Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1929)
- Date
- 1929-07-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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4, IM 1929 Der Israelit Nr. 27. Seite 9 de>l". Sowohl der Arttkelschveibler als auch der Inhaber dev Fa. Gebr. A. sind Juden, letzterer sogar Mitglied des Gemeindemtes der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden. Einveitend heißt es La: „Sie nennen sich natürlich nicht Hausierer. Versand- Geschäft Lvingt viel seriöser. Und sie brauchen eine Fassade, die nach ehrbarem Geschäftsgebaren aussieht, diese Tausende von ambulanten Händlern, die tagtäglich die k l e inen Städte und das flache Land heimsuchen, um der Provinzbeoölkerung das Geld aus den Taschen zu ziehen, indem sie ihr minderwertige Waren zu hohen Preisen aufreden. Man betrachte sich einmal genau diese sogenannten Versandgeschäfte und ihre „Reisenden". Hier ist der Tummelplatz für alle zweifelhaften oder gescheiterten kaufmännischen Elemente, hier können dem schlauen Unternehmer mühelos Rvesengewmne in den Schoß fallen, hier kann der sogenannte Reisende, der in andern Berufen Schiffbruch gelitten hat, in einer Woche bedeutend mehr verdienen, als ein kaufmännischer Angestellter mit Fleiß und Kenntnissen im Monat mühevoll erarbeitet. Und hier können endlich alle Register der Verschleierung in steuerlicher Hinsicht gezogen werden. Die wilden Hausierer treiben ihr Gewerbe mit und ohne Wand ergewerbeschein. Es spielt gar keine Rolle, wenn man einmal bestraft wird. Die Geldstrafe wird aus der Westentasche bezahlt . . . Das Geld, das so leicht von ihnen verdient wird, wird ebenso laicht für Vergnügungen und Komfort aller Art wieder ausgegeben ..." Dazu schreibt der V. j. H. u. A.: „Man ersieht schon aus diesen wenigen einleitenden Zeilen, daß dieser Artikel jedem antisemitischen Blatt Ehre und Freude machen würde. Man muß annehmen, daß ein ernst zu nehmender Mensch, bevor er einen ganzen Stand, der so unglücklich gestellt ist wie kaum ein andrer, in dieser unerhörten Weise angreif: und denunziert in der deutlichen Absicht, diese um das tägliche Brot hart kämpfenden, Menschen um ihre Existenz zu bringen — man muß annehmen, daß er sich doch zuvor ein klein wenig über die einschlägigen Verhältnisse orientiert hat und daher weiß, daß ein großer Teil der von ihm in so schwerer Weise Angegriffenen ausländische Juden sind, welche in ihrer doppelten Eigenschaft als Juden und als Ausländer, speziell in Sachsen, dem Mutterlande des Antisemitismus, entrechtet und von jeder anderen Arbeit fo gu wie ausgeschlossen sind. Er mußte ferner wissen, daß maßgebende Stellen, darunter der Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde selbst, bei der Kreishauptmannschaft und beim Ministerium sich die größte Mühe gegeben haben, diesen, Aermsten der Armen Wandergewerbescheine zu verschaffen, daß aber diese Bemühungen immer wieder zum größten Teil an der Furcht vor antisemitischen Interpellationen gescheitert sind. Endlich könnte und müßte Herr Dr. G. wissen, daß die meisten dieser von ihm als Autobesitzer beneideten Händler keinen sehnlicheren Wunsch haben, als von diesem aufreibenden und auf die Dauer erfolglosen Beruf herauszukommen, und daß sowohl die Gemeindeverwaltungen als auch liegen, zeigen Man und festen Willen, die Jugend in der Organisation „Zeire Agudas Jisroel" über alle laufenden Fragen des jüdischen Lebens zu unterrichten und ihr auch gute Nahrung für Geist und Seele in Form von Aufsätzen und Feuilletons zu bieten. Man darf sagen, daß mit einer ottfyobögen Literatur dieser Art die gesetzestreue Jugend- und Volkserziehung in Polen in eine neue Ara tritt. Diese Bestrebungen sollten auch außerhalb Polens, besonders in den Jugendorganisationen der Aguda, weitgehende Unterstützung finden. Die Adresse für die Redaktion ist Warschau, Graniczna 9. Verwaltung und Expedition haben ihren Sitz in Lodz, A. M. Grubsztai, Wschodnia 94. Mn trauriges Zeichen der Zen). Man schreibt uns: In dem Flecken F. trug sich solger Fall zu. Ein Pastor aus einem benachbarten Dorf war durch Geschäftsverkehr mit einer jüdischen Familie bekannt, sageir wir befreundet. Als derselbe Geistliche eines Tages nach F. kam, besuchte er bewußte Familie und war sehr erstaunt, als er die „Zehn Gebote" lnwvl nicht vorfand und machte die Frau des Hauses auf „den Fehler" aufmerksam. Dies soll sogar genützt haben. S—l. (Mesusa enthält zwar nicht die „zehn Gebote", sondern die ersten zwei Teile des ynv, aber beschämend ist die Geschichte auf alle Fälle. Die Red.) Aümiliennachrichken. Gestorben: Siegfried Jacob, 21 Jahre alt, Student in Berlin, Sohn des Lehrers und Kantors R. Jacob in Heidelberg, Schiffgasse 4. die verschiedenen Fürsorgestellen gerade mit Rücksicht auf diese von allen Seiten angefeindeten und hart kämpfenden Kleinhändler fortgesetzt versuchen, eine „Umschichtung der Berufe" vorzunehmen, Versuche, welche bisher infolge der Auslands- und judenfeindlichen Gesetzgebung ohne Erfolg geblieben sind. Am Schlüsse seines Artikels verlangt Herr Dr. G., daß die Behörden sich diesen unglücklichen Hausierern gegenüber nicht mehr mit schweren Geldstrafen begnügen, sondern mit Freiheitsstrafen gegen sie vorgehen sollen. Weiter läßt sich die Unmenschlichkeit wohl kaum mehr treiben, und es gibt für ein solches Vorgehen einfach keine Entschuldigung; auch seine Unkenntnis der einschlägigen Verhältnisse schützt Herrn Dr. G. nicht vor der sittlichen Entrüstung, die sein Artike l nicht nur in Händlerkreisen, sondern bei allen Schichten der jüdischen, Bevölkerung hervorgerufen hat. Ganz unbegreiflich aber erscheint es, daß eine angesehene Firma wie Gebr. A. ohne Widerspruch gestattet, daß ihr guter Name in dieser frivolen Weise mißbraucht wird." Wir haben dem nicht viel hinzuzufügen. Die Welkkonferenz jüdischer grauen in Hamburg und das Religionsgesetz. Von Oberrabbiner Dr. Carlebach in Altona. Die Frauen-Tagung tu Hamburg bedeutet äußerlich und innerlich eine Großtat unserer Frauen. Das Interesse der Behörden, die Anteilnahme der breitesten jüdischen und allgemeinen Oeffentlichkeit, das wohlwollende und verständnisvolle Echo der Tagespresse, alles das hat diese Konferenz als ein Ereignis besonderer Art, herausragend über vieleKongresie der Gegenwart, in die Erscheinung treten lassen. Fraglos haben sich viele jüdische Frauenpersönlichkeiten in ihrer geistigen Ueberlegenheit und in ihrem sittlichen Ernst die Achtung und Hochschätzung der Allgemeinheit erworben und verdient. Ein hohes Pathos ging durch die ganze Tagung, ein Gefühl der Verantwortlichkeit und eine tiefe Verbundenheit zum jüdischen Leben, zum jüdischen Ideal'. Es war nicht nur eine Tagung jüdischer Frauen, es war eine jüdische Tagung. Ich spreche das mit großer Genugtuung aus, obwohl ich in mancher Beziehung mich nicht den Forderungen des Kongresses anschließen konnte. In erahbenster Weise kam jüdisches Frauentum zum Ausdruck am letzten Tage der Konferenz, als sich der Wille des Kongresses in festen Resolutionen verkörpern sollte. Wie sich da einstimmig die Begeisterung für den jüdischen Sabbat, für vertieften jüdischen Unterricht, für die Pflege aller jüdischen Lehranstalten kund tat, wie sich der Kongreß vertrauensvoll ap die Gesamtheit der orthodoxen Rabbiner wendet, um bei ihnen ein Verständnis für Frauennöte und Frauenwünsche zu erwecken, und wie endlich ein Frauenbund zustande kam, dessen Ziele fraglos auf einem großen jüdischen Wollen sich aufbauen, alles das war von hinreißender Kraft, von bewunderungswürdiger Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, von, höchstem jüdischen Ernst. Es muß auch dankbar anerkannt werden, daß, wenn man den G e s a m t t e n o r der Kundgebung ins Auge faßt, die Konferenz von Ehrurcht vor dem jüdischen Gesetz erfüllt war. Ganz besonders war es eine der führenden jüdischen Frauen, Deutschlands, Frau Rabbiner Dr. Eschelbacher, die bei jeder Gelegenheit die Unantastbarkeit und Heiligkeit des jüdischen Gesetzes zum Ausdruck brachte. Wenn manches Wort der Verständnislosigkeit wohl auch fiel, so muß man doch immer berücksichtigen, wie gering das jüdische Wissen in der Gegenwart ist, und wie vor allen Dingen die Frauen durch die entgegengesetzten Auffassungen, die ihnen zu Ohren kommen, selbst verwirrt werden. Die Tendenz der Jetztzeit, daß jeder Laie gewissermaßen zum Richter in Fragen von rein wissenschaftlicher An nnsere Arennde! Der diesmaligen Ausgabe unseres Blattes liegen Werbe-Prospekte für die 2. Kenessio-Gedaulo bei. Wir lassen an alle unsere Freunde die herzliche Einladung ergehen, an der 2. K. G. teilzunehmen. Jeder teile seinen Urlaub so ein, daß er die letzte Urlaubswoche, die Zeit vom 5. —12. Elul (10.—17. September), der in den Wiener Sosiensälen tagenden 2. K. G. widmen kann. Die 2. K. G. wird eine große Manifestation des orthodoxen Iudentumes werden, wenn jeder orthodoxe Jude feine Pflicht erfüllt. Kompetenz gedrängt wird, wo selbstverständlich die Autoritäten gegeneinander ausgespielt werden, zeigte sich auch bei dieser Tagung, darf aber eben ein milderes Urteil erwarten. In zwei Beziehungen kam der Kongreß in die Sphäre des jüdischen Gesetzes. Von vornherein hat es etwas Mißliches, wenn nicht gar Lächerliches, wenn Frauen bei dem minimalen Stand ihres jüdischen Wissens in die Halacha sich einmischen. Es muß unumwunden ausgesprochen werden, daß über Fragen der Halacha, ganz besonders über die Methodik der Halacha, schlechterdings einem Nicht-Rabbinen ein Urteil ganz unmöglich ist. Wenn man. da redet, das und das sind „Deutungen der Rabbinen", so ist es ganz klar, daß kein Laie der Welt überhaupt den Sinn dieser Begriffe erfassen kann. Inwiefern hier die Gesamt-Methodik und der ganze innere Ausbau des jüdischen Gesetzes betroffen ist, da hierin das Geheimnis der Berfchwisterung von mündlicher und schriftlicher Lehre beruht; ferner: inwiefern eine Deutung des Talmud Gesetzeskraft hat und die absolute, unabänderliche Grundlage des Judentums bildet, endlich, welches Verhältnis Schulchan Aruch und die maßgebenden Dezisoren zum Talmud haben, worauf die Autorität ihrer Entscheidung beruht, alles das kann ein Nichtgeschulter — Mann oder Weib — nicht verstehen und beurteilen. Das muh ein für allemal ausgesprochen werden. Um ein Beispiel anzusühren: Hermann Cohen wurde einmal von dem Marburger Landgericht in einer antisemitischen Streitsache zu einem Gutachten über die Frage der „Nächstenliebe im Talmud" aufgefordert. Mit großer Selbstbescheidung begrenzte er feine Zuständigkeit als Sachverständiger, obwohl er 10 Jahre seiner Jugend der Beschäftigung mit dem Talmud obgelegen hatte. Dann aber widmet er von seinem etwa 30 Druckseiten umfassenden Gutachten den Haupteil methodischen Erwägungen, denn eine Frage des Talmud kann eben nicht beurteilt werden, wenn man nicht die Eigenart seiner Behandlungsweise bis ins Einzelne versteht. Dies gilt um so mehr, wenn es sich um Fragen handelt,.^die sich nicht in klarer Formulierung aus dem Wortlaut ergeben, sondern gewissermaßen erst' durch einen Indizienbeweis erschlossen werden müssen. Da kann unmöglich der Nicht-Sachverständige ein Urteil sich bilden. Es waren ganz besonders zwei Fragenkomplexe halachifchet Natur, die auf dem Kongreß zur Sprache kamen, einmal die Frage der jüdischen Ehegesetze und hie damit in Zusammenhang stehenden der Agnnoth, der Kriegswitwen und Vereinsamten, denen wegen Fehlens einer Nachricht über den Tod ihres Mannes, der den Scheidebrief zu schreiben sich weigert, ihre eheliche Zukunft bedroht ist. Die zweite Frage betraf die Gleichheit der Frau in der jüdischen Gemeinde und dem jüdischen Gottesdienst. Wochenkalender. v. 8. — 13. Juli 1829 I v. 28. Siwan — 8. Tammus 8689 Samstag!6 28 'i xn ps Sonntag i7 29 1182 Dl’ Montag Julig p’v 30 cnn wim 's dv nsip Dienstag 9 1 snn vsii 'a Di’ Mittwoch 10 2 Donnerstag 11 3 Freitag 12 4 Samstag 13 5 '1 '3 'S pB nix»