Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1929)
- Date
- 1929-05-16
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 10 Die Aguda in Polen, auf die man sich in i Bezug auf den § 4 hauptsächlich beruft, wird der Abschaffung dieses Paragraphen sicherlich keine Träne nachweinen. Für Polen hat ja dieser Paragraph keinerlei Bedeutung. Dort gibt es leider noch keine Misrachisten, die sich zum Wesen und zur Existenz der Aguda bekennen. Vorläufig sind solche nur in Westeuropa zu finden. Wer die Entwickelung des jüdischen Parteiwesens in Polen in den letzten Jahren verfolgt hat, weiß, wo die Gründe hierfür zu finden find. Sollten aber irgendwelche Landesorganisationen der Agudas Jisroel im Hinblick auf die besonderen' Verhältnisse ihrer Länder auf einem tu bestehen, so muß ein Modus gefunden werden, den Wünschen dieser Länder gerecht zu werden. Nun hüte man sich aber, d i e s e m tu das Gepräge eines allgemei'r.'en Prinzips zu! verleihen. Da meinen wir, daß folgende Fassung für einen solchen Tn am geeignetsten wäre: E s steht jeder L an d e so r g a n is att o n d a s R e ch t z u, gegen d i e W a h l eines M i t g l i e d s i n die oberste Organe der 2lgu das Jisroel im Hinblick auf se i n e ö f f e n t l i ch e S t e l l u n g und Betätigung b e i d e m r a b b i n >i - s ch e n Rat der Weltorganisation Einspruch zu erheben. Mit dieser Fassung wird der Charakter des tu gewahrt. Der rabbinische Rat, die zuständige Instanz der Agudas Jisroel, wird dann zu prüfen haben, ob dieser Einspruch berechtigt ist und dementsprechend seine Entscheidung aussprechen. Die Landesorganisationen werden dann die Möglichkeit haben, auch ihre lokalen und territorialen Bedenken gegen die Wahl eines Mitglieds dem rabbinischen Rat zu unterbreiten. Der rabbinische Rat wird zu untersuchen haben, ob diese Bedenken zwingend genug sind, um die Wahl zu annullieren. DlVW2 N12' 181,7» ftm- Im Interesse der Wahrheit und des Friedens wäre es wünschenswert, die Diskussion über diesen Vorschlag fortzusetzen. Wer guten Willens ist, der Agudas Jisroel und somit dem thoratreuen Judentum zu dienen, möge sich zum Wort melden. Um den 8 4. Eine Replik von Dr. Salomon Ehrmann. Der Vorsitzende des Geschäftsführenden Ausschusses der Agudas Jisroel in Frankfurt a. M. hat einen Artikel von mir zur Veranlassung genommen, um Gedankengängen, die zwar in meinem Artikel nicht ausgesprochen sind, die Herrn I. Rosenheim aber wohl durch gemeinsame Aussprache bekannt waren, verschiedentlich entgegenzutreten. Ich habe in meinem Artikel zunächst absichtlich vermieden- Stellung zu diesen Fragen zu nehmen, sondern lediglich die "Hoffnung ausgesprochen, daß die zweite Kenefsio Gedaulo keine Unklarheit über die Interpretation des § 4 hinterlasse. Herr Rosenheim wird wohl zugeben, daß heute eine solche Unklarheit besteht. Mitglieder der Satzungskommission, welche seinerzeit bei der ersten Kenessio Gedaulo diese Satzungen für das Plenum vorbereiteten, sind entschieden der Ansicht, daß dieser § 4 sich keineswegs bloß auf Misrachisten, sondern auch auf diejenigen individuell orthodoxen Juden beziehe, welche der selbständigen orthodoxen Grmeinde ihres Ortes nicht angehören. Herr Rosenheim ist der Ansicht, daß das niemals die Absicht gewesen sei. Es gibt eine dritte Gruppe, welche den 8 4 überhaupt abschaffen will. Der Streit um den § 4 ist gerade deshalb so unerquicklich, weil die Meinungen über seine Interpretation geteilt sind. Ich verlangte in meinem Artikel nun zunächst ohne jede weitere persönliche Stellungnahme, daß diesem Streit durch eine authentische Interpretation ein Ende gemacht werde. Es ist dabei völlig irrelevant, ob die Nomenklatur „Kattowitz oder Wien" zutreffend ist oder nicht. Die Form „Zurück nach Kattowitz" ist nicht von mir, sondern von denjeni- Der Israelit _ Blätter gen geprägt worden, welche in dem § 4 ein Hindernis für die Entwicklung der Aguda erblicken. Daß im übrigen nebenbei bemerkt zwischen Kattowitz und Wien doch immerhin Unterschiede in dem von mir angedeuteten Sinne vorliegen, sei beispielsweise durch die Tatsache illustriert, daß damals in Kattowitz in den Referaten mit keinem Wort vor.' einer Gegnerschaft zwischen der zionistischen und misrachistischen Ideologie einerseits und derjenigen der Aguda andererseits die Rede war. Der einzige, der damals darüber sprach, war Rabbiner Dr. Salomon Breuer s. A, dessen Ausführungen aber von der Leitung der Agudas Jisroel ausdrücklich als Privatmeinung gekennzeichnet wurde, für die die Leitung der Agudas Jisroel keine Verantwortung übernehme. Heute dürfte wohl in dieser Frage keine Meinungsverschiedenheit innerhalb der Leitung der Agudas Jisroel sein. Ja, es hat sich inzwischen herausgestellt, daß einer der wesentlichsten Erfolge der Agudas Jisroel darin zu erblicken ist, daß sie es verstanden hat, der areligiöfen, nationalistischen Ideologie des Zionismus diejenige der durch die Thora konstituierte Einheit des jüdischen Volkes entgegenzustellen. Wenn meine Ausführungen in der Peffach- Rummer der „Jüdischen Presse" also lediglich den Wunsch zum Ausdruck bringen, Klarheit zu schaffen, so hat meines Erachtens.noch keine Veranlassung Vorgelegen, aus dem Inhalt desselben dasjenige zu folgern, was Herr Rosenheim aus ihnen folgert. Nachdem Herr Rosenheim aber die sachliche Diskussion darüber eröffnet hat, so gestatte ich mir eben im Interesse der Klarheit, auf seine Ausführungen etwas näher einzugehen. Herr Rosenheim resümiert seine Ausführungen folgendermaßen: a) Der § 4 besteht einmal, er läßt sich rechtfertigen, ohne daß man der persönlichen religiösen Ehre der Misrachisten zu nahe tritt und seine Abschaffung kann billiger* weise nicht gefordert werden, solange ganze Länder seiner als *mi vo zu bedürfen glauben. b) Den § 4 aber entgegen seinem Sinne und seiner Genesis auf Einzelgemeinden oder lokale Körperschaften auszudehnen, ist ein weder sittlich zu rechtfertigendes, noch den Lebensinteressen der Aguda dienliches Unternehmen. Diese Verschärfung würde eine nn« na naxn am prw bedeuten. ad a) Ich stimme hierin' Herrn Rosenheim völlig bei. Es ist mir auch nicht bekannt, daß ich in meinen Ausführungen der persönlichen religiösen Ehre der Misrachisten zu nahe getreten wäre. Um die persönliche Ehre der einzelnen Individuen handelt es sich bei dieser Frage überhaupt nicht, sondern darum, ob sich in der Führung der Agudas Jisroel Persönlichkeiten betätigen können, die ihrer Ueberzeugung gemäß auf jüdisch-politischem Gebiete eine andere Anschauung haben, als es die der Agudas Jisroel ist, wenn diese den Anspruch erhebt — um einen von Herrn Rosenheim öfter gebrauchten Vergleich zu wiederholen — die Thora im Mittelpunkt des jüdischen Volkes zu haben und nicht bloß an der Peripherie. Dieses trifft aber nicht nur bei führenden Misrachisten zu, sondern bei Angehörigen jeder Organisation, die geeignet ist, die Gleichwertung der Neologie mit der Orthodoxie zu stärken. So hat beispielsweise der Delegiertentag der Landesorganisation der Agudas Jisroel in Deutschland, welcher nach der Kenessio Gedaulo im Jahre 5684 stattfand, eine von Herrn Rabbiner Dr. Klein in Nürnberg eingebrachte Resolution bezüglich des „Achduth" mit großer Mehrheit angenommen. Diese Resolution beginnt mit den Worten: „Der Delegiertentag bedauert die Gründung des Achduth aufs tiefste, weil sie die Gleichweriung der Neologie mit der Orthodoxie zu stärken geeignet ist." Herr Rosenheim hat damals feine Zustimmung zu dieser Resolution mit folgender Begründung gegeben: „Einer etwas genaueren Betrachtung bedarf die Resolution des Herrn Rabbiner Dr. Klein. Meine Herren, alles, wass ich mir vorhin über die Notwendigkeit auszuführen erlaubte, inmitten der die deutsche' Orthodoxie leider zerklüstenden Gegensätze bei der sittlich-religiösen Bewertung der Persönlichkeiten gerecht und liebevoll zu hleiben, trifft auf.die Gemeindeorthodoxje und trifft auf Achduth. zu'. Ließe'der erste Sah der Resolution Dr. Klein. 16. Mai 1929 auch nur im eirtserntesten die Deutung zu, daß den führenden Männern der „Achduth" die bewußte Absicht einer Anerkennung der Neologie als gleichberechtigtes Judentum unterstellt werde, so würde ich gegen diese Resolution stimmen. Allein von einer solchen Unterstellung ist in der Resolution keine Rede. Sie bedauert die Gründung der Organisation, weil sie geeignet (keineswegs darauf berechnet) ist, die Gleichweriung der Neologie mit der Orthodoxie zu stärken. An der Richtigkeit dieser Behauptung ist zu enserem großen Schmerze nicht zu zweifeln. Indem „Achduth" mit dem besonderen Vorsatz, ins Leben tritt, in offenbarem Gegensatz zu den vorhandenen orthodoxen Organisationen, die „Einheit der jüdischen Gemeinschaft stark zu betonen", muß sie naturgemäß in unseren liberalen Stammesgenossen die Vorstellung nähren und stärken, daß ihr Abfall vom Judentum keineswegs eine Sprengung der jüdischen Einheit bedeute, sondern lediglich eine Parteiuuance im Judentum darstellt, ähnlich wie auch die Orthodoxe Partei. Man braucht nur den Widerhall zu beachten, den die Gründung der „Achduth" beim radikalsten Liberalismus in der „Jüdisch-liberalen Zeitung" gefunden hat, um die Probe aus das Erempel dieser psychologischen Feststellung zu machen. Dies vor der Oeffentlichkeit anzusprechen, sind wir der Wahrheit und unserem Gewissen schuldig. Mag sein, daß manche Fehler, dis in unserem eigenen Lager begangen worden sind, zum Teil mit die äußere Veranlassung, wenn auch nicht die Ursache der bedauerlichen Neugründung bilden — das find Dinge, die wir unter uns auszumacheu haben und die die Außenwelt nichts angehen; man macht nicht auf offenem Markte Toilette — der Kampf der Ideen kann jedenfalls nicht ausgeschaltet werden, und ich finde, daß die Resolution Klein den ideellen Gegensatz, in dem wir uns zu „Achduth" befinden, in der mildesten Form ausdrückt." Ich frage nun Herrn Rosenheim, ob er sich oorstellen kann, daß jemand, der nicht bloß Mitläufer des Achduth ist, sondern ein bewußtes Mitglied desselben, gleichzeitig geeignet ist, bei dem ideellen Gegensatz zu Agudas Jisroel, den Herr Rosenheim so treffend charakterisiert, in die oberste Leitung der Agudas Jisroel einzutreten. Handelt es sich aber um einer.' Mitläufer des Achduth, der sich selbst dessen nicht bewußt ist, welche Ideologie er fördert, wenn er dem Achduth angehört, dann wird es ein Leichtes sein, diesen Betreffenden aufzuklären und nach seiner Aufklärung dementsprechend seine Stellung zu revidieren. Bleibt er nach der Aufklärung trotzdem ein Bekenner der Ideologie des Achduth, kann er selbstverständlich trotz alledem ein sehr gewissenhafter treuer Jude fein in Bezug auf die Erfüllung aller Mizwoth, nur zur Leitung der Agudas Jisroel ist er nicht geeignet. adb) Nach dem Vorangeschickten scheint mir gerade die Beschränkung des 8 4 auf den Misrachi, wie sie Herr Rosenheim vornimmt, dem Sinne dieses Paragraphen zu widersprechen. Die Tschechoslowakei — und das werden ihre berufenen Vertreter jederzeit bestätigen — erblickt in dem Misrachisten keinen größeren Gegner der agüdistischen Anschauung als in dem individuellen orthodoxen Juden, welcher sich nicht der orthodoxen Gemeinde seines Ortes anschließt. Man kann, natürlich wenn man will, sagen, daß infolgedessen die tschechoslowakische Landesorganisation sich den Führer wählen soll, den sie wünscht, daß sie aber nicht das Recht hat, zu verlangen, daß die Weltorganisation sich nach ihr richtet. Das ist die von mir sehr wohl verstandene, (aber von mir nicht geteilte) Ansicht derjenigen, die den § 4 ganz abzuschaffer.' wünschen. Den § 4 beizubehalten,. ihn aber lediglich auf die Misrachisten zu beschränken, ist eine Halbheit, die auch der Genesis des 8 4 nicht entspricht. Die Statutenkommission hat sich keineswegs in ihren Beratungen bloß an den Misrachi gehalten. Die Form, in der Herr Rosenheim die Beschlüsse dieser Statutenkommission — der er ja nicht angehörte und über deren Verhandlungen er vielleicht nicht so genau unterrichtet war — dann dem Plenum vortrug, ist sicherlich der aufrichtige Ausdruck feiner persönlichen Meinung, aber sie stellt keineswegs die Genesis des § 4 dar. Herr Rofenheim glaubt nun irrtümlicherweise, daß ich das Bestreben hätte, den § 4 auf diejenigen auszudehnen, welche Mitglieder einer Gemeinde sind, die auch neologe Anstalten unterstützt, unabhängig davon, ob diese Betreffenden auch der orthodoxen Gemeinde ihres Ortes angehören oder ob in ihrem Orte überhaupt nur eine Einheitsgemeinde besteht. Ich habe niemals — weder in meinem Artikel, noch sonst — dieses Verlangen gestellt.