Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1929)
- Date
- 1929-08-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Serbe 6. Nr. 32_• Litauen. Zweitägiger Pogrom in Slobodka und Schanz. Vororten der litauischen Residenz. K o w tt o, 4. August,. Der tum 1. August Menids im« Gl'obodku, dVr Bönstadt der RsgierungsrefideuJ Kowuo, b'egomnVne Pogrom gegen die jüdische BevöKerung erreichte seinen! Höhepunkt in, der Nacht vom 2. zum 3. August. Am 1. August 11 Uhr abends postierte sich eine große Gruppe Bewaffn«ter sogMUNnter Patistme (Mauiffche Faszisten) im Zentrum des Ortes und forderte olle Borüdengehenden auf, sich zu ieAtimieveNl. Stellte es sich heraus, daß der Passant lein Jude war, wurde er fürchterKch mitzhandeK, oft amisv längsren Folter unterworfen. Einige Leute versuchten, dve Polüzei! pve einem Einschreiten zu bewegenl, dve PoliMsten aber beantworteiien solche Aufsordernng>en mit SchiMpstooDten Md Schlügen und sahen im Wrigen dem Wütender FaMstenidande untäÄ'g zu. 65 Juden wurden in dieser Nacht von den Faszvsten mißhandelt, eine größere Zahl von ihnen mußte in schwor verletztem Zustande in das Krankenhaus überführt rverdsn. Unter den Verletzten -befinden sichmehrere Zöglinge der weltberühmten Slobodkoer Jeschiwah. Der Kownoer Presse war es verboten worden, etwas Düber die Geschehnisse zu melden. GlaiichzeMg wurden in- -einer zwotten Kown-ver Vorstadt Schanz, 40 jüdische Bürgier von Faszisten und Polizisten schwer misthtmLE. DieOrtspMM hi,eb auf jedien vorbesFehenden Juden ein-. Die Polizisten -erblÄrten, die Juden müssen ge züchtigt werde-n, weil sie eine kommunistische Demonstration vorber-ei-teit hätten. Die Mßhan-delten aber waren rneist -an-Aefshen-e Wdifche Bürger, zum Teil Greise, die nie irgendeine Beziehung zum Kommunismus gehabt haben. Am 2. August abends stürmten in Clobodka bewaffnete Fafziften die Wohunngen von Juden- und schtugen auf die anwesenden Famtl-ienmitgWeder ein. Auch nach diesen Ausschvei-tungen, an denen sich Polizisten' direkt b-etoitiglton, zählte manmshvere Schwerverletzte. Einige bekannte jüdnWe Porisöntichkeiiten Kvwnv's -versuchtet^ bei hohen R-ogiverungsftelbenzu intervenieren und um Maßnahmen' zur. Herstellungder Ordnung zu bi-tten; sie wurden aber nicht -empfangen. Rutzland. Die geplanten autonomen jüdischen Rnyone in Rutzland. Moskau, 22. Juli. Der Kreissowjet von Kri-Vojrog hat bchchloffen-, im Oktober d. I. die -von Agno-Joint -gestützten jüdischen Kolontsn im Distrikt KrivvjrVg zu -emem autonomen jüdischen Rayon AusvmmenJufchliießen. E-s wird dies der dritte autonome jüdffche Rayon in Rußland fein; der zweite autonome Rayonwird am 1. Oktober d. I. im Distrikt Zaporosch-je pvoMamtzert werden. Hauptstadt dieses Rayons wird Nsm-Zkatopoik fein. Der erste autonome jüdische Rayon besteht bereits im Distrikt Cherson; seiin Hauptorit ist KMMndo-rf. Der Vizepräsident der Sowjet-Union -uNd Präsident von Kom-zet P. SMidowLtfch, erklärte in einer-großen Versammlungin Moskau, diie der Frage der jüdischen Kolonisa-M-n gewi-dmet war-, daß der offizielle Mnne von Mro-Bidschan im Fernen Osten tauten wr-d: „Jüdische soMÜfftische Republik. . Das Territorium, erMirte Smidorvitfch, das der jüdischen Ko-lonifati-onin Bi!w-Wdschan zur Verfügung steht, ist größer als Frankreich- und hat eine große Zukunft als Zentrum von Plantagen- und Industrie. PalSfirna. Eine Erklärung der Palästina-Regierung über Fortführung der moslemMfchen Vauarbeiten an der klagemauer. Jerusalem, 24. Juli. Der Distriktskommissar von Jerusalem teilte dem Oberrabbiner Kuk brieflich mit, daß nach Meinung der juristischen Berater der Regierung die Moslemiten ein Recht haben, die begonnenen Bauarbeiten an der Klagemauer weiterzuführen. Die Mauer soll ihre frühere» Höhe wiedererhallen; die Regierung wird die; Moslemiten auch nicht hindern, die geplante Oeffnung in der Mauer herzustellen, vorausgesetzt, daß die an der Klagemauer betenden Juden während der Betstunden durch die Arbeiten nicht gestört werden. Der 2 s r o e I i t__ Erregung über die Klagemauer-Entfcheidung der Regierung. Jerusalem, 30. Juli. Die Erregung der palästinensischen Judenheit über den Entschluß der Palästina-Regierung, den Mohammedanern die Weiterführung der Bauarbeiten über und an de>r Klagenrauer und den Durchbruch eines Zuganges zür Omar-Moschee durch die Mauer zu gestalten, hält unvermindert an. Das Oberrabbinat hat sich tele/grai phisch an den britischen Premierminister Ramsay Macdonald, den Kolonienminister Lord Patzfield, Lord Valsour, das Sekretariat des Völkerbundes und an den gegenwärtig in Zürich tagenden Zionistenkongreß gewandt und gegen die Erneuerung der Bauarbeiter 'än der Mauer, die eine unzweideutige Verletzung des Status quo darstellen und außerdem den jüdischen Gottesdienst an der Mauer stören, protestiert. Das Oberrabbinat, die Vertreter der Zionistischen Eerkutive und die Mitglieder des Waad Leumi haben eine gemeinsame Beratung abgehalten und beschlossen, den stellvertretenden Oberkommissar, Herrn Luke, auszusuchen und ihm gegenüber in aller Form Verwahrung gegen den gesetzlich nicht zu rechtfertigenden Standpunkt der Regierung einzulegen. Der Wand Leumi und die, jüdischen Gemeinden in Jerusalem und in Haifa, sowie die Stadtverwaltung von Tel-Awiw haben den Zionistenkongretz telegraphisch aufgesordert, zu der Frage der Klagemauer öffentlich Stellung zu nehmen. Die all-, gemeine Arbeiterföderativon Palästinas (Histadruth) hat sich telegraphisch an dir britische Arbeiterpartei um Intervention gewandt. In allen Teilen des Landes würden Komitees zunl Schutze der Jüdischen Rechte an der Klageimauer gegründet. Waad leumi uud Agrrdas Jisroel. Jerusalem, 31. Juli. Aus Anlatz der neuesten Vorgänge an der Kothel Maarowi hat der Waad leumi an die palästinensische; Agudas Jisroel die Aufforderung gerichtet, sich gemeinsamen Schritten in der Angelegenheit bei den Behörden anzuschließeu. Die Agudaleitung erklärte sich hierzu sofort bereit. Nichtsdestoweniger wandte sich der Waad leumi alsdann, entgegen seinem eigenen Verlangen, über den Kops der Agudas Jisroel hinweg allein pn die zuständigen Behörden. Die Sache selbst wird dadurch nicht notleiden, da die Organe der Aguda selbstverständlich! auch ohne Unterstützung des Waad leumi die pflichtgemäßen Schritte in einer der Anschauungen des orthodoxen Judentums entsprechenden Form nunmehr unternommen haben. Eine Skandalaffäre in Jerusalem. Jerusalem, 15. Juli. Nicht geringe Aufregung entstand dieser Tage in allen religiösen Kreisen der heiligen Stadt, als beskannt wurde, daß man eine große Menge durch Buchdruck hergestellter Mesussaüs betrügerischerweise in den Handel gebracht habe. Das erste, was der „Doar Hajom", das führende Jerusalemer Blatt, das Organ Jabotinskys, zu tun hatte, war, die ganze Fälscheraffäre der Agudas Jisroel an die Rockschötze zu hängen! Ausgerechnet die Fälschung von Mesussaus! Der „Doar Hajom" verkündete mit großem Pathos, daß die Männer der Agudas Jisroel, jener Agudas Jisroel; die sich als einzige Schätzerin der Religion betrachtet, einen solchen Chillul haschem herausbeschworen' hättein. Dieselben Leute, die gegen das Frauenwahlrecht ankämpften und aus der Kneses Israel ausgetreten feßen, machten sich kein Gewissen daraus, durch ihre geschäftlichen Kombinationen die Religion mit Füßen zu treten. Als Knalleffekt wird dann noch der zionistischee Organisation vorgehalten, daß sie durch ein Telegramm an den Jerusalemer Waar leumi diesem zugemutet habe, auch noch Vertreter dieser Mesussaus-Fälscher, die sich Agudas Jisroel nennen, in die Agency zu wählen! Ganz nach antisemitischem Rezept — an allem Bösen sind die Juden schuld. Das war denn doch der Agudas Jisroel zu bunt. Sie lud Herrn Jabotjnsky sofort vors Vesdin und forderte ihn auf, seine völlig aus den Fingern gesogene niederträchtige Verleumdung bei Vermeidung der schärfsten Konsequenzen zu widerrufen. Der Widerruf mutzte denn auch prompt in der nächsten Nummer erfolgen. Der Urheber des Fälscherskandals wurde inzwischen ermittelt und er wird seiner Bestellung nicht entgehen. Das Ganze zeigt aber wieder einmal, zu welchen unglaublichen Konsequenzen der bodenlose Haß gegen die Orthodoxie führt. 8. August! 192M England. Um die Klagemauer. London, 24. Juli. Wie der ITA. von autoritativer Sielle mitgeteilt wird, hat die Palästina-Regierung ihre Entscheidung betreffend Gestattung der Fortführung' der Bauarbeiten an der Klagemauer nicht auf Grund eines Spruches des Obersten Gerichtes, sondern gemäß einem Gutachten ihreir juristischen Beamten getroffen. Personalien. Rabbi Mordechai Loeb Rubin als Richter. Jerusalem, 11. Tamus. Noch ist die alljährliche Trauerzeit um den Verlust unseres tfapaii rr>a nicht gekommen, und schon durchzittert die Straßen Jerusalems die Wehklage um einen uns neu verloren gegangenen Tempel: •wp^s rni nsnwa mp'-w nmv nbipw Ein Tempel, eine Schatzkammer von swvrp und mn» ist in Asche gesunken. Aus. Wien ereilte uns die Hiobsbotschaft, daß der pi rpa iwn der um Oberrabbiner Sön— nenseld gescharten aschkenasischen Gemeinde — Ra« Mordechai Loeb Rubin Wr — den Folgen einer Operation erlegen' ist. Wer wie Schreiber dieses, das' rroT hatte, häufig in seiner Nähe zu weilen, dc/r kann: begreifen,, von welch herbem Schlag die Jerusalemer Judenheit mit dem Heimgang dieses Mannes betroffen: wurde. War es doch kaum möglich —' zu welcher Tageszeit auch immer — zu ihm zu kommen, ohne feine Wohnung ungefüllt zu finden mit hilfesuchenden, ratheischenden Menschen. Was wurde ihm nicht alles unterbreitet? Auseinandersetzungen über Geldangelegenheiten bis zrr den höchsten Summen, Gesuche um mnvi zur Wiederverheiratung, Regelung von Angelegenheiten zwischen Mann und Frau, Gittin, Agunoth, und — last not least — waren es Menschen, die. sich irgendwie in Not,, in schwierigen Lebenslagen befanden, und einen Rat,, einen Wegweiser suchten, die sich an ihn wandten. S<ke alle, alle kamen zu Raw Rubin V'si, nicht etwa nur in. die Bes-Din-Stube in den offiziellen Stunden, nein zw jeder Tages- und Nachtzeit in seine Wohnung; und dieser in seiner unendlichen Güte unermüdliche ba anirr ^rrnv' »sä, er nahm sie alle in sein weitgeöffnetes Herzf auf und ihnen allen gab er fein Herzblut. Und sie gingen: alle gestärkt, erhoben, befriedigt von ihm. Stets Unter-- warfen sich beide pn ’toa mit ^stimmender Begeisterung seinem Richterspruch. Worin lag die faszinierende Kraft, die dieser Mann auf seine Mitmenschen ausübte? Worin lag feine G r ö tz e a I s R i ch t e r, die namhafte Juristen vor ihm das Knie beugen ließ? Wohl war es seine Größe als Thorafürst, sein scharfer Verstand und sein bis in die tiefste Tiefe menschlicher Seele dringender Blick, der gleichzeitig in Güte und Menschenliebe erstrahlte, der ihm das restlose Vertrauen selbst noch so fernstehender Kreise schuf, die sich — nicht immer aus religiösen Motiven — lieber an ihn, als an die zuständigen Landesgerichte wandten. Das Geheimnis seiner Kraft aber lag darin, daß er Richter war kat' erochen. •mwina niroaa n"ap?rt> qm«? raw inaRV nas pi pn'^a Er hatte die an Gewaltigkeit dem weltschopferifch«c Mt ,gleichkommende. Synthese in sich geschaffen von Objektivität und Subjektivität, war in denkbar höchstem Grade streng objektiver Richter und zu gleicher Zett subjektiver f'i V?a, denn er lebte die Angelegenheiten jedes feiner^ pn^va in all ihren Phasen buchstäblich mit, war innerlich zerrissen von ihrem Leid und innerlich erhoben von ihrer Freude. Wie oft konnte man UNvet^ mittelt mitten in seiner Mahlzeit ein aus . tiefstem Herzen kommendes Seufzen vernehmen, woraus er dann seinem gepreßten Herzen Luft machte, das beklemmt war von dem Leid der ihn Aufsuchenden, wie der Vaterl vom Leid seines Kindes bedrückt ist. So war er Richter und Vater zugleich, und so nahmen seine Mitmenschen den Spruch des richtenden Vaters bereitwillig auf sich. So könnte nur der Thorafürst verfahren, dar die Forderung unserer Weisen: T^a rrr ■j’jsiia pivrus>av l'nma, in ihrer ganzen Tiefe erfaßt hat. Ach früh, allzu früh bist Du — Glanz und Stolz unserer Familie — uns entrissen worden. Tief, tief ist die Lücke, die Du in uns, in im a^vi-o, in der allgemeinen Judenheit hinterlassen hast. a~>n möge UNS seinen Trost spenden. Dir aber quiava nun ■j‘»5B m abv 'pbu 'n Dj/a nabv! -nrnsin B. R. Oberrabbiner W. Reich Baden bei Wien, 31. Juli. Am 17. Tamus verschied — wie bereits kurz meldet — plötzlich der Oberrabbiner der Badener Kuls - tusgemeinde, Wilhelm Reich. Mit ihm verliert W~ Rabbinerstand Oesterreichs einen seiner markantesten' Rch präseütanten. Er war noch einer der wenigen geistlichen Führer des neueren Judentums in Oesterreich, der--die, konservative Tradition zur Geltung zu bringen wußte'. Seiner. Abstammung nach war er der Sprötzlina der rühmlichst bekannten Talmudgröße Reb Koppele Charif; sein Vater war der Barnowitzer Rabbiner,Reb . Jechezkiel, der seine vier Söhne dem Rabbinerstande weihte. Der älteste dieser Söhne ist der wettbölkaunte und allverehrte Oberrabbiner Koppel Reich in'Bu-"- dapest. . ' •. ' Besondere Qualifikationen begünstigten die Lauf- -• bahn des Heimgegangenen, sodaß er schön als ganz jünger Mann zum Rabbiner der angesehenen Kultüsgemeinde -.