Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1929)
- Date
- 1929-06-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Der Israelit Seite 6 Nr. 25 bisher mit ganzer Kraft für die Sache einsetzte und auch weiterhin die Leitung des Bundes in der Hand hat, wurde unter großem Beifall aller Anwesenden, die sich die warmen Worte zu Herzen gehen ließen und dem Redner herzlichst dankten, in später Stunde beendet. Der praktische Erfolg in Köln: Die Gründung einer Ortsgruppe, zu der sich sofort mehr '"als 50 Mitglieder einschrieben. Die Nationalsozialisten bestehen auf ihrem Ritualmord. München, 17. Juni-. In'der heutigen Sitzung des Bayrische n L a n-dt a g e 5 verlangte die Fraktion der Radionalfozialisten eine. Aussprache über „ Ri tualmo rd ". Als Vizepräsident Auer (SoWallst) eine solche Aussprache nicht zuließ, weil I)k rüber erst beim zweiten Abschnitt des Kultusetats gesprochen werden könne, schlugen die Ratio nalsoziaKsten Lärm. Vizepräsident Auer lieh abstimmen, wobei die Forderung der HiWerfraktion ab gelehnt wurde. Der Haken kreuzler, Dr. Hellmuth, erklärte, die Aeußerung des Kultusministers, daß die Juden deutsche Volksgenossen seien und daß ein moderner Mensch an Ritualmord nicht glauben könne, zwinge des Redners Fraktion zur Ablehnung des Ministergehalts. Der Vizepräsident unterbrach den Redner mit der Bemerkung, daß hierüber eine Debatte nicht zngelassen sei, woraus großer Lärm der Hitberivner und große Un ruhe auf der Linken entstand. Der Bayrische Versassungsausschuß zur Schächtfrage. München, 16. Juni. Laut Meldung der „Münchner Post" hat der Verfassung sausschuß des bayrischen Landtags über die Schächtfrage verhandelt. Es tagen drei Eingaben vor, und zwar zwei vom Tterschutzverbänden, daß der vom Landtag im Juli 1926 gefaßte Beschluß auf Vorlage eines Gesetzes über den Betäubungszwang beim Schächten endliche verwirklicht werde, sowie die Eingabe des Verbandes bayrischer israelitischer Gemeinden, daß das Gesetz aus die rituellen Schächtungen nitch angewenideb werde. Der Ausschuß beschloß mit den Stimmen der Deutschnationalen, Völkischen, des Bauernbundes und der Sozialdemokraten gegen die Bayrische Volkspartei, die Eingaben der Tierschutzvereine der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen. Jedoch fügten die Sozialdemokraten hinzu, daß den religiösen Gefühlen der Jüden möglichst Rechnung getragen werden solle. Der Landtag wird über diesen Antrag zu entscheiden haben. Oesterreich. Jahresversammlung der Union deutsch-österreichischer Juden. Wien, 9. Juni-. Die Union D en tsch-O ester rei cher Juden hat unter dem Vorsitz ihres Präsidenten Dr. Jakob O rnftein eine Delegiertenversammlung abgehalten. Dem in dieser Versammlung erstatteten Tätigkeitsbericht ist zu entnehmen: Die Juden in Oesterreich haben noch immer unter dem Antisemitismus zu leiden, mit dessen Abwehr sich vorwiegend die Union befassen mußte, wobei sie vom Zentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gestützt wurde. Sogar unter der Profesiorenschaft der' Wiener Alma ma-ter findet der Antisemitismus seine Bekenner; bei Berufungen auf Lehrstühle entscheidet der Taufschein. Die Union kam oft in «die Lage, die Aufmerksamkeit der kompetenten Stellen aus vielfache Aktionen im Zusammenhang mit der antisemitischen' Bewegung zu lenken. So schritt sie auch in der Angelegenheit der „judenreinen" Sommerfrischen ein; hier sind gewisse Erfolge dadurch erzielt worden, daß solche Sommerfrischen den Schaden, der ihnen durch das Ausbleiben jüdischer Sommergäste, insbesondere aus Deutschland, erwächst, stark zu verspüren' beginnen. Die „Oesterretchische Fremdenverkehrsgemeinschast" hat letzthin versprochen, dem kulturwidrigen Vorgehen der Iudenhetze in den Sommerfrischen energsich entgegenzu-tretm. Nunmehr geht die Union daran, bei der Regierung die Annullierung der verfassungswidrigen Beschlüsse der Gemeinderäte zahlreicher Kurorte, wonach Juden' in diesen Kurorten nicht erwünscht sind, durchzusetzen. Pole«. Ein Schochkim-Verband in Polen. Warschau, 15. Mat. Vor einigen Tagen hielt der Schochtimverband in Polen seine erste Tagung in Warschau ab. Schon seit Jahren bemühten sich die Schochtim, eünero Verband zu organisieren, stießen aber dabei immer auf Hindernisse von Seiiten des Bildungsministeniums, dasihnen die Erlaubnis verweigert. Die Schochtim wandten sich dann mit einem Gesuche an das höchste adnünistratibe Tribunal in Polen und wiesen» daraus hin, daß man Menschen, Me von ihrer Arbeit lleben, ein Recht auf professionelle Organisierung nicht versagen könne. Als Verteidiger trat für die Schochtim der bekannte Warschauer Advokat M a r i a n s k >r ein. Nunmehr hat das Tribunal den Beschluß des Ministeriums verworfen, und ist beim Arbeitsinfpektor offiziell der erste professionelle' Verein der D-crw registriert worden. Am letzten Montag fand die erste Versammlung' der Schochtim Polens statt, zu der über 100 Delegierte aus ganz Polen erschienen waren. Ein iNtposantes Bild ergaben die Mitglieder im „Käppchen!" und'-„Gartet", und es war interessant zu hören, wie diese' „Proilietarier mit Bart und Schläfenlvcken" unerschrocken ihre sozialen- Forderungen aufzustellen wußten. Gleich zu Beginn der Tagung, nachdem der Vertreter des deutschen Schochtim-Verbandes, Herr L ub i n s k i - Schweinfurt, der Versammlung herzliche Grüße von den Kollegen im W-esten überbracht hatte', wurde beschlossen, Begrüßungstelegramme an> den polnischen Staatspräsidenten, an Marschall Pilsudski, an die Ministerien für Arbeit, Bildung ufw. zu senden. Sodann referierte der Lublömr Schachet, Sandmeer, „über die rechtliche Lage der Schochtim". Ein zweites Referat hielkt eiü Warschauer Schachet über „Zweck und Ziel der Organisation". Er führte aus, daß die 5000 Schochtim Polens unbedingt in einer festen Organisation zusamme ngeschlossen sein müssen, wollen sie ihre Position behaupten. Redner führte Klage über die wahllose, oft mangelhafte Ausbildung vieler Schochtim. Die- Schiechita -dürfe kein Anker feinfür gefcheliüerte Existenzen. Nachdem noch verschiedene foziaLe Postulate wie z. B. Arbeitszeit, Pension, K-rsditkasfen, besprochen waren», folgte der Bericht über die LKsherigie TMgkM der Schochtimorganisation, die 800 MiigKeder zählt und eine eigene Zeitung „Die Schochtim-Stimme" herausgibt. Zum Schluffe wurde ein» Zenitrak-Komitee, bestehend aus 45 Personen, gebMieit, das die Aufgabe übernimmt, die Organisation weiter auszubauen und die erste legale allpolnifche Schochtim-Konfsrenz oorzubereiten». Aus der Oodzer kehita. Lodz, 23. Mat. Auf der letzten Sitzung der KehilaverwMung wurden auf Antrag der Aguda drei weine Daja-nim eingestellt, und zwar die Herren Rabbiner Herz Hart-stark, Rabbi Rosenstein und Rabbi Stlmann. Die „Poale Zion" und Dolkisten habiensich der Abstimmung enthalten und ihre grundsätz-liche ablehnende' Haltung zu religiösen Fragendurch Verlassen des Saales demonttterl. Rabbi Herz Harzstairk Wirkt schon seit vielen Jahren als Dajan in Lodz und genießt größte Popularität, trotzdem wurde von gewisser Seite seine definitive An- 'tellung immer Hintertrieben. Nunmehr ist diesem Zutande ein Ende gemacht. Wilnaer Allerlei. Agubismus. — Veto der Orthodoxie. — Nachahmungen in Pinsk. Wilna, 26. Mai. Am letzten Sonntag veranstaltete die A g u d a s I i s r o e I im Saale der Philharmonie eine große Demonstrationsversammlung, zu der auch prominente Gäste erschienen. Die Herren A. I. Fried mann und Orleans hielten ausführliche Referate über Wege und Ziele der Agudas Jisroel. Friedmann hielt scharfe Abrechnung mit allen destruktiven Elementen und Parteien und zeigte besonders auf die Gefahr der Gegenwart hin, wo die antireligiösen Elemente, nicht mehr wie dazumal, einzeln und für sich arbeiten, sondern in Verbindungen ein jüdisches Volk neben den Völkern wollen. Der Nationalismus sei der natürliche Ausläufer der Haskala. Das religiöse Judentum sei nicht frei von 20. Juni 1929 Schuld und Tadel, da es all die Jahre hindurch untätig den anderen die Zügel in die Hand gab. Es sei für uns keine Machtfrage, sondern lediglich ein hri'.iges Gebot der Stunde, die eigenen Interessen selber in die Hand zu nehmen. Mit diesem Ziele vor Augen trete man m die Vorbereitung für die 5t G. und diesem Ziel soll auch die Arbeit der K. G. selbst gewidmet sein. Die Thora fürchtet den offenen Kamps nicht. Gewarnt seien alle orthodoxen Juden vor den sogenannten neutralen Parteien. Die Referate machten ungeheuren Eindruck. Unter großer Begeisterung wurden wichtige Beschlüsse gefaßt, die noch mitgeteilt werden. In der Frage des Oberrabbinats ist eine Verschärfung der Gegensätze zu konstatieren. Da die Gemeindeverwaltung das Veto der Orthodoxie unbeachtet ließ, sah sich letztere gezwungen, dieses direkt der Behörde zu übermitteln. Der Protest umfaßt drei Punkte: 1) Die Kehillaverwaltung hat faktisch mit der Anmeldung Rubinsteins als alleinigen Rabbiner, ohne einen Modus vivendi zu suchen, die alten autoritativen Rabbinen ihres Amtes enthoben. 2) Mit dem Einstellen der Gehälter von einigen Rabbinern in das Budget ist an der Sache nichts geändert, daß die alten Rabbiner rechtlos bleiben und ihren Einfluß auf die Gemeinde verlieren. 3) Eine Lösung kann nur die Ausnahme sämtlicher Rabbiner ins Budget nach Warschauer Muster bringen, wvmit die alten rabbinischen Autoritäten in ihrer führenden Stellung erhalten und bestätigt werden. Daß Wilna auch in anderen Städten und Städtchen Schule machte, ist bereits mitgeteilt worden. Der jüngste und krasseste Fall betrifft die alte Gemeinde P inst, in dessen Kehillarat neben acht Linksstehenden und vier Zionisten, drei Orthodoxe sitzen, bei fünf Unparteiischen. An der Spitze der Verwaltung steht ein Zionist ovn der Erünbaumgruppe, der aber mit seinem Radikalismus sogar die Bundisten übertrifst. Auf Drängen der Macht, einen Rabbiner anzustellen, erklärte er öffentlich in der Sitzung, daß er in religiösen Fragen völlig desinteressiert sei und sich an einer Rabbinerwahl nicht beteiligen wolle. Damit nicht genug, leisteten sich die Herren von der linken Seite den Spaß, einen stadtbekannten Menschen, der nicht klar im Kopfe ist und zum Gespötte der Jugend sich als „Rabbi" ausgibt, als Kandidaten für den Rabbinerposten aufzustellen. Damit wollten sie nur ein wenig Ulk mit den „Schwarzen" treiben. Es fehlte nicht viel und der Kandidat, bei dem sich dadurch die fixe Idee noch mehr sestsetzte, wäre gewählt und .von der Obrigkeit auch bestätigt worden. Nur die Drohung mit der Staatsanwaltschaft — wegen Verspottung der Religion — hielt die sonderbaren Spaßmacher noch im letzten Augenblick davon ab, ihr Spiel zu Ende zu führen. Die Kämpfe gehen dort weiter. So tief gesunken ist die Ehre der Thora im alten Litauen, und begonnen hat es in Wilna. Vermchkungskampf gegen die Juden in ostgatizifchen Dörfern. Lemberg!, 30. Mi In dem Dorfe Pogofzelysko, Kreis Rawa-Rus>ka in Ostgalizien, zündeten- Bauern gegen 10 Uhr abends das Haus des jüdischen Gastwirts Mofes Mensch an mehrer-en Stellen an. Das Haus brannte Än kurzer' Zeit vollständig nieder, wobei der 43jährige Gastwirt Mensch, seine 78jährige Mutter Zipe, feine- 43jährige- Frau- Feige und zwei Kinder des Ehepaares Mensch den Flammen zum Opfer fielen. Aus der gesamten Umgebung -trafen Ö*iiß MÄgiMeder der jüdischen Gemeiiniden Mi, um 'der tragisch umgekommenen FamM die letzte Ehre zuerweisen. Drei Kinder der Familie Mensch, konnten während des Brandes ins Fvöie kämmen, sie haben aber zum TM schwöre Bram>dwunden 'davongetragen. Es handelt sich bei der Brandlegung um ein, Glied inder Kette von Terrorakten, die von der osigali zischen Bauern, chaft -gegen die Juden unternommen werden, um sie aus dem Dorfe zu verjagen. Als der Tat 'dringend verdächtig erscheint der Ukrainer KM, Leiter der Bauern-konfumgenossenfchaft, diie, wie alle Konsumgenossenschaften, in den oftgalizrschen- Dörfern einen Vernichkungskampf gegen- 'die jüdischen Giastwilvbe: >und Händler führt. (ITA.) Ein sensationeller Prozeß. Lemberg, 29. ML Vor einem Jahre wurde die Umgegend Lembergs in Schrecken versetzt durch eine Mordtait, die. an einer jüdischen Familie in Uhnow begangen würde. Der Schnei- *6