Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1929)
- Date
- 1929-09-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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19. September 1929 Der Israelit Nr. 38. Seite 5 Körper gewidmet. Es war der Tag der fozialenBeratungen, und das Wort hatten die Poale Agudas Jisroel. Eine erschütternde Anklage erhob Herr Orlean, der Sekretär der Agudaarbeiter in Polen. Eine Anklage nach außen und innen. Die sogtale Lage des Arbeiters ist kritisch, und doppelt kritisch die des jüdischen Arbeiters, der von Nichtjuden boykottiert, von jüdischen Unternehmern aber auch übergangen, auf alle Fälle nicht nach dem Jauscherprinzip der Thora behandelt wird«. Das ist nicht allein ein Problem des Ostens. Die Frage ist auch für den W e st e n brennend und wird immer brennender mit dem zunehmenden Ruin des Mittelstandes. Das betonten einige deutsche Delegierte ganz deutlich. Hoffentlich ist der Appell nicht umsonst ergangen. Ist doch die Orthodoxie in erster Reihe berufen, diese Fragen zu lösen, denn von ihnen hängt auch die Seele des Judentums, der Sabbat, ab. Die Sitzung ftellblst beginnt mit einem längeren Kommentar zu »dtem Sendschreiben 'des „Chofez Chajim" aus dem Munde feines Schrvvsgerfohnes. Den Vorsitz HUt Rabbin-er Dr. E. Munt, Berlin. Er drückt im Namien der Versammlung dem „Chofez Chastm" den Dank für die Botschaft aus und wünscht ihm„ daß er die Erfüllung all fehner Wünsche noch selbst erleben möge. Es spricht noch Fried mann, Warschau über die Jeschiwaus in Polen, worauf Wolf Jacobfon die Rtesulitaite der Mandaitspr-üfunigskommission mitteibt. (Siehe „Blätter!".) Nach Annahme einiger gefchäfWcher Anträge ergreift Orsiean, Warschau, ^das Wort zu seinem großangeleg^ len Referate über die Lage der jüdischen Arbeiter in Polen. Nach längeren theoretischen Ausführungen über die Entstehung des Klasfenkampfes im allgemeinen und einem geschlchtAchen Ueibivrbllck über die Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit, geht w auf '-die spezielle Lage und die Not des jüdischen Arbeiters ein. Die StelbständiA-, machung der Mtteks'chichlt ist heute erschwert, wenn nicht ganz unmöglich. Durch die Extreme, die' den Luxus auf der einen und bittere Not auf der anderen^ Seite zeigen, Verschärfen sich die Gegensätze immer mehr. Hat der jüdische Arbeiter doppelt, so hat der orthodoxe Arbeiter dreifach zu leiden, da er Rücksicht auf den Sabbat und die jüdischen Lebensmö glicht eiten zu nehmen hat. Die Orthodoxie hat klein MÄgtefüHl mit dem Arbeiter, darum geht >er zu der linken Seite über. Mit der weiteren Proletarisierung! der Massen wird die Gefahr immer größer. Er bespricht die sozialen Gesetze der Thora, denen kein Staatsgefetz nahe kommt. Nach biblischer und takmudischer Auffassung hat der Arbeitter, öer feine Hände und seine Seele dem Unternehmen widmetz mehr Kapital geopfert, als der Unternehmer, der nur das Geld dazu gibt. Es ist zu bedenken daß die jüdischen Arbeiter' nur zu einem ganz geringen Prozentsatz bei der gesicherten Großindustrie beschäftigt sind. Der größte Teil arbeitet m den schwachen Industrien und wird über Nacht brotlos. In Mischen Fabriken in Polen sind 127 000 Christen -und nur 80 000 Juden beschäftigt. Christliche Unternehmungen stellen aber auch dann keine Juden e-in, wenn sie billiger sind. Ein Nebel hat sich durch das „Heterwefen" herausgebildet, durch welches manche Unternehmer mit Hilfe von nichWdischen Mitbesitzern am Sabbat und unter Ausschlüeßung von Juden arb-eÄen lassen. Es sei bedauerlich!, daß sich einzelne Rabbiner dazu hergchen. Man muß die Forderung aufstellen, daß jüdische Arbeiter von Juden als Juden behandeA werden. Die „Poale Agudas Jisroel" wissen aber, daß Verfehlungen von Einzelnen nicht der Gesamtheit zur Last gelegt werden dürfen. Sie haben daher den Weg zur Agudas Jisroel gesucht, weil die Orchodoxie gar nicht anders kann, als nach jüdischem Recht und nach jüdischer Moral mit dem Arbeiter zu verfahren. Die P. A. I. sind SoziaKsien -ohne Klassen kämpf, nur mH der Forderung des Dhoraideals. Die Arbeiter haben volles Vertrauen zur Organstailvtt. Die Parole muß heißen: Jüdische Produktion für den Mischen Luxus. In jüdischen Fabriken und Geschäften müssen vornehmlich Juden beschäftigt sein. Die mit großem Elan vvrgetragene Rede MM große Beachtung. Der Vorsitzende betont noch einmiak die hohe Wichtigkeit und Aktualität des Problems und -keilet die Diskussion ein. Es kommen dann zu Wort Rabbiner Klein und Fromm, Polen, und noch viele andere, die alle dem Redner zustimmen- und -oinzeilne Punkte unterstreichen. Wolf Jacobson erklärt die Zustimmung der d e u t - ch e n Landsmannschaft zu den Ausführungen und Anträgen des Referenten. Der jüdische Arbeiter-hat ein Recht auf Arbeit, und die Orthodoxie ist verpflichtet, den sabbathalten-den Arbeiter anzustellen. Es fei ' die orthodoxe Arbei'terorganisaOon weiitgehendst zu unterstützen und ein Aufruf zur Berücksichtigung, Mischer . Geschäfte zu erlassen. Cs muß eine fseMsche Gemeinschaft zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer hergestell-t werden. Man müßte sogar bis zum Ausschluß unsozial handelnder Agudisien aus der Organisation gehen. Die rabbimfchen Autorlitäten müssen sich für Vermehrung des sozialen Verständnisses unter den Besitzenden einsetzen. Rabbiner Auerbach, Halberstadt, spricht von der Not der kleinen Unternehmungen, die dadurch verursacht wird, daß der Hauptmarkttag am Sabbat ist. Eine Zusammenarbeit der orthodoxen Fürsorgeinstidudion-en sei nötig. I. M. Le Win wünscht, -daß die jüdische Bank zu einem Zentralinstidu't für We gesamte Orthodoxie ausgebcmt wird. Es müssen neue Existenzmögiichkeitm für Juden geschaffen werden. Wolf Pappenb e im regt die Gründung von" jüdischen Abendschul-sn für Arbeiter «an, ebenso Hand wer kerschulen an Hand von Jöschiwaus. Gegen 2 Uhr Mittag wird die Diskussion abgebrochen und die nächste Sitzung auf Sonntag Vormittag 10 Uhr anberaumt. Für Samstag abend find -eine ganze Reihe von, Sitzungen, Beratungen und Veranstaltungen vorgesehen. Die Iugendtagung will Samstag Abend mit einer öffentlichen Kundgebung ihre Beratungen schließen. Die Sitzungen am Sonntag. Der Sonntag stand ganz im Zeichen von Erez Jisroel. Wenn man heute, noch unter dem erschütternden Eindruck der Ereignisse, von Erez Jisroel spricht, kann ein Wort der Klage und Anklage nicht ausbleiben. Ueberwiegend war aber das positive Wort: die Mahnung zur Arbeit, die Versicherung, daß wir Erez Jisroel, und besonders w ir, die Orthodoxie, die feit der Tempelzerstörung Zions nicht vergaß, Palästina nicht aufgeben und uns von der Arbeit in und für Erez Jisroel nicht abdrängenlassen. Das Gebot von Jischuw Erez Jisroel ist gottgegeben und von den Geschehnissen der Zeit unabhängig. In den Palästinadebatten wie in der Aussprache des Vormittags brach sich dieser Gedanke immer und immer wieder mit neuer Macht durch. Und der Nachmittag brachte den Höhepunkt, vielleicht den Höch stpunkt' des Kongresses mit dem Referate Rofenheims über die Frage der I e w i s h Agency. Haus und- Tribünen waren wieder so angefüllt, wie bei der Eröffnungssitzung, die Teilnahme und die Spannung unbeschreiblich. Die Verhandlungen blieben auf hohem Niveau bis kurz vor Schluß der Sitzung. Die DorMibtzrgssitzung am Sonntag! fciegiirmtl um 10 Uhr unter Vorsitz des Herrn L. W r -e s ch tr e r. Hermann Schwab, HaG-e-rstadt, gibt im Anschluß an» öen von d-em Geschäftsfühvenlde-n- Ausschuß überreichten Bericht des Krtegswuifenfond der- Agudas Israel einzelne Mitteilungen üb-er den» Stand der Wa-is-ensürsorge in Polen. Er weist auf die großen Gesahrenhin, die den Schöpfungen dev Agudas Jisroel drohe-n, wenn nicht die polnische Judenhei-t sich ihrer Verpflichtung bewußt werde, die Waisenhäuser dauern-d z-uun-ter-ftützen-. Es handelt sich hierb-e-i, n-ich-t um große Snmm-eni, fondern es genügt, wenn jeder Jude -in- Polen V* Zloty pro Jahr zu den Lasten -d-er Waifen'häiuser beitrage. Vor dem Forum der K-Mvssio Gedaulo lehnt die Verwaltung des Kr-vegswa-ifenfontd die Verantwortung für die Erhaltung der Waisenhäuser ab, wennihr nicht von de-r polnischen Jud-enh-eiit Hilfe wird. Den Worten des Vorwurfs läßt der Redner tief empfundene Dank-sswovte für zwei Freunde des Kviegswaisenfonds folgen, die im Laufe des letzten Jahres heimge-gang-en find: Nnchim Rosenfeld und- Jeschaia Rosenbaum in Warschau, deren» innigster Wunsch es gewesen wäre, auch bitte zweite Kenessio mitznerl-eben. Die BersammlUW ehrt das Andenkender Heimgegangenen durch Erhebenvon den Plätzen. Don den beiden Toten in Warschau kommt der Redner zu den Tausenden von Toten der Pogromein der Ukraine im Jahre 1921. In hier indischen Welt ist es erstaunlichorweiise von.-diesenbeispitello-sen, Vterfolgiungten schon lange still geworden. Der Kriegswaistnfonds hat foinsrze-it nichts tun können, als den hung-erndm- Kindern der Ukraine ein Stückchen Brot zu verschaffen-. Heute möchte er den Toten der Ukraine einen letztten LiebeM-enst erweisen. Der Redner bat die Versammlung, eine Kinoh für die Harngei Ukraine zu schaffen. Ein Denkmal des unbekannten Juden! Familien, Gemeinden, Städte und Dörfer sind in der Ukraine geradezu ausWpottet worden, die Namen der Toten sind vergessen.. Das Letzte, was wir tun können,, ist -den um ihr Judentum Hdngemordetteti dieses Denkmal zu errichten. Es werden eine große Reihe von Begrüßungen verles-en. Sodann ergreift Rabbiner Jonathan H o r ow i tz, Jerusalem, das Wort zu dem ersten Referate über Palästina. Das Interesse für Erez Jisroel hat im Judentum nie aufgehört. Ohne große Organisationen blühte em Jischuw, getragen von der Liebe und der Arbeit der gesamten Diaspora, Die Organisation war dis K e h i lla , der alte Zibur. Die Autorität der Kehilla und des Besdin war auch ohne behördliche Machtbefugnisse unbegrenzt. Der neue Jischuw, der auf dem Boden des alten erwuchs, hatte nur wirtschaftliche Ziele, erstrebte Ausbau ohne Thora. Demgegenüber kam Agudas Jisroel mit der Forderung der Thora. Die Agudisien, die in Palästrna der zionistischen Gemeinde nicht beitreten, werden als Austrittler verleumdet. In Wahrheit haben doch diejenigen die Trennung vollzogen, die von der Thora abwichen und die gemeinsame Arbeit unmöglich machten. Der Austritt bleibe aber immer nur Mittel, nicht Ziel. Redner erwähnt im ferneren die anderen orthodoxen Gruppen in Palästina, die sich der Aguda noch nicht anget* schlossen haben, aber ebenfalls jenseits der zionistischen Gemeinde stehen. Auf die letzte Katastrophe übergehend, möchte der Redner die Schuldfrage nicht ausstellen. Dah wir nicht mit roher Gewalt gegen Unrecht antämpsen können, hat Aguda immer gesagt und kann es jetzt nur wiederholen. Wir können nur auf Gott vertrauen, der u. a. das jüdische Volk beschworen hat, nicht „die Mauer zu stürmen". Eine Mitarbeit an der Jewish Agency sei heute noch nicht möglich. Aber den Willen dazu soll die Aguda immer zeigen. Er verliest zum Schluß einen Brief aus Palästina über die Lage der letzten Tage. Darauf nimmt Rabb. M. Blau- Jerusalem das Wort zu einer ergreifenden Schilderung der Vorkommnisse, die er mit eigenen Augen gesehen, zum Teil sogar selbst erlebt hat. Die Einzelheiten sind aus den Zeitungen bekannt, da sie aber aus dem Munde eines Nächstbetroffenen in ihrem Zusammenhänge und ihrer chronologischen Aneinanderfolge plastisch unter Tränen geschildert werden, versetzen sie die Versammlung in eine furchtbare Stimmung. Ohne Anklage nach innen zu erheben, kanu er es nicht unterlassen zu bemerken, daß das Treiben gewisser Kreise, die seelisch an der heiligen Mauer nie interessiert waren und aus derselbett eine rein nationale. Cache machten, sich unheilvoll auswirkte. Zn leiden hatten die Alten und die Besten. Wer die Dinge mitangesehen hat, darf Gott danken, daß überhaupt noch ein letzter Rest in Palästina am Leben geblieben ist. Die orthodoxe Hilfsaktion hat leider versagt, war jedenfalls, im Vergleiche zu der Hilfsarbeit der Zionisten, ungenügend.' Redner erinnert daran, daß seinerzeit die Orthodoxie in Palästina allein und aus eigenen Mitteln 1000 Pfund für die Pogromopfer in der Ukraine aufgebracht hat. Sein Appell ergeht an die gesamte Orthodoxie, mit gesteigerter Kraft jetzt für Palästina zu arbeiten. Ohne jegliche Provokation und ohne Haß gegen die Araber, wird unsere Antwort aus die Ereignisse lauten: wirr w ibnoi V21' p* Rach einem Dankeswort des Vorsitzenden spricht Dr. S. E h r m a n n, Frankfurt a. M., zum Palästinabericht. Der Bericht selbst, ein Schriftsatz von 30 großen Schreibmaschinenseiten, liegt den Delegierten vor undsoll an anderer Stelle dieser und der folgenden Nummern wiedergegeben werden. Seine begleitenden Worte lösen starken Beifall aus. Für uits ist Erez Jisroel nicht ein Land neben anderen Ländern, so wenig wie Äir ein Volk neben den anderen Völkern sind. Erez Jisroel ist Zion, d. h. ein Denkmal eine Basis, auf der das Gottesvolk das Thoraideal zur Verwirklichung bringen soll. Auf diese Voraussetzung baut sich unsere Chinucharbeit in Palästina auf. Man soll mehr positiv arbeiten und spenden als kritisieren. Die Parole heißt: Rettet das Kind! Leo W r e s ch n e r referiert, von einem Worte des Chofez Chaim ausgehend, über die B a n k g r ü n d u n g und legt Resolutionen vor. Ueber die wirtschaftliche Arbeit in Palästina referiert Julius Holländer -Frankfurt a. M. Es war bis jetzt nur ein Tasten und Suchen, es ist aber verhältnismäßig viel erreicht worden. Die Jugend verlangt kategorisch .intensive wirtschaftliche Betätigung in Erez Jisroel und wir dürfen nicht erlahmen. Wir haben glückliche Bodenankäufe in Palästina gemacht. 4260 Dunam sind durch Vermittlung der Aguda in jüdischem Besitz und wird vortrefflich bearbeitet. Mit den neuen Impulsen, die uns dis zweite K. G. gibt, wird frisch und nrutig an die Arbeit herangegangen werden. Um alle Erfordernisse zu erfüllen, müsse man mehr Geld und Menschen haben. Man wird aus den letzten traurigen Ereignissen selbstverständlich für die künftige Arbeit manches zu lernen haben. (Beifall.) Rabbiner Winkler- Kopenhagen überbringt die Grüße der Dänischen Orthodoxie und macht den Vorschlag zur Einführung einer nnns, einer Tagessteuer, die von jeder jüdischen Seele für Agudazwecke und Palästina zu entrichten wäre. Rabb. L e w i t a n - Oslo, entbietet den Gruß der Gesinnungsgenossen in Norwegen und spricht über allgemeine jüdische Fragen. Damit schließt die Vormittagssktzung. Die Stellungnahme zur Iewish Agency. Die Nachmittagssitzung am Sonntag. Nachmittag fünf Uhr sind Saal, Tribünen, Logen und Pressetische bis auf das letzte Plätzchen besetzt. Es herrscht feierliche Stimmung. Auf der Tagesordnung steht die Frage der I e w i f h Agency. Jacob R o s e n> h e i m leitet die Debatte mit folgendem Referate ein: Der Gegenstand, über den ich zu sprechen habe, ist scheinbar politischer Natur. Bevor ich die politische Seite des Problems behandle, möchte ich zwei Bemerkungen vorausschicken, die über die übliche politische Auffassung