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Der Israelit · 1929-09-12 · Heft 37 (12.9.1929) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 37 (12.9.1929)
Date
1929-09-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 37. ©eilte 5 12. SepLembier 1929 _■■ _ um Hilfe wandten: d-as spielte sich vor den Augen der Volizei ab, die ihre Schußwaffen abgelegt hatte und nur Ävcke trug. So kam das Maffakre mit dem Ergebnis, daß 63 Juden, unter ihnen Frauen und Kinder, Rabbiner und Studierende m einer Weife abgeschlachtet wurden, wie dies in der Geschichte Palästinas seit der Zerstörung des jüdischen Tempels nicht mehr vorgekommen ist. Ein Paar Schreckschüsse in die Luft hätten genügt, um all den Unruhen ein sofortiges Ende zu bereiten. Nach einer vollen Woche des Blutvergießens und der Unruhen im Lande wiederholten sich die Schrecknisse von Hebron in der Stadt Safed. Der jüdische Teil der Stadt wurde ausgeplündert, niedergebrannt, dessen Bewohner dem Schwerte ausgeliefert. Die nach tausenden zählende jüdische Bürgerschaft von Safed wurde von der Regierung ohne Schutz und Hilfe gelassen. Die sich verteidigendem! Juden wurden von den Behörden mißhandelt und verfolgt, die Waffen, mit denen sie sich gegen die Angreifer verteidigten, wurden ihnen abgenommen, sie wurden verhaftet und den Gerichten übergeben, als wären sie Verbrecher. Mitten in unsere friedliche Arbeit hinein, in unser Aufbauwerk, unsere kulturelles Anstrengungen-, die niemand zu Leide waren, keiner Gemeinschaft irgend ein Unrecht zufügten, sind Banden verhetzter, verwildeter Menschen geworfen worden, die das Blut von Hunderten von Juden! vergossen, mit unerhörter Grausamkeit kleine Kinder töteten, Frauen abschlachteten, sie vergewaltigten, ihnen einzelne Gliedmaßen abschnitten, Thorarollen entweihten, Synagogen plünderten und niederbranntsni und große Werte zerstörten, die das Ergebnis größter Anstrengungen der gesamten jüdischen Welt darstellten. Während voller zehn Tage war der Jischuw einem Zerstörungswillen ausgesetzt, und noch heute ist er m Gefahr. Obwohl die Folge der Ereignisse jetzt klar übersehen werden kann, versucht es die Regierung noch immer, in ihren offiziellen Statements die Sache so darzustellen, als ob es sich um einen Kampf zwischen zwei Nationen handelt, wobei es nicht klar ist, wer der Angreifer und wer der Angegriffene ist. In diesem Versuch, die Wahrheit der Geschehnisse zu verzerren, sehen wir den Willen, nachdem man unser Leben preisgegeben hat, auch noch unsere Ehre anzutasten, sowie die Tendenz, die öffentliche Meinung in der gangen zivilisierten Welt irrezuführen, obwohl doch die Welt weiß, daß wir den religiösen Ueberzeugungen anderer mit Achtung und Friedenswillen gegenüberstehen, Dieses Attentat auf die Wahrheit bildet den Höhepunkt der blutigen Aktionen und der Tendenzen der Zerstörung, die dank der heroischen Selbstverteidigung der Juden nur zum Teil verwirklicht werden konnten. Wir sind vollkommen davon überzeugt, daß, wenn die Regierung die notwendigen Maßnahmen ergriffen hätte, der Friede im Lande erhalten geblieben wäre. Auch letzt noch wird der Friede wiederhergestellt werden, das Leben wird feinen normalen Lauf nehmen, wenn in diesem Lande eine Verwaltung eingeseüt wird, der es ernstlich um die Erhaltung des Friedens zu tun ist, und die die Pflichten erfüllt, die ihr durch das Palästina-Mandat auferlegt sind. In dem Memorandum, das u. a. von R. Mosche Blau als dem Vertreter der Agudas Jisroel unterzeichnet wurde, werden weiterhin die Forderungen des Jischuw an die Regierung formuliert. Wochenkalender. v. 14. - 21. Gepr 3929. 3 v. 8. - 18. Elul 6689 Samstag 14 9 Sonntag 15 10 Montag Sep. 16 Dienstag 17 12 Mittwoch 18 13 Donnerstag 19 14 Freitag 20 |15 Samstag ' 23 16 K13n-»3 Der Israelit Letzte Meldungen von der Kenessio Gedaulo. Der Eröffnung entgegen. (Vorbericht.) Wien', -10. Sept., norm. Seit Donnerstag stehen ganze Stadtbezirke im Zeichen der Kenessio Gedaulo. Alle Züge bringen neue Delegierte und Gäste. Obwohl die E r ö f f n u n g erst nachmittag fünf Uhr vor sich gehen soll, sind die Sofiensäle schon seit der Morgenfrühe gefüllt, und alle Sprachen, die Juden von Weltende zu Weltende sprechen, schwirren durcheinander. Der Rabbintsche Rat hielt bereits mehrere Sitzungen ab. Ueber b i ndenbe Beschlüsse wird noch nichts verlautbart. Doch weih man, daß er sich bereits mit dem Paragraph4 eingehend befaßt hat. Bei B e i b e h a l t u n g der Bestimmungen im Ganzen soll m Zukunft in strittigen Fällen für zentrale Fragen der Große allweltliche Rabbinische Rat, in Lan d es an g ele gen h e it en der zuständige R ab b in is che Rat des Landes entscheiden. In Sachen der ’>,.v Iewish Agency wurde das Bedauern ausgesprochen, daß mit der Ablehnung der Forderungen der Aguda dieser die Möglichkeit gen-ommen wurde, an der Palästinaarbeit der I. A. teilzunehmen. Die Weltjugendtagung der Aguda wurde am Montag eröffnet. Cs geht zunächst um die Frage: Delegiertentag mit Beschlußkraft oder Bundesversammlung? Die D e u t s ch e n wünschen die letztere Form, die Wiener und ein Teil der polnischen Delegierten möchten auf den politischen Charakter nicht verzichten. Man, einigt sich dahin, daß der Delegiertentag, mit Ausnahme von Chinuchfragen, über alle anderen Anliegen als solcher Beschlüsse fassen kann. Es halten dann Referats über C h t n u ch Herr Rabb. Dr. Elie Munk, Ansbach, und Herr M. S ch w a r z m a n n, Warschau. Zur Stunde wird über die Referate eifrig debattiert. Konferenzen und Vorbesprechungen hielten und halten ab Keren H a t h o r a sowie eine Reihe anderer Institutionen. Eine Erziehung s ko n f e r e n z weist ein reiches Programm auf. Herr Dr. Nathan Birnbaum hielt gestern abend eine Olim- Konferenz ab. Mit einem Worte: alle Gruppen und Schattierungen sind gut vertreten und in bester Funktion. Es dürften 5 0 0 Delegierte da sein, die Gesamt beteiligung gibt das Bureau mit 50 00 an. Es scheint nicht übertrieben zu sein. Wien, 11. Sept. Rach einem Referat von Leo Wreschner- Frankfurt a. M. für die Finanzkommission wurde am Dienstag Abend die Gründung der A g u d a - K r e d i t b a n k beschlossen!, die in Amsterdam und Berlin ihren Sitz nehmen wird. Das Aktienkapital beträgt zwei Millionen. Unter großem Jubel sind bereits namhafte Zeichnungen erfolgt. ‘ Wien, 11. Sept. Die Mittwoch-Sitzung beginnt mit der Wahl des Tagungspräsidiums. Der Leitung gehören ,;cm:. die Rabbis von Ger, Czortkow, Pietrkow, Szochvzcolv, Sokolow und Pinsk; ferner die Rabbiner Zirelsohn, Grodszenski; Lewini-Rzeszow, Spitzer-Hamburg, Horovitz-Jerusalem, Katz- Reutra; endlich die Herren Wreschner-Franksurt a. M. und Pappenheim-Wien. Oberrabbiner Zirelsohn übernimmt das Präsidium. Es folgen Begrüßungsansprachen. Die Aguda führt durchs Bayernland. Die Bahnbeamten, dis preußischen, bayrischen und später österreichischen, hatten am Montag auf der Strecke Frankfurt—Wien nicht viel zu sagen. Das Wort hatte die Aguda, die Kenessio, die Jugend, Holland . . . Letzteres deswegen, weil ich das Glück hatte, ins Abteil der Holländer zu geraten. Cs sind prachtvolle Menschen, diese Holländer, gesund, wohlgenährt, frohgemut, essen schon morgens um sechse goldene Trauben und lachen, lachen, poltern drauf ios in etwas schartigen Rachenlauten und lachen, lachen . . . Und einer studiert das Programm der Kenessio und liest aus der Jüdischen Presse laut in Holländisch und Deutsch vor: „Warme und kalte Küche", mittags und abends Fleisch, Fische, Selchwaren, -Konditorei und Obstverkauf . ." Bortreffliches Programm. Dann erhoben sich die gesunden Geister in den gesunden holländischen Körpern, holen ihre Talisbeutel aus den Koffern, begeben sich in corpore durch den schmalen Gang ins Nebenabteil, werfen unterwegs eine Garderobefrau mit weißer Armbinde, einen weißbejackten Kellner und einen oberbayrischen Hakenkreuzlor in Alpentracht über den Hausen und fangen laut und munter an zu beten, mit Minjan. Der hochgewachsene schwarzbärtige Oberrabbiner mit den jugendlich lachenden Augen macht den Vorbeter. Der „lange Wehn rachum" ist in Holland genau so unbeliebt wie in Hessen, Bayern, Frankfurt und überall . . . Uebrigens ist auch so ein wenig Feiertag. Man fährt zur Kenessio, und er ist nicht eingeladen. Er wird glatt abgeschafft — für heute, versteht sich — als wäre er der Paragraph 4 . . . W i r sind nicht interessiert. Wir sind, wie ein bei uns weilender „Vollblutlitwak" aus Köln sich charakteristisch ausdrückt, schon „Abgedawente . ." Hanau ist CinsaHstor nach Bayern, in Aschaffenburg fängt es an, in Würzburg, Fürth, Nürnberg sind wir schon richtig drin. Die Sonne scheint in herrlichstem Glanze. Ueberall steigen Agudisten und Agudistinnen zu uns. Eine liebe geistvolle Freundin aus Frankfurt stellt mich auf dem Gange und interpelliert mich wegen der Vorgänge in Palästina und des Paragraphen 4, macht mich für beides verantwortlich. Die Holländer essen „Kräuterbrot" und singen: „Arba mi jaudea . ." Einer, ein Kollege aus Rotterdam, von einem gesunden Aussehen, wie es in Holland sogar Redakteure aufweisen, schreibt und schreibt, daß er schon steife Finger hat und droht noch obendrein mit einem Interview. Inzwischen zückt unser Londoner junger Freund fleißig die Kamera, erfaßt mich just in welthistorischem Momente, da ich in mein Wurstbrötchen hineinbeiße. Die beiden Aerzte an Bord haben zu tun. Die schöne bayrische Erde wirst Dreck und Späne nach und durch die offenen Fenster in die schönen Augen junger Agudisten. Eine Agudistin hat mitten in der fränkischen Ebene Hochseefieber bekommen. Passant PaH! Haben Sie was zu verzollen? Geladen mit Ideen, Gedanken, all das zollfrei. Doch halt, was ist das? Anzug? Ja natürlich, da stehts: „man wird gebeten, zur Eröffnung „dunkel" (warum nid)t schwarz?) zu erscheinen." „Nein, da, das Harte meine ich in der Schachtel." Da erzähle ich dem Mann tttt strohgelben Drillich eine lange Geschichte von einenl allerliebsten Bengel in Wien, der zufällig mein Enkelchen ist, von einer Frau Westheim in Frankfurt, die aus Plättchen und Brettchen eine sinnig - zusammenlegbare Hütte, zur Erinnerung usw. konstruiert hat, von einer Sammlung der „Gottesfürchtigen" (kann ihm doch nicht „Jereim" sagen) und just im schönsten Momente, da ich all dieses resümierend in synthetischem Aufbau ihni klar zu machen suche, daß ich im Kausalzusammenhänge all dieser Geschehnisse kurz: meinem Enkelchen einen Suckobaukasten mitbringe, fälit er mir mit echter zöllnerischer Prosa ins Wort: „Ist schon alles gut, aber einen Schilling Zoll müssen Sie zahlen." Die Sonne senkt sich hinter den bayrischen Bergen tiefer und tiefer. Die Donau glänzt und glitzert im Abendschatten und denkt garnicht daran, blau zu sein. Der einzige Nkchtagudift (Arier) in unserem Waaen ist kurz vor Hanau m seiner Ecke eingeschlafen und ist hinter Passau noch nicht ausgewacht. Wir stellen uns, auf österreichischem Gebiete, zum Minchogebete. Der „rabbinische Rat" — wir haben drei amtierende Rabbiner im Wagen— — bestimmt die Himmelsrichtung. Nun ist Nacht über Oesterreich. Wels! Linz! -Aber in Wie n leuchten tausend und abertausend bunte Lichter. Im Bahnhofe ist eine Empfangskommission. Die Wiener Agudisten sind seit Donnerstag alle stockheiser und reden nur noch mit den Händen. . Und alle verstehen diese Sprache. Jeder „kommt in Frieden aus seinen Platz." Gerädert von sechzehnstündiger Fahrt denke ich im Einschlafen an gewisse Entwicklungen des deutschen Judentums seit Mendelssohn, für die unsere heutige Fahrt mit Berlinern. Holländern nflv. gerviss?rmahen symbolisch war: einen Weg von Berlin nach Wien — über Frankfurt. —tz.

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