Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1929)
- Date
- 1929-07-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seide 4. Nr. 28 Der Israelit 11. IM 1929 reif ist, ja, daß er sozusagen in der Luft hängt, und doch, es kommt immer wieder nichts oder nur weniges zustande, weil — der Politiker dazwischen steht. Die politischen Sonderinteressen der einzelnen Gruppen und Grüppchen — die religiösen Sonderaussassungen könnten ja unberührt bleiben — lassen es nicht aufkommen, daß man sich des großen Ganzen wegen, das auf dem Spiele steht, über das Kleine hinweg, die Hände reicht. Um es an dem Beispiel der augenblicklich im Vordergründe stehenden Kenessio Gedaulo der Agudas Jisroel klar zu machen. Nicht der viel umstrittene 8 4 ist es im Grunde, der der Ausgestaltung der Agudo zu der genannten notwendigen Weltorganisation der Gesetzestreuen störend im Wege steht — so sehr er einen in die Augen fallenden Anstoß darstellt und selbverständlich wegfallen müßte — sondern der Politiker ist es, und zwar nicht nur der Politiker in der Agudo, den allein man zu Unrecht immer nur sieht, sondern ebenso, wenn nicht noch stärker, der in den anderen Gruppen. Es ist — bei der gegenwärtigen Psychose der Parteipolitik — höchst zweifelhaft, ob selbst bei einer Ausschaltung des ominösen § 4 sich alle Gesetzestreuen in Liebe um den Hals fallen würden, um sich — wie es wünschenswert wäre — in der Agudo zu vereinen. Der Politiker, der eben auf eigene Faust Geschichte machen und den Schicksalsklitterer spielen will, steckt hüben und drüben noch allen zu sehr in den Knochen. Und wie dieses im Großen, so ein weiteres Aehnliches im Kleinen: Der Politiker hat sich nun glücklich fast ganz auch der Kehilo, der Gemeinde, bemächtigt. Nicht wie einst derpmi»' der in der Heiligkeit jüdischer Lebensreife Erprobte und Berufene, beherrscht die Kehilo, sondern der politische Held und geschickte Kompromißler. Wo ist der alte, bewährte Begriff des More-deasro, der dem Träger der Thora die Beherrfchungsmöglichkeit des Geistig-Religiösen sicherte, hmgekommen? Er ist beinahe z>:r Farce geworden. Wenigstens ist es so m den Meisten deutschen Gemeinden — Ausnahmen mögen ja gegeben sein — wo ein spitzfindiges Statut, das aus einer Zeit und einem Geiste der Entthronung der Thora hervorging, die Stelle der Tekanot Hakadmonim einnimmt oder sie zumindest zurückdrängt und verdunkelt. Selbst in Gemeinden, wo noch,starke, gesetzestreue Minderheiten, oft sogar vorbildlich, am Werke sind, gelingt es nur durch künstliche Opportunitätsbewegungen hier und da, aber kaum durchfchlägig, der Thora zu ihrem Rechte zu verhelfen. Man muß zumeist — so weit ist es gekommen — sich aufs Experimentieren werfen, will man einiges erreichen oder erhalten, was nach echter Jüdischkeit aussieht, und Politik, immer wieder Pofchkedenen Schriften. Dr. Solomon Adler, Frankfurt a. M. bringt den Schlußaufsatz zu einer früheren- Serie über „Die Entwicklung des jüdischen Schulwesens des früheren Frankfurts." Zum Schluß erhalten wir noch exegetische Beiträge von Dr. Solomon (Brünber g, einen Einblick in die P-ijutim nach ihrer hakachischen Bedeutung (Dr. Isidor Jei'teles) und einen recht interessanten- Aussatz über jüdische S y m b o l i k von Nabb. Dr. M i - chalski in Karlsruhe. In der Abhandlung über Die politische Lage der Juden in Halb erst« dt bringt M. Frankel manches, das auch von Dr. Max Köhler m seiner Schrift „Die Juden m HüiLberstadt und Umgebung bis zur Emanzipation" (herausgegeben von Rudolf Häpke, Berlin) in ähnlicher Weife behandelt wird, was -den Wert des Aufsatzes nicht reduziert. „Anzeigen" nennen sich bescheiden tiefschürfende Buchbesprechungen des Herausgebers, wohl Me letzten Arbeiten aus der Feder Rabbiner Dr. Bondis V'xt- Den 340 Seiten folgt noch ein hebräischer Anhang mit historisch wertvollen Angaben. Dieses letzte Werk Bondis legt seinen Nachfolgern in der Redaktion der Jahrbücher und im Dienste der Jüdisch-Llberarischen Gesellschaft große Verpflichtungen auf. Sie werden ihnen in gemeinsamem Streben — davon zeugt der im Drucke sich b>ereits befindliche 20. Band — nachzukommen suchen. Die Juden in Jugoslavien. Doja Marinkovic, Minister für auswärtige Angelegenheiten des Königreiches der Serben, Kroaten und Slovenen, machte in einer Unterredung mit dem Direktor der Jüdischen Telegraphen - Agentur folgende Angaben über die Lage der Juden in Jugoslavien. litik treiben. Daß es dabei nur zu oft nicht ohne Verstöße gegen den Geist des Judentums abgeht, ist klar und aus bekannten Vorgängen der letzten Zeit sowie aus der täglichen Erfahrung zu beweisen. Sogar - in den rein gesetzestreuen Gemeinden spreizt sich schon, mehr, als man erwarten sollte, der Politiker und verdrängt Schritt für Schritt das alleiNZubeherrschende Votum des Thoraträgers. Es ist in unserer Mitte wie im Leben draußen geworden. Nur der, den die blitzschnelle Welle des Moments hochgetragen, beherrscht Situation und Stunde. Sprunghaftigkeit und atemlose Hast regieren auch die Tiefen unseres Seelenlebens, haben sich auch unseres Judentums bemächtigt. Alles schreit nach Tempo, jeder will nur den Bluff, die Sensation und begünstigt so, statt die ernste Ruhe und Hoheit des Thoraberufenen, den Geschickten des politischen Spiels. Wir find Juden der Maselpsychose geworden, d. h. im Sinne des Masels als Spiel auf gut Glück. Mühelos, wie einen Lotteriegewinn, nur so zugefallen wollen wir nur «noch das Judentum haben, leicht, kurz und schnell, etwa wie jener Heide, der es von Hillel, während er auf einem Fuße stand, erlernen wollte. Nein! So darf es nicht weiter gehen! Anders, ganz anders muß es werden, wenn der Schicksalsmoment unserer Tage nicht ungenützt an uns vorbeirollen soll. Die Führer haben die Berufung, hier über alle politischen Ränke hinweg, mit. fester Hcknd ewzugreifen und den vielleicht nie mehr wiederkehrenden Moment gestaltend zu erfassen. Man muß sich von dem Dünkel der Parteienge frei machen und sich des alles überragenden jüdischen Verantwortlichkeirtsgefühls bewußt werden, um der Thora und ihren Trägern wiederum, wie einst die richtunggebende und bestimmende Führerschaft zu sichern. Nicht Zufallsspiel und politische Kunst, Parteigetriebe und Kompromiß sollen fortab am Steuer und Ruder des geistig-religiösen Judentumsschiffleins sitzen, sondern Lebensheiligkeit und Thorageistigkeit. Gebt der Thora ihre Souveränität von ehedem wieder!, muß in allen Lagern die Hauptparole lauten. Denn ob man über die religiöse oder volksmäßige Judentumsverflachung unserer Zeit klagt, über Niedergang und Abfall räsoniert, über Zwiespalt und Hader sich aufhält, es ist alles nur die Folge der Entthronung der Thora, mit der im vorigen Jahrhundert die Aufklärungs¬ und Assimilationsepoche leinsetzte, und die noch immer in Auswirkung ist, und zwar selbst in Kreisen, die sich davon frei zu glauben meinen. Man meinte das Schlagwort: „Demokratie!" in mißverstandenem Sinne auch auf die Dinge der jüdischen Welt zu übertragen, nahm der Thora die Krone vom Haupte und setzte sie der politi- „Unser Land", erklärte'der Minister, „ist von dem Gifte des Antisemitismus völlig frei. Wir Serben achten und lieben den Juden. Die historische Entwicklung des serbischen Volkes ging vielfach parallel mit der des jüdischen Volkes. Wir Serben hatten so viel Leid und Not zu ertragen, mußten in so vielen blutigen Mampfen größte Opfer bringen, um unsere Freiheit zu erlangen, daß wir volles Verständnis für den Juden haben und immer gehabt haben, deren Geschichte so viel Leid und Martyrium kennt, weil auch der Jude treu zu seiner Religion und Gemeinschaft hält. Uns Beide verbindet hierin dis gleiche Ausdauer und Zähigkeit, die gleiche Unbeirrbarkeit. Cs ist darum nur natürlich, daß der Serbe und der Jude einander verstehen. Als die Türkei nach langen und schweren Kämpfen unserem Lande eine gewisse Autonomie gab und zwei sich selbst verwaltende Gruppen, Serben und Türken, gebildet wurden, schlossen sich die Jud.en, die hierin freie Wahl hatten, nicht den Türken, die ja die herrschende Nation waren, sondern uns an, obwohl auch die Türken keine antisemitische Politik verfolgten, sondern den Juden gegenüber eher tolerant waren. Dies beweist, daß die innige und freundschaftliche Haltung zwischen Serben und Juden eine historisch gegebene Tatsache ist und sich aus dem ganzen Entwicklungsgänge unseres Htaatslebens erlkärt. Wir schätzen den Patriotismus der jüdischen Bevölkerung sehr hoch ein. Sie hat mit uns im Kriege alle Not und alles Leid geteilt, und die jüdischen Soldaten haben ihre Pflicht nicht minder treu und wacker erfüllt als die andern. Die jüdische Religionsgemeinschaft in Jugoslavien ist autonom und in jeder Hinsicht den anderen; Religionen gleichgestellt. . r ,;V! Die Regierung subventioniert die jüdische Religionsgemeinschaft in dem gleichen Maße wie die anderen Geschert Larenführung auf. . Als ob nicht grade öie Herrschaft der Thora, Ne jede Menschensatzung in ihre Schranken weist, die reinste, vollendetste Demokratie wäre! Mag es auch vielleicht ein Weg auf lange Sicht fein, der uns hier vorschwebt, und vorläufig etwas weltfremd erscheinen, aber es ist der Weg und er muß beschrittenl werden. rntj» Ttnn^ der Thora muß wieder ihre Krone zurückgegeben werden! Im Kleinen so gut wie im Großen, in der Gemeinde sowohl wie in der Gemeinschaft, in der Einzelauffassung ebenso wie in der Partei. Ihre Führung kann nichts ersetzen, das ist eben die Eigentümlichkeit des Judentums, auch nicht die verschiedenen Parlamentarismen unserer Zeit, die in Gemeinde, Verbänden und Parteien Eingang gefunden haben. Man hat grade in unserer Zeit vielfach wieder die mehr schädliche als nützliche UebertrMung des Parlamentarismus erkannt und sinnt auf feine Ablösung. Wir Juden sollten uns hüten, uns ihm ganz und gar mit Bezug auf die Judentumsführung zu verschreiben. Entpolitisierung der geistig-religiösen Judentumsführung und Jnthronisierung des Thoradiktats, das ist das Notgebot' der Stunde, die Forderung des Augenblicks, der Wink des Moments aller Momente, auf den es jetzt ankommt. Mögen sich Beherzte finden, die sich des großen Schicksalsmoments des gesetzestreuen Judentums annehmen! Wochenrundschau. MS Erziehung zur Taufe. Das Erziehungsdepartement der Palästinaregierung veröffentlicht seinen Jahresbericht, und darin erzählt -esivin '2^ rpo»2' daß nicht weniger als 6 0 5 jüdische Schülern n d S ch ülerinnnen in Jerusalem die Missionsschulen besuchen. Alle Kämpfe von jüdischer Seite gegen die von der Mission ausgeworfenen Fangnetze waren also vergebens. Es find sogar die allergefährlichsten Schulen, wie die Klöster, Stifte und die Anstalten der ausgesprochenen Taufgesellschaften, in die viele jüdische Eltern ihre Kinder schicken. Neben der Schule dienen aber auch die Krankenhäuser als beste Propagandamittel für die Judenmission. So ist das Missionshospital in der Prophetenstraße in Jerusalem dauernd mit jüdischen Patienten belegt. Zwei Drittel der jüdischen Missionszöglinge meinschaften. Zu allen öffentlichen Feierlichkeiten werden der Oberrabbiner und Häupter der katholischen und protestantischen Kirchengemninden eingeladen und rangieren in der Ordnung der Sitzplätze unmittelbar hinter den. Mitgliedern der Regierung. Oberrabbiner Dr. Alkalay wird hier von allen hoch geschätzt. Er hat Jugoslavien bei mehr als einer Gelegenheit wertvolle Dienste geleistet. Er ist Träger des höchsten Ordens des Landes. Wir arbeiten jetzt ein Gesetz aus, das den Status der verschiedenen Religionsgemeinschaften festlegen wird. Dieses Gesetz wird für die Juden dieselben Formen festsetzen, wie für die Protestanten und Katholiken. Die jüdische Bevölkerung zählt in unserem Lande ungefähr 60.000 Seelen; sie ist meist im Handel und in freien Berufen tätig. Die Juden sind ein äußerst arbeitsames und wertvolles Element. Die Mehrzahl der Juden ist aus Spanien eingewandert. Wir haben hier in Belgrad viele Familien, die, wie die Alkalay's schon, seit dem 16. Jahrhundert in unserem Lande wohnen". Wochenkalender. Hv. 13. — 20. Juli 1929 / o. 5. — 12. Tammus 5689 Samstag 13 5 'i 'a « p*i5 Sonntag 14 6 Montag Juli 15 7 Dienstag 16 8 Mittwoch 17 9 Donnerstag- 18 10 Freitag 19 11 Samstag 20 12 'l 'n vis