Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1929)
- Date
- 1929-09-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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19. September 1929 Der Israelit Nr. 38. Sette 3 Es spricht nun der L o m s ch a e r N a w. Er wünscht, daß alle Teilnehmer von hier eines Sinnes, mit gestärktem Herzen und gestärktem Glauben und Vertrauen heimkehren möchten. In längeren Ausführungen weist er nach, wie bei allen technischen Fortschritten die geistig sittliche Kultur Schissbruch erlitten hat. Für uns gäbe es nur ein Ideal als Wegweiser zur echten Kultur: die Gotteserkenntnis. Für den Dienst des Chinuch müssen die besten Kräfte gewonnen werden. Friedensohn - Lodz spricht im Name:r der polnischen A g u d a j u g e n d. Er meint, die Aguda habe alles geschaffen, nur keine Organisation. Bewegung ser noch keine Organisation. Noch mangelt es an Geld und an Disziplin. Eine gute religiöse Presse sei im Osten Lebensbedürfnis. Die Bes Jakow-Schulen haben in Polen Enormes geleistet. Von der deutschen Landsmannschaft ergreift Dr. Moses Auerbach - Berlin das Wort. Die deutsche Aguda leidet an einem Zuviel von Theorien, daher die Spaltung. Es muß eine gemeinsame Plattform gesunden werden, auch für die Zusammenarbeit mit dem Osten. Es muß dafür gesorgt werden, daß uns die wertvollsten Kräfte erhalten bleiben und neue gewonnen werden. Deutschland sei sehr verarmt, habe aber nach Maßgabe feiner Verhältnisse gut gearbeitet, wovon die Ziffern des Keren Hathora und der Anteil Deutschlands an denselben zeugen. Goodman -London dankt der Agudaleitung und den führenden Männern an der Spitze. Die Brücke zwischen Ost und West sei noch nicht ganz geschlagen, aber die Jugend, die mit der Aguda groß geworden ist, kennt kerne Scheidungsgrenze mehr. Die Zeirim wollen als Soldaten arbeiten, man sollte ihnen möglichst helfen und das Feuer in ihnen erhalten. In temperamentvollen Worten spricht Rabbiner L. I. Kahane - New Pork über die Dinge in Amerika. Amerika sei für die Aguda noch ein unentdecktes Land. Es gibt dort im Lande der vier Millionen Juden Hunderttausende, die dem Sammelrufe folgen würden. Die Aguda habe es dort an Werbearbeit fehlen lassen. Der Sompolner Raw läßt sich über Ehinuchfragen in Polen aus. Der Eheder ist die Seele des Judentums und muß erhalten werden. In ähnlicher Weise spricht Rabbiner S i m o n o w aus Windau für Lettland. Heuberg -Kalisch spricht über die Zustände in Polen. Man darf aus keine jüdische Neschomo verzichten; die Massen, müssen gerettet werden; es müssen besoldete Mitglieder im A. E. sitzen, die hauptsächlich ihre ganze Kraft und Energie in den Dienst der Sache stellen können. Vom A. E. ergreift Jacob R o s e n h e i m unter großer Spannung das Wort zur Erwiderung auf einzelne kritische Bemerkungen. Die Kritik Heubergs komme aus tiefstem Herzen, darum sei es erfreulich, daß sie nicht schärfer ausgefallen ist. Man habe schon oft Versuche nach der Richtung der gemachten Anregungen unternommen, alles fet aber an der schlechten Finanzlage gescheitert. Man könne wohl von dem A. E. erwarten, daß es sich selber opfere, nicht aber, daß es Männer aus sicheren Existenzen heraus in Stellen einsetze, ohne sie genügend zu bezahlen. Helfen könnten Amerika und der Osten. Wenn im Osten es jeder Agudist als seine Pflicht ansehen würde, seinen Mitgliedsbeitrag zu leisten, wäre allem geholfen und die Grundlage der A. I. gesichert. Ein hoher Diplomat erklärte unter dem Eindruck der gestrigen Eröffnung der K. G. einer offiziellen Persönlichkeit gegenüber: „Schon nach der ersten K. E. habe ich meiner Regierung berichtet, daß eine Iewish Agency ohne Aguda undenkbar fei. Sie können sich denken, was ich jetzt nach der zweiten K. G. meiner Regierung melden w e r d e." Man sieht, daß die höchsten Stellen mit der Aguda rechnen. Wie aber den Weg zu den hohen Stellen finden, wenn die Mittel fehlen? Herr Rosenheim appelliert an die E h a s s i d i m - R a b b i 5 und Rabbinen, daß sie ihre Anhänger anfeuern, das kleine Opfer der Aguda zu bringen. Trotz der Finanzmifere find große, vielversprechende Leistungen zu verzeichnen. Das zur Ausführung gelangte Bankprojekt zeigt den Willen und den Weg an. Es wird ein langsames Wachsen geben, wie bei Ankunft des Messias. Nach einigen geschäftlichen Mitteilungen spricht K o r n go l d - Warschau für „Zeire A. I." Es genügt nicht, daß der Eheder erhalten wird, es muß mehr für die reifere Jugend gesorgt sein, daß sie sich in einem jüdischen Milieu ihr Judentum erhalte. Er wünscht, die Gründung eines Jugendamtes innerhalb des A. E. dem die Gewinnung der Jugend obliegen soll. Die A. I. muß das ganze jüdische Volk umfassen. S ch mu el ew i 1 s ch - Telschi überbringt die Grüße der „Zerre Jisroel" in Litauen. Die Orthodoxie hat in Litauen Fortschritte gemacht. Das Lehrerseminar „Jabne" und die Zeitschrift „Hanemon", die von der Telscher Jeschiwo hervorgegangen sind, zeugen davon. Es ist erschütternd, daß es auch schon im littauischen Städtchen Jugend ohne Judentum gibt. Wo sie von den Zeirim erfaßt werden kann, erlebt man Wunder der geistigen Wiederauferstehung. Die Jugend arbeitet mit Eifer, aber es fehlt an der Führung. Es muß von den Rabbinen und Lehrern mehr getan werden. Der Erfolg würde nicht ausbleiben. Ein Delegierter aus der Bukowina entwirft ein ergreifendes Bild von der geistigen Not in der Bukowina und in Rumänien. Es gibt dort hie und da kleine Ansätze einer Aguda, aber die Massen sind ganz der Kefiro ausgeliefert, deren Presse vor keiner Verleumdung gegen die Aguda zurückschreckt. Die Rabbinen und Rebbes sollten mit einem Rundschreiben und .Aufruf aufklärend und anfeuernd an ihre Anhänger herantreten. Zuletzt spricht noch der Rabbiner aus I o s e f o w in Polen. Darauf wird die Nachmittagssitzung gegen 9 Uhr abends geschloffen. Die D o n n e rs t a g s s i tz u n g e n. Als man sich am Donnerstag Vormittag im Plenum fand, war es jedem klar, daß es heute um die Seele Äer Agudas Jisroel geht. Der Tag sollte dem Keren Hathora gewidmet sein. K. H., sagte ein geistvoller Redner, sei die Iervish Agency der A. §., da sie die Sympathien auch der Nichtagudisten besitze. Sie sollte mehr als das sein, ist es auch, wenn man den verdienstvollen Schöpfer und Leiter des K. H. und seiner Institute, Herrn Dr. D e u t s ch l ä n d e r, ganz von seiner Ausgabe entflammt, sieht und hört. Leider hielt der Eindruck nicht durchgehend an, da am Nachmittag der § 4, der Zündstoff der zweiten Kenessio, im Rahmen der Generaldebatte zur Diskussion kam. Es gab gute Reden, pro und contra. Auch einige Unruhen. Wie es sich in einem richtigen Parlamente bei wichtigen Lebensfragen auch gehört. Hiermit fei über die Sitzungen am Donnerstag im Einzelnen berichtet: erbalten bei jeckein Versicberunßs - /Abschluß wesentliche Vergünstigungen durch die lebensverficherungsgefelffchaft PHÖNIX Viertgrößte Gesellschaft des Kontinents Versicherungsbest 1,2 Milliarde GMk. «Mitarbeiter zu günstigsten Bedingungen u. zwar Gehalt, hohe Provision, Altersversorgung, gesucht Bewerbungen an Phönix, Berlin, Meinekestr. 10 Die erste Sitzung am Donnerstag beginnt Punkt 10 Uhr unter Vorsitz von Oberrabbiner Lewin, Rzeszow, mit einer Trauerkundgebung für Louis Marfhall. Die Versammlung erhebt sich von den Plätzen, als Rabbiner Dr. Kohn mit warmen Worten die Bedeutung des Mannes und seines philantropischen Lebenswerkes zeichnet. In anderer Form hatte er seine Dienste dem Judentums gewidmet und ihm sein Bestes gegeben, er versäumte aber keine Gelegenheit, seine Sympathien auch der Orthodoxie und der Aguda zu zeigen. Die beschlossene Geschäftsordnung wird auf Antrag des Vorsitzenden en bloc angenommen. Es wird dann eine Refolutivnskommiss i o n eingesetzt zur Prüfung von Anträgen und Resolutionen. Der heutige Tag, so sagt der Vorsitzende, soll ganz dem Keren Hathora gehören. So erhält, nachdem der Sadagorer R e b b e eine Deklaration verlesen,und seine Segenswünsche ausgesprochen hatte, der Direktor der Keren Hathora - Weltorganisation, Dr. Deutschländer, das Wort zu seinem Referate. Der Bericht, über den er spricht, liegt in einem stattlichen Vanide gedruckt vor. Dr. Deutfchländer spricht von der Tragödie der großen JudMrvandemmg. 2—3 Millionen jüdische Märschen sind unterwegs, auf der Suche nach einer neuen Heimat. K. H. hat ein Ziel: das jüdische Kind zu retten. Erreicht ist dieses Ziel noch nicht, doch ist bereits vieles zustande gekommen. Von den jüdischen Millionen im Osten leben heute nur 30 Proz. iw jüdischen Geiste. Das sind Folgen des Krieges und des NachkriegsSlends, der Austreibungen und der Umwälzungen. Kleine Kinder lebten jahrelang im Rußland, fern von ihrenl Eltern und ohne jegliche Kenntnis vom Judentum. K. H. hat zuerst diese Kindesiragödie gesehen und das rettende Wort Minimum reduzieren müssen. Während die Adventisten des siebenten Tages erklärten, daß sie außer dem Sonnabend überhaupt keinen Feiertag besitzen, antworteten die Vertreter der jüdischen Religionsgemeinschaft, daß sie die Unterrichtsbefreiung am dringendsten für die hohen Herbstfeiertage fordern müßten. Die gleichzeitig^ vorgetragene Bitte, auch die drei Wallfahrtfeste zu den Tagen rechnen zu wollen, an welchen ebenfalls Unterrichtsbefreiung erteilt werden kann, wurde abgeschlagen. In der Folge ergab sich aus dieser Bestimmung eine ständige Reibungsflüche zwischen den Schulverwaltungen und dem Ministerium. Es war nicht nur ein großer Kreis jüdischer Eltern, der immerfort wieder versuchte, Dispense zu erlangen, sondern es ftttfo auch zahlreiche Fälle oorgekommen, in denen katholische Ellern ihre Kinder demonstratio von der Schule fernhielten. Nach dem Ablauf der Amtsperiode des Minister Meißner ebbte die religionsfeindliche Strömung innerhalb des sächsischen Kultusministeriums merklich ab, und die ständigen Petitionen der betroffenen Kreise wurden mehr und mehr als unangenehm empfunden. Allmählich setzte sich in einzelnen Referenten die Ueberzeugung durch, daß mit der Fleißner'schen Verordnung ein Gewissenszwang ausgeübt werde, wie er auf die Dauer nicht haltbar fei. Es ist vor allen Dingen dem Landesverband der israelitischen Religionsgemeinden in Sachsen zu danken, daß das Kultusministerium sich immer wieder mit der Frage der Aufhebung dieser Verordnung befaßte. Es war eine mühselige Bohrarbeit, der sich hier Herr Rechtsanwalt Dr. Salinger, der Vorsitzende des sächsischen Landesverbandes, unterstützt von Herrn Direktor Ploemacher widmete. Unzählige Gesuchs, die den Zweck hatten, ivenigstens Teilerfolge, wie die Befreiung an den Wallfahrtsfesten zu erreichen, sind immer und immer wieder abgelehnt worden. Wenn man Gerechtigkeit walten lassen will, so muß man sagen, daß das sächsische Kultusministerium den jüdischen Forderungen nicht hätte Nachkommen können, ohne gleichzeitig den übrigen Religionsgemeinschaften weitge^ hendste Konzessionen zu machen. Alles was hätte günstigstenfalls erreicht werden können, war deshalb die Befreiung vom Schreiben und Zeichnen an Sonnabenden; denn leine andere Religionsgesellschaft hätte hieraus Ansprüche für sich herleiten können. Was aber diese Forderung, nach dxm Dispens vom Schreiben an Sonnabenden anbelangt, so konnte das sächsische Kultusministerium mit Leichtigkeit feststellen, daß das Bedürfnis nach einer solchen Befreiung nur in zahlenmäßig kleinen Kreisen besteht. Es lag, das ist meine feste Ueberzeugung, den Maßnahmen des Ministeriums keinerlei antisemitische Tendenz zugrunde; es war einfach die E^kennkstis der Tatsache, daß das Bedürfnis nach den Konzessionen, die das Ministerium uns insbesondere hätte machen können, nicht verbreitet genug ist, die die Referenten dazu bestimmte, unsere Gesuche abzulehnen. Bei diesem Stand der Sache strengte Herr Rabbiner Dr. Goldmann einen Prozeß an, den er aus begreiflichen Gründen verlieren mußte, da ja ein Amtsrichter nur zu entscheiden hat, ob eine Bestimmung übertreten ist, oder nicht, nicht aber die Bestimmung selbst aufzuheben vermag. Dr. Goldmann hatte fein Kind vom Schulbesuch am Sonnabend zurückbehalten und wurde zur Leistung des hierfür festgesetzten Strafbetrages in allen Instanzen verurteilt. Unter solchen Umständen mußte versucht werden, den Nachweis dafür zu erbringen, daß innerhalb der Orthodoxie ein dringendes Bedürfnis nach einer Befreiung vom Sonnabendunterricht besteht. Die betreffenden Kreise wandten sich an den Weltverband der Schomre Schabbos mit der Bitte, vor den zuständigen Behörden den Nachweis für die Notwendigkeit einer Aufhebung der bestehenden Verordnung zu führen. Bei den verschiedenen Besprechungen, die Herrn Rabbiner Dr. Earlebach-Leipzig und dem Vertreter des Weltverbandes Schomre Schabbos gewährt wurden, konnte denn auch mit Erfolg darauf hingewiesen werden, daß allein durch das Bestehen der höheren israelitischen Schule in Leipzig das Bedürfnis nach einem solchen Dispens in Sachsen erwiesen sei. In den langwierigen Verhandlungen, hi“ £c''1 Ministerium zu führen tm letzten halben Jahr Gelege,chett Haliten und in dem ausführlichen Briefwechsel wird deutlich, daß man der sächsischen Regierung das Odium reaktionärer Gesinnung zu Unrecht angehängt hat. Schließlich hat nicht mehr dazu gehört, als das. Ministerium davon zu überzeugen, daß tatsächlich ein dringendes Bedürfnis zur Aushebung der angefochtenen Bestimmung besteht, um das nun publizierte Gesetz herbeizuführenl Den hingebenden Bemühungen von Dr. Earlebach, der ja feit 30 Jahren vor dem Ministerium die Orthodoxie Sachsens die in erster Linie von dem Gesetz betroffen wird, repräsentiert, ist es daher zu danken, daß wir heute im Verordnungsblatt des sächsischen Ministeriums endlich lesen: „Die Verordnung über den Schulbesuch an staatlich nicht anerkannten Feiertagen vom 9. März 1923 wird aufgehoben und hinsichtlich der Israeliten unter Anpassung an die Regelung in anderen deutschen Ländern durch folgende Bestimmungen ersetzt: Unterrichtsbefreiung ist nach folgenden Grundsätzen zu erteilen: Den Mitgliedern der israelitischen Religionsgesellschaft für das Passahfest, das Wochenfest, die beiden Neujahrsfeste, das Derföhnungsfest und das Laubhütten-» fest und für die Sonnabende (Sabbate). Israelitische Lehrer und Schüler, die an Sonnabenden am Unterricht teilnehmen, find an diesen Tagen auf Antrag vom Schreiben, Zeichnen und Handarbeiten zu befreien." i