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Der Israelit · 1929-09-05 · Heft 36 (5.9.1929) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 36 (5.9.1929)
Date
1929-09-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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5, Sept. 1929 Nr. 36 Seite 5 angebracht. Zwischen Berlin und Cordova lagen die Pyrenäen und vier Jahrhunderte. „Weltkultur" des deutschen Mittelalters hatte iln Ghetto den Geruch von Raubrittertum und Judenverbrennungen. Diesen, Geruch konnten auch die milderen Lüfte um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts nicht verwehen. Eine Kluft gähnte zwischen denk Ghetto und dem, was sie draußen „Kultur" nannten. So war Mendelssohn, als er aus dem Ghetto in die Welt trat — unbeschadet der jüdischen Impulse in ihm — gang Kulturmensch, ganz Philosoph, erfüllt von Ideen und Idealen, die in gar keiner Beziehung zum Judentums standen. Begab er sich aber später zurück zu seinen Brüdern, so fand er bei ihnen nichts vor, woran er bei seiner Kulturarbeit anknüpfen konnte. Und bezog er auch die Ziegel und Steine für den Brückenbau vom jüdischen Boden (Bibelübersetzung), man fühlte es doch heraus: dis Brücke war von außen nach inn e n geschlagen, und sie mußte zwangsläufig mehr aus dem Judentum hinausführen, als sie ihm einbrachte. Kulturhistoriker nennen, heute Mendelssohn, je nach Einstellung, „Regenerator", oder nur „Germamsator" des Judentums. Beides trifft nicht zu. Wo er regenerierte oder germanisierte, da blieb vom Judentum nicht viel übrig. In Wahrheit standen sich Judentum und Weltkultur in keiner Epoche der Geschichte so fremd und feind gegenüber wie in der Zeit, die wir die Zeit der Aufklärung und Vermählung mit der Kultur nennen. In Berlin hieß man die Altfrommen „Finsterlinge", und im gutjüdifchen Kreise war man, von Berliner Beispielen angewidert, von der Platzangst so ergriffen, daß man das Kind mit dem Bade ausschüttete. Me war der Riß so groß, als in der Zeit, in die wir das Aufgehen der Morgenröte der Kultur verlegen. So mußte es kommen. Um eine Synthese von zwei sich so fremd gegenüber stehenden Kulturen in sich zu vollziehen, muß man schon ein Mann von der feinen, reinen, alle realen Hemmungen überwindenden Geistigkeit eines Moses Mendelssohn sein. Seine Nachfahren und Epigonen konnten es nicht. Sie sahen die Kluft und' taten den Sprung ins Helle. Mochte es auch ein Irrlicht fein! In stiller Bewunderung und Verehrung beugen wir uns heute vor den Manen der Männer wie Echeziel Landau, Hirsch Janow, Pinchas Horwitz u. a., die mit prophetischem Blicke das voraussahen und sagten, was schon die nächste Zukunft tausendfach bestätigte, die den Mann und sein Werk mit aller Kraft und Glut, die ihnen die Sorge um die Zukunft des Judentums eingab, bekämpften — obwohl der Mann treu zum Gesetze hielt, und'sein Werk kein geringeres Ziel hatte, als die Popularisierung und Verbreitung des heiligen Thorawortes. Ja, er hielt treu zum Gesetze und kündete seine bindende Kraft. Der Mann, der die Worte spricht: „Es ist uns erlaubt, über das Gesetz nachzudenken usw. Etwas daran ändern dürften wir nur daun,, wenn es dem höchsten Gesetzgeber gefiele, seinen Willen darüber unzweideutig erkennen zu geben. Solange dieses nicht geschieht, kann uns unsere Vernünftelet nicht vom strengen Gehorsam gegen das Gesetz befreien" (Jerusalem); der Mann, der Lavat e r s Lockungen mit dem stolzen Ausspruch beantwortet: „Gelobt sei Gott, daß er uns die Lehre der Wahrheit gegebsm", kann seiner Epoche nicht bewußt den Stempel der Freigeistigkeit aufgedrückt haben. Und dennoch bricht diese Epoche zusammen mit Männlein und Weiblein aus der Schule einer blutlosen ästhetischen Kultur, mit Kindern und Jüngern des gleichen Mannes, die leichten Herzens und ohne sichtlichen Kampf den Weg über die Salons zur Kirche finden. Mehr geschichtliche Orientierung, mehr Scharfblick, mehr Energie gegen die „Sturmgarde zur Revolutionierung der Geister" um ihn herum, als er sie befaß, hätte dazu gehört, um die Ideen des „Phädon" und „Jerusalem" und die Gedanken, die ihn selbst bei der Bibelübersetzung geleitet, in stabilen, zinsbringen- Dsr Israelit den Zukunftswerten für das Judentum sicherzustellem Der Fehler war gemacht und mußte fortzeugend neue Fehler gebären. Es galt für eine kommende Generation, ein Korrektiv vorzunehmen, Dämme und Deiche, zu errichten, um die hinausstrebenden Kraftquellen denen zu erhalten, an die allein ihr Schöpfer gedacht hatte. Es gibt aber zweierlei Äerzte und zweierlei Heilmethoden: Solche, die den Schmerz der Organe nur stillen, und sei es nur durch Betäubungsmittel, und solche, die die Quelle der Krankheit eruieren, ihr an die Wurzel gehen. „Man stärke das H e r z; Hände, Füße, Augen werden dann von selber wieder funktionieren", sagt „Chofez Chajim". Als wk ’Ksn der ersten Kategorie erschienen die Männer der R e f o r m b e w e g u n g auf dem Plane, die in ihrer Art ehrlich heilen und retten wollten, die, an der Zeit der Taufe und Assimilation gemessen, mit ganz positiven Postulaten kamen. Indem aber die Reform ans Gegebene anknüpfte, partielle Hilfe reichte, auf das Betäuben und Einlullen hinausging, ohne cvnj die Quelle des Uebels heranzugehen, erwies sie sich als>tegitimes Kind der „Aufklärung" und Assimilation. Auch mit dem Rezepte der „ I ü d i s che n W i ssenschuft" unter der Aegide Zunzens war der bis ins Herz sieche Organismus nicht zu retten. Bon der Braunschweiger Synode bis zu den „Richtlinien" und dem letzten liberalen Geüetbuche arbeitet die Reform, bei voller Bankrotterklärung, auf einen „Vergleich" hin eine Abfindung mit so und soviel Prozent . . . Einer späteren Zeit, ein halbes Jahrhundert nachdem sich der Sturzbach mit Macht und Brausen vom Felsen gerissen, war es Vorbehalten, sein Wasser zu fassen und aufs jüdische Feld zu leiten. Samson Raphael Hirsch kam von t n - n e n her. Aber für ihn war es nicht mehr gar so schwer, es führten damals schon so mancherlei Straßen von der Judengasse ins Kulturleben. Und damit setzte d i e Sanierung ein, die an die Wurzel der Krankheit geht und auf Hebung und Beleburig der allen Organen Leben einhauchenden Herztätigkeit absteht. Wie bei solchem Heilverfahren ganz anders verarbeitet wird', empfand bald jeder, der Ausgang aus dem geistigen und religiösen Chaos suchte und um eine wahre Synthese von Kultur und Judentum ehrlich rang. Nicht in einem „Phädon" Sokrates'schen Geistes wurde hier der Wahrheitsbeweis für Grundglaubenssätze des Judentums geführt, sondern in Neunzehn Briefen aini die jüdische Nation das Primat ewiger Thorawahrheit über wandelbaren Geist der Zeit und Zeiten gestellt. Es ging nicht mehr darum, die Verbindlichkeit des Gottesgesetzes in schönen Worten zu preisen, sondern in einem Kompendium die einzelnen Satzungen und Vorschriften nach Inhalt, Geist, Form und Handhabung zu zeigen. Mit eigenen jüdischen Augen gesehen, konnte ein Thorakomme n - t a r sich nicht mehr aüf grammatikalische Gliederung und exegetische Sinndeutung beschränken, sondern er hatte, bei Beachtung aller grammatikalischen Gesetze und bei aller ethymologifcher Nachspürung, in erster und letzter Reihe d i e innere Verbunden he i t zwischen mündlicher u n d s ch r i f t l i ch e r Lehre, ja die mündliche Lehre als erste Voraussetzung der schriftlichen und die große Einheit der offenbarten Weltanschauung zu zeigen!. Wäre Moses Mendelssohn gegönnt gewesen, diese Epoche mitzuerleben, er hätte vielleicht seine hellste Freude gehabt an dieser Metamorphose; er hätte vielleicht letztlich darin eher tiefsten Sinn seiner Arbeit gesehen, als im wüsten Tummel der „Aufklärer", Wissenschaftler und Reformer. Wenn, wir heute in Auswertung und Fortentfaltung der Regenerationsarbeit eines S. R. Hirsch uns zu gememfamem Tun sammeln, wenn wir das Erbe 'dieses Mannes heute in einem ansehnlichen Besitzstand in Gemeinden, Thoralehranstalten und unter akademischer Jugend gestcherr wissen, so wäre es vielleicht undankbar, des Mannes an der Schwelle des 19. Jahrhunderts zu vergessen^ der zwar die Zeit nicht in diese Bahn DieMiiglieder der Agudah Jugendorganisation und Angestelltenbund erhalten bei jedem Versicherungs- Abschluß wesentliche Vergünstigungen durch die iebensverncherungsgefellfchaft PHÖNIX Viertgrößte Gesellschaft des Kontinents Versicherungsbest. 1,2 Milliarde GMk. n Mitarbeiter zu günstigsten Bedingungen u. zwar Gehalt, hohe Provision, Altersversorgung, gesucht Bewerbungen an Phönix, Berlin, Meinekestr. 10 gelenkt hat, dessen Vorarbeiten aber auch aus der Geschichte dieser Entwicklung nicht wegzudenken sind. Auch bei der kulturellen Erlösung des deutschen Judentums mußte vielleicht ein qvn p N'wv an seinem Werke erst scheitern, um dem wahren Heilbringer den Weg zu bereiten. Wege der Geschichte führen selten auf ebener Fläche gradlinig zum Ziele. Sie gehen über Oeden, Klippen und Klüfte. Und viele bleiben am Wege . . . Wenn wir heute durch positiv jüdische Arbeit all die Schäden der nach-Mendelssohnschemi Zeit wettzumachen suchen, so sind wir dieses in erster Reihe auch dem Andenken von Moses Mendelssohnschuldig. xZL____38 Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich. Berichte über die kenessio Gedaulo. Frankfurt a. M., 29. August. Die „Jüdische Umschau", der Nachrichtendienst für die gesetzestreue Juden heit, wird während der Kenessio Gedaulo von Wien aus täglich versandt und ausführlichst über die Verhandlungen der Kenessio Gedaulo und aller Nebenkongresse (Welt- Jugendkonserenz, Arbeitertagung, Frauentagung usw.) berichten. Die Nedaktion liegt in den Händen des Herrn David UIlmann. Bestellungen erbeten an „Fravo- Bücherei" Frankfurt a. M., Postscheckkonto 25734 (der Bezugspreis beträgt 5.— Mk.). Resolutionen der traditionell-gefehestreuen Rabbiner. Berlin, 29. August. ' Die „Vereinigung traditionell-gesetzestreuer Rabbiner Deutschlands" gibt die nachfolgenden Resolutionen ihrer letzten Tagung an die gesamte jüdische Ovssentlichkeit zur Kenntnis: Die Vereinigung blickt mit tiefer Sorge auf die Tatsache, daß sich selbst in religiösen Familien eine gewollte Geburten-Beschränkung bemerkbar macht. Sie weist mit Nachdruck daraus hin, daß Geburtenregelungen im allgemeinen einen schweren Jssur bedeuten .Nur bei ernster Gefahr für die Gesundheit können solche Maßnahmen vor Wochevkalender. v. 7. - 14. Sep. 1828 I v. 2. - 9. Elul 6689 Samstag 7 2 V'VSIV Sonntag 8 3 Ä Montag Sep. 9 4 Dienstag 10 5 Mittwoch 11 6 Donnerstag 12 7 Freitag 13 8 Samstag 14 9

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