Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1929)
- Date
- 1929-07-04
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 13 aus aufzufassen. Sind unsere Stützpunkte in Erez Jisroel einstweilen so schwach, daß wir zurzeit noch nicht als vollwertige Faktoren betrachtet werden, so wollen wir sie ausbauen. Würden sie durch eine Teilnahme der Agudas Jisroel an der Jewish Agency sich besser entwickeln können, so wollen wir eine kräftige Offensive um die Erringung unserer Teilnahme an der Jewish Agency einsetzen. Sollte aber die Teilnahme der Agudas Jisroel an der Jewish Agency für unsere bisherigen Errungenschaften in Erez Jisroel irrelevant oder gar schädlich sein, so wollen wir von dieser Teilnahme absehen. Unter allen Umständen wollen wir bei der Stellungnahme zu diesem Problem uns nicht durch Ideologien, die da und dort in verschiedenen Phasen der Gestaltung der Orthodoxie in den Kämpfen des 19. Jahrhunderts entstanden find, beeinflussen lassen, sondern ausschließlich die Interessen der schwer erkämpften Positionen der Orthodoxie in Erez Jisroel vor Augen halten. § 1. Fort mit der Resignation! Won Manfred Neuberger in Frankfurt a. M. „Lösung der jeweiligen Gesamtheitsaufgaben des Judentums im Geiste der Thora" — in dieser Geburtsurkunde der Agudas Jisroel liegt zweierlei beschlossen: positiv, daß Agudas Jisroel den Anspruch erhebt, sich den Gesamtheitsaufgaben des Judentums zu widmen, zu ihrer dem Geiste der Thora entsprechenden Lösung das beizutragen, wozu Menschenkraft, wozu die Kraft der in einer machtvollen Organisation zusammengesaßten Menschen fähig ist. Es lag aber in diesem Programm fernerhin begründet, daß Agudas Jisroel,' da sie die jüdischen Fragen im Geiste der Thora gelöst wissen will, in Gegensatz trat zu anderen Organisationen, die diese Fragen aus einem anderen Geiste heraus zu lösen unternahmen. Nur große Optimisten oder Utopisten konnten in der Stunde von Kattowitz noch glauben, die neugegründete Organisation werde ihren Weg gehen, ohne auf Schritt und Tritt in Kollisionen zu geraten, in Kämpfe verwickelt zu werden. Die Kämpfe sind auch nicht ausgeblieben und werden nicht ausbleiben, solange andere Organisationen den Anspruch erheben, jüdische Gesamtheitsaufgaben in unjüdischem Sinne zu lösen. Das liegt in der Natur der Sache und man mag lediglich darüber streiten, wie diese notwendigen Auseinandersetzungen zu geschehen haben. Es wird heute denn wohl auch niemanden mehr geben, der Agudas Jisroel das Recht bestreitet, im Kampfe der Meinungen kämpfend ihr Ideal zu verfechten. Was jedoch den oben gekennzeichneten positiven Inhalt des Kattowitzer Programms angelst, nach dem Agudas Jisroel sich verpflichtet, ihre Kraft den Gesamtheitsaufgaben zu widmen, so wird man nicht sagen können, daß die Organisation diesem Anspruch, den sie selbst erhob, gerecht geworden ist. Jeder weiß, daß eine Reche von GesamcheUsaufgabeu seit Jahren der Lösung Harrt, ohne daß die nach ihrem Programm dazu berufene Agudas Jisroel auch «nur den Versuch gemacht hätte, sie einer Lösung entgegenzuführen. Das wäre nun nicht so schlimm, wenn materielle Not der Kriegs- und Nachkriegsjcchre allein Grund solchen Versagens wäre. Es ist kein Zweifel, daß :rotz besten Bemühens das schwache Häuflein Gesetzestreuer nicht in. der Lage ist, Ne eine oder! re andere Arbeit in Angriff zu nehmen, die eigentlich als Aufgabe der jüdischen Gesamtheit ron Agudas Jisroel durchgeführt werden müßte.! n weitaus den meisten Fällen jedoch liegt es so,; aß die Organisation gar nicht den Mut fand, r 'ner notwendigen Aufgabe sich anzunehmen. T3an war oft recht froh, wenn sich irgendein neutraler Verband" bereit fand, die Arbeit zu i n, ein Verband, der vielleicht eigens für diese l ufgabe ins Leben trat und mit chrer Erfüllung i '.eher abtreten sollte. Nimmt man beispielsr :ife die Frage der Sabbatnot, nach dem Zugeständnis aller eine der dringendsten und vitalsten Der Israelit B i «i i i * i* 4. Juli 1929 Fragen der Zeit, so muh man seststellen, daß Agudas Jisroel zu ihrer Lösung bisher noch nichts Wesentliches beigetragen hat. Man beruhigt sich dabei, daß auch dieses Problem einen besonderen Verein gebären wird, den man eifrigst seiner Sympathie versichert und der auf Mitarbeit der Aguda und der Agudisten rechnen kann. Und wenn ich nun bescheiden einzuwenden wage: Ja, ist denn das keine Gesamcheitsaufgabe des orthodoxen Judentums? Und da sie das ist — erhebt denn Agudas Jisroel nicht immer noch den Anspruch, die jeweiligen Aufgaben zu lösen? Wozu also der „neutrale" Verband zur Lösung dieser Frage? — so wird mir aus solchen Einwand die Antwort, nur ein Parteifanatiker könne so fragen! Es sei nötig, sich der Sabbat-Frage anzunehmen, und gleichgültig sei, wer das tue. Agudas Jisroel sei nicht „beliebt", und ein neutraler Verein könne mehr Geld bekommen als eine „Partei". Und so bei jeder Frage, bei jeder Aufgabe, die sich erhebt und Lösung heischt. Ohne mich nun darüber zu äußern, ob es bester und rationeller sei, für jeden Ausgabenkreis einen Verein zu gründen odereine machtvolle Organisation zu schaffen, die sich allen Aufgaben widmet, muß ich jedenfalls sagen, daß eine solche Einstellung einen Verzicht auf den Totalitätsanspruch der Aguda bedeutet, die dazu geschaffen wurde, die Lösung der Gesamtheitsaufgaben in ihre Hand zu nehmen. Die Ueberweisung wichtiger Fragen an agudasremde Verbände unter Zustimmung von Agudisten ist eine Aushöhlung der Agudas Jisroel, die so schließlich an einem Mangel an Aufgaben zu Grunde gehen muß. Denn daß Agudas Jisroel nur dazu existieren soll, um zu konstatieren, was die Anderen falsch machen — das war doch bestimmt bei ihrer Gründung nicht gemeint! Hinzu kommt die Neigung agudistischer Instanzen, Erfolge, die sie wirklich einmal erzielen, möglichst schnell auf ein besonderes selbständiges Kontoblatt zu verbuchen, auf dem die Ueberschrift „Agudas Jisroel" fehlt. Daß auf diese Art nur die — an sich bei jeder Organisation unausbleiblichen — Fehlschläge auf immer den Namen der Aguda tragen müste-n, nicht jedoch die Erfolge, trägt entschieden nicht dazu bei, der „Unbeliebtheit" unserer Organisation wirksam entgegenzutreten. Dies kann nur dadurch geschehen, daß Agudas Jisroel, ihrem Programme getreu, sich daran begibt, die Probleme des Tages anzupacken und, soweit möglich, einer Lösung zuzuführen. Nur so kann sich die jüdische Welt daran gewöhnen, in Agudas Jisroel die Instanz zu sehen, die die Interessen des Thoravolkes zu den ihren macht. Dann darf keine Aktion mehr daran scheitern, daß Gesetzestreue ihre Mtarbeit verweigern. Am wenigsten aber dürfen die beiseite stehen, die in anderen Organisationen eifrigst mit dabei sind, die zwar nicht so ganz thoragemäß arbeiten, deren „guten Zweck" man aber doch billigen muß, und bei denen man vielleicht hoffen kann, nach vielen, vielen Jahren einmal das Steuer nach rechts herumzubiegen: was einen auch immer von dieser Organisation trennen mag, wie viele Enttäuschungen man auch erlebt und wie oft man auch ein Auge zudrücken muß, man bleibt ihr dennoch treu und hofft auf eine schönere Zukunft. Aber in Agudas Jisroel Mitarbeiten und jene großzügige Geduld und Toleranz bei i h r beweisen, ihre Mängel großmütig zu übersehen: das bringen diese Gesetzestreuen merkwürdigerweise nicht fertig! Wenn heute Agudas Jisroel großzügig für den Schabbos wirbt, so müßten alle Thoratreuen/sie unterstützen, auch die Misrachisten. Denn wer kann heute noch glauben, mit einer wenn auch noch so idealen Lösung der Palästmasrage sei mit einem Schlage die Thora und das Judentum gerettet? Voraussetzung aber dafür, daß Agudas Jisroel neue Freunde gewinnt, ist, daß mehr Stolz und weniger Resignation uns beherrscht. Eine Organisation, die sich zu schwach fühlt, ihre Ausgaben allein in Angriff zu nehmen, famm ferne Begeisterung und keine Opfer von ihren Anhängern verlangen. Ausgabe der Kenessio Gedaulo muh es fern, an die Stelle müder Verzichtsstimmung erneut den Totalitätsanspruch von Kattowitz zusetzen: Agudas Jisroel hat den Willen, und die Pflicht, sich den jüdischen Aufgaben zu. widmen und sie im Geiste der Thora zu lösen! Vakanzliste des Angestellten-Bund „Agudas Jisroel Franks, a. M.. F 359 Metalle Frankfurt: fremdsprachliche Korrespondentin F 363 Druckerei Frankfurt: Stadtreisenden F 375 Schnellerer Frankfurt: Lehrling F 383 Wein - Großhandlung Franlsurt: weisenden für Norddeutschland \ F 385 Gummi Frankfurt: französisch-englische Korrespondentin , F 387 Krankenhaus Frankfurt: junge Dame behufs Ausbildung als Medizin-Laborantin F 399 Tertil - Agenturen Frankfurt: Buchhalterin und Stenotypistin > F 391 Rechtsanwalt Frankfurt: Stenotypistin (1. oder 2. 'Gehilfenjahr) F 392 Kesi.anstalt Frankfurt: Reisenden F 393 Matrazensabrik Frankfurt: SMtenotypistin F 394 Maschinen Gedern: 'Stenotypistin (Kokt und Logis (int Hause) ~ ' ' F 395 Cellu'oi nva er F.anlfur.': Lehr ing F 396 Immobilien Frankfurt: junge Stenotypistin F 397 Sackhandlung Frankfurt: Lehrling F 393 Weingroßhandlung Baden: Buchhalter K 1 Manusakturwaren Wunstdors: Lagerist K 2 Manusatturwa en Wunstdors: Lehrling Bewerbungsbriefe sind zu richten: für „F" Wakanzen an Angestellten-Bund ,,.,Agudas Jisroe" Frankfurt «. M., Sandweg 32 „K" Vakanzen an Angestellten-Bund „Agudas Jisroel" Köln, Hohenzollernring 64 (H. Klein). Polen vor iToas.» Noch zitterte mir ein Nachklang der Erregung, dis die Diskussion über den § 4 auf dem deutschen D. T. ausgelöst hatte, im Herzen, noch lagen mir die Reden im Gehör t- _ hier schwarze Zukunftsschau: „Liquidation", dort stegessicheres Wagen: „Rekonstruktion" — und schon warich mitten im lebendigen, brandenden jüdischen Leben des Ostens, war ich in Lodz und mutzte dort, ob ichs wollte oder nicht, mich ganz hineinstürzen in die Ausgaben des -.Tages und in die Nöte des Landes. Lodz, vor 7—8 Jahrzenten noch ein kleines, unbedeutendes Dorf, heute das Industriezentrum Polens, Großstadt Mit allen ihren Vorzügen und Mängeln, Klein- New-Nork, wie man es hierzulande nennt, ist <oie Tel- Awio ausschließlich von Juden erbaut und ist, wahrscheinlich stärker als Tel-Awiv, auch noch heute eine „jüdische" Stadt, sHochburg der Gerer Ehassioim, die von ca. 60—70 „Stübeln" aus ifpn Einfluß im geistigen Leben geltend machen. Die Gemeinde wird von einer aguülstischen Mehrheit geleitet, die das gemeindliche Leben in einer von Freund und Gegner anerkannten Weife vorbildlich qeordnet hat. Und idennoch ist Lodz kein Tel-Awiv, kein Hügel der Aehrenreife, des Frühlings und der Hoffnung. Die wirtschaftliche Situation im ganzen Lande ist höchst kritisch, hier Hst sie geradazu trostlos.. Man lnst ja auch in den deutschen Zeitungen von dem Geldmangel in Polen, liest, daß monatlich hunderttaufende von Wechseln zu ^Protest gelangen; man liest dies wie andere Wirtfchaftsnotizen (und man vergißt, daß hier die ganze Wirtschaft fast, Handel und Industrie, in jüdischen Händen liegt, daß hinter diesen Berichten sich Katastrophen von erschüttern-? der Tragik verbergen, daß fast jeder zu Protest gegangene Wechsel eine vernichtete Existenz, ein zerstörtes jüdisches Haus-bedeutet. Dies sollen wir im Westen nicht vergessen, wir sollen diese Berichte lesen in mitfühlender Erschütterung, sollen wissen, daß es uns sehr gut geht — trotz unserer eigenen schweren Wirtschaftslage, deren Ernst ja keiner mehr spürt sils ich selber, der urn die Finanzen des deutschen K. H. von Monat zu Monat mehr zu sorgen und zu-beisorgen hat. . Und dennoch! Man kann die Verhältnisse garnicht f miteinander vergleichen. Zwei Beispiele: Der polnische Nogid, der Werte — Boden und Materialien — von zehntausenden von Dollar für Klalgründungen fpedet, feinen Beitrag für den K. G.-Fonds muß er in Wechseln zahlen. Und ferner: Die Agudodelegation kommt an Mitten Ort, wo sie von dem angesehensten Agudisten der (Stadt empfangen wird. „Sein Haus wird gerade renoviert, darum kann er die Gäste nicht bei sich aufüehmen!" Er spendet und zahlt für den K. G.-Fonds einen Betrag von 3 Dollar, die Delegation will das Geld nicht nehmen, weil ihr das von einem solchen Mann zu wenig dünkt. Und am anderen Morgen kommt seine Frau zu mir, mit mir eine Angelegenheit zu besprechen und entschuldigt .sich, unter Tränen, daß sie uns keine Gastfreundschaft erzeigen konnte: xvua weder ein Krug Del noch Brot!! Wir westlichen Juden .müssen von diesen Dingen wissen, damit wir die geringere Leistung des Ostens für .Ägudistische Zentralzwecke nicht mißdeuten: nicht geringeres Wollen, geringeres Verständnis ist die Ursache dieser Erscheinung, allein und ausschließlich — geringeres Können! Hinter dem bei uns so übel vermerkten Wort