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Der Israelit · 1929-08-01 · Heft 31 (1.8.1929) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 31 (1.8.1929)
Date
1929-08-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 15 Ach, wäre ich nicht Sara, die arme Schneiderin, ich möchte mit gewaltigem Ruf hintreten vor meine Brüder und meine Schwestern, meinen Brüdern sagen von ihrer Schuld an uns und meinen Schwesternvon dem, was uns fehlt! Ich möchte vor meine Schwestern hintreten mit der ausgeschlagenen Bibel: Seht, dieses herrliche Gut ist unser, von den Vätern haben wir es geerbt — kennen wir es? Kommt, laßt uns einen Kreis schließen, laßt uns einen Bund gründen: eine Gemeinschaft jüdischer Jüdinnen. Wir wollen unseren Reichtum nutzen, daß wir, daß unsere Töchter nicht nur, Nicht vor allem die Kinder Europas find, daß „Ihr Kinder seid dem Ewigen, Eurem Gotte!" So träumt sie über ihrer Arbeit, die arme, junge Schneiderin! Lächerlicher Traum! Wer hört im Europa des 20. Jahrhunderts den Ruf Gottes? Und diese Sara in ihrem Stübchen weiß es, daß sie, will sie sich nicht lächerlich machen, will sie ihre Kundschaft — und mögen, auch Frauen chassidischer Männer darunter sein — nicht verlieren, ihre Träumereien für sich behalten muß. Europa, auch die jüdischen Töchter seines Ostens, würde nur lachen. Und so schweigt die junge, bescheidene Arbeiterin — und hofft auf Gott: Wer weiß, ob sich nicht doch noch mal meine Träume verwirklichen, durch einengrößeren Menschen geträumt, durch einen größeren verwirklicht!- 2. Der Anfang — 1919. 10 Jahre sind vergangen! Sara, die Schneiderin, ist nicht mehr Schneiderin, sie ist, „Lehrerin" geworden, „Leiterin einer Religionsschule für jüdische Mädchen in Krakau"! Was ist geschehen seit 1909? O, Vieles, vieles hat sich ereignet, seitdem Sara die Träume ihrer Jugend träumtet' Ein grausiger Krieg raste über die Welt, der Reiche entwurzelte und Kaiser entthronte, Schicksale formte und zerschlug. Und auch an die Pforte von Saras Arbeitsstube pochte er! Flucht nach Wien vor russischer Jnvasionsgefahr! Und hier in Wien findet sie, was sie gerade hier zu allerletzt gesucht hätte: die Wett ihrer Sehnsucht ist ja eine Welt der Wirklichkeit. Man kann ein gebildeter Mensch sein unddoch das Letzte und Höchste nur in seinem Judentum suchen und finden! Nein, so ists richtig: Wenn man ein wahrhaft gebildeter Mensch ist, und unter Bildung auch die des Gemüts und der Seele begreift, dann erst kann man das ganze Glück des Judeseins empfinden. Und hier in Wien, da lernt sie Menschen kennen, die auf der Höhe der Bildung stehen und — deshalb wohl — ihr Judentum voll Stolz und - Liebehegen. - nDa eilt sie, Sabbat um Sabbat, in die Synagoge, zü-beten! Gewiß: um zu beten, aber Mehr noch, um zu hören! Da lauscht sie den Vorträgen eines Rabbiners, der das 'Judentum kennt und ' die Welt — und die DirD der Welt'aus/dem Judentum erläutert und so zu neuer iitib tieferer Anschaulichkeit bringt. Da hört sie von SaMson Raphael Hirsch und von Markus Lehmann, den beiden großen Männern im Westen, die ihren durch den Emanzipationstaumel krank gewordenen Brüdern.wieder die Genesung brachten, da liest sie in ihren Schriften' 'und der Traum von 1909 lebt wieder auf: Vielleicht gelingt es doch! Vielleicht ist das, was heute uns im Osten als ein Paradoxon dünkt, morgen zur Selbstverständlichkeit zu gestalten: Jude und Europäer, Jüdin und Europäerin! Vielleicht gelingt es, guter Gott im Himmel, gib mir Kraft, daß ich, Deine schwache Tochter, es vollbringe! Und kaum, da die Wogen des Krieges sie wieder in ihre Heimat gespült, beginnt sie das Werk! Sie sammelt einige Frauen um sich, erzählt ihnen von dem großen Erlebnis ihres Wiener Aufenthalts: Ihr! wißt von meinen alten Träumen, helft mir, daß sie sich erfüllen, laßt uns dafür sorgen, daß unsere Töchter Töchter des jüdischen Volkes sind. Helft mir, denn nur wir selber können uns helfen. - , - ■ •< -i':! Der 3 » r a e I i t Blätter 1. August 1929'. Und Sara, Me Schneiderin, wird zur Lehrerin. Sie sammelt 6, 10/20, 30 Mädchen um sich, in den Nachmittagsstunden, sie „lernt" mit ihnen, lehrt sie den Sinn des Judentums und weckt in ihren Herzen Eines, das vor allem nottut: Liebe zum Judentum: Begeisterung! Ein kleines Zimmerchen wird gemietet, bald muß es wieder geräumt werden, der Hauswirt (ein Jude natürlich!!) will in seinen, Räumen einen „Cheder" nicht dulden. Da hört ein Herr von der Arbeit dieser begeisterten Frau, er beginnt sich dafür zu interessieren: hilft ihr, wird ihr Berater und die Arbeit wächst und wächst. Aber es bleibt doch immer nur eine kleine „Reli- ♦ r r r r ♦ ♦ r r r r r r r r r r r r r r r r r r r r r 4 ♦ r r r r r r 4. 4.: r r r t r r r Der Tischo b'aw als Trauertag eines jeden Juden um die Zerstörung unseres Heiligtums ist wie kein anderer Tag geeignet, die Augen auf das gegenwärtige Erez Jisroel zu lenken. Leider hat die Not dort jüdische Eltern veranlaßt, über 500 Kinder in Missionsschulen zu schikken, wo neben dem Unterricht im Neuen Testament als Köder Speise und Kleidung verabreicht werden. Mehr denn je ist es darum Pflicht eines jeden bewußten Juden, dafür Sorge zu tragen, daß durch Erhaltung und Erweiterung des Schulwerkes der Agudas Jisroel (in welchem ärmeren Kindern ebenfalls materielle Unterstützung zuteil wird) diesen Zuständen ein Ende bereitet wird. Nach dem alten Weisheitswort, daß die Blüte eines Fasttages Wohltätigkeit sei fordern wir jeden Inden und jede Iüdin auf. den wert non mindestens zwei Mahlzeiten für die Förderung des religiöfen Schulwerkes in Erez Iisroel zu spenden! Die Spenden können den jeweiligen Orts- und Jugendgruppen überwiesen werden oder direkt an die Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel in Frankfurt a. M., Postscheckkonto Nr. 53 900 Frankfurt a. M. — Ausweis erfolgt in den „Blättern" der Agudas Jisroel. Möge -das S'chusdiefer Mizwoh dazu : führen, daß unsere jetzige' Generation, die Umwandlung -des Tifcho b'aw in einen Tag der Freude undder Feier erlebe. m! Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel 1 Frankfurt a. M., hanauerlandfir. 15 i 44444444444»44»»»»4»4»44»44444< gionsschule" — und die alten Träume der Schneiderin Sara flattern noch unerfüllt durch die Gassen. Glaubst d.ü an ihre Erfüllung'du Träumerin, du Schwärmerin? Wird« es dir gelingen, deinen polnischen Schwestern die Hilfe zu bringen, die du für sie erhoffst? Oder bist du zufrieden mit dem Erreichten? Du bist doch ein bescheidenes Gemüt, Sara, bleibe darum auch hier bescheiden, wozu die Welt rebellisch machen? Wirke in deinem engen , streife und freue dich deines Tuns. Du weißt! doch: Wer nur eine Seele geistig rettet, dem wirdangerechnet, als ob er eine ganze Welt erhalten!" ■; 3. D i e Erfüllung— 1 9 2 9.^ Und sie befcheidet sich nicht, denn sie war getragen von der Kraft einer großen Idee. Und das Werk hatte Bestand. Mehr als das: es wuchs und wuchs. . - Und heute, am 14. Zamus (22. Juli) finden wir sie in R a b k a , jenem lieblichen Karpathenkurort, wo das Semin,ar während der Sommermonate arbeitet. — Und in diesen Tagen werden hier gerade die Prüfungen durch den Schulrat der Bais Jakauw-Mädchenschulorganisation, den Direktor der Keren Hatorah-Zentrale, abgenommne und in den nächsten Wochen werden wieder 40 Lehrerinnen! ins polnische Land hrnäusfahren, 40 neue Schulen werden eröffnet werden und das heißt, 40 neue Mittelpunkte für jüdisches Leben! Was schreibe ich da? Hat mich die Gluthitze, die hier siedet, gepackt, daß ich von Seminar und Prüfungen und Schulrat berichte? Nein, ich bin wach und mein Herz ist wach, wach und froh, denn was ich tagtäglich sehe und erlebe, ist die Erfüllung jener Träume von vor 20 Jahren. Und sie. haben sich erfüllt, alle Erwartungenübertreffend. Ihren Brüdern wollte Sara sagen von ihrer Schuld und ihren Schwestern von dem, was ihnen fehlt! Und sie fand das Ohr ihrer Brüder und das Herz ihrer Schwestern! Zunächst wohl ihrer Brüder. Ein Mann besonders, der während des Krieges iry Westen gewirkt, hatte und dort den Segen einer systematischen Erziehung der jüdischer Tochter beobachten konnte, nahm sich der Sache liebevoll an und — erste Etappe in der Geschichte von Bais Jakauw — seine rastlose und drängende Tatkraft baute den Träumen Saras die erste Stätte ihrer Erfüllung: im Haufe Augustyanska 30 in Krakau wurde in -neun geräumigen, luftigen Zimmeru die erste Bais Ja k au w schule eröffnet. Und als man sah, wie segensreich sie wirkte und als man auch iu der Provinz hörte von dem Wunder der neugeborenen jüdischen Tochter, und von überall her der Ruf kam: „Gebt uns Lehrerinnen", da wurde die schlichte Lehrerin Sara zur Führerm: in -aller Eile bildete sie m ihrer Schule einige begabte Mädchen aus der Provinz aus, um sie -nach kurzer Unterweisung mit der Eröffnung weiterer Schulen zu betrauen, betrauen zu müssen. Ein aus der Not geborenes Wagnis. Doch Gott war mit Seinem Segen dabei und es gelang. Undim September 1924 gab es bereits außer der Krakauer Mutterschule 19 Schulen mit über 2000 Schülerinnen^ Im Herbst 1924 tagte in- Krakau der Zentralrat der Agudas Jisroel! Der Beschluß, den Direktor der allweltlichen Keren Hatorahzentrale mit der pädagogsichen Leitung vom B. I. zu betreuen, bedeutete ben zweiten Markstein in seiner Geschichte. Und soging es weiter aufwärts, Traum auf Traum reifteseiner Erfüllung entgegen. - ö - Die. ,Krakauer 'Mstatt. wurde 3% einem Lehrerinnenseminau ausgebaut-, t ü ch t i ge- Päd a - g 0 g e N des W -e st. e y s w u r ü e n v e. r - pflichtet, in zweijähriger, gründlicher Ausbildung, wurden die Lehrerinnen, zu 'tüchtigen Lehrpersönlichkeiten ausgebildet, in -.zweimonatigen Ferienkursen — Fortbildungskurs en, — die dieses Jahr zum fünften Mal stattsinden — das während der Seminarzeit Gelernte wiederholt und vertieft und so ist innerhalb des letzten! Jahrfünfts Bais Jakob das, geworden, was feine Gründerin einst träumte, ja, mehr als das: eine Mädchenschulorganisation, die heute über 150 Schulen, mit mehr denn 20 000 Hindern umfaßte Und wer so freundlich war und geduldig war, diesen Bericht bis hierher zu lesen, der wird erstaunt fragen,: Du sagst, daß das Seminar sich in Rabka befinde, du irrtest wähl, du meintest gewiß den Ferienkursus! Denn die Seminaristmnen werden doch wohl in Ktakau in ihrer gewohnten Umgebung, in den Sermnarräumen mit seinen Hilfsmitteln ufw. viel intensiver und ungestörter arbeiten können? Nein, ich irrte nicht! Aber Du, lieber Leser, Du irrst! Irrst wenn Du glaubst, daß in Krakau intensiver gearbeitet würde. Es kann nicht fein! Mehr als hier kann nirgends an Fleiß und Hingebung aufgewandt werden. Vom frühesten Morgen bis in die sinkende Nacht siehst Du die Seminaristmnen bei ihrer Arbeit, allein -beeinflußt durch das Vorbild

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