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Der Israelit · 1929-06-13 · Heft 24 (13.6.1929) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 24 (13.6.1929)
Date
1929-06-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton Beilage Der Israelit Br. 24 1929 Katharina Steiner. r/jyiw 'AiY (Schluß.) vm. ' ' Vielleicht war es anfänglich Labach nur um die Partei und um den Kampf zu tun. Je mehr er sich aber in die Akten vertiefte, um so tiefer griff bei ihm die Ueberzeugung von der Unschuld des armen Mädchens Platz . Es war ihm mählich klär geworden, daß hier ein armes jüdisches Opfer der Parteipolitik gebracht wurde. Denn nur unter dem gewaltigen Drucke der Hetzartikel, im Zwange der aufgestachelten, öffentlichen Meinung konnte die Untersuchung s o geleitet, die Verhandlung s o geführt, das Urteil f o gefällt werden. Man hatte den Zeugen die Aussagen direkt in den Mund gelegt. Waren doch die Widersprüche, in die sich -die Zeugen verwickelten, kaum beachtet worden. Labach, der selber von der Juristerei in Ae Politik kam und sich in solchen Dingen auskannte, nahm noch die tüchtigsten Rechtsanwälte der Partei zu Hilfe, und die Kampagne begann. \ . Völlig überzeugt und erschüttert kam Habuch von dem Besuche der Verurteilten aus dem Gefängnis zurück. Es schien ihm jetzt, wie er sagte, als sei dieser Kampf für das Leben eines unschuldigen Menschenkindes der ganze Sinn und Zweck feiner politischen Tätigkeit. Was ging ihn nach Partei, was Politik an? Es galt, ein Menschenleben zu retten. Er fragte sie im Gefängnis unter vier Augen und geradeheraus, ob sie schuldig fei. „Ja," sagte sie. Er erschrak. Sie sollte alles gestehen, wie man einem Freunde, einem Vater erzählt. Und sie bekannte ihre Schuld. Sie war treulos gegen die Eltern, treulos gegen Gott und müsse jetzt büßen, wie sie glaubte, mehr als gerecht sei. Aber der gerechte Richter oben wisse schon, wie Menschenschuld zu sühnen und wann es genug fei . . . > Und sie erzählte ihm haarkleiin ihre Geschichte vom Tage an, da sie das Elternhaus verließ. Ob sie mit dem Morde etwas zu tun hätte? R e i n! Sie erzählte schlicht und einfach ihren schweren Kampf um Existenz, um Ehre, um Zukunft, um Anerkennung uNd Geltung, seit sie Ae Großstadt betreten hatte ünd sich von -ihrein« Beschützer schnöde verlassen fühlte.-'-Cs war gut, daß er gegangen war, bevor sie vöMg die Besinnung verlor, sagte sie. Nun sei ja alles egal,^ ihre Schuld würde'Et ihrem Tode gesühnt. NuN e iN> eWifte hatte sie Utt-Hn>-wshl' in dessen- Augen sie nicht alS'Mörderin- 'stehe, er möchte ihre Verbindung mit dem Elternhaus wieder Herstellen. Sie hießen dort Stein und würden sie nur unter dem Namen Keile ken- NM Sollte es. zu spät fein, so mögeexihrletzten Dienst damit erweisen, daß er, wenn alles vorüber sei, den Eltern im ungarischen Städtchen ihr letztes Bekenntnis übermittele. Sie sei schuldig, aber nicht an d em M o rde , der ihr zur Last gelegt wird. Die Schuld -gegen die C l t e r n, gegen G o t t habe sie gebüßt, keine.andere . . Lab ach . war , ein Mann .von Wissen -und Erfahrung, auch getichtspsychölagifchen Kenntnissen. Er konnte güt unterscheiden zwischen Theater und Wirklichkeit und wäre imstande gewesen, jedes Wort des UnglüMchen Mädchen« Mit seinem heiligen Eiüe<zu Mräftigem, .; . Aber alle Mühe war vergebens^ eine . Revision des Hrozeffes war,' wiewoD. sich inzwischen äüch'nochÄnöere^Manner außerhalb der Partei, Künstler und Dichter und sogar hohe Regierungsbeamte dafüx einsetzten, nicht zu erzwingen. Es fehlte der „formale" Fehler. Die Sache nahm! ihren geordneten Lauf. Das Urteil wurde von der Staatskanzlei genehmigt. Uebrig blieb nur noch, ein, Gnadengesuch beim Kaiser eimzureichen. Labach und seine Freunde taten es ohne sonderliche Hoffnung. Die antisemitische Presse schlug Lärm und wußte mitzuteilen, daß das Gniadmgesuch, auf Grund der Akten, von der kaiserlichen Kanzlei abgelehnt sei. Labach und seine Freunde gaben nicht locker. Alle einflußreichen Instanzen wurden in Bewegung gesetzt. Er hatte selbst Audienz beim Kaiser, und im letzten Augenblicke vor Ablauf des Termines wurde das Gnadengesuch unterschrieben. Das Todesurteil gegen, Katharina Steiner wurde in lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt. Fast zugleich mit diesem Gnadengeschenke konnte ihr Labach die erste Kun!de von der ungarischen Heimat Überbringern. Diie Mutter sei seit einem Jahre tot. Der Vater war nach überseeischen Ländern ausgewandert. Sein Aufenthaltsort fei im Städtchen nicht zu ermitteln'. . Katharma Steiner hatte keine Ettern, keine Heimat mehr, und war Zuchthäuslerin, Zuchthäuslerin für den ganzen. Rest ihres Lebens. Das alles war von ihren Träumen übrig geblieben ... lX. > Zwölf Jahre faß Katharina Steiner hinter Gefängnismauern. Ihre Haare waren grau, stellenweise ganz weiß geworden. Ihre schlanke Gestalt war vornübergebeugt, wie geknickt. Die Augen, rrti denen zuweilen letzte Spuren von Feuer aufloderten, saßen ttef in den Höhlen und waren schwarz umrandet. Sie hatte keinen Ton mehr in der Kehle, statt dessen hustete sie Nächte hindurch auf der Schlasmatratze. Sie hatte längst aufgehört, ihre Unschuldzu beteuern. Es hörte ja doch keiner! Mit dem Schöpfer im Himmel unterhielt sie sich Tag und Nacht, lautlos. Ein Gebetbuch und ein Psalmbuch, mit hebräischem und deutschem Texte, waren, ihre Bibliothek, ihre einzige Lektüre. Sie kannte die einzelnen Psalmen schon so gut auswendig, daß sie sie auch in schlaflosen Nächten , bei völliger Finsternis hersagen konnte. Dann sang- und> klang es in ihrer Seele hell auf, über ihre Lippen kam kaum ein Laut. Das Wartepersonal behandelte sie mit einiger Scheu, aber ohne übermäßige Strenge. Labach besuchte sie noch in den ersten Jahren, dann immer seltener. Die Politik zog ihn ganz in den Strudel. Es gab schließlich wichtigere Dinge. Das Leben ging seinen Gang und flutete über den Fall Katharina Steiner hinweg. Der Kampf um sie gehörte schon der Geschichte an. Sie selber war vergessen. Da. geschah etwas, was den ganzen Fall aus dem Wüste der Vergangenheit wieder an die Oberfläche zerrte. In 'einem Nachtlokale, wo Lebemänner verkehrten, kam es zu einer wilden Schießerei zwischen einem Offizier und einem jungen Baron aus der großen' Welt; einer der Skandale, wie sie täglich die Wiener Zeitungen zu berichten wissen. Prozeß, Duell, Anklage, wobei' von einem der Beteiligten die Anzeige gegen den Leutnant erging, daß er und kein anderer vor zwölf Jahren den Mord an der Josef i n eBa log aüsgesührt hätte. Die Verdachtsmomente verdichteten sich und führten zur Verhaftung des Offiziers. Nach kurzer Vernehmung gestand er alles ein. Er habe in der Trunkenheit die Balog, die Erpressungsversuche an ihm äusübte, erstochen. Das Mädchen, dem damals die Tat zur Last gelegt wurde, Ae Steiner, war nicht dabei, war nie in der Gesellschaft zugegen. Er habe sie nur einmal im Hausflur gesehen und kaum gekannt. Es war der inzwischen zum H am p t m a n n avancierte Offizier Ferdinand Wafchauer, der Sohn des Oberstaatsanwalts, Dr. Edmond Wafchauer. Vater Wafchauer hatte damals die Klage gegen Katharina Steiner vertreten und den großen Erfolg ihrer Verurteilung errungen. Der Sohn Wafchauer war der Kronzeuge gegen das ungarische Mädchen. x. Der Prozeß wurde wieder ausgenommen, nach zwölf Jahren. Eine Greisin, gebrochen, miit grauen Haaren und hustend, stand sie, die frühere Schönheitskönigin in der kleinen Operette, da, obwohl erst zweiunddreißig Jahre alt, vor Gericht, als Zeugin jetzt. Sie sprach so still und gedämpft, daß man sie kaum hörte und' verstand. Hatte auch nicht viel zu sagen und konnte Waschauer nicht belasten. Sie erminerte sich überhaupt nicht, ihn je gesehen zu haben, sie kannte ihn gar nicht. Vater Wafchauer, der Ankläger im ersten Prozesse, wurde ebenfalls als Zeuge vernommen. Es war nicht nachzuweisen, daß er damals um die Schuld des Sohnes etwas wußte. Aber er nahm seinen Abschied. » Alfred Wafchauer wurde auf Grund der Belastungszeuge und des eigenen Geständnisses zumTode verurteilt. Die Einreichung eines Gnadengesuches lehnte das Gericht von sich aus ab, — weil er nicht nur die Tat beging, sondern sie auch einem anderen zur Last legte und es ruhig darauf ankommen ließ, eine Unschuldige dem Richtbeil auszuliefern. Katharina Steiner war frei, undwußte nicht, was sie mit der Freiheit beginnen soltte. Ihre körperliche und seelische Kraft war zu Ende, ihre Augen halb erblindet vom vielen Weinen über die Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit der Menschen. Eine Seite ihres Körpers war fast ganz gelähmt. So humpeüe sie am Krückstöcke daher und wartete in ihrer ärmlichen Behausung auf die spärlichen Liebesgaben, Ae ihr frühere Freunde und Annehmer brachten. Labach, der jetzt auf der Höhe feiner politischen Aufgaben stand und wenig Zeit und Sinn für einzelne Fälle ausbrachte, hatte zwar versucht, eine Abfindung für die unschuldig erlittene Strafe für sie zu erreichen, doch gab es damals noch keine gesetzliche Handhabe für solche Wiedergutmachung von Justtzirrtümern. In, den letzten Jahren konnte sie ihr Zimmer nHt mehr verlassen und wäre wohl längst verhungert, wenn ihr nicht der sozialdemokratische Bürgermeister jeden Monat eine kleine Rente, zu der> eigentlich keine Verpflichtung vorlag, ins Haus geschickt hätte.- So fristete sie noch ein- -langes Leben,. Vor wenigen TUen wurde sie, fünfundfünfzig Jahre nach ihrer Verurteilung, 43 Jahre nach ihrer Freilassung, im. Alter von fünfundsiebenzig Jahren zur ewigen Ruhe hinausgetragen. Vier Menschen begleiteten Ae Bahre, und Labach, ein alter HeNc,,-der sich längst vom öffentlichen Leben zurückgezogen hat, sprach ihr den letzten Gruß ins offene Grab, wie er eingangs wiedergegeben ist. (Drei Länder und ein Fsldmarschall.) Die Tür?ei, Polen und Ungarn veranstalteten in Gemeinschaft Gedächtnisfeiern für den einstigen Feldmarschall der türkischen Armee. Mn rad (Asmurad) Pascha, der auch als General Joseph Bem an den ungarischen Unabhängigkeitskämpsen Neben Kossuth teilgenommen hat. Joseph Bem wurde 1794 in Polen als Kind frommer jüdischer Elterngeboren. In den Jahren 1812 bis 1830 nahm er an den polnischen Aufständen gegen Rußland hervorragenden Anteil, mußte dann nach Paris emigrieren und kämpfte später für die ungarische Unabhängigkeit. Er gehörte 1846 zum engeren Stabe Ludwig Kossuths, flüchtete nach dem Niederbruch des Aufstandes nach der Türkei, wo er an den türkischen Kriegen hervorragend Anteil nahm und ein Günstling des Sultans wurde, der ihn zum Befehlshaber der arabischen Division in Syrien, dann, zum G e n e r a l g o u v e r n e u r des großen Syrien-Distriktes ernannt hat. Bem unterstützte seine in Polen verbliebenen Verwandten, ließ einige derselben zu sich kommen und ließ sie in Syrien hohe Aemter bekleiden. Er starb 1850 in Aleppo und wurde dort bestattet. Eine polnische Delegation wird sich in kurzem nach Aleppo begeben, um die Gebeine Joseph Bems auszugraben I

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