit Ungarn zeitigte keine praktischen Folgen, doch wirkten Landeskanzlei und Kultusgemeinden in manchen Eingelaktionen materiell und moralisch mit. Die Mitgliederzahl ist ziemlich konstant geblieben. Erfreulich ist der Aufschwung in den Iugendgruppen; diese haben in manchen Ländern sich sogenannte B. - G r u p p e n angegliedert, in denen die noch schulpflichtige Jugend im orthodoxen Sinnebetreut wird. Fr aue n- und M ä d ch e n, g r u p p e n sind im Erstarken begriffen. Teils haben sich diese, wie z. B. in Polen in den Venös Agudas Jisroel eine das ganze Land umfassende Organisation geschaffen. Noch bedeutsamer ist die Entwicklung der Poale Agudas Jisroel -Bewegung im Rahmen unserer Organisation: fehlt es dabei auch nicht an den natürlichen Spannungen, die aus den oft gegensätzlichen Interessen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer resultieren, so darf doch Großes von einem im Geist der Thora unternommenen Versuche erwartet werden, gerade jene Interessen auf dem gemeinsamen religiösen Boden zu versöhnen. Der Berichterstatter hat während seines drei- , maligen Aufenthaltes in Palästina immer und immer wieder versucht, mit den sephardischen Kreisen engere Fühlung zu bekommen. Es dürfte Aufgabe der nächsten Leitung sein, diesen Versuch zu erweitern. Außerordentlich kompliziert gestaltet sich die Erfüllung der Aufgaben des 8 2a, der die Erfassung aller gesetzestreuen Juden zur Pflicht macht, gegenüber denjenigen, die sich in fremden Organisationen befinden. Schon auf dem ersten Kongreß hat ein Delegierter aus Amerika mit der damaligen Leitung verhandelt, um wenigstens zwischen der Aguda und Misrachi in Bezug auf die Form der Auseinandersetzung eine Art Waffenstillstand herbeizuführen. Das ist auch im großen und ganzen gelungen. Allein, es hat sich bisher gezeigt, daß der Wesenskern der Aguda, d. h. der Gedanke der S e l b st ä n d i g k e i t d e r Orthodoxie überall dort auf starken Widerstand stößt, wo gegenteilige organisatorische Festlegungen, zum Teil auch die Sorge um die finanzielle Sicherung von Thorainstitutionen, die unbefangene Würdigung unserer Ideen erschweren. Von historischer Bedeutung waren die offiziellen Verhandlungen zwischen der Aguda und der zionistischen Organisation, die in Wien, London und zum Teil in Jerusalem gepflogen wurden. Es hat sich jedenfalls das eine dabei gezeigt, daß ein friedliches Neben,einanderarbeiten im Bereiche der Möglichkeit liegt. Drei Momente waren Gegenstand der Verhandlungen in London- und Wien: die Frage gemeinsamer Arbeit beim Bodenkauf in Palästina, die Frage eines friedlichen Uebereinkommens in Bezug auf iud Gemeindeverfassung in Palästina, die Frage endlich einer Zusammenarbeit in der Jewish Agency. Bei der Frage der Gemeindeverfassung fand sich die gemeinsame Plattform nicht, doch muß hier festgestellt werden, daß es hauptsächlich palästinensische Kreise waren, die diese Arbeit störten, während bei der zionistischen Leitung in London viel größeres Verständnis für die Notwendigkeiten der Situation vorhanden war. Die höchst aktuelle Frage der Jewish Agency wird ihrer Beschlußfassung unterstellt werden und unterliegt besonderer Berichterstattung. 8 2 b: Die Erhaltung des Bewußts einsvonderEigenartdesjüdischen Gemeinschaftsbegriffes (§ 1) g e - genüber allen Strömungen, die dem Judentum wesensfremd sind. Aus dem Gebiete der begrisslichen Klärung ist seitens der agudistifchen Presse Wesentliches geleistet worden. Das ist umso höher einzuschätzen, als sich fast in der gesamten Judenheit meistens aus Müdigkeit und finanzieller Not heraus ein gewaltiges Bedürfnis nach sogenannter politischer Neutralität geltend macht, die, wenn sie Siegerin geblieben wäre, überhaupt jedes Klall- Bewußtsein im ideologischen Sinne erstickt und die im besten Falle aus charitativem Gebiete Erfolge erzielt hätte. Dieser Krisis der Ideologie gegenüber galt es den Aguda-Gedanken in seiner Reinheit zu wahren und diese Aufgabe zwang uns den großen Kampf um E r e z I i s r o e I auf. Die Gemeindeverfassung des Wad leumi stellt sich dem Namen nach als den Typ der Neutralität dar. Wenngleich es schon, von vornherein ein enormer Sieg unseres Gedankens war, daß die Genreinden in Palästina in der betreffenden „Ordinance" der Regierung als Religionsgemeinden charakterisiert wurden, so könnten doch im diesem Rahmen die Gemeinden sich im besten Falle als Verwaltungsgemeinschasten, d. h. als Mittelding zwischen Gesinnungsgemeinschaft und Volksgemeinschaft entwickeln. Im Grunde genommen dehnt diese Ordinance den zionistischen Grundsatz: „Religion ist Privatsache", auf die jüdischen Gemeinden aus. Es bedurfte einer enormen Arbeitsleistung in'London, Genf und Jerusalem, um der Gefahr einer Neutralisierung des Judentums im heiligen Lande wirksam zu begegnen. Es ist erreicht worden, daß sich -in Palästina auch

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