Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1929)
- Date
- 1929-08-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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iS-kr 2 Wr- 21 Wochenrundschau. Die not des Ostens. Der internationale Rat des Verbandes „Ort", der vorige Woche in Berlin getagt hat, brachte emige wertvolle Referate guter Sachkenner über die derzeitige wirtschaftliche Lage in den wichtigsten Ostländern. Es ist Pflicht der jüdischen Oessentlichkeit, von diesen nüchternen und' doch herzerschütternden Darstellungen immer wieder Kenntnis zu nehmen und «daraus den Ansporn für rastlose und opfervolle Arbeit im Dienste jedes ehrlichen Rettungswerkes zu schöpfen. Ueber die Lage inSowjeiruhland führte Dr. Zegelnitzky folgendes aus: Auch noch so bedeutende Erfolge der jüdischen Kolonisation — so führte Dr. Zegelnitzky weiter aus — vermögen nicht die Ungeheure wirtschaftliche Not des sowjetrussischen Judentums zu bannen. Das Tempo der Entwicklung des Kolonisationswerkes und der Kräftigung der bestehenden jüdischen Kolonien weitaus überholend, wächst die wirtschaftliche Zerrüttung und .der Verfall großer Massen der jüdischen Einwohnerschaft in den Städten und Stäbchen Weißrußlands und der Ukraine. Diese deklassierten Massen sehen jetzt ihre einzige Rettung «in der Einfügung in die Klein- und Großindustrie, sowie «in das Handwerk. Es 'wird daher dem Verband „Ort" als bleibendes Verdienst angerechnet werden müssen, daß er noch vor Jahren diese Entwicklung herannahen sah und rechtzeitig die Maschinen- und Rohstofseinfuhraktion in die Wege leitete. Die diesbezüglichen Verträge des Verbandes „Ort" mit der Sowjetregierung gestatten -es nun, eine planmäßige und ausgedehnte Tätigkeit sowohl zugunsten der Deklassierten, die zum Handwerk und zur Heimindustrie greifen müssen, als auch zum Besten des alten Handwerkerstandes zu entfalten. In der kurzen Zeitspanne von 7 Monaten (des Jahres 1929) haben sich beim „Ort-Büro" in Moskau rund 4500 Bewerber um Maschinen gemeldet. Um den Deklassierten den Uebergang zum Handwerk zu ermöglichen, werden jetzt von „Ort" in einer Reihe von Städten kooperative öffentliche Werkstätten eingerichtet, an «deren Finanzierung die lokalen staatlichen Kooperativen und Behörden beteiligt sind. Zur Herstellung von fehlenden Rohstoffen und Halbfabrikaten werden in Kiew und «Eharkow in Gemeinschaft mit dem „Agro-Joint", den Darlehenskassen und den lokalen Behörden sogenannte „Rohstoffbasen" eröffnet. Von besonderem Gewicht sist die Zuführung der Jugend der deklassierten jüdischen Beoölkerungsschichten zur Produktion. Eine Tragödie ohnegleichen ist das Schicksal dieser zu Hunderten und Tausenden zählenden berufslosen jugendlichen Massen. Aufgabe der jüdischen Hilfsorganisationen ist es, diese Jugend produktiven Berufen zuzusühren. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, werden jetzt in vielen Orten der Ukraine und Weißrußlands fachliche Vorbereitungskurse für Jugendliche eröffnet. Ferner werden Matz- Lö r S* rar l nahmen getroffen, um größere Gruppen von für die Jndustriearbeit geeigneten Jugendlichen aus den überfüllten Kleinstädten der einstigen „Siedlungsrayone" nach den zentralen Jndustrierayonen '— Ural» Donezbecken u. a. m. — wo größere Arbeitsaussichten und -Möglichkeiten bestehen, hinüberzubringen. An die Ausführungen Zegelnitzkys schloß sich ein nicht minder eindrucksvoller Bericht des „Ort"- Vertreters in P o l em, Dr. Silb erfarb , an: Der Referent zeichnete ein ergreifendes Bild des wirtschaftlichen Verfalls des polnischen Judentums, dem die Regierung des Landes gleichgültig tzegenübersteht. Mehr noch: - die Politik der Regierung gegenüber dem jüdischen Handwerker und Händler beschleunigt noch diesen Verfall in einem beträchtlichen Maße. Der Verfall des Judentums in Polen — rief Dr. Silberfarb den Ratsmitgliedern zu — ist eine stille Tragödie, über die die Öffentlichkeit außerhalb Polens nur wenig unterrichtet ist, die aber nicht mind er grauenvolltst als d as Elend des Judentums i n S o w j e t r u ß l cr n d. Er habe erst vor kurzem die Gelegenheit gehabt, die Lage des russischen Judentums an Ort und Stelle zu studieren und Vergleiche anzustellen; er könne «deshalb die obige Behauptung mit ruhigem Gewissen und voller Verantwortung aufstellen. — Der Delegierte B e ß arabiens , Agronom F e i g i n , führte aus, daß man infolge der Tendenzen der rumänischen Regierung den Handel in den Syndikaten und Genosseinschaften zu konzentrieren, schon für die nächste Zeit mit einem scharfen Deklassierungsprozeß der rumänischen Judenheit zu rechnen habe. In Veßarabien hat die wirtschaftliche Not der jüdischen Bevölkerung bereits die schärfsten Formen angenommen. Angesichts dieser Darstellungen kann man zwar die Entwickelung des „Ort"-Hilfswerkes, das für das kommende Jahr mit einem Budget von einer Million Dollar rechnet, aufs freudigste begrüßen, aber man muß sich vor Augen halten, daß noch ganz andere Opfer und -eine viel intensivere Anspannung aller Kräfte notwendig sein werden, wenn auch nur in minimaler Weise den Ansprüchen der wirtschaftlichen Not des Ostens Rechnung getragen 'werden soll. Nicht unerwähnt bleiben darf, daß von der einen Million Dollar, die Hälfte durch die osteuropäische Bevölkerung selber ausgebracht wird. Diesseits des Jordans. Zu den Wochenadschnitten. ’yoa niva Von Rabbiner Dr. Michalsk» in Karlsruhe!. „Langes Leben" birgt Gott „in Seiner Rechten". „Von Seiner Rechten kam das Feuergesetz ihnen." „In Seiner Linken Reichtum und Ehre" (Mischle 3, 16). „Des Klugen Herz strebt nach seiner Rechten, des Törichten Herz nach Seiner Linken" (Koheleth 10, 2). Zu diesen Törichten, nur nach Reichtum Strebenden, zu Seiner Muken sich Wendenden gehören, so meint der Midrasch, die Stämme Rüben, Gad und der halbe Menasses. „Sie vertauschten das Wesentliche mit dem Unwesentlichen, sie liebten ihren Besitz mehr als die Seelen. r-iWMn p arm nanaa ns iaane?. In erster Linie sprachen sie von den Hürden für die Herden, in zweiter Reihe erst von den Städten für die Kinder. Diese stellte Mose in seiner Antwort voran und rügte der Törichten Denkungsweise. Ihnen sprach Gott das Urteil: „Ihr liebtet Eure Herden mehr als die Seelen,^, bei Eurem Leben, nicht Segen ruht auf ihnen, „übereilt poran gestellter Besitz. bleibt schließlich nicht gesegnet" (Sprüche 20, 21).1) a-a nn laiaa Die Stämme diesseits des Jordans glaubten wohl, indem sie zuerst an ihre Herden dachten, im Interesse ihrer Familien, ihrer Kinder zu handeln. Ein sorgenfreies Bei Kopfschmerz, Zahnschmerz Erkältung, Rheuma hilft Bestandteile: Pheaac., Phenyldimethylp., || j nn Acetylsai., Coff. Irl. I »il»U in allen Apotheken Dasein, ein angenehmes Leben wollten sie ihnen verschaffen. wie glaubten, es ihnen schuldig zu sein. Doch nur zu dem Reichtum der Linken Gottes strebte ihr törichtes Herz. An die Seelen dachten sie nicht, nicht an das lange Leben, das Seine Rechte' birgt im Feuergesetz. Fern vom Heiligtum, weit abseits von der Stätte der Belehrung und Hingebung bauten sie Hürden und ^Städte. Den Besitz liebten sie mehr als die Seelen, vertauschten das Wesentliche mit dem Unwesentlichen — nicht blieb es gesegnet. Was frommte der Seele des Kindes, wenn keine «Gelegenheit war für ein belehrendes Wort, wenn die Sorge um Hürden und Herden einer Mauer gleich trennend sich stellte zwischen Seele und Seele und nicht Zeit ließ für Feueropser und Feuergesetz. Losgelöst vom strömenden snnd flutenden Leben Jerusalems lebten sie ihren Hürden. * Da erkannten sie die große Gefahr, die ihren Kindern drohte. Da wurden sie inne, daß sie Wesentliches mst Unwesentlichem pertauscht, daß übereilt vorangestellter Besitz nicht Segen bringe. Die Furcht wurde in ihnen wach, .ihre Kinder könnten dem Judentum verloren gehen. Von der Eroberung des Landes zurückgekehrt, bauten sie nicht nur Hürden, nein, sie bauten auch einen Altar, «am User des Jordans, hochragend und groß. Auf die Frage Israels, ob sie denn abfallen wollten von Gott,, da einen, eigenen Altar sie gebaut, riefen sie Gott als Zeugen an, daß dies ihnen ferne läge. „Aus der Befürchtung heraus haben dies wir getan, es könnten später Eure Kinder zu unseren Kindern sprechen, was geht Euch an der Ewige, der Gott Israels? Ihr habt keinen Anteil «an Gott! Eure Kinder könnten unsere Kinder fern halten, daß sie Gott nicht mehr fürchten" (Josua 22, 21 ff.). Es war die Befürchtung,-diesie für ihr?'Kinder hegten, daß sie durch ihre Lebensführung hem Judentum 1929 Zweierlei Misrachismus. ■ Gleich nach dem LeipziAet'DetegierWtatz der Nz deutschen Agudas Jisroel hat eine der angesehen- Wd stell Persönlichkeiten dies deutschen Misrachi, Pros. ■ * Adolf Frank e I in Kiel, in den „Blättern" einen Aufsatz veröffentlicht, der nicht nur in.acudistischen Kreisen, sonderin vor allem in den R-ihen des Misracht felb er Aufsehen erregte. Es war darin ausgeführt, daß. die Stellung einer weltanschaulich orthodoxen misrachistischen Fraktion innerhalb der zionistischen Organisation eine Art politischer Vernunftehe sei, auf der Erwägung beruhend, daß die praktischen Ziele des Erez Jisroel-Aufbaues auf traditioneller Grundlage nur im Zusammenhang mit den materiellen und technischen Mitteln der zionistischen Gesamtorganisation lösbar seien. Aber diese politische Zusammenarbeit bedeute k e i n e Gemeinsamk e i t d ex W e ltans chauun g und auch keine über die allgemein jüdische Solidarität hinausgehende g e f ü h l s m ä ß i g e V e r b u n, d e n - heit. In letzterer Hinsicht, insbesondere was die Weltanschauung betrifft, feien die Misrachisten vielmehr unlöslich mit der a g u d i st i f ch e n O r g a n i s a t i o n verknüpft undes sei Ausgabe eines ehrlichen Misrachisten, i n n e r h a l b d e r Aguda, sofern man ihm dort eine würdige Mitarbeit ermögliche, gemeinsam.mit allen Orthodoxen, an der Lösung der zahlreichen Aufgaben, die der gesetzestteuen Judenheit insbesondere in der Diaspora gestellt sind, zu wirken. Die Misrachisten in der Aguda dürften sich auch durch etwaige Rechtsverkürzungen (§ 4) nicht abfchrecken lasten, sondern müßten sich bewußt sein, daß ihr Platz dauernd in«n«erhalb der Gesamtorganisation der Orthodoxie sei. Es fei naturgemäß, daß in einer orthodoxen Organisation die Entwickelung langsam von statten gehe und daß wenn heute die Misrachisten noch nicht gleichberechtigt in der Aguda seien, diese Gleichberechtigung sich dennoch durchsetzen werde. JMeressanterweise haben nun diese Darlegungen Fränkels, die vor zwanzig Jahren zweifellos die Zustimmung von 80 Proz. des Misrachi gefunden haben würden, in dem Kreis der jüngeren Misrachisten starken Widerspruch herausgefordert. Als Sprecher dieses Kreises hat Herr Alexander Adler, der Sekretär des deutschen Misrachi, das Wort ergriffen und sich bemüht, den Nachweis zu liefern, daß der Gegensatz zwischen Misrachi und Agudas Jisroel durchaus weltanschaulich fundiert sei. Der Misrachi sehe das allwelt - liche Geschehen „von der Warte uneingeschränkter nationaler Zusammengehörigkeit, nationaler Verantwortung UNd nationaler Aufentfremdei würden — und die Einheit des jüdischen Volkes sollte ein Stein am Jordanuser künden. Uebereilt vorangestelltes Erbe blieb nicht gesegnet. Die ersten, die, — lange vor den anderen Stämmen — in die Hände der Feinde fielen, die Sancherib in die Verbannung führte, wären die Stämme, die diesseits des Jordans, fern vom Heiligtum, ihren Hürden leben zu müssen., geglaubt! Sind sie so selten in unseren Tagen, die da ^meinen, ihren Familien es schuldig zu sein, wenn in erster Resiw an Geschäft und Verdienst sie denken, um ihren Kindern ein sorgenfreies Dasein zu schaffen? Nach dem Reichtum der Linken Gottes strebt ihr Herz, von dem Gesetz der Rechten wenden sie sich ab, das Wesentliche tauschen s''e ein gegen Unwesentliches, Besitz lieben sie mehr als die Seelen. Was frommt Besitz der Seele des Kindes, wenn es den Vater kaum sieht, wenn selbst in den wenigen Minuten, die er im Hause weilt, nur vom Geschäft f spricht, nur an den Erwerb , er denkt, wenn gleich einer kalten undurchdringlichen Mauer Gewinn und Verdien t trennend sich stellt zwischen Seele und Seele? We't abseits leben sie von der Stätte der Belehrung und Hingebung, Nicht Zeit bleibt für Feueropfer und Feuengesetz! „Seid Ihr noch Juden, was geht Euch an dcr Ewige, der Gott Israels, Ihr habt kein Anteil an Gott , so könnten spater andere zu ihren Kindern sprechen, u>'d doch rvünschen sie die Einheit des Judentums. Geschwunden ist der Stein am Ufer des Jordans, der da warnt. : „Ueberall vorangestelltes Erbe bleibt nicht gesegnsder da mahnte: „Länge der Tage birgt. Gott in seit'-« Rechten", „ihr wendet des Klugen Herz sich zu". Geblieben ist diese Mahnung unb. Warnung, .Beherzigung heischend, «eindringlich tönend aus dem herben Geschick der.Stämme diesseits des, Jordans.