Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1929)
- Date
- 1929-06-13
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 20 Nr. 24 Der Israelit 13. Juni 1929 Leute, welche so gut Russisch sprachen, von ihm wollten. Sie aber führten ihn zur offenen Thoralade, zündeten einige Kerzen an und schworen bei der Thora, alles, was sie Murawiew erzählen wollten, sei Wahrheit. Dann liehen sie Murawiew schwören, er würde niemand verraten, wo er bei Nacht gewesen und was vorgegangen war. Der General gab sein Ehrenwort. Und dann erzählten ihm die beiden jungen Leute, was der Kommandant Schram gemacht hatte. Murawiew versprach, die unschuldigen Juden zu befreien, und Stern und Berlin liehen ihn sofort frei. Sie begleiteten ihn zu dem Wagen, mit dem der allmächtige Günstling des Zaren eilig in die Dunkelheit verschwand. Am nächsten Morgen durcheilte wie ein Lauffeuer die gute Nachricht die Stadt, dah Schram und seine Gehilfen abgesetzt und die 73 jüdischen Geiseln befreit worden waren. Lange sahen die Juden von Poniewesz, welche die Ursache dieses freudigen Umschwunges nicht kannten, das Ereignis als ein Wunder E. bis endlich aus mir der richtige „Reiseonkel!" wurden der viele Länder bereifte. Und fo kam ich auch nach Amerika. Von der Riefe-nstad-t Newyork könnt Ihr Euch keinen Begriff machen, arbeiten, arbeiten heißt es dort, und an. E. F. Synagogenruine am Grabe des R. Simon b. Jochai in Meron Ainderecke. „PMe". Von Hermann Seckbach. „Nicht von den Pfeilen, die vor Jcchrtmrfenden unsere Vorfahren schon als Kvi-sgsnMell kannten und die jetzt im Zeitatter des Sports wieder WerwonÄmrg finden, möchte ich Euch, liebe Kinder, erzählen, sondern von -denunsichtbaren Pfeilen, die ganz heimlich, ganz stille, alltäglich um uns herum saufen, und die oft bitter wehe tun können'." „Ach ja, bitte, bitte, lieber Onkel, erzähle uns doch," baten die Kinder und fetzten sich 'erwartungsvoll im Kreise herum. „Ihr wißt doch, liebe Kinder, allsabbatlich befen wir jetzt in den Sprüchen der Väter. Unsere Weifenwaren gottesfürchüge, kluge und edle Menschen, die ums gar herrliche Ermahnungen gab'en. Und wenn wir — statt, wie üblich, die Abschnitte schnell herunterzulesen — uns die Belehrungen richtig vor Augen halten, und zu Herzen nehmen würden, so könnten wir für unser Löben unendlich viel Gutes schöpfen. Viel „lofchaun horah" würde sicher unterbl-eiben. Und „böse Reden-", absichtli-ch oder unabsichtlich-, sind auch Pfeile, die sehr-, sehr viel Schmerzen bereiten. Laßt mich Euch dies an einer wahren Begebenheit schildern': In meiner Schulzeit hatten wir in der Klasse den Mitschüler Samuel Joskowitz, einkleines Kerlchen mit dünnen Beinchen, einem dicken- Oberkörper und einem schmalen Gesicht, aus dem die Nase ziemlich herovrragte. Na, lacht mal nicht, wenn ihr auch sicher jetzt wohl an 'das Märchen von „Zwerg Nase" denkt. So arg war es bei! Jvskowitz nun doch nicht. Aber schlimm war es> daß dieser kleine Samuel unter uns viel zu leiden hatte. Besonders der X — ich will den Junten nicht nennen, sonst käme ja „lofchaun ho-rah" dabei heraus-, — das wollen wir doch nicht, — kannte sich gar nicht genug tun, ihn regelrecht zu verspotten-. Sei es, wenn er ohne richtig «usgesilhrie Aufgaben zur Schule kam oder, wenn- Fragen an ihn gerichtet wurden-, die er meist stotternd und unbeholfen beantwortete. Genug, -der X verstand es — lediglich ans U-ebermut — fast die ganze Klasse auf diesen armen Joskowitz zu Hetzen, ja, er ging fo weit, ihm heimlich — ohne daß Samuel es erfuhr — Dinge nachzufagen, die dem unglücklichen Jungen tief beschämen mußten-. Und wir machten, wenn auch zögernd, leider manchesmal da mit und be-reitetenso dem Joskowitz unbewußt großen Schmerz. Ihr könnt Euch nun denken, wo fo viel Kinder in der Klaffe sich zufammenfinden, bleiben solche Vorkommnisse später eine Episode, an, die mandann längst nicht mehr denkt. Jahre vergingen,. — Die für mich so schöne Schulzeit war bereits nur eine Webe Erinnerung. Ich kam ins Geschäft, hatte viel zu arbeiten und neu hinzuzulernen, man muß schon sehr fleißig und tüchtigfein, wenn man es zu was bringen will. Doch davon ein andermal. Heute will ich Euch von einem wundervollen- Erlebnis erzählen: Ich hatte geschäftlich mit einem der -großen, führenden Häuser in Newyork zu t-nn, und da in meiner An>- gelegenheit die Angestellten mir keine Auskunft geben konnten, ließ ich mich bei der Direktion des Hauses melden. Man führte mich in ein vornehm Ungerichtetes Vorzimmer, und nach kurzer Wartezeit ließ mich der „Chef" zu sich bitten. In kurzen, sreundMchen Worten fragte er nach meinem Begehr. Vielleicht wollte er mir noch sagen, daß er nicht viel Zeit für mich übrig hatte — doch plötzlich schien er zu stocken und sah mich an-. — Aber auch ich brachte kein Wort heraus. Iw, war denn das nicht — aber nein, das kanndoch nicht stimmen — täuschen mich meine «Änn-e? Der da vor mir stand — fand, unter dessen Schutz und Fürsorge ich alles abstreifte, was hemmend in mir war, und der mich nach seinem Ablieben zu seinem Erben einsetzte. Nur frage mich nicht nach meiner Schulzeilt. Das Schönste und Erhabenste, was andere von ihr erzählen können«, -wurde mir durch Pfeile vergiftet. Es lag, das wollen wir uns heute eingeftehen, kein Grund vor, mich als Zielscheibe des Spottes zu machen, denn. nicht durch meine Schuldwar ich fo. - Mein Vater ernährte sich mühselig als Han--- dslsmann, und meine Mutter war krank und konnte sichmeistens um uns nicht kümmern. Zehn Kinder faßen täglich oor schlecht gefüllten Dellern und gingen hungrig zur Schule. Und hungern, — das ist furchtbar! Was wußten die anderen-, die besser daran waren, in welch -armseligem, trostlosem Zustand ich zur Schule kam?" — Ich lenkte ab, „gam su letauwoh, desto mehr Befriedigung hast du jetzt." „Das stimmt," meinte er — „nur komme ich wohl nieüber die mir damals angetane Oualhinweg." Wir sprachen dann vielmibeinantder, und ich verlieh spät abends das Märchenschloß voll Dank pn Allgüti- S‘mr b-er alles so wundersam gefügt. Wie vieles könnt -ihr, liebe Kindep, aus dieser Erzählung lernen, und wenn nur irg-endwo, irgendwie ein Samenkorn hinfällt und eine verkümmerte Seelebehütet wrrd, so wird dies reiche Früchtebringen. Dann haben selbst die Pfeile, die den armen Joskowitz fo schmerzvoll getroffen haben, auch ihren Zweck erfüllt, daß wir erkennen, — wie wir es nicht machen dürfen! 'Jk ä LTypen aus dem Amsterdamer jüdischen Altenheim. war mein ehernali-g-er Mitschüler Samuel Joskowitz! Aber so ganz anders. — Die dünnen Deine hatten sich kraftvoll entwickelt, der dicke Oberkörper war verschwunden und hatte nun eine schlanke Linie, na, und das schmale Gesicht war so sein abgerundet, daß die Nase richtig hineinpaß-te. Auch er erkannte mich, der ich noch ganz sprachlos war, nri-t herzlicher Freude. Wie im Märchen spielte sich vor meinen Augen alles Weitere ab. Ata-ch der Begrüßung gab der mir wie ein „Prinz" Vorkommen,de Schulkamerad einige geschäftliche Anweisungen,. Hierauf Keß -er das Auto Vorfahren und bat mich, ihn zu seiner Fami-Ke zu b>eglei>- te-n und fein Gast zu sein. Mit Spannung betrat ich dannmit ihm sein eigenes Hans — -das war märchenhaft schön,! Auf kostbare Teppiche -trat mei-n Fuß, herrliche Gemälde schmücktendie Wände. Und zu diesem Bilde paßte seine reizende, gütige, Webe Frau und -die entzückenden zwei Kinder, die er mir vorstellte. Und als wir beide abends allein zusammen, saßen, da erzählte mir Joskowitz, wie alles gekommen, und wie Gott ihm in so wunderbarer Weise geholfen hab-e. „Höre, lieber Freund, alles will ich Dir berichten- — wie ich nach unsagbar schweren Leiden« und Entbehrungen in Deutschland hier bei einem Verwandten, Fuß faßte und dann, wie durch, ein Wunder, einen Gönner (Die Juden in den Ländern Osteuropas.) Auf der in London abgehaltenen jüdischen Hilfskonferenz wurden Berichte über die Lage der Juden in den einzelnen Landern Osteuropas erstattet. ^ber die Lage in Polen referierte Rabbiner Dr. Schorr. Du Juden in Polen bilden 10 Prozent der Gesamtbevölkerung, aber fast 50 Prozent der städtischen Bevölkerung. Von den 2.8000,000 polnischen Juden leben in Warschau 310.000, in Lodz 156.000, in Lemberg 77.000, in Wilna 50.000, in Krakau 45.000, in Lublin 30.000 usw. In den? größten Industriezentren Warschau, Lodz, Lemberg, Wilna, Bialystok, Lublin und Krakau sind fast 40 Prozent aller Unternehmungen konzentriert. Fast die Hälfte der Bevölkerung dieser Städte besteht aus Juden. Aber charakteristisch ist es, daß alle Jndüstrieunternehmungen, in denen Juden arbeiten, nur kleine Unternehmungen sind. Dieser spezifische Bau des jüdischen wütschaf. kichen Lebens und die Konzentrierung der jüdischen Bevölkerung in den Städten sei eine der Hauptursachen, weshalb die wirtschaftliche Krise besonders stark die jüdische Bevölkerung treffe. Andererseits trage auch die städtische Bevölkerung den größten Teil aller Steuerlasten, wovon wiederum hauptsächlich die Juden betrofsen werden. Der jüdische Handel gehe ständig zurück. Der ehemalige Großhändler ist jetzt ein mittlerer Händler, während der frühere mittlere Händler heute zu einem Kleinhändler herabgesunken ist. lieber die Lage in L i t a u e n berichtete der ehemalige Minister Dr. S. R osenbaum, der vorerst das Verhältnis Woldemaras und seiner Regierung zu den Juden schilderte, das weder gut noch schlecht sei. Auf jeden Fall sei keine Erleichterung der von den ftüheren Regierungen erlassenen Ges.tze, dir für die Juden schädigend sind, zu verzeichnen. Die engen Grenzen Litauens erschweren auch ungemein die Lage der Juden. Bei Konsolidierung der Verhältnisse und bei Herstellung eines Einvernehmens zwischen Litauen und Polen werde sich auch die Lage der Juden in Litauen bessern. Herr S m o l a r sprach über die Lage der Juden in Sowjetrußland. Er schilderte, wie sich dort im Laufe des letzten Jahres die Lage der Juden verschlimmert habe, hauptsächlich infolge der Aufhebung der neuen ökonomischen Politik (Nep), wodurch den Juden jede Handelsmöglichkeit genommen wurde. In der Ukraine und Weißrußland gebe es jetzt eine Million Juden, die ohne Erwerb sind und auf Hilfe ihrer Verwandten oder humanitärer Institutionen in Amerika und England angewiesen sind. Die Zahl der Juden in der Sowjet-Beamtenschaft werde immer geringer,' schon aus antisemitischen Gründen ziehe man es bei Durchführung eines Abbaues vor, eher einen jüdischen Beamten zu entlassen als einen nichtjüdischen. Ein besonders schweres Problem bildet die Frage der jüdischen Jugend. Fast alle Schulpflichtigen besuchen Handwerksschulen, können jedoch nach Beendigung der Schule keine Beschäftigung finden.