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Der Israelit · 1929-08-08 · Heft 32 (8.8.1929) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 32 (8.8.1929)
Date
1929-08-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 32. Sette 3 8. August 1929 Der Israelit tt a m e n s z u m Zwecke des Schwures, auch wenn der beschworenen Behauptung unumstößliche Wahrheit und Gewißheit i-nn-e wohnt, als ein schweres religiöses Unrecht. Nur derjenige, das ist der Standpunkt der jüdischen Ueber^ lieserung, darf sich vermesse-w, die Allmacht des Schöpfers für die Wahrhaftigkeit seines Wortes emzüsetzen, der auf der höchsten Stufe sittlicher Vollendung steht. Der Midrasch rabbo zum letzten Wochenabschnitt zählt die sittlichen Eigenschaften aus, die ein Mensch besitzen müßte, um ein Recht auf den Schwur bei Gott zu haben, und er berichtet mmii den unheilvollen Folgen, die auch der wahrhaftigste Eid als Strafe für die mißbräuchliche Anrufung des Höchsten zur Folge haben kann. Infolgedessen wird sich ein gesetzestreuer Jude mit allen gesetzlichen Mitteln gegen eine irgendwie vermeidbare Eidesleistung wehren, und man hat es in unseren Kreisen als ein großes Glück betrachtet, daß die -neue Reichsverfassung dem gewissenhaften Staatsbürger eine Möglichkeit der Ablehnung der religiösen Form der Eidesleistung gebracht hat. Nun kann aber ein gläubiger gesetzestreuer Jude unmöglich einem Gericht erklären, er fei Dissident oder Atheist und könne aus diesem Grunde den religiösen Eid nicht schwören. Denneine solche Erklärung würde sicherlich einen noch größeren Ehillul haschem bedeuten und als Verleugnung Gottes eine schwerere Versündigung darstellen als der wahrhaftige Eid. Aber auf der anderen Seite ist nicht einzusehen, woher ein Gericht das Recht herleiten sollte, in die rein p e r s ö n l i ch e n , g e w i s s e n> s m ä ß ig e n M o t i v e e i n z u d r i n g e n , diee inen Zeugen o d e reine Parte i v e r a n l a s - s e n k ö nn e n, die vonder Verfassung zugekassene «religiöse Form der Eidesleistung zu wähle n. Tendenz und Inhalt seiner religiösen! Gewissens-Erwägungen dem Richter zu offenbaren, kann sicherlich kein deutscher Staatsbürger gezwungen werden.. Es wäre wünschenswert, daß die ganze Frage von juristischer Seite, eventl. durch die gesetzestreuen Verbände, restlos klargestellt wird. Jerusalemer Schulsragen. Auf die an dieser Stelle vor einigen Wochen veröffentlichte kurze Darstellung des in Jerusalem und dM> übrigen alte n Städten Erez Jisroels bestehenden rabbinischen Verbotes moderner Schulen ist uns aus unserem Leserkreis eine Bitte um genaueren Aufschluß über einige Einzelpunkte zugegangen. Es heißt in dieser Zuschrift wie folgt: „Ist der Besuch -europäischer Sdjutoti eine heit, weiche verschieden zu beurteilen ist je nachdem cher Landsmannschaft der betreffende Vater angehört? .Ist die Anordnung der palWinensifchen, und ungarischen iGedaulim auf einen bestimmten Perfonenkreis beschränkt? 'Besteht die betreffende Anordnung für alle Zeilen, oder -weiche Doraussetzungen müssen nach Ihrer Meinung gLgc^rn sein, um diese An-ordn-ung außer Kruft zu setzen? Wie erklärt es sich endlich, daß maßgebende Persönlichkeiten, welche aus der ungarischen Orthodoxie hervorgegängen sind, europäisch geleitete- Schulen und Universitäten besucht haben, ohne in den von Ihnen erwähnten Entscheidungen ein sie -kn dieser Beziehung bindendes Derbo-l zu erblicken? t Eine klare Beantwortung dieses Schreibens würde nach meiner U-eberzeugung zur Beseitigung mancher! Zweifel und Unklarheiten wesentlich beitragen." Auf diese Fragen möchten wir nach nochmaliger Information bei genau unterrichteten Stellen tr- Erez Jisroel folgendes antworten: Das Verbot ist seinerzeit von allen palästinensischen Rabbinen unterzeichnet worden und hatte Geltung für f ä m t l ich e Landsmannschaften, aber natürlich nur für Erez Jisroel selber. Unter welchen Voraussetzungen ein derartiger feierlicher Jssur, der von denanerkannten rabbinischen Größen eines ganzes Landes erlassen wurde, außer Kraft gesetzt werden kann, ist eine schwierige halachische Frage, die zu beantworten wir uns nicht unterfangen können. Daß ungarische orthodoxe Persönlichkeiten im Ausland Schulen u-rd Universitäten besucht haben, hat offensichtlich mit dem für Erez Jisroel -er-, lasierten Jsiur nicht das mindeste zu tun. Niemals ist ein offizielles Verbot, speziell gegen , die Eveline v. Rothschild-Schule erlassen worden, von der allgemein bekannt ist, daß sie in religiösem Geiste geführt wird. Sie fällt aber formal unter das allgemeine Verbot, das sich gegen das System der modernen Schule überhaupt richtet. Da der Fragesteller insbesondere von Oberrabbiner So-nnenfeld spricht, so möchten wir nicht unterlassen zu betonen, daß dieser ehrwürdige Mann mit der ganzen Angelegenheit nicht mehr zu tun hat-, als jeder andere palästinensische Rabbiner. Das Verbot ist seinerzeit voll! den berühmten Oberrabbmern Auerbach, Kutna, J-osua Löb Disk t n , Schmuel <5 a laut unterzeichnet oder bestätigt worden; zu denjenigen die es später bestätigten, gehören Rabbiner Chajim V e r l i n, Rabbi Pefach Zwi Frank, und noch viele andere. Auch Oberrabbiner K u k hat niemals gegen das alte Verbot Stellung genommen. Die neueste Publikation des „Kolel Schomre yachomoth", die den Anlaß zu der Erörterung gegeben hat, ist, wie wir jetzt erfahren, auf eine D e l e g a t i o n a u s U n g a r n zurückzuführen, die von den Kuratoren des ungarischen Kolel im Auslände nach Jerusalem gesandt worden war, um die Verhältnisse des Kolel an Ort und Stelle zu inspizieren. Der Vorsitzende dieser Delegation, war Oberrabbiner T eitel bäum aus Ryirbator. Die Delegation glaubte offenbar im Sinne ihrer Auftraggeber, der ungarischen Spender, zu handeln, wenn sie durch eine besondere Proklamation den Mitgliedern des Jerusalemer Kolel ein gewissenhaftes religiöses Leben einschärfte und insbesondere auf die Notwendigkeit hinwies, der Heranwachsenden Generation eine thoratreue Erziehung angedeihen zu lassen. Dazu rechnete die Delegation vor allem /die getreuliche Beachtung jenes Verbotes gegen europäische Schulen und die Beibehaltung der in Erez Jisroel altüberlieferten Methode der Erziehung. Somit war die Proklamation selbstverständlich nur an die Angehörigen des ungarischen Kolel gerichtet. Sommer-Sabbate. Von A. Mannheimer in.Dettelbach. (Schluß.) Wie man sieht, hat man schon längst aus religionsgefetzlichen Motiven überhaupt abgeraten, im Garten zu essen. Sich dort zu ergehen oder den Wald am raw aufzusuchen, wird niemandem verwehrt werden könne-n-, wenn sonstige Verstöße vermieden werden. Gewöhnlich wird man für die Zeit nach nrnn den Besuch von Gartenwirtschaften annehmen dürfen. Gerade für diese Zeit fehlt es nicht an Worten der Weisen, die direkt in Beziehung zu setzen sind zu unserem Thema. Bekanntlich sprechen wir vor dem Thoralesen zur Minchazeit am den Vers: ü'pbx psi nsr 'n •»n’rsn '3X1 naxn 'iw i'ivn m'i Und ich richte mein Gebet zu Dir, Ewiger, Gott, in der Menge Deiner Gnade, erhöre mich in der Wahrheit Deines Heils. (Pf. 69) Welche Bewandtnis hat es mit diesem Ders zur Minchazeit? Man höre hierzu den Midrasch:»avv ’i irTwn’rD ''•ni ’i^sn Fi nnin rproi idw *nw mrwvnyw rrx “inbo II NQ1X )-’N .jnm rrapn m *iöx xVx p xV um jnmsi pVw p2rw»i pww »»» •fn ’jxi uwf fi"yx „Es heißt, (Pf. 69) es reden wider mich, die im Tore sitzen und die Spottgesänge der Biertrin-ker." Gleich danach im (Ps. 69) heißt es: „Aber ich richte, mein Gebet zu Dir" ’nxi) usw. Hier sagt David vor dem Heiligen, gelobt sei Cr: O, Herr der Welt, diese (die jüdische) Nation ist nicht gleich den andern Weltenvölkern. Wenn diese getrunken und sich berauscht haben, stürmen sie lärmend dahin. Wir aber sind nicht so; obwohl wir (am 7122») getrunken haben,:^ tiVbti *»3xv richten wir (zur Minchazeit) unser Gebet an Dich." — Wir verstehen es als Juden sehr gut, wenn nichtjüdische Geistliche gegen die „Verwilderung des Kleines Feuilleton. Dem Andenken Dr. Arthur Kahns V"T- (Zu seiner ersten Jahrzeit am Rasch Chodesch INenachem Aw.) Von Fabius Schach -kn Berlin. Ein Jahr ist es, seitdem Arthur Kahn von uns gegangen ist, aber seinen Freunden ist d-ie Erinnerung an -ihn noch lebhaft wie am ersten Tage. Der Schmerz, daß wir ihn verloren, ist der wehmütigen Freude, daß wir ihn besessen, gewichen und sein Bild lebt umso klarer in un s . Dieser Mann mit dem silberweißen feurigen Kopf, dieser jugendliche Greis, der über alles Greisenhafte spottete, dieser geniale Schimpfer, dieser brausende Räsonneur mit dem ironischen, gutherzigen Lächeln, der über sich hinaus die West mit dem Blicke eines Verneiners, eines Unbefriedigten schaute, war ein Original, groß im Lieben wie im Hassen, eigenartig -in seiner Freude und seinem Schmerze. Und in einer Zeit, die so arm an- Originalen geworden ist, muß man seiner gedenken. Selten waren bei einem Menschen Herz und Geist miteinander so verwachsen wie bei ihm. Selten war bei jemand.alles aus dem Menschlichen zu erklären, wie bei ihm. Und dieses Menschliche war hier voller Widersprüche', die irgendwie ausWglich-en waren. voller Dissonanzen-, die irgendwie zur Harmonie strebten!. Er war zu vielseiitig begabt, um aus einem Gebie-te Ttese und Bestie-- digung zu finden. Homo fum . . . könnte man als Ueberschrist, ja, als Inhalt seines Lebens nennen. Er war ein Mensch und nichts war ihm fremd, ab re auch nichts .so vertvau-t. daß es ihm zur inneren Heimat hätte werden können. Er war ei-n genialer D i lettant, und das sieht -immer nach außen glänzend aus, in Wahrheit ist es eib-e Quelle innerer Kämpst, ungefüllten Strebens und reicher Schmerzen. Was aber in chm ganz war, mit Geist und Herz, mit Verstand und Gemüt, das war sein Menschent um und sein Judentum. Ein selten edles Menschentum war mit seinem Wesen verbunden, und er war sozial und wohltätig aus innerem Drange. Die Art, wie er mit sanftem Zwange und mit herzerfvischMdem Humor Enem Gaben wusdrängte, wo er Not vermutete., der kameradschasMche Verkehr zw-isch-en ihm und seinen Klienten, das war unvergleichlich groß und schön. Weit über seine Kräfte hinaus war er wohltäüg. Beim bescheidenen Haushalt langte es für reiche Wohltätigkeit, die ihm kein Luxus und keine Last, songWu- -eine wahre ein Befehl des Herzens war. In den schweren Kriegs- und Jnflationsjahren war er Tausenden ein wahrer Wohltäter, häufig ohne daß sie es ahnten. Hatte er jemand in Verdacht, daß es ihm an warm>en Speisen fehlte, so redete e>r ihm ein, daß er ihn unbedingt sprechen müsse und gerade in der Mittagsstunde, wo der andere zur Bequemlichkeit sein Tischgast se-m mußte. Dürftigen alten Aerzten schwatzte er mit genialer Ber-edsamkeit auf, daß er irgendwo mit ihnen zusammen studiert habe und daß von amerikanischen Quellen er den Auftrag hätte, Darlehen zu verteilen!. Eine Mischung von allem Patriarchentum und modernem Sozialistenlebte in ihm und das machte ihn zum Meister des WoHltnns, zum Vn wie es der Pfalmist nennt. Er war geradezu schöpferisch aus diesem Gebiete, erfinderisch,. schlicht und ungemein geschickt. Er war wie kein zweiter berufen, großen sozialen Organisationen, vorzustehen, ihnen die schlichte alte Größe und die Mische Wärme zu geben. Und gerade hier erlebte er die größten Enttäuschungen. Er schuf Ideen, fing .an, sie zu verwirklichen, und dann wurden sie ihm entwund-sn.und nicht immer in ssin>em Geiste weit-ergeführt. Das wurmte ihn, denn die Kunst des Refignierens verstand er nicht. Und sein Judentum war in -ihm stets ganz und lebend i g. Ohne großes jüdisches Wissen fand er fast immer das Richtige durch, sein warmes Herz, durch seinen geraden Sinn. Einem Milieu entstammend, wo das AltjüdischV zur Natur war, trug er sein Leben lang eine glühende Liebe zum Judentum und war bemüht, die alten Form!en durch Schönheit und Sül zu beleben!. Er gestaltete die Sabbattifchgesänge zum harmonischen Kunst-- gesang, und sein musikalisches und inniges Duchenen war schon ästheüsch ein Hochgenuß. Alles an diesem Manne war charakteristisch jüdisch, und doch wiederum in irgend einer Form indioidu-ell verfeinert, Er war konservativ, schon dem Herzen nach, weil ihm die rationalistische Kälte des Liberalismus geradezu unjüdisch, fremdartig erschien. Er trug Mische Wärme in sich und sehnte sich ^danach, sie anderen mi-tzuteilen. Und auch hier blieb er nicht ohne Enttäuschungen, und auch hier gab es für ihn> innere Tragödieni. Bielleicht mußten diese Enttäuschungen kommen-, weil seine Natur sich schw-er in dneiiT gegebenen Rahmen hmeim fühlen konnte und er wiederum nicht stark genug war, sich einen eigenen Rahmen zu schaffen. Und doch ist viel an ihm gesündigt worden, und ^5 wurde ihm selten im Leben der Platz eingeräumt, den er so schön zu seinem Glücke und zum Segen des Judentumshätte ausfllllen können. In den letzten Jahren wurde es -immer einsamer um ihn. Das ist das Schicksal des Alte-rs, aber er konnte sich nicht darein finden und <er wurde den neuen Verhältnissen

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