Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1929)
- Date
- 1929-08-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 32 Der Israeli! 8. Au gW 1929 Jisroel noch nicht zu träumen wagte, in seinem harmonischen geistigen Bildungsgänge undim einheitlichen Gusse seiner Persönlichkeit das Beste aus östlicher und westlicher Art zu verbinden wußte, wenn dieser Mann, den Gottes Vorsehung aus ungarischem nD'w'-Milieu schon m jungen Jahren in das Mainz-Frankfurter Zentrum deutsch-jüdischer Geistigkeit verschlug, wo das Erbe seiner Heimat nicht zertrümmert, sondern im Gegenteil vertieft und bereichert werden sollte, wenn er im vollen B e w u ß t s e i n d e r tiefen Problematik der "pK *]“n Dy min Devise gleichwohl in solch ergreifender T r e u e z u d e m e m p o r b l i ck t e, d e r d i e s e Losung a u f s e i n e Fahne geschrieben hatte, daß er selbst bei seinen halachischen Vorträgen, die seiner Gemeinde an den Festtagen die Zeiten eines sntnrr» 'is und nrrbs.n zurückgerufen haben, die Kanzel niemals ohne das in Deutschland übliche Gewand des Predigers betrat, um schon durch diese dekorative Aeußerlichkeit den inneren Zusammenhang seines Lebenswerkes mit dem fernes Vorgängers zu betonen.' so mag man schon an solchen, Nebensächlichkeiten, die freilich für ihn selbst wohl überlegte Kundgebungen von programmatischer Bedeutung waren, ermessen, welch ein aufrechter, unabhängiger Ivivn welch ein hinreißender, tief aufwühlender “myra er war. Bei allem Verständnis für die ästhetische Wirkung rhetorischer Aeußerlichkeiten war ihm jedoch die Ueberbetonung des rein Formalen, das kokette Wohlgefallen, an glitzernden Phrasen, der Rauschtrank einer hohlen Rede, die auf Kosten gedanklicher Klarheit die Gemüter umnebeln und betäuben will, aus tiefster Seele zuwider. Er hat nie im Leben eine Rede gehalten, die nicht irgend ein von Jedermann wiederholbares, nachsagbares min im enthielt. Das Wort der Weisen: r\"i Ennnatt '» ^21 *ps *?sr m rznnnaw '» '1V8 'Dwn p um j'jr’DWDT? '22 non ts „heil dem, dessen Mund dazu beiträgt, aus den Tiefen, des Gotteswortes neue Erkenntnisse ans Licht zu fördern, er gleicht dem, dem sich die Gottheit selbst offenbart": dieses Wort kennzeichnet Absicht und Ziel seiner öffentlichen Rede. Dabei wußte er genau, daß auch die schönste nun ohne jede Wirkung bleibt, wenn es der Redner nicht versteht, ihr den Weg in das Herz des Hörers zu bahnen. Für seine rhir> uzmn immer eine möglichst klare und eindrucksvolle Form zu finden, war ihm ein geistiges Erfordernis und ein seelisches Bedürfnis. Die Hörer seiner ND'V' wissen, welch einen großen Wert er auch beim Talmudstüdium auf das r i ch t i g e Rede n legte. Das richtige Hergeben des gedanklich Erfaßten war Tifcho V'Aw als »Festtag". Unter den durch ihre Einfachheit und ihre weitreichenden Wirkungen sich auszeichnenden Bestimmungen der Tischo-beaw-Liturgie, ist wohl schon jedem die merkwürdige Vorschrift ausgefallen-, daß manam Discho bea-w, dem Tage der tiefsten nationalen' Trauer, genau wie an allen festlichen und frohen Er-innerungsta gen des Jahres, k ein Tachanun sagt. Man könnte vielleicht glauben, diese merkwürdige Tatsache lasse sich ähnlich erklären wie die umgekehrte Bestimmung, daß z. V. an Öen Halb f e i e r t a g en keine Trauung und keine Ho chzelt stattfmdet, weil die nationale Festtagsfreude nicht vermengt und verwechselt werden soll mit: dem individuellen Festtag des Einzelnen. In gleicher Weife, so könnte rnan glauben, sollten Äe im Tachanun züm Ausdruck kommenden Trauergefühle, die zum guten' Teile auf dem Bewußtsein 'der Sündigk-eit und sjOlichen Unzulänglichkeit^ des Ctnze-lnen beruhen', nichü zusamMenftießen mit dem großen Strome des nationalen Trauergedenktages. Mein der Talmud und der Midrasch berufen sich zur Begründung für die Streichung des Tachanun am Tifcho-beaw keineswegs auf eine Art von T>3nj?n i'N' sondern sie 'Mieren. 'den Vers aus den Klageliedern, in dem Jirrüejahu den Dag der nativnalen Katastrophe als ein M aued, d. h. als einen „Festtag " bezeichnet: 'iim toipV ivi» ’Vy tnp- Ein i ihm das Kriterium gedanklicher Klarheit, und wie er im Beth-Hamidrasch sich beim „Ausreden" nie zufrieden gab, bevor er für das „Auszuredende" die durchschlagende Form einer restlos befriedigenden Darstellung fand, so haben, auch seine agadischen und halachischen Reden in der Synagoge durch den wahrhaft künstlerischen Reiz ihres systematischen Aufbaus und die auf den Höhepunkten der Auseinandersetzung geradezu überwältigende Kraft der Darstellung immer wieder gezeigt, welch ein großer Redner er war. Rur Memschen von einer tiefen Bildung des Geistes und der Seele bringen es zuwege, in heutiger Zeit die Welt des Talmuds und des Midrasch an ein gebildetes Publikum mit solch elementarer Wucht heranzubringen, wie er es vermochte. Denn stehe, hierin gerade, wie er als Kanzelrednsr, ausgestattet mit einem feinfühligen Sinn für das, was an geschmackvollen nun einem gebildeten Publikum der Gegenwart geboten werden darf, zwischen der Scylla übergelehrter, buntscheckiger Anhäufung von D'ty-n»' unter deren Last das wirksame Kanzelwort erstickt, und: der Charybdis tiefsinniger Ergründung wissenschaftlicher Probleme, die das Gotteshaus in einen ihm wesensfremden akademischen Hörsaal verwandelt, den richtigen Mittelweg stets zu finden und sinzuschlagen verstand: m diesem natürlichen Empfinden für die großen Anforderungen einer wirklich guten rwn in heutiger Zeit, denen er mit den schwersten Opfern an Zeit und Kraft, mit der unaufhörlichen Selbstzucht und Selbsterkenntnis des wahrhaft Großen zu entsprechen suchte, hat sich die tiefe Bildung eines Mannes offenbart, der nicht nur zu den hervorragendsten Schülern des "wiv nro zählte, der einst auch deutschen Universitätsprosessoren im. Examen gegenübersaß, und dem zeitlebens die geniale Rednergestalt eines S. R. Hirsch vor Augen stand, durch dessen Schule er lange genug gegangen war, um' in erschütternder Klarheit zu wissen, was das heißt, das Erbe seiner Kanzel zu verwalten, vom großen Atem seiner Rede sich beseelen zu lassen und im Feuer ihres Rhythmus zu erglühen. Mit der Herausgabe einer Auswahl seiner Reden glauben seine Kinder nicht bloß eine Pflicht der Pietät gegenüber ihrem verewigten Vater wird von vielen Zahnärzten als beste Zahnvasta bezeichnet und selbst benutzt. Kleine Tube 60 Pf. BIOX-MUNDWASSER Flasche 1.—und 2.— Ml. Gegen lockere Zähne. Prob e-lrlalche gratis. . IVlax TUh CI.» I)resd*Mi ■ „Festtag" also soll der schwarze Dag der alljährlichen jüdischen Nationältrauer sein, der jeden Laut der Freude schon wochenlang vorher in unserem Munde ersterben läßt, der die Lichter löscht in. Heim und Gotteshaus U-Nd uns zu Boden zieht ob der verlorenen Schöne. Vielleicht, daß eine einfache sprachliche Erwägung geeignet ist, das Rätsel dieser Erhebung des Tifch'o beaw zum Festtag zu lösen, w» von der Wurzel w, „bestimmen", sich „zusammenfinden", bedeutet, wie Rabb. Hirsch größter Einfachheit und ohne jede Künstelei nachgewiefen Hut, einen Ort oder eine Zeit,' in der sich „Gott mit seinem Volke zufammenstndet". So haben auch die neuesten- Bibel-Übersetzer, Buber und Rosenzweig, das Wort sehr schön mit „Gegenwart" wiedergegeben- und übersetzen ■’jn» p« mit „Zelt der Gegenwart". Jeder Dag also, der uns das Gefühl der Gvttes>- nähe bringt, der Gott „gegenwärtig" sein laßt, heraustretend aus feiner Verborgenheit, hinter dem ftir unser Menschenherz fühllosen Lauf, der Naturgesetze und des Zufalls, ist ein -rm 01', ein Tag der G-Sgenwart G o tt es in unserem Leben und darum ein Festtag. Hätte in der Geschichte Israels der Zufall gewaltet, wäre Judäa und fein heiliger Tempel deshalb zusammen gebrochen, weil in der Natur und inder Geschichte der materiell Schwächere dem Stärkeren unterliegen Mutz, so wohnte, dem Tage, an dem.wir uns jenes historischen Ereignisses mit feinen furchtbaren Fochen immer wieder neu -bewußt werden, nur der verzw-eiflu-ngsuolle Gedanke an die Preisg>eg-eb>enheit des Einzelnen und der Völker an die Tücke eines blinden Schicksals inne, und kein festtäglicher SchiimMer fiele iN die Nacht .solchen Gedenkens. Weil aber das Angesicht der unserem Geschicke fü rsorg-enden, waltenden Vor- V'St zu erfüllen, sondern auch einer stillen Sehnsucht derer zu entsprechen, die aus dem gedruckten Worte die Erinnerung cvn> vergangene Feierstunden, in denen dieses Wort mit lebendiger Kraft erklang, sich zurückrufen möchten-. „Siehe, Tage kommen, ist der Spruch meines Herrn, da sende ich einen Hunger ins Land, nicht einen Hunger nach Brot und «nicht Durst nach Wasser, sondern zu hören das Wort Gottes. Und sie werden irren von Meer zu Meer und vom Norden bis zum Osten — sie werden umherschweifen, das Wort Gottes zu suchen und werden es nicht finden." Im Sinne des D'jp' uisip nan möchte dieses Buch als ein schwacher Ersatz für das verklungene Wort unseres Heimgegangenen Rabbiners Vst gewürdigt Und gelesen werden. Wochenrundschau. Die Scheu vor dem &p. Durch die Zeitungen geht eine Nachricht, wonach von dem braunschweigischen Amtsgericht Schöppenstedt ein als Zeuge geladener Pastor der evangelischen Kirche die Ablegung» des religiösen Eides verweigerte, indem er erklärte, es widerspreche seiner religiösen Ueberzeugung, -den heittgen Namen Gottes zur Bekräftigung seiner Aussage im Rahmen einer.profanen Gerichtsverhandlung zu benützen. Der Pastor berief sich auf die Bestimmung der Reichsverfassung, wonach niemand zur Anwendung der religiösen Form des Eides gezwungen werden dürfe undblieb bei seiner .Weigerung auch, als 'ihm das Gericht eine Geldstrafe bis zu Mk. 300.— androhte. Der Amtsrichter vertrat die Auffassung, daß die Verweigerung der religiösen Eidesform nur D i f ft - d entert zustehe, d. h. also solchen Personen', die an Gott nicht glauben und aus diesem Grunde sich auf eine are-lrgiöse Beteuerungsformel beschränken zu müssen glauben. Die Einzelheiten der Urteilsbegründung liegen noch nicht vor, so daß es vielleicht verfrüht wäre, in juristischer Hinsicht eine Mid gültige Meinung zu äußern. Soviel uns aber scheint, ist die ganze Angelegenheit für g e s e tz e s t r e u e I u d e n von der allergrößten Bedeutung. Bekanntlich betrachtet das jüdische Religionsgesetz jeden Cid, d. h. jede Anrufung des Gottessehung Gottes auch in fernem Zürnen zum Ans d ru cke kämmt, weil' dier neunte Aw fchon mehr als «in Jahrtausend vorher., noch ehe die Stämme Israels das. h-eMge Land betraten-, z-um Schicks-alstag für alle Zeiten vorherbe stimmt war, weil in der Wiederholungaller großen-.Katastrophen der jüdischen Geschichte andiesem gleichen Tag-, die schärfste Verneinu-itg, altes zufülliigen Geschehens und 'die lauteste Verkündung unserer tiefen Geborgenheit t-n der Waltnng unseres Gottes z-u-m Ausdrucke kommt, darum erhebt sichder neunte Aw zu einem „mäued", einem Tag der Gegenwart Go ttes , und wird darum bei aller Trauer zum Festtag.. Harmonisch fügt sich in diesen Gedankenauch jenes tiefe Wort der Weifen im Midrasch Ccha, das den Satz des Klageliedes „er hat mich gefätttgt mit B-itterkräutern, hat mW er-, qui ckt mit Wermu.t", -in feinem ersten- Teile auf die Pe fach nacht -inf-einem zweiten Teile auf die T i s ch o -b e a w - N a ch t deiutet. So wie in der a-nivV W der gestreckte Arm unseres Gottes richtend üb-er Aegypten, rettend über das jüdische Volk sich erhob, in betdem aber seine Nähe sich offenbarte, so empfinden .rdir auch in dem Strafgerichte des -nennten Aw dte nimmer ermüdende Erziehungsgröhe rmseres Gottes und ömni-t (siehe ,ii»'i2 ^wird die . wird die Wermut zu einem "'2i--N" zu einer Erquick n n g. Aus dem Wort 'rinn ch Verbindung mit nrsihaben unsere Weifen den gleüchen Gedanken geschöpft, der auch die Trauer des neunten Aw zum Stab und zur Stütze für das jüdische Volk werden läßt auf seiner la-nge-n Go-luswanderu-ng-