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Der Israelit · 1929-05-30 · Heft 22 (30.5.1929) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 22 (30.5.1929)
Date
1929-05-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Der Jsraelit Katharina Steiner. IV. Katharina Steiner hatte kein leichtes Leben, führte harten Kampf um Existenz, Ehre und Anerkennung. Man hatte sie nicht ihrer Kunst wegen engagiert, das sollte ste bald erfahren. Es fehlte nicht an Zudringlichkeiten und Zumutungen. Sie aber wollte gerade und nur künstlerische Anerkennung — mindestens für morgen. Eine ganz Große wollte sie werden. So arbeitete sie für die Zukunft und nahm Entbehrungen auf sich, die, ohne klares, winkendes Ziel, eine junge Menschenkraft in kurzer Zeit hätten zerbrechen müssen. Zwei Ziele standen ihr vor Augen, zwei Träume träumte sie, einer war süßer und glückhafter als der andere. Zunächst wollte sie es den großen Herren an der Oper, dem Herrn Direktor, wie dem Kapellmeister, zeigen, wie sehr sie sich geirrt hatten, wie leichtfertig sie urteilten', welch schlechtes Auge und mangelhaften Spürsinn sie für aufblühende Hoffnungen hätten! War sie eines Tages so weit, da sollten sie um sie betteln. Sie aber würde andere Engagements an ersten Kunsttempeln finden: ihnen, den großen Herren, würde sie nur lakonisch sagen: „Ähr habt mich ja nicht gesucht und ich habe nicht für e u ch gerungen! . . ." Der zweite Traum war noch weit bestrickender. Gab sie sich diesem hin, so war ihr ganzes Leben wie meinen Farbenkessel getaucht. Man bedenke: Sie würde eines Tages, nachdem ihr Namen durch alle Zeitungen, ihr Bild' durch alle Journale gegangen, so ganz plötzlich und unvermittelt im kleinen Heimatstädtchen auftauchen. Wie ein leuchtender Stern am klaren Himmel. Würde sich zunächst gar nicht zu erkennen geben. Wer sollte auch hinter dem allbekannten Theaternamen aus den Plakaten die kleine Keile von damals vermuten? Ach, wie ist doch das ganze Städtchen auf den Beinen, alles eilt in den kleinen Theatersaal. In hellen Scharen strömt auch das Volk aus der weiten Umgegend herbei. Sogar die Großstadt und die Residenz selbst schickte Berichterstatter. „Der große Star in der Provinz", lauten die Ueberschriften. Die Reineinnahmen fließen natürlich für die Armen. Run singt sie, singt den Leuten die Seele aus der Brust, fingt sie in Tränen, in Träume, in Jubel . . . Todesstille. Dann Beifallssturm, Klatschen und Rusen. Und dort ganz hinten sitzt eine Frau und weint, und ein Mann, der sich verstohlen die Tränen wischt. Es sind ihre Eltern, sie haben sie an der Stimme, an den Bewegungen erkannt. Sie hatte ja auch nur für sie gesungen, und nie in ihrem Leben so wie dieses Mal . . . Dann zerstreute sich die Menge langsam, und sie lag in der Garderobe in den Armen der Mutter. Der Vater war versöhnt, beglückt. Sahen sich in die Augen und wußten nicht, wer wem zu verzeihen hatte ... Sie blieb noch mehrere Tage im Orte. Waren doch' die Eltern inzwischen alt geworden! Sie sollten fürderhin aller Mühe enthoben sein. Sie hatte ja neben dem Ruhm auch Geld, Geld in Hülle und Fülle ..." Mit solchen Visionen ging sie abends todmüde zu Bett und stand frühmorgens^ auf. Und das Wunderbarste an diesen Träumen war, daß sie sich mählich zu v e r w i r k l i ch e n begännen. Die kärgliche Gage reichte kaum aus, sich satt ZU essen, aber sie sparte noch die Hälfte für die Ausbildung. Sie hatte ein billiges Logis bei einer früheren Schauspielerin namens I o s e s i n e Balog gesunden, die sich ihrer, sie wußte nicht warum, angelegientlichst annahm. Ihre Garderobenstücke hatte sie sich oft in später Nachtstunde noch selber zusammenzuflicken'. Vieles, auch Schmuck, bekam sie von der Balog leihweise gestellt; aus ihrem früheren! Garderobenschatz. Das alles mußte erst gerichtet, geändert werden, ltrifr wenn ihr die Augen zufielen, um so rascher und schöner stellten sich die Zukunftsträume ein. Träume? Es wuchsen ihr wirklich und wahrhaftig von Tag zu Tag neue Schwingen an. Ihre Kraft stieg mit ihrer Schönheit, ihre Stimme wuchs an, bekam Glanz und Schmelz. Im Chore der kleinen Operette fiel sie schon auf. Dazu lernte sie eine ganze Menge Dinge, die sie für ihre kleine Aufgabe im Hause, in dem sie »nur einen Uebergang sah, gar nicht brauchte. Es wurde ihr eine kleine Solorolle übertragen, dann eine größere und größere. Ihre Spielkunst wurde gelobt. Die Presse erwähnte sie im lokalen Teile. Sie rechnete schon aus, wieviele Jahre, vielleicht nur Monate, bis zur Erfüllung ihrer letzten Träume vergehen könnten ... Ihre Gage wurde erhöht, war aber noch nicht hoch genug, um sorgenlos zu leben und die Ausbildung zu bestreiten. Fremde Hilfe lehnte sie aber ab. Die Visionen, die sie begleiteten, erhielten sie stark, gesund und rein. Im Theater selbst wußte man bald, daß man an die „Eisheilige", wie sie Kollegen und Kolleginnen bald tauften, sich nicht heranwagen durfte. Im Hause ihrer Wirtin, Josefine Balog, verkehrten merkwürdige Leute. Das interessierte sie nicht. Es ging da im Salon oft bis zur späten Nachtstunde sehr hoch her, sie bemühte sich, es nicht zu hören. Katharina Steiner war nicht zu bewegen, an der Gesellschaft teilzunehmen. Auch dann nicht, als sie der junge Leutnant Ferdinand Wasch au er, mit dem sie Josefine Balog bekannt machte, so inständigst darum bat. Blumen und andere Aufmerksamkeiten von diesem jungen Weltmann wies sie entschieden und energisch zurück. Sie lebte ihrer Kunst, lebte ihrer Zukunft. Mitten in ihre Gesänge schlug es oft wie aus einer alten Leier ein. Es waren die alten Lieder der Heimat, die in ihrer Seele noch nicht zum Schweigen kamen. Frau Josefina Balog, ihre Wirtin, war mit ihr nicht zufrieden! und machte aus ihrer Enttäuschung gar keinen Hehl. Der gesellschaftliche Gewinn, auf den sie wohl mit der Aufnahme der jungen Schauspielerin rechnete, war ausgeblieben. Katharina Steiner trug sich mit dem Gedanken herum, ein anderes Quartier zu suchen, und die Josefine hätte sie gewiß nicht daran gehindert. Es war nicht leicht, etwas Rechtes zu einem für sie erschwinglichen Preise zu erhalten. Die Beziehungen zwischen den beiden Damen, waren kühler geworden, schon beinahe gespannt. Nur um nicht ganz mit ihr zu brechen, behielt Katharina Steiner einige Schmuck- und Garderobengegenstände ihrer Wirtin! noch bei sich. Im Salon war große Gesellschaft bei Tanz, Wein und schlechtem Gesänge. Ueber alle Geräusche hinweg gurgelte die schrille Kommandostimme Wafchauers, die ihr so sehr auf die Nerven fiel, daß sie sich die Ohren zustopfte. Katharina hatte noch zu üben, zu lernen, zu nähen. An einer Ecke des kleinen Gemaches lagen einige Kränze und Sträuße, halb verwelkt, von der letzten Vorstellung. In ihren Ohren rauschte noch der Beifall des letzten Abends, in den sich jetzt die Dissonanzen vom Salon her störend drängten. Sie drehte die Lampe aus und tauchte in ihre Pläne, in ihre Zukunftsträume unter. Am frühen Morgen war es ganz stille drüben. Sie glaubte, in der Nacht Schreie gehört zu haben, doch waren es gewiß nur böse Träume, Albdrücke infolge angestrengter Arbeit und mangelhafter Ernährung. Dann Hub Geräusch an, wie sanftes Säuseln, das zum Sturmwinde anttr. 22 im wuchs. Viele schwere Schritte kamen und gingen, viele Menschen redeten durcheinander, Türen wurden aufgerissen und zugeklopft. Sie sah zum Fenster ihres Zimmers auf die Straße hinaus. Ein Sanitätswagen stand vor der Türe, Wachmänner umringten das Haus, ein Menschenauflauf wuchs mit jeder Minute mehr an. Was ging bei der Balog vor? Ahnungslos kam sie aus dem Zimmer, wollte hinaus und, unbekümmert um die Menschen, zur Probe gehen. An der Türe schrie ihr jemand „Halt!" zu. „Zurück!" Wer sie sei, woher sie komme und wohin sie gehe, fragte sie ein Polizeiossizier. Wenn sie die Katharina Steiner sei und hier wohne, dürfe sie das Haus nicht verlassen. Keiner aus dem Haufe dürfe sich entfernen. Ob sie wisse, daß ihre Wirtin, Josefine Balog, heute morgen mit durchschnittener Kehle in ihrem Bette aufgefunden worden sei, ob sie wisse, wieso und warum. Katharina Steinerl lachte zuerst auf. War das noch ein böser Traum oder ein schlechter Witz? Aber was jetzt für Wochen und lange Monate folgte, war trübste, traurigste Wirklichkeit. Katharina Steiner kam in Untersuchungshaft, unter dem „dringenden Verdachte", ihre Wirtin, Josefine Balog, ermordet zu haben. Warum gerade sie? Nun, ihr verstörtes Wesen, ihre Einsamkeit, ihre drückende Armut, schließlich das gespannte Verhältnis zwischen den Frauen. Dann aber die bei ihr gefundenen Kleider und Schmucksachen der Balog . . . V. Tage und Wochen hinter Gefängnismauern begannen für sie, deren Trostlosigkeit nur durch die Ueberzeugung gemildert werden konnte, daß sich Wahrheit nicht soweit zertreten lasse; daß ihre völlige Unschuld doch bald an den Tag kommen müßte. Darüber vergingen aber Monate, die sich zu einem ganzen Jahre rundete, ausgefüllt von Verhören, Vernehmungen, Protokollen, von Frage- und Antwörtspielen, bei denen man sich im Theater fühlen konnte, wenn nicht die Kulisse gar so hart und traurig gewesen wäre. Man legte dem Mädchen, das nicht imstande war, jemals einer Fliege an der Wand wehzutun, in allem Ernste zur Last, die Josefine Balog nächtlicherweise erdolcht zu haben. Erst aus den Verhandlungen vor dem Untersuchungsrichter erfuhr Katharina Steiner zu ihrem gewaltigen, Entsetzen, von welcher Art ihre Wirtin und der von dieser erhaltene Salon war. Oder logen die Akten, die Zeugen, die Peamten auch hier? Die vernommenen Gäste, die dort verkehrten, sagten alle ungünstig für Katharina aus. Sie bekundeten unter ihrem Eide, daß die Frauen untereinander auf den Tod verfeindet waren, daß die Steiner ein kümmerliches Leben führte. Daß die bei ihr gefundenen Gegenstände Eigentum der Ermordeten waren, gab die Angeklagte zu. Ihr zu glauben, daß sie geliehen waren, hatte man keinen Grund. Man wollte ihr ein Geständnis abpreffen. Alles war so komisch und ungeheuerlich, daß man darüber nur lachen oder weinen konnte. Sie tat oft beides. Der Untersuchungsrichter nannte das, Ausfluß eines verstockten Wesens und sagte sogar einmal, mit solchen „theatralischen Tricken" käme sie hier nicht weiter ..." Da wurde erst das arme Mädchen von dem ganzen Ernst der Situation erfaßt. So verlassen, so einsam fühlte sie sich. Gab es keine Wahrheit, keine Gerechtigkeit mehr auf Erden? Nein, es war nur ein kleiner Schreckschuß. Sie hatte nie aufgehört, an die Vorsehung und an einen gerechten Richter hoch oben zu glauben. Sie hatte schon eine kleine Strafe verdient, sie wollte sie auf sich nehmen. Nun schien es ihr bald genug zu fein . . . Sie versuchte sogar zusingen. Aber kein Ton kam aus ihrer Kehle in

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