Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1929)
- Date
- 1929-07-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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25. Juki 1929 Der Israelit Nr. 30. Schauergeschichte« von der „extreme« Orthodoxie". Die Jüdische Tslegraphen-Agentur verbreitete porige Woche eine gruselige Geschichte, wonach ine „extrem-orthodoxe" Organisation „Schützer von Jerusalem", die unter Leitung von Oberrabb-'ner Sonnenfeld, dem Führer der Aguda, stehe, emen Bann über die Evelme v. Rothschild- Schule in Jerusalem verhängt und den Eltern, die nicht parieren, die Chaluka gesperrt habe. Bisher seien nur die zionistischen Schulen in den Bann getan worden und die Ausdehnung auf die unter Leitung von Frl. Landau stehende Eveline v. Rothschild-Schule habe in Jerusalem große Ueberraschung hervorgerufen. Diese Nachricht ist für den Eingeweihten unschwer als ein Gewirr von wahren und falschen Angaben zu erkennen. Es handelt sich durchaus nicht um irgend -eine neue Aktion. Die geheimmsvollör.' „Schützer von Jerusalem" sind nichts anders, als der Kolel „Schomre hachomoth", d. h. der ungarische Kolel in Jerusalem, der v o n j e h e r daraus gehalten hat, daß seine Angehörigen keine europäischen Schulen besuchen. Der „Bann", von dem hier gesprochen wird, ist überhaupt nichts Neues, sondern es ist das uralte Verbot gegen moderne Schulen, das vor mehr als 100 Jahren von den damaligen anerkannten rabbinischen Führern aller Juden Erez Jisroel ausgesprochen worden ist, weil man der Ueberzeugung war, daß das moderne europäische Schulwesen einen vernichtenden Einfluß auf die Frömmigkeit und insbesondere auf die Thorakun.de der Heranwachsenden Jugend ausüben werde. Unter dieses Verbot fallen alle Schulen, in denen fremde Sprachen schulmäßig unterrichtet werden. Es richtet sich keineswegs gegen die Wissenschaft als solche, weil es jedem Vater und Lehrer unbenommen ist, im Privatunterricht seinen Kindern alle wissenschaftlichen Disziplinen' beizubringen. Richtig ist ferner, daß der ungarische Kolel seinen Angehörigen nur insoweit Unterstützung gewährt, als sie sich anerkannten rabbinischen Verboten fügen, nicht aber die ganze gemeindliche Disziplin unterhöhlen. Es ist anznnehmen, daß diese Bestimmung dem Willen der ungarischen Spender durchaus entspricht. Jedenfalls handelt es sich bei der ganzen Sache um eine ausschließlich ungarische Angelegenheit. Unbestritten dabei ist, daß die Eveline v. Rothschild-Schule getreu dem Standpunkt ihrer Leiterin in durchaus religiösem Geiste geführt wird; die Orthodoxie erblickt aber in dem uralten rabbinischen Verbote geltendes Recht, das nicht durch die Willkür des Einzelnen außer Geltung gesetzt werden kann. Das Bedürfnis nach jüdischer Bildung. Von Alm« Paillere in Paris. (Aus dem Unioers Jsraelite übersetzt von M. C.) Die nachfolgenden Ausführungen Pailleres berichten über die Entwicklung der in Straßburg gegründeten jüdischen Volkshochschule, die als erfreuliches Zeichen jüdischer Renaissance in Frankreich zu werten ist — freilich nur als Vorbote wirklichen Wiedererwachens, wie es nur durch eine Ieschiwo original jüdischen Charakters gewährleistet werden könnte. Auch diese wird kommen. Red. Im vergangenen August hatte sich in Straßburg anläßlich eines Kongresses^) -ein kleiner Kreis von Menschen eingefunden, die, für das Judentum begeistert, ihre Gedanken austauschten und gemeinsam die Mittel suchten, wie man am nützlichsten die „jüdische Renaissance" unterstütze^' könnte, von der gerade damals der besagte Kongreß ein bemerkenswertes Zeugnis ablegte. Alfonfo Pacifici, der hier eine Atmosphäre gefunden hatte, in der sich fein glühender Idealismus frei bewegen konnte, unterhielt andauernd jene vertraulichen Gespräche. Herr Rabbiner Dr. Nacht gab seinerseits, auf einfache und gewinnende Art, Proben seiner tiefen Gelehrsamkeit. Alle waren sich darin einig, daß dem Westjudentum eine spezifisch jüdische Bildung fehlt, und daß die von den Vereinen organisierten, mehr oder weniger regelmäßigen Vorträge über sogenannte jüdische Themata vollständig unzureichend smd, um diese Lücke auszufüllen. Diese Tatsache ist schon oft von den Leitern der U. U. I. I. festgestellt worden. Andererseits hat auch der Verein „ C h e m a Israel "') Tönge3gasse25~2? 3 4msteSsm Zeit 95 ISUsJ A![eUhren u.Schnudc werden umqeiauschi oder umgearbeiheh. 1) Es handelt sich um den Kongreß der 1l. U. I. I. (- Union universelle de la Jeunesse Juive) im August 1928 in Straßburg. Herr Paillere ist zurzeit Präsident des Verbandes. (Anm. d. Ueberf.). -) Verein für Erziehung und Propaganda im religiösen Sinns; Sitz in Paris, einige Ortsgruppen in größeren Städten Frankreichs. Die Führer des Vereins in Paris sind ehrlich bestrebt, das gesetzestreue Judentum in Frankreich zu verbreiten. (Anm. d. Üebers.). ohne Zweifel die Unmöglichkeit eingesehen, nur auf diese Weise das Niveau des französischen Judentums zu heben, und daher die Notwendigkeit, auf mehr Gründlichkeit und Vollständigkeit beim Unterricht Wert zu legen. Was nun die Rabbiner betrifft, so bedauern sie es am allermeisten, daß das bißchen „Katechismus", das in den Religionsstunden gelehrt wird, das einzige Material ist, das die moderne jüdische Jugend in Frankreich mit auf den Weg bekommt; selbstverständlich bleibt davon nicht viel übrig im Vergleich mit den Kenntnissen, die man sich am Gymnasium und an der Universität aneignet. Das Wort „Katechismus" allein beweist schon, daß das Judentum bei uns seine richtige Bahn verlassen hat. Vor etwa 15 Jahren schrieb M. Vexler in einem heute vergessenen Artikel: „Die jüdische Kultur hat das Judentum ermöglicht; das Judentum hängt ganz von der Art seiner Kultur ab." Der Verfasser machte somit mit vollem Recht einen Unterschied zwischen jüdischer Kultur und Wissenschaft des Judentums; letztere braucht nämlich durchaus «nicht spezifisch jüdisch zu sein, und in der Tat wurde sie vom 19. Jahrhundert bis heute von zahlreichen Christen gepflegt. „Da aber das Judentum immer -eine Kultur war oder von einer Kultur abhing, so kann man es nicht davon trennen ohne es zu entwurzeln und ihm allen Lebenssaft zu nehmM«. Nach unserer Ansicht kommt der Mangel an jeder selbständigen Vitalität im modernen Judentum von nichts anderem; es fehlt ihm eine Atmosphäre ausgedehnter jüdischer Bildung." Nach M. Vexler wäre es anders gekommen, „wenn der Uebergang vom Ghetto zum modernen Leben sich ruhig und würdevoll vollzogM hätte, wenn der Jude Zeit gehabt hätte, sich auf sich selbst zu besinnen, wenn er sich nicht so eiligrund mit solcher Feigheit seiner früheren Gestalt entledigt hätte, daß die Geschichte vielleicht später dies als den großen Schandfleck der Juden des 19. Jahrhunderts betrachten wird . . . Die fixe Idee, daß von jetzt ab das Judentum nur noch eine „Konfession" sein köniN'e und dürfe, hat seinen geistigen Bankrott so vollständig gemacht, daß selbst diejenigen, die einer speziell jüdischen Bildung noch so feindlich gegenüberstehen, sich kaum noch damit abfinden können." „Wir wollten nichts als Theologen sein", schrieb wehmütig der junge Rabbmer, und nun stellt sich unsre radikale Unfähigkeit im Gebiete der Theologie heraus." Diese mutigen Worte bestätigen nur eine recht traurige Tatsache. Aber die Wirklichkeit ist noch beredter. Wenn man an der Vergangendes praktischen Wissens. Und so geht es weiter in der menschlichen Kritik. Der Jähzorn raubt jede Fähigkeit zu lehren und das Gemüt der Menschen gütig und ernst zu leiten. Die Vielbeschäftigkeit raubt jede geistige Konzzentrationsfähigkeit und macht ebenfalls zum rechten Wandel unfähig. Aller dieser Verschwommenheit gegenüber wird der aufrechte Mann als Vorbild aufgezeigt. Wo es keinen gibt, bestrebe Dich, ein solcher zu sein. Diese aufrechte Menschlichkeit, der ethisch und religiös normierte innere Mensch, die gerechte in Gott ruhende und von ihm geleitete Welt, das Mensch als Erfüller Gottes und seiner heiligen Lehre» die menschliche Gemeinschaft als die sittlich gebundene Gemeinschaft, der jüdische Mensch als erkorenes Werkzeug, Thora und Sittlichkeit zu realisieren, das sind die Hauptzüge der Hille! scheu Lehre. Ein von ihm berichtetes Gleichnis beleuchtet dies noch von einer anderen Seite. Er sah einst einen Schädel -nuf dem Wasser schwimmen. Da sprach er zu ihm: -ps'vv *pai -psu« üsb«*! by „Weil Du ertränkt hast, hak man Dich ertränkt, und das Schicksal Deiner Ertränker ist, ebenfalls zu ertrinken." Ihn, den gwtzen Weisen, faßt beim Anblick des Schädels keine Hamlet'sche Verzweiflung über die Richtigkeit alles Irdischen, auch bricht er nicht in düstere und Melancholische Parorysmen aus. Hellsichtig und ethisch geleitet sieht er vielmehr das Auf und Ab der menschlichen Geschichte, sieht Schuld und Sühne. Der Mensch, als mit Verstand und Willen begabt, wird für feine Handlung verantwortlich gemacht, und wll ^ur Rechenschaft gezogen werden. Vom Menschen wird verlangt, daß er sich durch Moral und ethische Marime leiten läßt. Keine Gewalt und keine Amoral sind sanktioniert. Durch die höchsten Prinzipien der Re'- ligion und Moral kann und soll der Mensch sich leiten und erziehen lassen. Verfällt er in das Gegenteil, so ist er auch schon der Sünde, und damit der Ahndung und Strafe verfallen. Diese Ahndung und Strafe aber kommt von Gott. So klingt noch dieses Gleichnis vom Schädel, den er auf dem Wasser schwimmen sah, in der Verherrlichung der Gerechtigkeit Gottes aus. kleines Feuilleton. Brudermörder Friedländer und der Berliner Religionsunkerrichk. Von Carl Bach. Zeitunglesen ist gar nicht so langweilig, wie man manchmal glauben machen will. Selbst leitende Artikel können noch Ueberraschungen bergen, von denen mau sich nicht leicht hätte t'äumen lassen. Wenn man zum Beispiel die Ausführungen des Schulreferenten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin im Hamburger Israelitischen Familienblatt vom 4. Juli liest, fragt man sich, was da sensationeller ist: der Mordprozeß Frie>dlander oder das Märchen, das der Autor an ihn knüpft. Denn die traurige Geschichte, des 19jährigen Brudermörders gibt da dem Sachverständigen für den Religionsunterricht in Berlin Anlaß zu ganz merkwürdigen Meditationen. Er hört, daß die russisch-jüdische, Familie, in der sich die Tragödie ereignet hat, aus „gesetzestreuen" Kreisen stammt und nimmt an, daß sie auch noch zu ihnen gehört. Schulreserent, der er nun einmal ist, interessiert ihn dis Frage, ob die Kinder Religionsunterricht genossen haben. Wahrscheinlich hat er dann in sicher sehr umfangreichen Listen den Namen Friedländer gesucht und seststellen können, daß sie seinen, den von der jüdischen Gemeinde inspizierten Religionsunterricht nicht besuchen. War diese Feststellung getroffen, so gehört nur ein ganz mittelmäßiges kriminalistisches Talent dazu, den rätselhaften Mordsall auszuklären. Denn die Rechnung ist jetzt sehr einfach: gesetzestreue Kinder, die nicht den gemeindlichen Religionsunterricht besuchen, lernen wahrscheinlich in irgend einer privaten thoratreuen Religionsschule — was? — Mord und Totschlag. Denn, es erscheint doch unter solchen Umständen, wie der kompetenter Kenner tes Relisionsuiiterrichies ausführt, daß sich der Religionsunterricht nur darauf beschränkt hat, „Kenntnisse auszuhäufen und gewisse Hebungen gn beobachten", und wenn das so gewesen ist, „trägt er ja wohl einen Teil der Schuld an dem U n g l ü ck." Das ist einleuchtend, Herr Hirschfeld. Es gibt in der Tat keine Gewähr dafür, daß nicht „gewisse Uevungen" zu Mord und Totschlag erziehen — sofern die Religionsschule nicht Ihrer bewährten Aufsicht untersteht! Sie tun recht daran, die Verantwortung für alle Brudermorde, die sich außerhalb Ihres Amtsbereichs ereignen, von vornherein abzulehnen. Außerhalb der Mauern, in denen Sie Akten wälzen, ist ein unbekannter Toter gefunden norden, und Sie beobachten eine biblische „gewisse Hebung", wenn Sie vor das Volk treten und erklären. „unsere Hände haben dies Blut nicht vergossen". Das Geheimnis soll Ihnen verraten werden, Herr Hirschseld, daß in der Tat die Brüder Friedländer eine Religionsschule besucht haben, die von Ihnen noch nicht erfaßt ist. eine Schule, die, wie Sie gehört haben, den stärksten nur denkbaren Eindruck auch auf diese Kinder gemacht hat, eine Schule, in der wirklich Kenntnisse aufgehäuft und gewisse Hebungen gelehrt werden. Auch darüber darf ich Sie beruhigen: „Die unglücklichen Brüder halten einen Religionslehrer, der sich auch um ihr Gemüt gekümmert hat." Trotz alledem hat sich das