Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1929)
- Date
- 1929-05-16
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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16. Mai 1929 Nr. 10. Seite 7 Die Haltlosigkeit einer solchen Bedeutung des § 4 ergibt sich ja zur Genüge darausdaß die nämliche Kenessio Gedaulo, welche den § 4 annahm, einer Reihe von Herren aus den von Herrn Rosenheim genannten Mitgliedern der Wiener und Warschauer. Gemeinden eben in die Zentralstellen der Agudas Iisroel gewühlt hat. Es wurde auch ausdrücklich in der Statuten- Kommission seinerzeit eine solche Fassung des § 4 gewählt, welche darauf Rücksicht nimmt, den Entscheidungen der für die Agudo maßgebenden rabbinischen Autoritäten eines Landes Rechnung zu tragen. In Deutschland ist aber — wie Herr Rosenheim mit Recht hervorhebt — von allen rabbinischen Landesautoritäten die Zugehörigkeit zur Gemeindeorthodoxie geduldet (wenn auch nicht gebilligt) worden. Es muß sich daher der § 4 auf diejenigen beschränken, welche an einem Orte, indem eine selbständige orthodoxe Gemeinde vorhanden ist, sich dieser nicht anschließen. Es wäre ein Unding, zu verlangen, daß orthodoxe selbständige Gemeinden auf Initiative der Aguda gegründet werden müßten oder könnten, wenn nicht die auf dem Boden der Aguda stehenden Rabbiner der betreffenden Orte ihrerseits dieses für notwendig erachten. Es hieße ja, gegen die primitivsten Grundsätze der Agudas Iisroel verstoßen, wenn die Autorität der orthodoxen Rabbiner nicht anerkannt würde. Die historische Ursache aber, warum in Deutschland die Zugehörigkeit zur nichtorthodoxen Gemeinde geduldet werden mußte, hier im einzelnen zu begründen, würde zu weit führen. Es fei nur kurz darauf hingewiesen, daß die beiden großen geistigen Führer der deutschen Orthodoxie, Rabbiner Bamberger s. A. und Rabbiner Hirsch s. A. — deren Melnungsverschledenheiten leider für die Zukunft so unglückselige Folgen haben sollten — sich darüber einig wären, daß unabhängig von Austritt oder Mchtaustritt man der selbständigen orthodoxen Gemeinde seines Ortes anzugehören habe. Wer dieses nicht tut, kann wiederum in allen übrigen Beziehungen ein absolut gefetzestreuer Jude fein, nur kann man unmöglich die Forderung Bambergers und Hirschs berechtigt erachten, um auf der anderen Seite demjenigen, der ihr in seiner Kehillo nicht Rechnung trägt, das Recht zu erkennen, führend in b er W e l to r g a nts a t i o n d -e t s el b ständ i - gen Orthodoxie z u st e h e n. Denn einen größeren ideellen Gegensatz zu der Idee der Agudas Iisroel gibt es nicht, als sich der selbständigen orthodoxen Gemeinde seines Ortes nicht anzuschließen. Eine Diskussion über diese Frage ist heute längst nicht mehr lokalen oder territorialen Charakters. Erez Iisroel mit seiner Kenesfes Iisroel, Polen mit seinen durch die Wucht der Ereignisse verschärften Gegensätzen innerhalb der Gemeinden, die früher oder später zu einer selbständigen gemeindlichen Organisation führen werden, haben ein ebenso großes Interesse wie die Tschechoslowakei und die Mitglieder der selbständigen orthodoxen Gemeinden in Deutschland. Und endlich glaube man doch ja nicht, daß die Gegnerschaft gegen die Agudas Iisroel dann aufhören wird, wenn man leinen künstlichen Trem nungsstrich macht zwischen der Ideologie des Misrachi und' derjenigen der Gemeindeorthodoxie. Beide sind, um mit Herrn Rosenheim zu sprechen, genau so wie der Achduth „geeign e t " (keineswegs darauf berechnet), die Gleichberechtigung der Reologie mit der Orthodoxie zu stäkren. Es ist ein «entsetzlich schweres, hartes, oft brutal scheinendes Erbe, welches die Agudas Äisroel angetreten hat, wenn sie in unserer Zeit versucht, in Marheit und Reinheit die Idee des ausschließlich um und durch die Thora geeinten Gottesvolkes ZU verkörpern!. Cs ist sicher. leichter, einfacher und populärer, derartige Prinzipien zwar theoretisch zu proklamierensie aber doch nicht praktisch durchzuführen, sondern' möglichst einen Zusammenschluß aller gesetzestreuen Juden unabhängig von ihrer Einstellung zu Klallt d e i ‘ MrchHführeN. Andererseits aber dürsten! die Kämpfe um die Aguda — die allen Kämpfern bitter und schmerzlich sind — doch durch den einen Der Israelit Blätter Gedanken leichter -erträglich sein, daß vielleicht in - der Entwralung der Zeiten diejenigen Gruppen, die heute links von der Aguda stehen, sich freuen werden, ebenso an der Aguda einen Rückhalt zu haben, wie ihn die Gemeindeorthodoxie an den selbständigen Gemeinden hat. * 5 Es ist weiter nicht verwunderlich, daß Herr Moritz A. L o e b , einer d-er Väter der Achduth- Organisation, im Leitartikel von Nr. 18/19 des Berliner „Jüdischen Wochenblattes" gegen meine Ausführungen in der „Jüdischen Presse" Stellung nimmt. Denn bekanntlich ist ja mehr oder minder deutlich ausgesprochen worden, daß die Gründung des Achduth eben durch den Beschluß der ersten Kenessio Gedaulo bezüglich des § 4 veranlaßt wurde. Es ist das gute Recht des Herrn Loeb, fein Mißbehagen darüber zu äußern, wenn jemand — wie ich es in meinem Artikel getan habe — die Gründe für die Annahme des § 4 durch die erste Kenessio Gedaulo angibt. Dankbar bin ich Herrn Loeb dafür, daß er meine obigen Ausführungen bestätigt, indem auch er der Meinung Ausdruck verleiht, daß der § 4 für diejenigen, die nicht auf seinem Standpunkt stehen, auch dann unannehmbar -ist, wenn man durch eine Interpretation seine Geltung lediglich auf Misrachisten beschränkt. Herr Loeb gehört zu derjenigen Gruppe von Agudisten, welche den § 4 überhaupt abschaffen wollen. Soweit wäre alles in Ordnung, abgesehen von dem irrigen Glauben des Herrn Loeb, daß mein Artikel ein offiziöser sei —eine Ansicht, die er ja wohl selbst schon korrigiert haben wird, nachdem er sieht, daß auch der Vorsitzende des Geschäftsführenden Ausschusses der Agudas Iisroel in Frankfurt a. M. sich keineswegs in allen Punkten mit meinem Artikel einverstanden' erklärt. Nun befinden sich in den Ausführungen des Herrn Loeb einige mir nicht begreifliche Jrrtümer. Er wirft mir vor, daß ich mich „unverhüllt und unverblümt" zu der in § 4 enthaltenen Maxime bekenne, „die auch weiter Misrachisten. Gemeindeorthodoxe, kurz, alles, was nicht auf dem Austrittsstandpunkt steht, aus der Leitung ausfchließt, d. h., f i e z u I u d e n m i n d e r e n Grades st e m p e l n wolle." (In Parenthese fei bemerkt, daß die Leser des „Jüdischen Wochenblattes" des weiteren, dahin belehrt werdendaß trotz der „Unverhülltheit" und „Unverblümtheit" doch die eigentliche Bestimmung des § 4 von mir „nicht offen ausgesprochen, sondern umgedeutet werde" — ein Widerspruch, der nicht weiter tragisch zu nehmen ist). Dieses, „d. h. die zu Juden minderen Grades stempeln wolle", ist — mit Verlaub, Herr Loeb — eine gewiß nicht beabsichtigte, aber darum nicht minder bedauerliche Irreführung der öffentlichen Meinung. Wie lautet denn jener ominöse § 4? Wählbar in die Organe der Agudas Iisroel sind nur solche Mitglieder, deren Gesinnung und Lebensführung anerkanntermaßen der Thora entsprechen. Angehörige von Organisationen, die sich im prinzipiellen Gegensatz zur Agudas Iisroel befinden, sind in die zentralen Verwaltungsorgane nicht wählbar. Im strittigen Falle entscheidet über das Vorhandensein eines solchen Gegensatzes der Rabbinische Rat des betreffenden- Landes. Klipp undklar ist damit ausgesprochen, daß zunächst einmal die Voraussetzung für die Wählbarkeit in alle Organe der Aguda an die der Thora entsprechende Gesinnung und Lebensführung geknüpft ist. Wenn diese aber auch v o r h a n den, so ist immerhin die Wählbarkeit in die Zentralorgane davon abhängig, daß das betreffende Mitglied gleichzeitig nicht einer Organisation angehört, welche im Gegensatz zur Aguda steht. Die Aguda nun hat es bisher als einen ihrer Grundsätze betrachtet, kein Kompromiß mit Organisationen! zu schließen, die die Thora nicht als Grundlage anerkennen, ein Prinzip, das Sie, Herr Loeb, freilich für die A g u d a auch anerkennen. Wer auf dem Standpunkt steht, daß man dieses wohl tun könne und diesen Standpunkt auch m der Tat vertritt, indem er einer Organisation angehört, welche Kompromisse mit thoraentfremdeten Gruppen schließt, der kann individuell der beste Jude fein, nur ^"bt er im Gegensatz zu der Idee der Aguda. Wenn ich dies nun von jemandem behaupte, so habe ich ihn keineswegs zu einem „Juden minderen Grades" gestempelt, sondern ich habe lediglich die selbstverständliche Wahrheit ausgesprochen, daß man nicht zwei Göttern zugleich dienen kann. Ich gebe zu, daß es in allen Lagern Mitläufer gibt, die nicht logisch und konsequent denken. Aber solche Persönlichkeiten sind sowieso nicht zur Leitung einer Weltorganisation geeignet. Bon Führern verlange ich volles, aufrichtiges Bekennen zu dem einen oder anderen Standpunkt. Solange also die Aguda ihre bisherige Ideologie der selbständigen Orthodoxie nicht ausgibt, ist es ein Gebot der Selbsterhaltung, Persönlichkeiten, die eine andere Ideologie wollen, nicht in die oberste Leitung aufzunehmen. Damit trifft aber die betreffenden Persönlichteiten nicht der geringste Makel, da sie ja selbstverständlich auf Grund ihrer eigenen religiösen Ueberzeugung so handeln wie sie handeln. Der Kamps um den § 4 soll ruhig weitergehen, aber nicht mit Argumenten, die unrichtig und infolgedessen geeignet sind, aus dem sachlichen Gegensatz einen persönlichen zu machen. Nun ist aber Herrn Loeb noch ein großes Mißgeschick passiert. Er lädt mir einen Bundesgenossen auf, von dem ich wahrlich bis zur Stunde nichts gewußt habe. Herr Sigmund Forst schreibt ebenfalls in Nr. 17/18 der „Jüdischen Presse" einen Artikel, in dem er es als ein Ziel der Agudas Iisroel u. a. bezeichnet „dem rapiden Hinsteuern der östlichen Jugend zu Samson Raphael Hirsch s. A. Einhalt zu gebieten und die Verwestlichung der Agudas Iisroel hintanzuhalten." Ich teile Herrn Sigmund Forsts Standpunkt wahrlich nicht. Ich halte es lieber mit einem anderen Wiener, nämlich mit Reb Salomon Spitzer s. A., dem Gründer der Schiffschul in Wien, welcher Samson- Raphael Hirsch als denjenigen bezerchnete, der in seinen 19 Briefen die Reinheit der jüdischen Wahrheit und den „Schwindel der Gesetzesleugner" derartig gekündet habe, daß man wohl sagen könne, daß ein jeder, der die 19 Briefe lese, sich vorkomme wie einer, der vorher das jüdische Gesetz nicht so gekannt wie jetzt und durch diese Lektüre ein neuer Mensch werde. (Trikune Schlomo Seite 111, wo auch die weiteren Ausführungen von Rabbiner Spitzer Herrn Fürst und seinen Gesinnungsgenossen sehr zu empfehlen sind). Aehnlich begeisterte Ausführungen finden sich in dem Vorwort, welches Rabbiner Chaim Oser Grodzenski neuerdings dem Buche jnn 2'vs von Rabb. Hirfchowitz vorangestellt hat. Also i ch möchte mick" dagegen verwahren, mit Herrn- Forst identifiziert zu werden. Wenn aber Herr Loeb glaubt, Samson Rafael Hirsch für sich in Anspruch nehmen zu können und in Herrn Forsts Ablehnung von Rabbiner Hirsch „die logische Weiterentwicklung der Trennungsidee — wie sie in § 4 zum Ausdruck gebracht ist", erblicken zu können, so stehe ich vor einem Rätsel. Ist es Herrn Loeb nicht bekannt, daß eben dieser Rabbiner Hirsch — als bereits eine Gemeindeorthodoxie da war — am 26. Januar 1877 sagte: „Wer ein Angehöriger dieser Gemeinde verbleibe, der sanktioniert in positivster Weise den ganzen Abfall der Reform und verleugnet die orthodoxe Wahrheit, denn er bleibt Mitglied der Reformgemeinde, er erkennt in förmlichster Weise die Berechtigung der Reform an und wer feine gesetzestreuen Brüder zu etwas anderem als zum Austritt aus dieser Gemeinde beredet, der ist Schogeh Umaschgeh, der geht irre und führt irre." Ist es Herrn Löb nicht bekannt, daß Rabbiner Hirlib im April 1870 bereits auf -eine Anfrage bezüglich der Zugehörigkeit orthodoxer Gemeinden zu dem Allgemeinen badischen Synagogenverband schrieb: