Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1929)
- Date
- 1929-07-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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©eite 2. Nr. SV Ter Israeli! 25. JuR 1929 Oder das spontane Gebet, das sich frisch aus dem Herzen entringt, aus der Not geboren ist und feine eigenen lapidaren Worte findet. Solche aus dem Augenblick geborenen Gebets, neben den vorgeschriebenen und altgeheiligten, stehen im hohen Ansehen, finden Erhörung, und das AchLzehngebet gewährt ihnen an einer bestimmten Stelle breiten Raum. •'.nb’Sn »awn TOIX bb'ä) Glauben die Herren ernstlich, daß Leute, die mit den Traditionen der „Männer der großen Synode" gebrochen, die Formulierungen eines Raban Gamaliel, Schimeon Hapakuli und Samuel Hakaton als schematisch ablehnen, diesen neuen Schemen plus gereimten Chorgesängen eher als Schlüssel zu ihrem Herzen akzeptieren? Oder werden die zu Andacht Gestimmten ihre spontane Gebetstimmung von der „Kommission" unter Vorsitz des Herrn Dr. Seeligmann „im Aufträge der Verwaltung der Israelitischen Gemeinde" beziehen? Es scheint uns dies eine beleidigende Unterschätzung der Mentalität und des Kullurstandes der liberalen Mitglieder zu sein. Und dennoch geht die Welt weiter. Mit diesem neuen Gebetbuch ist das liberale Judentum um einige beträchtliche Nasenlängen weiter nach der Richtung der jüdischen Gasse gerückt. Man darf glauben und hoffen, daß eine dritte Auflage noch mehr einlenkt und sich einrenkt. Aber mit dem nr.n wird das sr»w in diesem Gebetbuche erst dann gekrönt sein, wenn die Platzangst ganz weicht, die Scham und Scheu vor allem, was mit Zion und Jerusalem zusammenhängt, ganz schwindet. Heute steht das liberale Gebetbuch jedenfalls noch immer unter dem dreifachen Unglücksstern der grundsätzlichen Leugnung, der törichten Angst und der vollendeten Trostlosigkeit. oemsauBBiBxsaBKammBamamammBmBamaBBmmmmmmmBm wochenrundschcru. Der &ongtef$ gegen den Imperialismus. Es ist eine nach manchen Richtungen merkwürdige Tagung, die in dieser Woche in Frankfurt zusainmen getreten ist und die, wenn auch ihre aktuelle politische Bedeutung äußerst gering einzuschätzein sein dürfte, doch weite Horizonte in zukünftige weltpolitische Entwickelungen hinein eröffnet. Vertreter aller möglichen Kolonialländer der verschiedenen Erdteile kommen zusammen, um ihre Stimme für die menschlichen und politischen Rechte der eingeborenen Nationen zu erheben und gegen das zum Dogma gewordenen Prinzip anzukämpfen, daß das zivilisierte Europa von Gottes und Rechts wegen Eigentümer der ganzen Erde sei. Inwieweit diese Proklamation der nationalen Rechte minder zivilisierter Stämme Aussicht auf Verwirklichung hat, wird gänzlich von der kulturellen und zivilisatorischen Entwickelung dieser Menschheitsgruppen selber abhängen. Für die nächsten Jahrzehnte darf man wohl damit rechnen, daß die zweifellos überlegene wissenschaftliche, technische und künstlerische Kultur der europäischen Nationen, insbesondere der großen Weltstaaten, weil sie sich auf Kanonen und Maschinengewehre stützen kann, die Aspirationen, zu deren Sprachrohr sich der Frankfurter Kongreß macht, > kampf gegen die Religion und die heiligsten Güter des Gewissens führt. Da ist leider von jenem Rechte, das mit uns geboren ist, mit keinem Sterbenswörtchen mehr die Rede und rohe Gewalt spottet aller menschlichen Bindungen, die svnst Söhne an Väter, die Gegenwart ehrfürchtig an die Vergangenheit anschließt. Ein unangebrachter Protest. Von Paris wird gemeldet, daß das bekannte jüdische Minderheiten-Schutzkomitee (Leo Motzkin) sich für berufen erachtet hat, dem rumänischen Gesandten in Paris eine Erklärung zu überreichen, in der es u. a. heißt: „In Anbetracht dessen, daß die rumänisch« Regierung ungeachtet der einmütigen Opposition des rumänischen Judentums dem Parlament einen Gesetzentwurf über die Organisation der jüdischen Gemeinden vvrgelegt Hut, der dazu angetan ist, die Einheit der Gemeinden zu zer- _ stören, wobei zu bemerken ist, daß andere Regierungen s,'Thh nnfhirho Vvnm « nEnnrnmn aoapnllävkm-!die in Deutschland, Polen, Lettland, Estland,. Bulsur öte pomrsche Praxis vollkommen gegenstanosujm bas P^zip der Einheit der jüdischen Getos machen wird.; meinde verwirklicht haben; und da die rumänische Re- Für UNS Juden hat der Kongreß um des- Gierung es abgelehnt hat, zur Lösung der Frage eine willen einiges besondere Interesse, weil angekün- Konferenz der jüdischen' Gemeinden eiuzuberusen; drückt digt wird, daß auch arabische Vertreter daran teilnehmen sollen. Diese arabischen Vertreter wollen den arabischen „Imperialismus" gegen den englischen ausspielen, denn es unterliegt der Rat zum Schutze der Rechte der jüdischen Minderheiten sein Befremden und sein Mißfallen darübler aus, daß die Regierung Maniu ihre gegenüber der jüdischen! Wählerschaft, von der sie gestützt wurde, übernommenen Verpflichtungen nicht einhält. Der Rat gibt der Hoffnung avlehnenden Haltung gegenüber den arabischen Ansprüchen vorwirft. Im Grunde birgt sich hinter den scheinbar rein ethischen Postulaten dieser und ähnlicher Kongresse leider doch ittimer wieder der Machtanspruch der einzelnen Menschengruppen. Dieser Anspruch erscheint als sittliche Forderung, solange er um ideale Geltung ringt; aber er enthüllt sofort sein egoistisches Gepräge, sobald der Erfolg ihm einen Platz an der Sonne verschafft. Man braucht sich nur vor Augen zu halten, wie verschieden der Kommunismus dort aussieht, wo er auf antiimperalistischen Kongressen die Menschenrechte verkündet und dort wo er, wie beispielsweise in Sowjetrußland, die Zügel der Macht in der Hand hat und einen schonungslosen, barbarischen Vernichtungskaum einem Zweitel daü das Arabertum fing 'Ausdruck, baß bi« rumänische Regierung tvi« Ävg«i«gLnaum einem caß oas ziraoermm üas iernier neuerlichen Prüfung unterziehen/ wird." heute von England emtqermaßsn in Schach ge-j «>. r H \ < . halten wird, sich sofort mit der gleichem Vehemenz! ..s. ^v-r - 6 aeaert die politische Gleickbereckitiauna der iübt=ilmöe&8te Emmrschung m Öte inneren Verhaltmäniens bei ihrer Vergewalligmigspolitik gegen die Gewissen der gesetzestreuen Juden zu Hilfe zu kommen. Unwahr ist, daß in Deutschland die einheitliche Zwangsgemeinde bestehe; vielmehr gibt es bekanntlich überall in -Deutschland — mit Ausnahme von Bayern und Sachsen — die gesetzliche Möglichkeit, selbständige orthodoxe Gemeinden zu bilden. Unwahr ist auch, daß die rumänische Judenheit einmütig die begrenzte Freiheit der Gemeindebildung, die der Entwurf vorsieht, mißbillige. Der Minister beruft sich mit Recht auf die gegenteilige Stellungru i-me zahlreicher rabbinischer Autoritäten der Orthodoxie. Die rumänische Regierung sollte auch nicht vergessen, daß selbst in Polen, wo die Einheitsgemeinde feit Jahrhunderten eingebürgert ist, heute starke Strömungen auf den Austritt hindrängen, weil die Erfahrung zeigt, daß es ohne schwerste Gewissensbedrückung unmöglich ist, die widerstreitenden Weltanschauungen innerhalb desselben Zwangsverbandes zu befriedigen. Jod-Bad Tölz Kurpension Hellmann Bietet bei massigen Preisen das Beste an Unterkunft und Verpflegung. Aus den „Sprüchen der Väter". Aus dem Nachlaß von Professor Adolf Weyl. l Schluß.) So wird der einzelne Mensch auf metaphysische Weise in den religiösen Zusammenhang mit Thora und Zibbur gehoben. Zibbur wird das Lebenselement, die stete Verpflichtung, in jedem Augenblick, gleichzeitig, richtig verstanden, die jederzeitige geschichtliche Verwirklichung des gelebten Thoragesetzes. Der Individualismus des Einzelnen zvird relativiert gegenüber dem Üniversalismus der Thora und ver geschichtlichen Wirklichkeit des Zwour. Darin ist auch die Erkenntnis enthalten über die Hinfälligkeit und Schwäche jedes einzelnen Daseins, -jfrm ar> -pssn pstn *>ki „Glaube nicht an Dich bis zu Deinem Todestage." Erst mit diesem Tage löst sich ja das individuelle Schicksal auf und kehrt zur endgültigen Ruhe zu Gott zurück. Erst an diesem Tage vollendet sich ja das individuelle Leben und nimmt innerste Klarheit und endgültiges Gesicht an. Vorher aber weißt Du noch nichts Endgültiges über Dich. Darum glaube nicht an Dich bis zu Deinem Todestage. Dress Schwierigkeit des Menschen, sich selbst zu erkennen, mutz angemessen übertragen werden aus die Erkenntnis der Mitmenschen. Diese ist ja bekanntlich nicht allzu gütig und selbst nicht einmal versuchsweise objektiv. Denn jeder Mersch ist, was schon rein psychologisch verständlich ist, allzusehr in sich selbst befangen, und legt daher bei der Beurteilung seiner selbst und der Mitmenschen, allzu gerne zweierlei Matzftab an. Der weise Lebenswandel verlangt aber auch hier die Heber vindnng der Eigensucht. Diese läßt uns ja allzu oft voreilig Richter? und Abnrteiler sein. Darum lehrt uns jetzt die Mischna: V'ZNV n? -pan n» p"?n „Richte richl Deinen Mitmenschen, bis Du in seine Lage gelangt bist." Erst so wirst Du gerecht und gütig sein können, und gleichzeitig eine jmenschenmögliche Weisheit erreichen. Die ethische Situation schließt so die logische, erkenntnismäßige und wahrhaft philosophische mit Notwendigkeit ein. llnd so ergibt sich in prachtvoller Weitsrentfaltung des bisherigen Gedankens im folgenden Abschnitt der Mischna -geradezu die Umkehr des bisherigen Gedankens: Thesis und Antithesis. Man könnte doch nach dem bisherigen meinen: den Mitmenschen kann ich nicht erkennen, bevor ich nicht in seine Lage genau gelangt bin; ach, begrenzt ist das menschliche Wissen, begrenzt die menschiche Erlemttnismögl Hielt überhaupt. Und das .Ganze könnte dann enden in einem logischen und daher auch praktischen Nihilismus, daß, ach, so vieles, wenn nicht gar -alles unmöglich zu wissen und zu erkennen sei, und daß daher überhaupt gar keine zuverlässige Handhabe für das menschliche Tun vorhanden sei. Und so würde man zur Verachtung und Verächtlichmachung des den Menschen von Gott gegebenen Verstandes und der Vernunft, als Richtschnur glles menschlichen Handelns, gelangen. Darum heißt es jetzt: snv b 1310E7 yinwb upsr -81? sao ovin „Sage nicht von einer Sache, daß sie unmöglich zu verstehen sei, und am Ende wird sie doch verstanden werden." Indem den Menschen Vernunft und Verstand von Gott gegeben worden sind, sind sie ihm ja gegeben worden, damit zu erkennen und die Richtschnur für das ethische Handeln 'zu gevinnen, und um mit jeder erfolgreichen Leistung seine- Erkenntnisfunktionen eilten Schütt näher zu gelangen zum Glanze Gottes. Daher ist es selbstverständlich, daß der gegenwärtige Gedanke nur richtig ergänzt werden kann mit dem erneuten und für stets und jeden Augenblick selbst der Vielbeschäftigkeit geltenden Hinweis, in Gottes Lehre zu lernen, msn ab nnv nzvre nwnvai' -ikrd brri „Sage nicht, wenn ich Muße haben werde, 'will ich lernen, vielleicht wirst Du niemals Muße haben." Du möchtest Muße haben, Du willst erst abwarten, bis Du Zeit hast? Aber Zeit und Muße werden auf sich warten lassen, und Du hast versäumt und wirst weiter versäumen, aus der Thora die erforderlichen Maßstäbe für Deine Welierkenninis und Deinen tätigen Lebenswandel zu suchen und zu finden. In diesem Jetzt mußt Du Zeit und Muße sindca, dann hast Du die Möglichkeit eines gottgefälligen iicbens. Wartest Du erst auf Zeit und Muße, dann wird sich Dein Warten selten oder wohl nie erfüllen. Aber wenn Du es willst, hast Du Zeit und Muße immerdar. Oft find nur wenige Augenblicke erforderlich, denn durch die innerliche Richtung auf die Thora wird der strebende menschliche Verstand und das menschliche Herz.. immer mehr und mehr auf sie gerichtet, und schlägt so langsam aber sicher den richtigen Weg ein, zu lernen, zu lehren, und zu tun. Dieser Begabung der menschlichen Natur tritt als Konsequenz die Verneinung alles dessen gegenüber, was der Verwirklichung aller jener positiven Tendenzen hinderlich ist oder ihnen gar störend in den Weg tn.'t. Rvn kt "12 s'R „Ein ungebildeter Tor scheut die Sünde nicht." Wieso auch, er ist ja Tor, und bringt alle Voraussetzungen mit sich, um in seiner Torheit zu straucheln, -ran pxn d? ni>i „Ein Unwissender kann nicht fromm sein." Gewiß, er möchte wohl schon, aber ihm fehlen dazu alle sachlichen Voraussetzungen der Erkenntnis und