Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1929)
- Date
- 1929-05-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Der 2 sraelit Nr. 21 Seite 7 23. Mai 1929 Der Kampf um das Rabbinat in Wilna. Wilna, 20. Mai. Von zionistischer Seite werden Gerüchte in Umlair gebracht, datz die Gemeinde die allen Rabbiner ebenfalls bestätigen wolle, die Aguda aber sich dagegen sträube. Wahr davon ist, daß die Gemeindeverwaltung unter dem Drucke, der öffentlichen Meinung so tat, als wollte sie eine Verhandlung mit den Rabbinern in die Wege leiten In Wirklichkeit aber erklärten die maßgebenden Vor steher in offizieller Weise, datz von einer Bestätigung noch anderer Rabbiner neben dem definitiv gewählten ^lnd bestätigten Rabbiner Rubinstein g a r n i ch t di, Rede sein kann. Man könne höchstens davon sprechen die Gehälter für einige, aber nur einige der Rabbiner in Budget zu sichern. Das nennen die Herren einen Friedensvorschlag. Und die Orthodoxie sei von der Aguda aufgestachelt, wenn sie den Frieden auf dieser Basis ab lehnt. ' Abgesehen davon, datz solche Gehaltsposten für nichtoffizielle Rabbiner nach dem Kehilagesetz ungesetzlich sind und zu jeder Zeit von der Behörde gestrichen werden können, würden die alten Rabbiner aust Gnade und Ungnade der Verwaltung ausgeliefert sein. Wehe, wenn sie da noch wagten, ihres Amtes als Hüter des religiösen Lebens einmal nicht im Sinne der religiös desinteressier ten Vorsteher zu walten. Streichung oder Kürzung der Gehälter wäre die unausbleibliche Antwort. Und dann was soll aus den anderen Rabbinern werden, die außer' halb des Budget bleiben? Trotz allem ließen es die Rabbiner, die keine Gelegenheit zu einer Friedensabmachung versäumen wollen, auf eine gemeinsame Beratung ankommen. Zm letzten Augenblick kniffen aber die Herren Ratmänner aus und blieben der Sitzung fern —wie man hier sagt, auf Befehl ihres Herrn Oberrabbiners. So sieht der . Frieden aus, den die Mehrheit der Gemeindeverwaltung angeblich will und die Rabbiner ablehnen. Die Bewegung zum Austritt aus der offiziellen Gemeinde und zur Bildung einer separaten gesetzestreuen Gemeinde macht Fortschritte, und die wirksamste Hilfe kommt ihr von der Verwaltungsmehrheit selbst. Bulgarien. Das neue Spanien und die Juden. Sofia, 16. Mai. Auf das. Telegramm von Dr. Saul Mezan, Präsident der jüdischen Völkerbund-Liga in Bulgarien, an den spanischen Regierungschef Primo de Rivera, das die Bitte enthielt, öffentlich zu erklären, datz das spanische Judenaustreibungsedikt von 1492 offiziell abgeschafft ist, da sonst die Vertreter der jüdischen Völkerbundligen nicht zu dem in Madrid stattfindenden Kongreß der Union der Völkerbundgesellschaften werden kommen wollen, erwiderte die spanische Regierung in einem Schreiben an Dr. Saul Mezan, es bestünden gegenwärtig keinerlei Beschränkungen gegen Juden in Spanien, Spanien sehe es gerne, wenn Juden ins Land kommen. (ITA.)' Rumänien. Rumänischer Brief. Bukarest, 15. Mai. Die Zehnjahrfeier der Vereinigung Altrumänjens mit Siebenbürgen, Betzarabien.und der Bukowina begann am 10. Mai in Bukarest und wird am 20. Mai in Alba Julia ihren Abschluß finden. Die Union rumänischer Juden teilte der Regierung mit, daß sie sich, obwohl in der Opposition zur jetzigen Regierung stehend, an den Feiern beteiligen werde. Auch der nationale Jüdische Parlamentsklub teilte der Regierung mit, datz er eine Abordnung nach Alba Julia entsenden werde. „Eurierul Israelit", das Organ der Union,' gab eine Festnummer heraus, in der die Solidarität der Juden mit den übrigen Bürgern in der Freude über die Vereinigung zum Ausdruck gebracht wird. Für die Juden war der Vereinigungsakt umso bedeutsamer, als sie gleichzeitig mit der Vereinigung ihre volle politisch* Gleichberechtigung erhalten haben, Die Bükarester jüdische Gemeinde veranstaltete am 10. Mai im Haupttempel einen feierlichen Gottesdienst, dem der Bürgermeister von Bukarest, der Vizebürgermeister, der Parlamentsvizepräfident, die jüdischen Deputierten und Senatoren beiwohnten. Die Festrede hielt 'Oberrabbiner Dr. Niemiro«er, Dr. Fildermann als Vertteter der Gemeinde führte aus, der Opfertod der Rumänen und der Juden habe das Land frei gemacht nun wollen wir, Rumänen und Juden, gemeinsam für das Glück des Landes tätig sein. Das Ausgabenbudget der Bükarester Jüdischen Gemeinde betrug im Jahre 1928 mehr als 27 Millionen Lei. In den Jahren 1921—1926 hat die Gemeinde insgesamt 143 Millionen Lei ausgegeben. Fast die Hälfte der Gesamtausgaben wird für Schulen, ungefähr ein Drittel für soziale Institutionen verwendet. Die Beiträge der.Gemeindemitglieder sind freiwillig, eine Zwangsbesteuerung wird erst nach Inkrafttreten des neuen Kultusgesetzes eingeführt werden können. Eine Disharmonie in die Zehnjahrfeier bringt der Protest, den 58 jüdische Gemeinden Mttumäniens beim Kultusministerium durch den Verband der jüdischen Gemeinden erhoben, gegen die Absicht der Regierung, ihre Autonomie einzuschränken und Vertrauensmänner der Regierung mit der Aufsicht über die Gemeinden zu betrauen. Grmeindepolitik m Betzarabien. Kischinew, 20. Mai. Die sogen. „Demokratische Gruppe", die sich als „Allbetzarabisches Zentralkomitee für Aufbau der Kehilo" aufbauscht, erläßt einen Ausruf an „alle lebendigen Kräfte in Betzarabien", die elementaren Gesetze zum Aufbau einer Kehila zu verteidigen. Interessant in diesem Tommunique ist nur,, daß sich das Komitee als Wahrer des Friedens ausgibt, während es in Wahrheit den Bruch mit der Orthodoxie und die Spaltung verschuldet. Es geht um das G e m e i n d e st a t u t, das schon eine etwas lange Geschichte hat. Im Winter 1928 ist auf einer großen Versammlung, auf der alle Organisationen vertreten waren, eine Kommission zur Ausarbeitung des Kehilostatutes gewählt worden. Der von ihr ausgearbeitete Entwurf ist nachher im Plenum genehmigt und von beiden Parteien feierlich unterschrieben worden. Die „religiöse Gemeinde" ließ aber die Demokratische Gruppe nicht ruhen und sie ließ von einer Versammlung, die zu einem ganz anderen Zwecke einberufen war, das alte Statut annullieren und ein neues aufstellen. Als die erwartete Opposition nun kam, wälzte man die ganze Schuld auf die Orthodoxie. Selbstverständlich besteht die Orthodoxie auf der Einhaltung der ersten Abmachung, die nicht allein von ihr, sondern auch von der Gegenseite getroffen wurde. Wer in diesem Falle die Friedensstörer sind, darüber kann kein Zweifel mehr herrschen. Der von Oberrabbiner Z i r e l s o h n einberufene „A l l b etz a r a b i s ch e Kongreß", der von 153 Delegierten besucht war, hat nun den alten Entwurf wieder ausgenommen und genehmigt und ein „Allbeßarabisches Zentralkomitee" gewählt mit Zirelsohn an der Spitze. Friedensoersuche zwischen den beiden Komitees scheiterten, denn dazwischen liegt der religiöse Charakter der Kehila. Selbstverständlich hat das orthodoxe Komitee sein eigenes Statut dem Ministerium unterbreitet. Es ist das alte Statut mit kleinen Aenderungen bezüglich der Zahl der Ratsmänner und mit der Zusatzbestimmung, datz die Ratsmänner unbesoldet und ehrenamtlich wirken. Die starke Betonung des religiösen Charakters schließt aber nicht aus, daß sich die Kehila auch mit den sozialen und wirtschaftlichen Belangen der Gemeinde zu befassen hat. An die kleinen Aenderungen im Entwürfe klammert sich nun die Demokratische Gruppe und entfaltet eine wilde Agitation gegen das Statut, mit der Anklage, datz sich der neue orthodoxe Entwurf mit dem alten — gegen den sie ja ebenfalls kämpften — nicht decke und eine große Reihe von einschneidenden Aenderungen aufweise. In einem ausführlichen Leitartikel im Kischinewer Blatte „Die Woche" setzt sich nun Rabb. Zirelsohn mit seinen Gegnern auseinander und bespricht insbesondere die kleinen formellen Abweichungen, die in Wahrheit gar keine Aenderungen sind. Es ist zu hoffen, datz die Sache einen guten Fortgang nimmt und das Ministerium für die Wünsche der gesetzestreuen Judenheit und ihrer berufenen Führer aus Erhaltung der religiösen Kehila volles Verständnis zeigt. England. Große Palästina-Debatte im Englischen Parlament. London, 5. Mai. Die letzte Sitzung des englischen Unterhauses, in der das Budget des Kolonialamtes behandelt wurde, gej stattete sich zu einer großen Auseinandersetzung über die Palästina-Politik der englischen Regierung. Als Erster ergriff das Wort Commander Kenworthy, der sich an die Konservativen wandte und von ihnen als Gesamtpartei und -Frattion eine klare und korrekte Stellungnahme zu Palästina und dem jüdischen Ausbau in diesem Lande verlangte. W e d g w o o d -kritisierte scharf das ungerechte Steuersystem in Palästina, insbesondere die Zehentsteuer und gab seiner lleberzeugung Ausdruck, datz die britische Regierung entschlossen sei, Palästina in ein freies, sich föibst verwaltendes Land gleich allen Ländern des britischen Imperiums umzuwandeln. Unter größter Aufmertsamkeit des Hauses erhob sich der Unterstaatssekretär für die Kolonien, Herr Ormsby- Gore, um auf die Darlegungen von Kenworthy und Wedgwood zu antworten. „Ebenso wie Colonel Wedgwood heute, begann Ormsby-Gore, war ich, lange bevor ich mein Amt anttat — und auch heute noch — ein überzeugter und eifriger Zionist, wenn auch aus anderen Gründen wie Colonel Wedgwood. Er sieht die Sache so an, datz das jüdische Volk im Begriffe ist, unsere Ideen, unsere westliche Zivilisation und unsere Freiheitsliebe noch einmal nach dem Osten zu tragen. Ich sehe sie im Sinne von Dr. Weizmann an. Wenn der zionistische Führer einmal sagte, er wünsche, datz „Palästina ebenso jüdisch werde, wie England englisch ist", so war dieser Ausdruck vielleicht etwas unglücklich gewählt, und er wurde ihm falsch ausgelegt: ich glaube, datz Herr Dr. Weizmann damit sagen wollte, daß die jüdische Zivilisation in Palästina weder englisch, noch französisch, noch amerikanisch, noch polnisch, noch spanisch oder sonstwie, sondern rein jüdisch und dazu noch palästinensisch-jüdisch, sein solle, und datz es das zionistische Ziel sei, die physischen, geistigen und wirtschaftlichen Bedingungen für das Heranwachsen von einer jüdischen Generation nach der anderen im Lande der Väter zu schaffen. Und so glauben die Juden, und so glaube auch ich, datz Lause der Zeit ein Volk der Denker und Dichter in Palästina entstanden sein wird, und datz ein Menschentyp emporwachsen wird, der die L i t e r a t u r , die Religion und das Denken der Welt ungeheuer bereichern wird. Nicht die große Zahl wirdes tun, sondern die Qualität; die höhere Qualität wird diesem Volke die wirkliche Freiheit bringen. Und wenn Colonel Wedgwood fragt, warum die Regierung nicht mehr für die englische Erziehung der Juden tut, so erwidere ich, datz es die Quintessenz des zionistischen Ideals ist, ihr Volk von hebräischer Tradition durchdringen zu lassen. D i e Kontrolle des jüdischen Unterrichts mutz soweit wie möglich Angelegenheit der Juden bleiben." Der Unterstaalssekretär antwortete Wegdwood und Kommander Kenworthy und kommt auf die Klagemauer zu sprechen. „Ich verstehe es, datz die Stätte vor der Mauer, die zweifellos Teile des alten jüdischen Tempels enthält, Gegenstand jüdischer Verehrung ist. Die Spitze der Mauer, die moslemitisch ist, ist und war keine Strertan gelegenheil. Alle diese Fragen sind in Palästina äußerst delikat und schwierig. Besonders in der Stadt Jerusalem werden die Leidenschaften leicht entflammt, Mißverständnisse entstehen sehr bald; ich meine, man sollte diese nichlt wieder aufs Tapet bringen." Der Plan der Eisenbahn von Haifa über den Jordan, südlich des Toten Meeres und weiter nach Persien, müsse eine Frage der Zukunft bleiben. Jetzt bauen wir schon den Haifa-Hasen. Wenn für die Eisenbahn die Finanzierung gefunden sein wird, wird sie gebaut werden, und Haifa wird ihr Mündungshafen. Bezüglich der Bodenfrage bestehen , Schwierigkeiten darin, datz viel von dem Boden Palästinas syrischen Effendis gehört, die eine türkische Konzession gerade für dieses Gebiet haben. Bevor diese Schwierigkeit nicht aus dem Wege geräumt ist, kann das, was Wedg-wood verlangt, nicht erfüllt werden. Die Verwaltung steht mehreren einander widerstreitenden Interessen von höchst chaotischer Natur gegenüber. Es scheint aber als sicher festzustehen, datz sich in diesem Jahre eine Gelegenheit ergeben wird, das jüdische Siedlungsland zu vergrößern. Es bleibt, bei aller Erwägung, Gesetz und Ordnung begehen zu lassen und Unruhen zwischen den verschiedenen Elementen hintanzuhalten, unsere Pflicht und unser Wunsch, die Verwirklichung der höchsten zionistischen ^dea^e- und die jüdische Siedlung in Palästina zu sördefn.'^^^^^,^ .mrno nifj' nir.in fhj(b|}]dbo' mfblfditj