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Der Israelit · 1929-06-13 · Heft 24 (13.6.1929) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 24 (13.6.1929)
Date
1929-06-13
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Der Israelit Nr. 24 Seite 19 13. Juni 1929 sich das Fest in den Trauert a gl d e s n e u nten Aw zu verwandeln. Die Steine scheinen schwärzer. Die kleinen Punkte, es sind' die versteinerten Tränen eines Volkes, das zweitausend Jahre hier geweint. Nach dem letzten Kaddisch setzt sich aber wieder F'eststimmung durch. „Jamtow!" ruseNl sich! Helle Stimmen zu. Im Chore singen sie „ I i - bone h a m i k d o s ch! " Alle singen mit, Sefardixn und Aschkenasim, Orientjuden und' Abendländer, Chassidim und Misnagim. Unsere Bilder. 1." Die Jeschiw« auf Na-men des Rabbl Jtzz-- chok El ch a n an in Nowyvrk bezog iin Februar ds. Js., wie mir ssmerzsiit bsrichtletieni, Gr neaes Heim. Es ist ein rmp-ofan-tie-r Neub-cm am-eirlikanWeiNl Stils mit einem Raume für 1200 Jünger. 800 junge Leute besuchen zur Zeit Ne Jeschlma, von -denen etwa, 200 darin Wohnung und Verpstegnng finden. S)m Jniiermvit kann etwa 300 Insassen ausneM-en. Der Bau, waride mit einem Kostenaufwand von etwa 2% Millionen, Dollar aufgefiihrt. - In den Neben,räumtensind die- Schl-affüle, die Mensa, ein- Restaurant, Lab'oradordum und AteWer eingerichtet. Neben d,em großen HörsaaL b-efmdet sich die Jeschiwa - S y nagoge. Bekanntlich ist der Lehranstalt das Recht übertragen morden^ den Doktorgrad zn ertelen. Me ge'istöge Leitung liegt in den, Händen von Dr. Revel, der an der Spitze eines Stabes von Dozenten, zum Teile bedenteniden -östlich,M- Rabbonim, feines Amtes waltet. Ein Derwaltungsauisschuß unter dem Vorsitze des Herrn Harry Fisch eL 'leitet die Geschäfte und die Finanzwirtschaft. So ist die Thora und das Talmndftuidium mit den Emigranten ans Rußland und Polen über das große Wasser miltgezogen» und hat in der neuen Welt des Jrnperialismuis,, im Lande des Dollar, 5. Eine neue Erscheinung in der Kunst ist Minkowsky, von dem wir bereits voriges Jahr mehrere Bilder brachten. Er zeigt uns hier Juden auf der Flucht. 6. Die Synagogenruine bei Tiberias in Galiläa wurde von Dominikarn ansgegraib-en, nachdem man beim Wsgirbau vor Tib-erias daraus gestoßen war. Sie dürfte aus dem sechsten Jahrhundert stammen.- Eing,sh,enden Bericht übler diisfsn Synagogenfund erstattete vor kurzem Prof. Sngenik, der Leiter der Jüdischen A r chä o logt sch e n- Gese lisch-a ft in- JerufaLem, vor den Internationalen' archäologischen Gesellschaft in, Beblist, -dien wir auszugsweise in Nr. 21 des „Israelit" vom 23. Mai (Seile 14) brachten. 7. lieber das Grab von Rabbi Simon ben Jochar in Meron in Palästina ist in an-fe-r-en BWdtern schon oft geschrieben, worden,. Das Mld zeigt die Ruine der Synagoge, in der Rabbi Simon, dem die Abfassung des Sohar zugefchriebien wird, sich aufg,ehalten haben soll. Melleicht war hiev auch die Höhle, in der er, nach der lalmudischen Erzählung, mit seinem Sohne vor den römischen Hüschemdreizehn Jahve Bergung fand. Je am> Lagbe-Aumer findet vor dieser Synagogen-ruine und am Grade des Tanna das große Fest statt, das unter dem Namen ’Krm *12 pyns? i"i rr?i>'n bekannt ist und zu, dem aus allen Teilen^ Palästinas, ja, auch aus Syrien^ Persien und Aegypten,, die Mischen Massen hinströmen. Die Feier am Grabe hat sich im Laufe der Jahre zu einem Volksfeste großen und inte-rnationalen Stiles ausgewachsen. Me Nacht hindurch lodern die Freudenfeuer, indie ,die Teilnehmer, wie im Rausche,, oft kostbare Dinge hineinwersen. Diese letztere, Sitte hat wiederhM zu Auseinandersetzungen M der rabbinischrn Literatur des Orientes geführt, da, manche darin einen Opferkult nach 'irn mpm sahen. Andere wiederum wolltendenurallen. Brauch, unter gegebenen Voraussetzungen!, aufrecht -erhalten wissen .Die Gesänge und die Tänze dauern, die ganze Nacht hindurch und finden am Morgen mit einem feierKchon Gottesdienste unddreißig" gehörten. An einem der letzten Sabbate erschien der Schweiger in der Synagoge, trat nach dem Einheben der Thorarolle auss Almemor und schlug mit der flachen Hand auf das Pult. Er wollte, zum ersten Mal, etwas sagen. Atemlose Spannung. Was er sagte, war nicht viel. Am Sonntag würde eine alte Frau, die heute gestorben sei, aus dem Friedhof zur Bestattung kommen. Er wünsche, neben ihr begraben zu werden. Darauf entschwand er spurlos. Am Sonntag, da man auf dem Friedhose die alte Frau bestattete, war daneben noch ein Grab geschaufelt, und darin lag der große Schweiger. Keiner wußte, wann und wo er gestorben 'war. In den polnischen Zeitungen ergeht man sich in Vermutungen und Hypothesen über das Leben und den Tod dieses' sonderbaren Mannes. Murawiew in jüdischer Gefangenschaft.') (Eine historische Erinnerung.) Es sind jetzt sechsundsechzig Jahre seit dem polnischen Aufstand des Jahres 1663 verflossen, dessen blutige Unterdrückung an den Namen des berüchtigten Zarengenerals M u r a w i e w geknüpft ist. Am längsten dauerte die Aufstandsbewegung in Litauen an, wo die letzte polnische Jnsurgentenarmee unter dem Kommando Mickiewicz' in den dichten Wäldern von Poniewesz gelagert, das russische Militär in einem unaufhörlichen Kleinkrieg beunruhigte. Murawiew war diesem Guerillakrieg gegenüber fast ohnmächtig. Als die Ueberfälle der polnischen Insurgenten nicht aufhörten, wurde ein gewisser Schram zum Kommandanten von Poniewesz ernannt und erhielt strengen Befehl, den Aufstand um jeden Preis zu unterdrücken. Da auch er gegen die Insurgenten nichts ausrichten konnte, ließ er seinen ganzen Zorn an den Juden aus. Diese waren damals zwischen Hammer und Amboß, da sie sowohl von den polnischen Insurgenten als auch vom zaristischen Militär schwer zu leiden hatten. Schram beschuldigte nun die Juden der Spionage zugunsten der Polen und der Unterstützung Moritz Minkowzsry „Juden ans der Flucht" Synagogenruine in Galiläa. -ein monumentales Heim gefunden; -eine- Bestätigungdes Wortes d-er weifen Lehrer wo bv mwn 2. Ein ragendes Denkmal Mliifth-lamelvi-k-anüfcher P h ilantr 0 pie im Großen -ist das neue B e t h Israel- Hospital in Newyark. Die Einr-ichkung steht auf der höchsten Stufe der Kuiltnr, Ne bedeutendsten meNziMschen Autortkäten wirkeni>n diesem JnfMnte. Um dm jüdischen Geist in diesem Hanse., besonders um das Kafichruswesen, muß immer noch schwer gekämpft werden. Ein gut Teil der edlen- Spender geht in> mißverstandener „Toleranz" bis zur Jn-berto-leranz und Gewissenszwang. Die konfervaitiiVen Kreise tuen, aber ihr Mögliches, das Hospital in jeder BeAiehung jüdisch zu gestalten, so daß zu den Werken des jüdischen Herzens auch Ns Wahrzeichen der jüdischen Treue zum heiligen Gesetz kommen. Hoffen wir, daß ihnen Sieg und Erfolg wird. 3. und 4. Josef B u d k 0 hat sich als genialer Radierer bereits einen -großen- Namen in der Kunstwelt erworben, wenn man auch anderen Geschmackesfein kann. Die modernsymb-otifierenide Art o-erleiht feinen Bindern -eine gewisse Tiefe und lädt das Auge zum- Bermetat, den Geist zum Nachstimen em. Bekannt und berühmt sind seine MustraWonen zur Hagada und seine symbolische Darstellung -der Sedeirckaf-el, Im ersten Bilde zeigt B-udko seine Eltern, wile -er sie sieht, mit den liebenden Augen des Kindes. Der Ghetto Philosoph spricht jeden- -an, der dasöfMche Ghetto ein wenig kennt. Das Interesse iin der Judivngasse für Wellt -und Wissenwar und ist weit größer und lebhafter, als di-e Kul-turwelt.-ahnt. Und es fshlit nicht an einzelnen beschaulichen Männern, Ne durch Nachdenken- _ und Selbststudium sich -ein Wissen um Ne Dinge angeeignet haben, das ihnen in den Augen, der kleinen Mitwelt höchste Achtung verschafft. Oft ist -es aber auch ein Gemisch von Resp ekt und Mißachtung,, mÄ dem manzu dem Manne, der, -ein GigenbröNsr, zum- Himmel hinaufichamt and es im Lebennicht weit gebracht hat, hinsieht. in der Synagog-enruin-e ihren- Abschluß. Der Tag von Meron ist in den letzten- Jahren auch eine der zugkrästi,giften Attraktionen' für die PaläftiNatvuriften aus Europa. 8. Typen aus dem Amsterdamer Altenheim, die in ihrer Echtheit und Lebendigkeit höchstlich interessieren, sind einer der letzten Nummern des Amsterdamer „Drydag avond" entnommen. Der Schweiger von Tarnopol. Vor etwa zwei Jahren starb, wie hier seinerzeit mitge-eilt, der „Czortkower Schweiger", der infolge einer tragischen Lebensgeschichte fast dreißig Jahre kein Wort über die Lippen brachte. Von einem zweiten Schweiger, der dieser Tage endgültig für immer die Lippen geschlossen, be.ichtet man aus Mokolinicz, einem Städtchen bei Tarnopol. Vor fünf Jahren kam er ins Städtchen, keiner wußte woher. Auf Fragen gab er keine Antwort. Auf einen Zettel schrieb er, er heiße Gabriel Schosek (Schweiger) und würde aus gewissen Gründen kern Wort reden. Tag und Nacht saß er in einer Ecke des Beshamidrasch. Brachte man ihm was.zu essen, so atz er, sonst hungerte er. Er verlangte nie etwas. Ein grotzgewachsener, spindeldürrer Mann war er, etwa in den vierziger Jahren. Man hielt ihn für schwachsinnig. Dann aber begann man, sich einiges von ihm zu erzählen. Hier und da war im Morgengrauen bei einer ärmen kranken Witwe der Mann erschienen, mit einem Holzbündel aus den Schultern und heizte den Ösen ein. Schweigend wie er gekommen, war er auch gegangen. Cr spähte -nach 'Möglichkeit und Gelegenheit zu helfen, und hals, soweit seine schwachen Hände ausreichten, ohne ein Wort zu reden. Im Hekdesch (Armenhaus) pflegte er einen alten Mann, der im Fieber lag, Tag und Nacht, bis dieser seine Seele aushauchte. Man tuschelte, der Schweiger sei einer von den Geheimen, die zu den „Sechsder Aufständischen mit Geld und Proviant. Beim geringsten Verdacht wurden Juden eingekerkert und erschossen. Durch diese Heldentaten Schrams änderte sich jedoch die Lage nicht. Da ließ er 73 Juden der Stadt, die Angesehensten rcnd Reichsten, als Geisel ins Gefängnis setzen und drohte ihnen mit Todesstrafe, wenn nicht die Juden von Poniewesz die Führer der Insurgenten ausliefern würden. Ohnmächtig gegenüber solchem wahnwitzigen Verlangen erwarteten die Geisel ihr Ende, beklagt und betrauert von der hilslosen jüdischen Bürgerschaft. Die beunruhigenden Meldungen aus dem Gebiete von Poniewesz ließen in Murawirw den Entschluß reisen, selbst hinzukommen, um nach dem Rechten zu sehen. Als erste erfuhren die bevorstehende Ankunft des allmächtigen Oberbefehlshabers zwei junge „Maskilim" in Poniewesz, Benjamin Stern und Jizchak Berlin, welche beide — was damals eine Seltenheit unter den Juden war — das Russische vollkommen beherrschten. Sie entwarfen nun in aller Heimlichkeit einen Plan, um die 73 gefangenen Juden zu besrreien. An einem Freitag kam Murawiew mit seinem ganzen Gefolge in Poniewesz an. In der Nacht brach zufällig ein 'Brand in der Stadt aus und Murawiew, der ausgefahren war, um den Brmid mitanzusehen, fuhr zu später Nachtzeit in sein Quartier zurück, als auf der Straße keine Menschenseele mehr zu erblicken war. Als er durch die Schulgasse fuhr, erklang plötzlich ein lautes „Halt!" Erschrocken sprang Murawiew aus dem Wagen. Da faßten ihn die zwei jungen Leute, und während sie ihn versicherten, es würde ihm kein Leides geschehen, baten sie ihn, in die Synago ge einzutreten. Der Wagen mit dem Kutscher wurde unter Bewachung zurüägelassen. Als der allmächtige Murawiew in die leere, dunkle Synagoge trat, welche bloß von zwei Kerzen beim Vorbeterpult und derder Lade beleuchtet war, zitterte er wie Espenlaub. Er wußte nicht, was die zwei jungen *) Aus der Wiener „Jüdische Stimme".

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