Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1929)
- Date
- 1929-07-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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11. IM 1929 Der Israelit Nr. 28. Seite 7 Der Rhythmus 'ist das Prinzip des Werdens, wie - die Harmonie das Prinzip des Seins ist. Arithmetisches kann nicht werden. Disharmonisches kann nicht sein. Das Rhythmische ist die Vorbedingung für das Harmonische und die Grundlage für das Rhythmische wiederum ist das- Remerhaltmde. (Taharoh.) Nicht der äußere Widerstand formt die innere Kraft, sondern die lebensbejahende innere Kraft und Geschlossenheit bezwingt den ihr entgegenstehenden Widerstand. Hier ist das große Aktivum des Werdens, d. i. der Entwicklung. Werden und Sein sind die beiden» Pole der menschlichen Natur. Werden ist Veränderung, Sein Beharrung. In seinen philosophischen Briefen hat der unsterbliche Schiller in unübertrefflicher Weife dargelegt, wie der Gegensatz zwischen Stofftrieb und Formtrieb durch die äußere Kultur, und zwar durch das Aesthetifche versöhnt wird. -Aber nicht nur Versöhnung, sondern Ueberwmdung der Gegensätze ist das Ziel, und sie kann nur aus dem Innern kommen, nämlich durch das Religiöse. Jüdische Schularbeitsgärlen. Von L. L. Berufsumschichtung ist seit langem ein geflügeltes Wort. Es ergeht ihm aber wie den meisten Schlagwörtern: Diele führen es im Munde, die wenigsten wissen den ganzen Umfang seiner Bedeutung und noch seltener findet man die Erfüllung seines Sinnes durch die Tat. Hier sollen einmal an einem Einzelglied des Umschichtungsprozesses — dem Schularbeitsgarten — einige wesentliche Gesichtspunkte, die eine intensive Förderung feer Berufsumschichtungsbewegung zu der so unabweisbaren Forderung erheben, aufs neue dargestellt werden. Zunächst: Was ist ein Schularbeitsgarten? Es ist das in einfachster Form ein in möglichster Nähe der Schule gelegener Garten, in Beete aufgeteilt, die während der Unterrichtszeit, alljährlich während der ganzen Schulzeit von den Kindern mit' Blumen, Gemüse und Obst bestellt, auch vollkommen zu bearbeiten sind. Meist ist dieser mit dem Schulgarten im alten Sinne verbunden, der zur Anschauung und Beobachtung der lebenden Natur Lehrmittel für dennaturkundlichen Unterricht bietet. Schularbeitsgärten bestehen bereits an einer ganzen Anzahl von Schulen und die guten Erfahrungen, die man mit ihnen während eines Jahrzehntes machte, führen zu einer immer weiteren Verbreitung. Der erwiesene Nutzen dieser Gärten ist gerade für unseren jüdischen Belang recht hoch zu bewerten. Es unterliegt keinem Zweifel, daß ein harmonisches Menschenleben ohne nähere Beziehung zur Natur und zum Boden aus die Dauer nicht möglich ist. Unser Verhältnis zur Natur ist von Grund aus zerstört und die verderblichen Folgeerscheinungen dieser gelösten' Bindung machen sich bedrohend bemerkbar. Die hohe, aber einseitige Geistigkeit kann nicht auf die Dauer die einzige Richtkraft unserer Seele bleiben. Es ist eine Tatsache, daß eine tiefgreifende Störung des inneren Gleichgewichts bei uns sehr häufig anzutreffen ist und viel von dieser Schwäche steht mit der Naturentfremdung >m Zusammenhang. Die Arbeit an der Scholle erzieht zur Bedächtigkeit,- sie ist ein Heilmittel gegen die unsägliche Unrast unserer Tage und fast zwingt sie uns gleich einer Offenbarung die Erkenntnis naturgegebener Dinge auf. Tiefe Erlebnisse können aus dieser Arbeit entstehen, Erlebnisse, die die religiösen Kräfte wecken. Hand in Hand mit dieser nachhaltigen allgemein-menschlichen Berührung schreitet für uns ein tieferes - Eindringen in jüdische Welten. Unser Schrifttum entspricht dem Wesen eines, mit der Natur lebenden < Volkes: < Sn spricht das Naturgefühl, das viele Psalmen durchzieht; zu dem> der mit der Natur lebt, .ganz anders. - Die Gebete er- Halten einest -viel tieferen Sinn Mv>-denp;deriM in - versenkteSchönheitder -Natur entlehnter^ Und heit, Tagesfragen der jüdischen Kolonisation zu erörtern und damit wird in den jungen Menschen Gleichnisse und Bilder zu heben vermag. unsere Feste? Wie viel Verbundenheit mit der Scholle und ihrem Segen spricht aus ihnen. Die Verlebendigur.'g unserer Feste ist eine wertvolle Frucht der Arbeit am Boden. Nicht nur einen wichtigen Schritt zur Gesundung von Körper, Geist und Seele bedeutet die so vollzogene Einführung des „Gartenbaues" als Unterrichtsfach. Vielmehr erschließt sich hier eine schier unerschöpfliche Quelle für den naturwissens chaftli chen Unterricht. Der Schularb eitsgarten liefert dabei durchaus nicht nur Material für den botanischen Unterricht. Selbst dieser wirst aber bedeutend lebendiger gestaltet, tritt dochdie Pflanze jetzt als Lebewesen in Men Phasen seiner Entwicklung mit seinen wechselnden Ansprüchen und Lebensäußerungen in Erscheinung. Vögel, Insekten, höhere Pflanzen» und Pilze stellen sich als Schädlinge der Kulturpflanzen dar und leiten über einmal zu zoologischen Betrachttm- Me Woche. Berlin. Der kanWWgV Vorsitzende des Vorstandes der Berliner Produktenbörse, Leopold Bad t, ist am 6. Just, wenige Monate nach Vollendung feines 70. Lebensjahresi, verstorben. Leopold Badt war -auch <mt jüdischen öffentlichen Leben hervorragend ®t% Er war in früheren Jahren stellvertreiendLr Vorsitzender des Vorstan-Les der BierKMk Indischen Gemeinde und betätigte sich viel an den Wohlfahrtswierken der Gemeinde. — Zur Unterstützung der von Oberrabbiner Schapiro-Pketrkorv fae-grimibieten' großen Thorar-Lehransta lt „Jscheiwath Chachme Lublin" hat sich in Verein ein Komitee gebildet. Den Vorsitz hat der Dajan der Jüdischen Gemeinde, Herr Rabbis ner Dr. Julius Ja-k vb o rottz üb»e-rn>ommen. —. Eine große Anzahl! naOonail-istischer Studenten und Angheörtger von- Hrtlerverbänden überfiel im Anschluß an -eine Hochschukkundgebnng jüdische Passanten und griff sie tätlich an. Die Polizei -trat rechtzeitig ein. — Der Beizer R e b b >e. Rabbi Rokeah, traf am Donnerstag, in B-erl-M ein und Wurde am Bahnhof Friedr'lMtmße von -einem großen Ehassidimkreis -empfangen und begrüßt. Breslau. Das Landgericht in Glogau v-e-rurbe-ilte -den Prinzen Friedrich Wilhelm zur Lippewegen Vergehens gegen das Republikfchutzgefetz in zweiter Instanz zu 500 Mark Geldstrafe. In der Be-rufungsve-rhanÄIiung wurde ein Brief des Prinzen zur Lippe an den Landgmchtspräsidenten. Berthold verlesen, der nach antisemitischen Beschimpfungenmit den Worten endet: „Ich gvatüKene Ihnen zum Oberlandesge-richtspräsid'en'ten -in Jerusalem." Der Gerichtspräsident hat wegen dieses Bri»efes ein - neues Verfahren gegen den Prinzen anhängig gemacht.- Moskau. Das hauptsächlich von Indien bewohnte Städtchen Tfchert-sch-ek ist fast ganz durch Feuer zerstört worden'. 107 jüdische Familien sind ohne Obdach. Alle drei Synagogensind vernichtet. Ein Todesopfer und mehrere Verletzte sind zu beklagen-. New Jork. Am Schneiderstreike, der jetzt -in New Park aus-gebrochen ist, sind 28 000 jüdische Schneider -beteiligt. V-ei ZusamMenstöhsn wur-- -den drei jüdische Arbeiter verletzt. — Dr. Boris Bogen, der frühere europäische Direktor des American Joint Distribution- Committee und Sekretär der Weltlage des Unabhängigen Ordens Bn-ei Brith, ist in Arcadia, Catiforni'en, wo er sich vorübergehend aushielt, plötzlich verstorben. Dr. Bogen stand im Aster von 60 Jahren. eine innigere Anteilnahme an der jüdischen Gegenwart ausgelöst. Diese Angaben mögen genügen, um zu erweisen, welch eine fast ungeahnte Fülle von Anregungen, solcher Werkunterricht geben kann und welch hohen didaktischen Wert er somit besitzt. Selbstverständlich ergibt sich aus dem Gartenarbeitsunterricht ein gewisses Eindringen in das Gebiet des Gartenbaues als solchem. Lust, Liebe und Verständnis für Gartenarbeit wird geweckt, eine besondere manuelle Geschicklichkeit wird ausgebildet, einzige Kenntnisse werden erworben. Der eine oder andere mag daraus die Anregung zu späterer Bewirtschaftung eines eigenen Kleingartens empfangen. Das aber wäre ein sehr schöner und wertvoller Erfolg solcher Schularbeit! Für die Mädchen insbesondere ist die Gartenarbeit zugleich eine Erweiterung des hauswirtschaftlichen Unterrichts. Frisch- und Dauerverwertung von Obst und Gemüse schlösse sich unmittelbar an die -eigene Erzeugung an, sich gegenseitig zeitlich bedingend. ■ Zu dem Ausgangspunkt meiner Betrachtungen zurückkehrend, glaube ich den Nachweis erbracht zu haben, daß die Einrichtung von Schularbeitsgärten an jüdischen Schulenein ernsthafter und erfolgversprechender Versuch wäre, den Juden Westeuropas zur Liebe zur Scholle zurückzuführen. Rücken wir solcherweise die Natur unserer Jugend näher, so wird sich das Ziel erreichen lassen, das bisher fast ausschließlich durch eine wenig wirksame, da fast nur von außen herangetragene Werbung zu verwirklichen getrachtet wurde: die Zuführung geeigneter junger jüdischer Menschen in größerer Zahl zum landwirtschaftlichen und gartenbaulichen Beruf. Von der Erreichung dieses Zieles aber — das kann ja nicyt oft und eindringlich genug wieder und wieder gesagt werden — hängt die Zukunft der europäischen Judenheit — nicht zuletzt auch r-n wirtschaftlicher Beziehung — in hohem Grade ab. Besonders der Gartenbau, der sich in auffteigender Entwicklung befindet, bietet ein reiches Betätigungsfeld gerade auch für Begabte, weil eine umfangreiche Versuchs- und Forschungstätigkeit auf den verschiedenen Gebieten des Gartenbaues bevorsteht. Aus allem Gesagten ergibt sich mithin die dringende Forderung nach baldiger Einrichtung jüdischer Schularbeitsgärten an allen» Orten, wo dieses notwendig ist. Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich. Preußischer Landesverband jüdischer Gemeinden. Berlin, 1. JuG. gen, das andere Mal zu allgemein biologischen Erörterungen: Die Beobachtung des Wetters bietet häufig Gelegenheit zur Erläuterung sehr verschiedener Gegenstände der Physik. Me Betrachtung des Bodens -läßt ebenso: physikalische aber auch chemische VorgcMge konkret erfassen. Für den Zeichenunterricht liefert der Garten so manches Objekt und'daran schließt sich organisch ein Versuch, die Pflanzen, Blumen und Früchte für. Schmuckzwecke zu verwenden. Hier und da ergibt sich Vielleicht ein kleiner Ausflug in das' Gebiet dev Gartenkunst?» Schließlich»lernt unsere Jugend etwas von» dem Kamstfe-keimen, den^der MeKsch'Mit^der Natukl führE rüußu» damit sie ihm eintzw Ertrag 'liefert.' Einige privatuW üolks^ wirtschaftliche MÄenntnissö' MsfeM sich'daraus ableiten und erläuterü-.-^Auch-Nekek! sich Gelegeri- Am Sonntag, dm 23. 'Juni, tagte zu Berlin unter Vorsitz des He-rrn> Prof. Dr. Türk -der Wohlfahrt sausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden-. Die Verteilung von Stipendien für soziale Ausbildung gab Anlaß zu einer längeren Erörterung der Frage, ob nicht -etwa die Zahl derjenigen, die sich dem So-Mlbsawiiinnenbsruf widmen wollen, allmählich zu groß -geworden ist. Eswird für dringend notwendig gehalten, daß in allen größeren Gemeinden wenigstens eine Soziälbeanrtin -hauptamtlich angeftellt wird. Der Landesverband wird gemeinsam mit der Zentralwohlfahrdsstsllie Hin' Rundschreiben an alle preußischen Gemeinden richten, in dem die Errichtung! solcher Stellen dringend empfohlen werden wird. Geklagt wurde auch über den Mangel an hochquoGfiztsrten, besonders auch männlichen Kräften. Aüf '.ihre Horanbidlüng wiird der Wvhlfähbtsau-sfchlH für die Folge fein, besonderes Augen. rnÄck' Rchtm. Bei m Bergebnng von Stipendiensoll